Die junge Republik taumelt. 

 

Die Republik taumelt. Sie soll sein wie das Kaiserreich – nur ohne Kaiser. 

Mit demselben Militär.

Mit denselben paramilitärischen Korps.

Mit demselben Verwaltungsapparat. 

Ein neuer Name über alten Strukturen.

 

Und in den Ministerien sitzen dieselben Männer wie vorher. Männer, die in dieser neuen Zeit kaum Spielräume haben. 
Also öffnen sie den Geldhahn – nicht aus Leichtsinn, sondern weil sonst nichts mehr bleibt. 

Der Fiskus weitet die Geldmenge aus und steuert zusammen mit den Reparationszahlungen auf eine galoppierende Inflation zu.

 

Die Ersparnisse werden verbrannt. Die Deutschen haben kein Geld mehr. 

Die Lebenshaltungskosten steigen. Wohnungslosigkeit, Armut, Kriminalität – jeden Tag neue Schlagzeilen.

„Pelzhändler in Moabit ausgeraubt.“

„Dit is nix Kleenet, dit is wat Großet.“

„Meenste, der große kriminelle Verein hat seine Finger drin?“

 

Die Nachbarin hat einen neuen Schlafgast für vormittags, weil die Kinder essen müssen.

„Wer soll dit b-e-z-a-h-l-e-n?", murmelt einer in der Haustür, mehr zu sich als zu den anderen.

 

Und während die einen nicht wissen, wie sie den nächsten Tag bezahlen sollen, feiern die anderen, als gäbe es kein Morgen. 


Berlin wird zur Bühne eines Rausches, der alles übertönt: Jazz aus Amerika, Tänzerinnen aus Paris, Nächte im Adlon, Nächte in Kellern, Nächte ohne Erinnerung.

Die Einführung einer neuen Währung und amerikanische Kredite stabilisieren die Wirtschaft und beenden den trudelnden Niedergang.

 

Vorsichtig zeigt sich das scheue Reh Aufschwung. – Aufatmen. Hoffnung. 

Es wird wieder investiert. In die Infrastruktur. Bau der U-Bahnstation am Alex. 

In die Industrie. Bei den Großen wird die Fließbandarbeit eingeführt. Auf den Straßen fahren neue Automobile. 

Wissenschaft und Kunst blühen auf. Aber die Nächte beginnen, sich anders aufzuführen.

 

 

 

 

Die Nächte werden heller.   Das Berliner Nachtleben wird legendär. Josephin Baker in Berlin.

Die bürgerliche Gesellschaft feiert sich im Adlon. Und um die Oranienburger Straße feiern sich alle anderen: 
Ladenmädchen, Künstler, Lebenskünstler, Lebenshungrige, Überlebende. …

Frauen: Kurze Haare (Bubikopf), Wasserwellen, fließende Kleider mit Pailletten, Feder-Haarbändern.

Männer: Smoking, Nadelstreifenanzug, Fedora-Hüte.

 

Die Modeabteilungen der Kaufhäuser liefern alles, was gebraucht wird:

Flapper Kleider – knielange, gerade geschnittene Hänger-Kleider mit tiefsitzender Taille oder sogar ohne definierte Taille. … 

Seide, Chiffon, Satin, Spitze, mit Pailletten, Perlen, Fransen, Federn und Stickereien. … die Träume der Frauen …

Glamour auf der ganzen Linie und der Tanz auf dem Vulkan … Flapper Girls mit Bubikopf und rauchenden Zigaretten. 

Neues emanzipiertes Frauenbild.

 

Atmosphäre: Hemmungslosigkeit. Tabubruch. Die Zelebrierung der Freiheit nach dem Krieg, aber auch die Flucht vor der Realität.

 Kokain, Morphium und Heroin werden Modedrogen. 

 

„Und der Haifisch … der hat Zähne…“, schwappt aus einem Cabaret

 

Die  Nacht glitzert. Die Musik dröhnt. Alles ist möglich. Und doch ...

Doch unter dem Lachen sammelt sich etwas.  - Erst ein Flüstern. Dann ein Ton.

 

Das Heer der Arbeitslosen, der Gelegenheitsarbeiter, der jeden Morgen am Straßenrand auf einen Job Wartenden, der Kriegsversehrten bleibt groß. – Die Prostitution hat Hoch-Konjektur.

„Die im Schatten sieht man nicht!“

 

Aber die Straße weiß es besser.  

 

Verschreckt denken viele: „Dit is nich mehr meine Welt.“