Ein paar Wochen später: ein neuer Ort. Aber dieselbe Welt.

 

Marie‑Luise hat alles organisiert. Ende August wird der Umzug in eine andere Stadt erfolgen.

Die neue Wohnung ist großzügig geschnitten: vier Zimmer, Bad, Küche, eine Treppe hoch in einer alten Villa.

Unten im Parterre der KONSUM mit seinen großen Schaufenstern. Gegenüber der Marienkirche. Direkt am Markt.

Für Fabian hat sie einen Kindergartenplatz angemeldet, für die beiden Großen neue Schulen.

Fred wird ab September die Erweiterte Oberschule besuchen. Er soll Abitur machen.

Christian muss noch ein Jahr auf die Allgemeine Polytechnische Oberschule, um nach der 8. Klasse Fred folgen zu können.

Das Auto ist verkauft. Ein paar wertvolle Geschirrteile, auf die sie verzichtet.

Arthurs umfangreiche Bibliothek auf das Wesentlichste gestutzt.

Damit hat sie Luft für die Umzugskosten.

Das Einzige, womit sie nie handeln ließ, war der kleine Flügel.

Das hätte sie den beiden, Fred und Christian, nicht antun können.

 

 

 

 

Marie-Luise sitzt im Zug mit Christian, Fabian und dem Kinderwagen.

Fred wird sich um die Spedition kümmern und mit ihnen zusammen am Nachmittag am neuen Ort eintreffen.

Christian sitzt still in seiner Ecke. Er ist 13. In den letzten Wochen ist er schweigsamer geworden. Für ihn war es schwer: weg von allen Freunden, Klassenkameraden, Lehrern. Weg von allem, was er kannte und liebte.

In seinem Kopf bohrt immer wieder die Frage: „Warum?“

Der Zug läuft in den Bahnhof ein. Aussteigen. Christian schiebt Fabian. Er sieht den Bahnhofsvorplatz mit den Bushaltestellen ins Umland und denkt: „Sieht ja aus wie bei uns“ – und korrigiert sich. Weil da, wo „uns“ bisher war, hat es aufgehört zu sein.

Marie-Luise hat jetzt die Hände frei und steuert auf den nahen Bäcker zu. Sie wirft einen kurzen Blick in die Auslage, nickt der Verkäuferin zu. „Sechs Brötchen und drei Stückchen Streuselkuchen, bitte.

Christian entdeckt daneben die bunten Filmplakate eines kleinen Kinos – welche Überraschung: „Das Feuerzeug“, „Alarm im Zirkus“ – interessante Angelegenheit.

Der Weg bis zur neuen Wohnung ist nicht weit. Die Räume sind leer – hallig – fremd noch. Die einzige Ablagemöglichkeit ist das Fensterbrett in der Küche. Marie-Luise reißt die Kuchentüte auf, dass Christian ein Stück nehmen kann.

Sie holt erst aus der Tasche unten im Kinderwagen eine kleine Kasserolle und ein Gläschen Babynahrung hervor. Sie muss das Essen für Fabian wärmen. Der kleine Mann schläft noch, aber wie lange.

 

 

 

 

Am Nachmittag sind die Möbelpacker da. Sie sind freundlich. Die großen Jungen helfen mit bei Kisten und Kasten. Marie-Luise ist froh, dass sie die Kartons beschriftet hat – so können sie gleich in die richtigen Räume.

Sie wird noch Tage brauchen, um alles ordentlich zu haben. Aber sie wird wenigstens wissen, was in den vielen Kisten steckt. 

Abends wird sie ihre großen Jungs an den Küchentisch bitten, so wie immer. Diesmal zu Brötchen und Käse und einer Büchse Fisch.

Als Fred den Tisch abräumen will, sagt sie: „Lass noch. Ich will mit euch etwas besprechen: Es sind noch Ferien. Was haltet ihr davon, wenn wir morgen alle das Freibad besuchen? Ich glaube, da gibt es sogar ein Sprungbrett. Was meint ihr?“

Die Jungen sind Feuer und Flamme, weil der Tag heute und die letzten davor, sitzen allen in den Knochen. Die Idee mit dem Schwimmbad nimmt ein wenig die Furcht vor dieser neuen Stadt.

Und Christian erzählt gleich ganz aufgeregt von seiner Entdeckung: das kleine Kino in der Bahnhofstraße. Sie werden morgen beim Gang durch die Stadt noch ein zweites entdecken.

 

 

 

 

Die Küche riecht warm nach Auflauf. Fabian sitzt schon im Kinderstühlchen, die Beine baumeln. Fred und Christian rücken ihre Stühle heran, hungrig vom Tag.

Marie‑Luise stellt die Form auf den Tisch. Dampf steigt auf, ein vertrauter Geruch, der den Raum füllt.

Die Großen essen schweigend, konzentriert. Fabian nimmt einen zu großen Schluck Kakao. Ein Husten, ein Prusten — dann spritzt es über den Tisch, ein braunes Gestreussel.

Für einen Moment Stille. Dann bricht Christian in ein lautes, übermütiges Lachen aus. Ein Lachen, das aus dem Bauch kommt, hell und ungebremst. Zum ersten Mal seit Monaten. Fred stimmt ein, Marie‑Luise auch, erst zögernd, dann richtig.

Nur Fabian schaut beschämt auf seinen Becher. Aber der Tisch lacht weiter.

 

 

 

 

Fred kommt aus der Schule. Die Hausaufgaben hat er in der letzten Stunde erledigt, Geografie bei Herrn Ludwig, der so langweilig ist, dass man nur wach bleiben kann, indem man schreibt.

Er geht das erste Mal seit ihrer Ankunft hier ins Herrenzimmer. Es ist kleiner als früher. Der Hocker steht schon bereit.

Fred setzt sich. Er sitzt einen Moment ganz still. Dann hebt er langsam den Klavierdeckel.

Ein erster Anschlag. Zögernd. Dann noch einer.

Und plötzlich strömt es aus seinen Händen. Er improvisiert, leicht, frei, als hätte jemand eine Tür geöffnet. Christian ist längst zu Hause, aber Fred spielt weiter, immer weiter.

Es ist, als atmete er zum ersten Mal seit Monaten wieder tief ein. Als er endet, spürt er Wärme in der Brust.

Er greift nach ein paar Blättern Notenpapier und hält fest, was eben durch ihn hindurchgeflossen ist.

 

 

 

 

Marie‑Luise arbeitet in der kleinen Apotheke am Markt. Ihr Chef ist jünger als Arthur. Er war früher einmal sein Praktikant. Sie fühlt sich hier wohl.

Sie hat keinen Kundenkontakt. Sie räumt Regale ein, prüft Verfallsdaten, bewacht das Telefon. Manchmal mischt sie Tees, wiegt ab, schreibt die Etiketten per Hand.

„Können Sie mir mal die Tropfen reichen?“ Ihr Chef steht hinter ihr, freundlich, sachlich. Marie‑Luise reicht sie ihm, ohne Hast.

Die neue Warenlieferung muss einsortiert werden. Schachteln, Gläser, kleine braune Fläschchen. Ordnung, die sie beruhigt.

Zum ersten Mal in ihrem Leben hat sie das Gefühl, außerhalb ihrer Familie gebraucht zu werden. Und manchmal, wenn sie die Etiketten aufklebt, denkt sie: Das nehmen die Leute mit nach Hause.

Es ist ein gutes Hiersein.

 

 

 

 

Spät am Abend. Die Wohnung ist still. Marie‑Luise sitzt auf dem Bettrand, den Brief von Arthur in der Hand. Sie hat ihn den ganzen Tag aufgehoben, bis sie allein ist. Die Jungen sollen keine Unruhe spüren.

Sie öffnet den Umschlag. Arthur schreibt in seiner gewohnten Art, als könne er aus dem Gefängnis heraus noch Anordnungen geben. Schon beim letzten Mal hat sie das geärgert.

Sie überfliegt die Zeilen. Spürt, wie weit weg er ist. Weiter als die Mauern, weiter als die Entfernung.

Sie legt den Brief in den Nachttisch. Morgen wird sie ihm schreiben: von Christians Mathe‑AG, von Freds Klavierspiel, von Fabians erster Zeichnung, von ihrer Arbeit.

Aber heute denkt sie nur: Heute war ein guter Tag.

Ein leichtes Lächeln fliegt über ihr Gesicht.

 

 

 

 

Samstagnachmittag. Die großen Jungen sind unterwegs. Christian mit dem Fahrrad, mit einem Freund, hinunter zum Fluss. Vielleicht bringen sie einen Fisch mit.

Fred war aufgeregt. Heute hat seine Band den ersten Auftritt im Kulturhaus in einem Dorf. Er ist früh los, das Hemd frisch, die Haare glattgekämmt

Marie‑Luise hat Fabian nach dem Mittagsschlaf angezogen. Sie gehen in den nahen Park. Fabian an ihrer Hand, noch ein wenig schläfrig.

Sie setzen sich auf eine Bank. Unten am Rondell kaufen sie eine kleine Eiskugel, Vanille für ihn, Zitrone für sie.

Die Sonne steht warm auf den Wegen.

Zum ersten Mal seit langer Zeit hat sie keine Angst mehr. Sie sitzt einfach da, mit ihrem Kind, und fühlt sich dazugehörig.

Es ist ein stiller, guter Nachmittag.

 

 

 

 

Die Kinder treten aus der Familie. Aber ein anderer Ton setzt ein