Nachleben III

 

Fritz ist über sechzig, der Hof groß, die Arbeit schwer.

Eine Nachfolge gibt es nicht. Die Felder liegen weit auseinander, die Maschinen sind alt.

Im Dorf wird seit Wochen geredet: Zusammenlegen, gemeinsam wirtschaften, feste Arbeitszeiten wie in der Industrie.

Fritz hört zu, sagt wenig. Eines Morgens steht er früher auf als sonst. Er geht über den Hof, bleibt kurz vor dem Stall stehen, als müsste er sich vergewissern, dass alles noch da ist. Dann geht er ins Dorf und setzt seinen Namen unter das Papier.

Als er zurückkommt, ist es still. Marie sitzt in der Küche, die Hände im Schoß. Sie hebt den Kopf, aber sagt nichts. Für sie ändert sich nichts. Hühner, Enten, Gänse, Kaninchen — so viel, wie sie will und schafft. Das Haus bleibt ihr Reich, der Hof wird nur stiller.

Als die LPG gegründet wird, holen die Männer die Kühe ab. Sie treiben sieben Stück mit ihren Kälbern vom Hof.

Marie steht am Fenster. Sie sagt nichts.

Nur die alte Liese bleibt. Eine ruhige, mager gewordene Kuh, die schon da war, als Ernst noch lebte. Niemand fragte nach ihr. Abends melkt Marie die Liese wie früher, langsam, ohne Eile. Die Kuh bewegt sich kaum. Es ist still.

Fritz kommt von den Feldern zurück. Er bleibt einen Moment in der Tür stehen.  Marie und Liese im Halbdunkel. So wie immer.

Für Fritz wird es leichter. Die Verantwortung verschiebt sich. Die Felder gehören jetzt allen, die Maschinen auch. Er arbeitet acht Stunden, kommt heim, ohne dass noch etwas auf ihn wartet. Zum ersten Mal seit Jahren fühlt er sich freier.

Am Abend sitzt er auf der Bank vor dem Haus. Der Hof ist leer, aber nicht verloren. Marie schließt die Tür hinter sich, geht an ihm vorbei in den Garten.

Sie bleibt, wie sie ist. Er auch.

Der Hof ist stiller geworden. Für beide auf unterschiedliche Weise.