Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen

 

Der Sommer warm trocken die Luft stand im Radio niemand habe die Absicht eine Mauer zu bauen andere meldeten Tausende in Marienfelde Schlager weiter im Flur der Roller des verschwundenen Mädchens Sätze brachen ab erst Fremde dann Bekannte dann Freunde wie lange noch sagte niemand.

 

 

 

 

In der kleinen Stadt wird es unruhig. Über Nacht verschwinden Menschen. Kollegen. Schulkameraden. Auch Wolfgangs Familie.
Die Wohnung leer, die Gardinen zugezogen. Sie sind weg.

In den Nachrichten reden sie von Grenzverletzungen. Von Provokationen.

Hans denkt: Hier braut sich was zusammen.

Sein Chef ist weg. Er soll kommissarisch übernehmen. Kommissarisch — er ist kein Genosse. Sie werden einen finden.

Hans denkt: Was wollen die. Wir drucken nur die Lokalseite. Matrix. Briefpapier. Kranzschleifen. Amtspapiere. Kleinkram.
Für anderes haben wir keine Genehmigung.

Neuerdings schleichen im Büro fremde Gestalten herum. Stellen Fragen. Über ihn.
Er weiß, dass es heikel ist. Sein Bruder ist vor Jahren gegangen. Wie viel Zeit haben wir noch, denkt er.

 

 

 

 

Das Wochenende ist da. Sonntags liegen Rosa und Hans im Bett. Ella auf der Ritze zwischen ihnen.
Kitzeln, Lachen, Strampeln —

bis Hans plötzlich ganz laut ruft: „Ruhe!“

Und in das Schweigen dringt die Meldung: „Die Grenze zur BRD wird geschlossen … In Berlin arbeiten Volksarmee und Polizei an der Sicherung der Staatsgrenze…“

In Rosas Schlafzimmer ist es mucksmäuschenstill. So still, dass nicht mal geatmet wird.

Dann fällt Hans’ Satz. „Jetzt ist es zu spät.“ Wie ein Schlagbaum.

Sie haben den Gedanken ans Gehen hin‑ und hergewendet und sind zu keinem rechten Schluss gekommen. Die Eltern sind hier. Konnte man sie einfach so zurücklassen.

Die Entscheidung haben jetzt andere getroffen.

Dieser Sonntag wird mit dem 13. August 1961 in den Geschichtsbüchern einen Wendepunkt markieren.

 

 

 

 

Es ist August. Arthur sitzt in Köln in einem Straßencafé Richtung Rhein. Er genießt die Sonne, das fabelhafte Wetter, die gute Stimmung.

Gestern, am Samstag, hatte er beim Pharmazeuten‑Verband ein Bewerbungsgespräch mit sehr guten Aussichten. Sie boten ihm einen Vertrag ab 1. Januar 1962.

Arthur könnte Luftsprünge machen. Es passt in seine Planung. Er kann in Ruhe einen Nachfolger für seine Apotheke bestimmen, den Umzug, die Ummeldung, das ganze Prozedere ohne Hast erledigen.

Was für ein wunderbarer Tag. Heute will er nur ausruhen und genießen.

Morgen geht es zurück, und Marie‑Luise wird große Augen machen.

Er nimmt den letzten Schluck Kaffee, bevor er runter zum Fluss will.

Da das kleine Café um diese Zeit noch leer ist und er heute besonders gut gelaunt, räumt er seine Tasse ab und stellt sie drinnen auf den Tresen.

Im Radio laufen Nachrichten. Die Stimmen der Sprecher überschlagen sich.

Arthur kann nicht glauben, was er hört: Die Grenztruppen der DDR riegeln mit Stacheldraht die Zugänge in den Westen ab.

Er denkt: Das muss ein Irrtum sein. Wir haben doch nicht Karneval. Was ist das.

Er geht zurück zum Hotel. Dort gibt es Fernsehbilder.

Eine riesige Menschenmenge hat sich versammelt. Alle starren fassungslos auf den Bildschirm. Eine Frau weint.

Arthur geht auf sein Zimmer. Packt seine Tasche und reist sofort ab.

Er muss zurück zu seiner Familie.

 

 

 

 

Inzwischen ist Fabian auf der Welt. Der kleine Mann schläft fast den ganzen Tag. Ein Winzling. Ein Tag wie der andere.

Seitdem die Mauer zu ist, fühlt Marie‑Luise die Enge. Die Angst vor Dunkelheit, vor Fremden, vor dem Herzrasen. Und dann die Angst, die bleibt: die Schwester, der Bruder. Sie wird sie nicht wiedersehen.

Arthur merkt es. Er kann nichts tun.

Dann bringt er von einer Überlandfahrt Fury mit, den Zweiten. Einen Collie. Groß. Aufmerksam.

Wenn Marie‑Luise beim Fleischer steht, sitzt Fury brav am Kinderwagen. Er gestattet nicht einmal einen Blick hinein. Marie‑Luise scheint beruhigt.

Die Großen, Fred und Christian, machen sich in der Schule gut — da hat sie keine Sorgen.

Aber mit Fred ist sie nicht einverstanden. Neben dem Klavierspiel hat er ein neues Hobby: Boxen.

Die schweren Lederhandschuhe gefallen ihr gar nicht. Sie passen einfach nicht zu Händen, die über Tasten gleiten.
Als sie ihm Vorhaltungen macht, erklärt er ihr, wie geschützt seine Hände in den Handschuhen sind, besser als beim Ballspiel im Sportunterricht. Er mag diesen Geruch von Leder. Sie halten die Hände warm und schwer. Sie geben ihm Kraft.
Sein Nasenbeinbruch beim nächsten Wettkampf war nicht eingeplant.

Und Christian hat neulich ein dickes Lob vom Mathelehrer mitgebracht. Da kann sie stolz sein.

Marie‑Luises Herz stolpert manchmal jetzt.

Wenn die Großen ihre eigenen Wege suchen.

Wenn Arthur zu schweigsam.

Wenn die Auster zu geschlossen —

dann spürt sie, wie ihr Körper in den Kältemodus wechselt:

kalte Füße, kalte Hände, kalte Stirn,

Kälte in der Brust.

 Arthur — ja, um Arthur hat sie Sorge. Er bleibt jetzt oft nach Geschäftsschluss in der Apotheke und ist abends so abwesend.
Den Jungen gegenüber zeigt er sich aufbrausend.
Sie weiß, dass sein Schmerz die vertane Möglichkeit in Köln ist.

 

 

 

 

Nach Feierabend sitzen Hans und die Kollegen in der Ponnybar, auf Einladung des Redakteurs aus der großen Stadt. Er will sich bedanken für die Zusammenarbeit.

Das Bier fließt in Strömen. Der Schnaps dazu.

Hans ist vorsichtig. Seine Aufgabe: dafür sorgen, dass alle in ihr Bett kommen. Und vor allem: achtgeben, was man sagt. Zu viele Ohren.

Er denkt noch darüber nach, wie sich die Atmosphäre verändert hat — da legt der Redakteur sein Portemonnaie auf den Tisch. Er will zahlen, sich verabschieden.

Im Überschwang greift Eduard zu, klappt die Geldbörse auf, zeigt den Ausweis des Ministeriums für Staatssicherheit.

Es wird schlagartig still.

Der Redakteur taucht nie wieder auf. Aber dafür kommen andere.

 

 

 

 

Ella lernt schon in der vierten Klasse. Sie geht gern zur Schule — den Weinberg hoch, in den alten Steinkasten.
Im Winter kann man von dort oben rodeln, fast bis an die Straße am Fuß des kleinen Bergs.
Montags riechen die langen Flure nach Putzmittel und glänzen.

In ihrer Klasse lernen 27 Jungen und Mädchen. Meistens ist es ruhig und konzentriert.
Aber heute … Frau Marschak bittet, die Hefte herauszunehmen. Adam macht nicht mit.
Sie wiederholt die Bitte. Adam wird puterrot im Gesicht.

Adam kann sehr schnell wütend werden. Alle wissen das.

„Ich weiß nicht, worauf du wartest, Adam — wir jedenfalls warten alle nur auf dich“, sagt sie in diesem strengen Ton.

Adam schwillt auf der Stirn eine Ader. Er steht aus der Bank auf. Er knöpft seine Hosenträger ab —
die Klasse hält den Atem an.

Ella hat Angst. Sie hat Angst, dass Adam jetzt gleich etwas tun wird, das er nicht tun darf. Aber sie hat auch Angst,
ihn anzusprechen. Sie denkt, es müsste ihn jemand in den Arm nehmen und beruhigen.

Die Lehrerin verlässt kurz den Raum und kommt sofort mit dem Direktor zurück. Adam muss mitgehen.

Für die Jungen ist Adam, unausgesprochen, ein Held — einer, der sich Dinge traut, die sie nicht einmal zu träumen wagen.

Ella weiß nicht, woher sie das hat, aber sie spürt, dass Adam nicht böse ist. Nur verloren. 
Etwas in ihr zieht sich zusammen, so wie damals im Garten, als etwas Schweres durch die Luft flog und alles still wurde.
Sie erkennt dieses Erschrecken — nicht vor der Wut, sondern vor dem Moment davor.

 

 

 

 

Es ist später Nachmittag. Die Kinder sind draußen. Marie‑Luise sitzt am Fenster und näht.
Arthur kommt aus der Apotheke, noch im weißen Kittel. Er schließt die Tür ein wenig zu laut. Er ist gereizt.
Er wirft die Zeitung auf den Tisch.

„Diese Frauen heutzutage… Sie glauben, sie müssten überall mitreden. Als hätten sie etwas beizutragen.“

Marie‑Luise schaut auf. Einen Moment lang sagt sie nichts. Dann nickt sie.
„Ich verstehe das auch nicht. Warum müssen Frauen unbedingt arbeiten? Und dann noch in Männerberufen…“

Sie versteht es wirklich nicht.

Arthur entspannt sich. Er fühlt sich bestätigt. Er fühlt sich verstanden. Er fühlt sich überlegen.

Er setzt sich. Er beginnt zu dozieren. Er erklärt ihr die Welt.
Und er redet sich hinein. Sein Ärger trifft Frau Pharmazierätin Ucker, stellvertretende Direktorin des Verbandes.

Und dann bricht es aus ihm heraus:

Sie habe auf der letzten Vollversammlung über die Zukunft der Pharmazie schwadroniert — eine Zukunft, in der der Apotheker die linke Hand des Chemikers sein werde und ein besserer Verkäufer von Arzneiprodukten. 

Das Drehen von Zäpfchen, das Mixen von Säften und Salben — alles bald Vergangenheit. So ihr Plädoyer.

„Eine Unverschämtheit, eine Unverfrorenheit, dass der Direktor, Herr Kimmel, das überhaupt zugelassen hat. Diese Frau Ucker
beschädigt mit ihrer unhaltbaren persönlichen Meinung einen ganzen Berufsstand.“

Arthur kann es nicht fassen. Soll sie Kinder kriegen, die Ucker, aber den Mund halten.

Marie‑Luise nickt. Sie weiß, sie muss jetzt still sein.

 

 

 

 

Rosa verlässt in den sechziger Jahren den KONSUM und wechselt in ein Büro der Rentenversicherung.

Sie hat es lange überlegt und erklärt es dem Kaderchef haarklein, als der sie nicht gehen lassen will.

Sie wird mit ihren Beinen die nächsten dreißig Jahre nicht hinter einem Ladentisch stehen können. Dafür verzichtet sie lieber auf Geld.

Die Rentenversicherung gehört zum FDGB. Vor der Vertragsunterzeichnung muss Rosa unterschreiben, keine Westkontakte zu haben. Das ist jetzt das neue Normal.

Aber Vorteile bringt es auch. Sie hat abends viel früher Feierabend — schon um halb fünf, und dann ist wirklich Schluss.

Als Verkäuferin hatte sie bis 18 Uhr offen und musste danach noch die Kasse zählen. Sie war kaum vor 19 Uhr zu Hause.

Hans holt sie jeden Tag nach seiner Arbeit ab. Sie genießen das gemeinsame Nach‑Hause‑Gehen und erledigen unterwegs kleine Besorgungen.

In dieser Zeit entschließt sich Rosa, endlich ihren Schulabschluss auf der Abendschule nachzuholen — mit Mitte dreißig.

Wie stolz ist Ella auf ihre Mama, die nun abends zur Schule geht und manchmal schön ins Schwitzen kommt.

 

 

 

 

Ella trägt stolz ihr Zeugnis nach Hause. Nur Einsen und Zweien — bis auf Sport.

Der letzte Gong vor den großen Sommerferien. Sie freut sich riesig. Sie wird sich jeden Tag mit ihrer Freundin im Schwimmbad treffen, faul
in der Sonne liegen und lesen, schwimmen und lachen.

Vorher noch bei Oma Anna und Opa Otto vorbeisehen und dort Mittag essen. So ist es verabredet.

Einen Wermutstropfen gibt es doch: Auf der Vorderseite des Zeugnisses steht: „Ella müsste am Unterricht lebhafter teilnehmen und sich mehr beteiligen.“

Das ist etwas, das Ella erklären kann. Aber nicht ihren Lehrern.

Ihr Vater hört jeden Tag auf allen Sendern Nachrichten. Aber Ella kann nicht unterscheiden, auf welchem Sender welche Nachrichten kommen.

Also sagt sie gar nichts.

Zumal ihre Mutter ihr eingebläut hat: „Wenn du etwas sagst, dann holen sie unseren Papa.“

Nicht über ihre Lippen. Großes Indianerehrenwort.

 

 

 

 

Es ist später Nachmittag. Die Kinder sind unterwegs. Marie‑Luise hängt Wäsche auf.

Arthur fährt einen neuen, blitzblanken Wartburg in die Auffahrt. Hellblau, frisch gewaschen, in der Sonne glänzend.

Arthur steigt aus. Stolz, aber nicht fröhlich. Eher mit dem Gedanken: Ich habe mir etwas geleistet, das mir zusteht.

„Na? Was sagst du? Endlich ein Wagen, der zu uns passt,“ sagt er.

Marie‑Luise kommt staunend auf ihn zu. Sie lächelt, in Gedanken an die nächsten Sonntagsausfahrten mit allen — das Auto ist groß genug.

Aber irgendetwas signalisiert ihr Vorsicht. Der Wagen sieht toll aus, denkt sie — aber wir sind jetzt zu fünft, und das Auto kostet sicher eine Menge Geld. Darüber redet Arthur nie mit ihr.

Arthur öffnet die Fahrertür. Er setzt sich hinein. Er legt die Hände ans Lenkrad — fest, als würden sie ihm sonst entgleiten.

„Damit fahre ich wieder nach Köln. Wenn es möglich ist,“ sagt er. Beiläufig. Zu beiläufig.

Marie‑Luise steht da, die Wäscheklammern in der Hand. Sie sagt nichts. Sie kann nichts sagen.

Der Motor springt an. Ein neuer Klang.

Arthur fährt eine kleine Runde um den Block. Nur um zu spüren, wie es sich anfühlt, wieder unterwegs zu sein.

 

 

 

 

Freitagmittag. In einer halben Stunde wird Arthur die Eingangstür zur Mittagspause verschließen.

Da betreten zwei Herren in Zivil den Raum.

Arthur erkennt sie sofort. Sie sind zu leise, zu höflich in ihrer Art zu gehen, in ihrer Art, sich unsichtbar zu machen, um trotzdem ausgesprochen präsent zu sein.

Einer hält ihm einen Untersuchungsbeschluss unter die Nase. Der andere bleibt in der Nähe der Tür.

Schon steht die Polizei im Raum. Sie wissen genau, wo die Abrechnungsordner stehen, wo im Schreibtisch die Rechnungen liegen.

Sie greifen alle Buchhaltungsunterlagen, alle Papiere aus den Schränken, zur Mitnahme in großen Plastekisten.

Sie wissen alles, denkt er. Und er hat keine Sekunde mehr.

Die Manipulationen waren seine Sonntagsarbeit. Die doppelte Buchführung geht schon länger.

Es ist zu spät.

Er darf sich von Marie‑Luise verabschieden — die Großen sind noch in der Schule.

Marie‑Luise sieht ihn. Sie sieht sein Gesicht. Sie weiß es sofort.

Sie sagt nichts. Sie kann nichts sagen.

Eine letzte stumme Umarmung.

„Ich komme bald wieder,“ sagt er im Weggehen.

Ein Satz, der falsch klingt. Ein Satz, den er selbst nicht glaubt. Ein Satz, der in der Luft hängen bleibt wie Staub.

Dann wird die Apotheke versiegelt. Ein Streifen. Ein Stempel. Ein Siegel.

Ein Raum, der nicht mehr ihm gehört.

Draußen steht schon die Nachbarschaft.

Arthur wird abgeführt.

 Marie-Luise kauert an der Wand im Flur.

Sie ist wie betäubt.

Das Herz rast. Der Puls jagt.

Sie kann nicht einen Gedanken fassen.

Sie hat nichts gewusst.

Sie hat geahnt, dass etwas nicht stimmt.

Aber sie hat es nicht gewusst.


Sie kann nicht glauben, was sie in Arthurs Gesicht gesehen hat — sie kann nicht glauben, dass er alles — auch sie und die Kinder —
aufs Spiel gesetzt hat. Sie hält sich fest an einem einzigen Satz: „Ich bin bald wieder da.“ Woran sonst.

Die Kälte kommt nicht aus der Wand.

Die Kälte kommt aus ihrem Inneren.

Ihr Herz hat aufgehört so wild zu schlagen.

Sie spürt es kaum noch.

Der Körper fühlt sich eisig, wie erstarrt.

Sie hört ihr eigenes Atmen. Ihr ist schwindlig, aber sie muss hoch.

Die Jungen müssen gleich aus der Schule kommen. Wie soll sie ihnen das sagen, erklären, verständlich machen — geht das überhaupt.

Sie wünscht, die Erde möge sich auftun und sie verschlingen vor Scham, vor Verletzung, vor Enttäuschung.

Sie schafft es gerade bis auf den Stuhl in der Küche — da sind die Jungen schon da. Bis eben noch laut, schwatzend, streitend auf der Treppe — jetzt mäuschenstill.

Fred sieht ihre verweinten Augen. Das ist ungewohnt. Es muss etwas Schlimmes sein. Er setzt sich ruhig an den Tisch ihr gegenüber und wartet.

Christian fühlt, dass Marie‑Luise unglücklich ist. Er setzt sich neben sie. Ganz dicht. So, als wollte er sie gleich umarmen.

Marie‑Luise sagt den Satz, den sie sagen muss: „Euer Vater… musste mitkommen. Es ist nur eine Sache. Er kommt bald wieder.“

Der Satz klingt hohl. Zu glatt. Zu schnell. Aber alle haben ihn gehört.

Fred steht auf, mit einem Ruck, der den Stuhl kippen lässt. Er ist unsagbar wütend. Auf die Situation. Auf die Ohnmacht. Auf die Ungerechtigkeit.

Und Christian wird sehr still. Er zieht sich zurück. Er wird beobachten.

Aber beide denken: „Das darf nicht wahr sein.“

 

 

 

 

Plötzlich ist alles anders. Es herrscht große Aufregung.

Hans liegt im Krankenhaus — wochenlang, und keiner weiß, ob und wie er da jemals wieder rauskommt.

Rosa ist verzweifelt. Sie fährt jeden Tag in das Krankenhaus des Nachbarortes.

Manchmal fährt sie außerhalb des Zugfahrplans auch ihr Chef dorthin.

Hans liegt blass und teilnahmslos in seinem Bett. Die Ärzte wissen wenig Rat. Darmbluten, das nicht aufhören will und den Mann immer durchsichtiger werden lässt.

Ella muss nichts fragen. Sie sieht am Blick ihrer Mutter, dass es keine Änderung zum Besseren gibt.

Sie wartet. Ihr ist in letzter Zeit nur kalt, zusammengedreht wie ein Strick fühlt sich ihr Körper an, weil sie weiß, dass sie nichts — aber auch gar nichts — ändern kann.

Rosa weint nachts in ihrem Bett und Ella liegt nebenan mit offenen Augen.

Als Hans nach Monaten wieder zu Hause anlangt, ist Rosa immer um ihn herum, immer an seiner Seite.

Sie bringt, sie rennt, sie hetzt — weil jeder Schritt, den Hans tut, Schmerz ist.

Es wird stiller, so als liefen alle nur noch auf Zehenspitzen. Aber Ella wächst trotzdem.

 

 

 

 

Ein paar Wochen später: ein neuer Ort. Aber dieselbe Welt