Alle gehen ihre eigenen Wege

 

Fred sitzt mitten in den schriftlichen Prüfungen.
Er ist mit dem Deutschthema über Friedrich Schiller gerade fertig und träumt sich für einen Augenblick aus dem Fenster.
Er weiß, er hatte zu wenig Zeit, sich ausführlich vorzubereiten.
Es muss so gehen.

Er will das Abitur unbedingt schaffen und er will endlich weg aus dieser kleinen piefigen Stadt.
Aus dem bekannten Zirkel zwischen Wohnung, Schule, Band und wieder zurück.
Er bemerkt erst seit Kurzem, wie eng ihm hier alles vorkommt.

In ein paar Wochen ist Abiball und dann hat er es geschafft.

Er hat gestern Abend lange mit Marie-Luise gesprochen. Er will seinen Vater auf keinen Fall beim Abiball dabeihaben.
Sie hat versucht, es ihm auszureden, weil Arthur, ihn in seinem Leben länger begleitet hat, als er gefehlt habe.

Aber Fred ließ sich nicht abbringen. Sein letzter Satz war:
Ich werde nicht mit euch die heilige Familie spielen.

In diesem Sommer wird er weg sein - in einer anderen Stadt, weit weg von den Peinlichkeiten, den Enttäuschungen,
den Zumutungen.

Und dann vielleicht endlich ein eigenes Leben haben.

 

 

 

 

Ella fährt mit ein paar Mädchen zum Tanzen immer in die nächste Stadt.
Dort ist alles anders. Die Leute interessanter, die Musik besser, die Luft freier.
Die Bands spielen die brandneuen Titel nach — und je schneller sie das können,
desto lauter werden sie gefeiert.

Auf dem Parkett sieht manches abenteuerlich aus. Die Mädchen tragen superkurze Röcke (zu Hause gibt es jedes Mal Krach,
bevor sie losgehen).
Die Jungen je nach Temperament: Hosen mit Schlag, Hosen mit plissierter Faltenöffnung im Schlag, oder Kettchen am selben.
Lange Mähnen, die sich im Rhythmus drehen.

Manchmal gibt es ganz stille, enge Tänze. Die mag Ella nicht. Diese Nähe irritiert sie, sie ist ihr zu fordernd.
Dann lieber die wilden, ungestümen Gegenläufe zu den Gitarrenriffs, bei denen man sich nicht erklären muss.

Aber das alles ist fragil. Es kann passieren, dass die Hausband für die nächsten Wochen Auftrittsverbot bekommt —
irgendeine Behörde, irgendein Vorfall, irgendein Lied, das „nicht passt“. Und dann ist Essig mit Tanzen.

Dann stehen sie alle wieder im Hof der Schule, hören heimlich Radio, warten auf den
nächsten Samstag, auf die nächste Chance, auf den nächsten Riss im Alltag.

 

 

 

 

Ella findet an einem dieser Samstagabende ihren ersten Freund. Sie ist selbst überrascht, dass einer sich traut, sie
mehrmals aufzufordern.

Mit ihm kann sie sogar die engen Tänze tanzen — weil er sie nicht vereinnahmt, ihr Raum lässt, sie nicht drängt.
Bei ihm fühlt sie sich sicher.

Ein großer, stiller junger Mann mit einem inneren Ernst. Sie reden nicht viel.
Sie brauchen nicht viel reden.

Er arbeitet im LIW, hat Schichtpläne, die nach Öl riechen, und Hände, die vom Metall kommen. Wenn er von Zukunft spricht,
fühlt sie sich verunsichert, weil sie nicht weiß, was sie fühlt.

Wenn er von Balkon und Wochenenden spricht, schämt sie sich, weil sie glaubt, sie sei falsch.

Sie denkt, sie müsse sich zusammenreißen. Sie weiß nicht, warum sie es nicht kann.

Aber etwas zieht sie weg. Leise, aber deutlich. Sie wird zum Studium gehen.

 

 

 

 

Spät am Abend steht Marie-Luise in der Küche. Sie stopft die zerknüllte Bettwäsche in die Waschmaschine,
langsam, fast vorsichtigFabian steht im Türrahmen, barfuß, die Schultern hochgezogen.
Sie sieht ihn, sagt aber nichts. Er senkt den Blick, als hätte er etwas falsch gemacht.

„Geh wieder ins Bett, mein Schatz“, sagt sie leise.
Sonst nichts. Und er weiß, dass sie es gesehen hat. Er schämt sich — aber er ist schon auf dem Weg zurück ins Zimmer,
als er leise sagt: „Gute Nacht, Mama.“

Christian hat die Szene vom Küchentisch aus beobachtet. Er steht auf, geht zu Fabian und sagt:
„Komm. Ich lese dir noch etwas vor.“
Er nimmt sein neues Buch, legt den Arm um seinen kleinen Bruder und führt ihn den Flur entlang. Die Tür fällt leise
hinter ihnen zu. 

Marie-Luise bleibt einen Moment allein in der Küche stehen. Die Waschmaschine läuft an.
Und für einen Augenblick spürt sie, dass sie trotz allem zusammenhalten.

 

Sie nimmt das Telefon. Sie wählt Arthurs Nummer. Als er abhebt, sagt sie:
„Guten Abend, Arthur. Ich hoffe, ich störe dich nicht. Ich möchte dir einen Vorschlag machen. Wir sollten uns treffen —
vielleicht am Samstagabend. Wir müssen über Fabian reden.“

Mehr nicht. Kein Vorwurf. Keine Erklärung. Keine Einladung zu alten Mustern.

Arthur ist überrascht. Natürlich ist er das. Er hat nicht damit gerechnet, dass Marie-Luise ihn anruft — und schon gar nicht so.

Aber gleichzeitig ist er erleichtert. Weil er sofort denkt: Vielleicht kann man doch neu anfangen. Ja. Samstag ist gut, sagt er.“ Und legt auf.

 

 

 

 

Ella hat das Abitur in der Tasche. Sie ist jung, sie ist unerfahren, sie will weg.
Sie landet — auf Wunsch ihrer Mutter — in einem Studium, das zu Rosa
gepasst hätte, aber nicht zu ihr.

Im Seminar sitzt sie vorn, weil sie hofft, dass es dann leichter wird. Der Professor ist klug, witzig, hat dieses Brennen in den Augen, das sie sofort erkennt. Ein Brennen für ein Fach, von dem Ella nichts versteht. Sie verehrt ihn dafür.

Und genau deshalb weiß sie, dass sie hier falsch ist.

Der Studienplatz ist begehrt. Andere würden sich alle zehn Finger danach lecken.
Aber Ella spürt, dass sie hier nur Zeit verliert — ihre Zeit.

Sie geht allein zum Studienbüro. Sie füllt Formulare aus, unterschreibt, erklärt, wechselt die Fachrichtung.

Ab dem nächsten Semester wird sie wirklich studieren. Ihre Fächer. Ihre Welt.

Zu Hause wird es schmallippig. Die Eltern sind entsetzt. So etwas macht man nicht. So etwas riskiert man nicht.
So etwas tut man nicht, wenn man so eine Chance bekommt.

Ella hört zu. Aber sie bleibt bei ihrer Entscheidung.

 

 

 

 

Ella hat neben dem Abitur einen Facharbeiterbrief als Gärtnerin.
In der Zeit zwischen den Studiensemestern arbeitet sie in der Stadtgärtnerei.
Sie wird in diesen Wochen eine Lektion fürs Leben lernen.

Der erste Tag ist komisch. Neue Leute, vorsichtige Blicke. Sie wissen offenbar, dass sie Studentin ist.
Mutter Schmitten nimmt sie unter ihre Fittiche. Laut, direkt, aber nicht unsympathisch.
Sie bosseln zusammen im Frühbeet, pikieren kleine Pflänzchen, die kaum größer sind als Stecknadelköpfe.
Das Telefon klingelt. Die Schmitten geht ran und sie schimpft:
„Dit kannste total knicken! Na, sach mal, träumste? Ihr seid doch alles Sesselfurzer, habt von nüscht ’ne Ahnung!“
Sie legt auf, als wäre nichts gewesen. Ella glaubt, sie habe sich gerade verhört und schaut fragend.
„Dit war der Chef. Die spinnen doch. Die denken sich irjendwat aus und wir solln machen.“

Ella ist überrascht. Sie ist gespannt, wie dieser Chef wohl aussieht.
Am Nachmittag sieht sie ihn. Ein alter Genosse. Die Schmitten und er kennen sich schon lange. Sie kam damals vom
Gleisbau und nur sie darf so mit ihm reden.

Eine Ladung Gehwegplatten soll abgeladen werden. Alle ran.

Einer der Männer, der Ella schon den ganzen Tag ansieht wie ein seltenes Tier, reicht ihr ein Paar Handschuhe —
viel zu groß. Ein Test.
Ella wirft die Dinger zur Seite und nimmt die Platten so entgegen. Erst gibt es Blasen. Dann bluten die Hände.

Aber die Platten sind vom Wagen.

Mutter Schmitten schüttelt den Kopf, ranzt ihren Kollegen an und verarztet Ella.
Dabei sagt sie:
„Du musst am Samstag nicht kommen. Samstags kehren wir die Straße.“

Ella antwortet:
„Ich verdiene hier Geld. Das ist kein Sommerferienjob. Also arbeite ich so wie ihr.“

 

 

 

 

Die Kinder schlafen. Es ist schon spät. Marie-Luise erwartet Arthur.

Als er da ist, bittet sie ihn in die Küche. Auf dem Herd köchelt ein Topf vor sich hin, die Waschmaschine läuft in der Kammer.
Marie-Luise ist noch bei Vorbereitungen für morgen.

Arthur ist verunsichert, weil die Wohnung ihm fremd vorkommt.  Er fühlt sich wie ein Gast.
Er setzt sich schüchtern an den Küchentisch und sagt in die Pause hinein: „Ich arbeite jetzt in der Adler-Apotheke,
am anderen Ende der Stadt.“

Marie-Luise nickt. Sie fragt nicht nach. Sie will über Fabian reden. –

"Arthur, ich denke, Fabian braucht seinen Vater. Er kommt im September in die Schule. Bis dahin müssen wir einen
Weg gefunden haben.
Kannst du dir vorstellen, ihn — nach Absprache — an manchem Sonntag für ein paar Stunden zu sehen? Ein Tierpark, ein Eis,
ein See… etwas Einfaches. Es geht nur darum, dass er dich erlebt.“

Arthur hört aufmerksam zu. Er ist überrascht — weil er etwas anderes erwartet hat. Aber er ist auch erleichtert —
weil er eine neue Möglichkeit bekommt.
Er sagt: „Ja. Das kann ich mir vorstellen.“- Nüchtern, aber präzise, wie er immer denkt.

„Gut. Dann treffen wir uns in zwei Wochen, am Sonntag, im Parkcafé. Zum Eisessen, als ersten Anlauf,“ legt Marie-Luise fest.

Arthur nickt. Er steht auf. An der Wohnungstür sagt er: „Danke, dass du mich angerufen hast.“

 

 

 

 

Christian war am Nachmittag in der Bibliothek. Er hat sich ein paar Fachbücher ausgeliehen — Mathe, Physik. Er will sich
langfristig vorbereiten, für den Prüfungsmarathon, für das, was danach kommt.
Er weiß inzwischen ziemlich genau, dass er die beiden Fächer im nächsten Jahr in einer großen Stadt studieren wird.
Aber jetzt kommt er gerade aus der Kirche.

Der Kantor hat ihm den Schlüssel gegeben, damit er abends noch üben kann.
Wenn die Kirche leer ist und Christian an der Orgel sitzt, entsteht ein Raumklang, der größer ist als alles, was er bisher kannte.
Und wenn die silbrig klingenden kleinen Flöten dazukommen, wird daraus etwas ungeheuer Lebendiges —
ein Atem, der nicht von ihm kommt und ihn trotzdem trägt.

Christian liebt diese einsame Zeit. Er merkt nicht, dass der Kantor sich in die erste Reihe gesetzt hat.
Er spielt, bis der letzte Ton verklingt.
Als er sich umdreht, steht der Kantor da und sagt:
„Am Sonntag spielst du vor der Gemeinde. Wenn du möchtest.“

Christian ist wie erstarrt. Dann nickt er. Es ist eine riesige Ehre für ihn — größer, als er sagen könnte.

Jetzt steht er in der Küchentür, die Hände leicht zitternd vor Aufregung, und erzählt Marie-Luise vom Probespiel.
Sie hört ihm zu, sieht die Ruhe in seinem Gesicht, die sie lange nicht gesehen hat.

Sie lächelt. Und während er redet, denkt sie:

Er wird bald gehen, weil er einen Raum gefunden hat, der größer ist als dieser hier.

 

 

 

 

Sonntags ist hier ganz schön Betrieb. Das Wetter ist angenehm warm. Marie-Luise entschließt sich, mit Fabian draußen
an den Tischen Platz zu nehmen.
Sie hat es so eingerichtet, dass sie vor Arthur da sind.

Fabian findet es ein bisschen seltsam. Seine Mutter hat ihm gesagt: wir gehen heute Nachmittag Eisessen und du wirst
Zeit haben, deinen Vater kennenzulernen
Er denkt, warum hat sie mich nicht gefragt, ob ich das überhaupt will. - Ein bisschen neugierig bin ich schon, aber …

Arthur steht plötzlich am Tisch. Mit Anzug, Hemd und Krawatte. Fabian denkt: Warum hat er sich so schick gemacht.
Sieht irgendwie verkleidet aus.

Die Atmosphäre ist sperrig, obwohl Marie-Luise sich alle Mühe gibt. Aber sie will, dass Fabian mit einbezogen sein soll.
Es soll kein Gespräch sein zwischen ihr und Arthur.

Plötzlich wird Arthur lebendig. Er hat auf einem Baum in der Nähe einen Eichelhäher entdeckt, und zwar nicht zuerst ihn selbst –
sondern durch den Ruf eines Habichts, den er vergeblich suchte.

Er erzählt Fabian von seiner Entdeckung, der sofort Feuer fängt.

Arthur stellt den Jungen zwischen seine Beine, so dass er nur an seinem Arm bis über den Zeigefinger entlang sehen muss,
um den Vogel zu entdecken.

Der sitzt fast unscheinbar auf seinem Ast, rötlich, bräunlich bis auf die feinen hellblau-schwarz schillernden Flügelspitzen. –
Da. – Da ist es wieder dieses hohe Warnsignal eines Habichts.

Arthur kann ihm dazu viele Fragen beantworten: das er zu den Rabenvögeln gehört, dass er eine Flügelspanne von über 50 cm hat,
dass er andere Vögel nachmacht, um sein Revier zu sichern, oder andere Vögel fernzuhalten. Fabian hört gespannt zu.

Dann kommt das Eis. Und Fabian entdeckt noch etwas Interessantes: sein Vater mag die gleiche Eissorte wie er: Vanilleeis.

 

 

 

 

"Summer in the city". Ella summt mit und wässert in der Grünanlage vor dem Schwimmbad das Pflanzenrondell – das blühende Blumenrohr (Canna) steht staubtrocken. Dieser Frühsommer ist sehr heiß. Die Schmitten arbeitet weiter höher bei den Sträuchern.

Der Rasen braucht dringend Wasser. Sie zieht den Schlauch in die Fläche, dass sich der Boden die nächsten Minuten volllaufen
lassen kann. Da sieht sie auf dem Bürgersteig ihren alten Direktor aus der Penne.
Er sieht sie auch. Und? - Er nimmt den Blick weg.
Er ist verstört. Es ist ihm peinlich. Eine mit Abitur in der Stadtgärtnerei. Hat es zu mehr nicht gereicht?

Ella fühlt, wie sie rot anläuft. Es juckt in ihren Fingern, den Schlauch auf scharf zu stellen und ihn nass zu spritzen – diesen …
Friedhofsgärtner, Gully-Taucher und Stadtgärtner stehen auf der Stufenleiter der Arbeitenden ganz unten
im Arbeiter- und Bauernstaat, trotz gegenteiliger Bekundungen.

Die Schmitten kommt vom Zaun herüber, die Hose voller Gras. „Ella, haste’s gesehen? Am Friedhof hängt’n Laken.
‚Alles raus zum 1. Mai‘.“ Ella lacht laut: „Na, wenigstens halten die sich an die Parolen.“ Die Schmitten wischt sich den Schweiß ab.
„Die Genossen standen da wie frisch begossen. Ich hab fast die Harke fallen lassen.“ Beide lachen. Kurz. Heiß. Befreiend.
Dann ziehen sie den Schlauch weiter.

Ein Kollege ruft von weitem: „War gleich wieder weg! Haben’s abgerissen!“ Ella: „Zu spät. Wir haben’s gesehen.“ Die Schmitten nickt.

 

 

 

 

In der Apotheke sagt jemand leise: „Haben Sie’s gehört? Am Friedhof hing ein Bettlaken. ‚Alles raus zum 1. Mai‘.“
Marie‑Luise hebt den Blick, lächelt unsicher. „Ach… wirklich?“

Die Kundin nickt, schaut sich um. „War gleich wieder weg.“ Marie‑Luise sagt nichts mehr.
Sie spürt, wie ihr die Hände ein wenig feucht werden.

 

 

 

 

Marie-Luise sitzt abends allein im Wohnzimmer. Fabian schläft. Christian ist noch unterwegs mit seinem Kirchenkreis.
Sie fühlt sich seit langer Zeit, zum ersten Mal wieder als Herr über einen Abend, der nur ihr gehört.
Das fühlt sich völlig fremd an. Zum ersten Mal seit langem muss sie nicht funktionieren. Muss sie nicht für andere da sein.
Muss sie nicht im Voraus denken und planen. Sie darf jetzt nur sie selbst sein.

Und plötzlich fühlt sie da so etwas, - wie einen leeren Fleck.

Sie hat die letzten Jahre nur für ihre Kinder gelebt. Sie hat es gerne getan, nicht nur, weil es notwendig war. Aber sie hat sich dabei ein gutes Stück vergessen. Sie hat in der Lokalzeitung gelesen. Dass am nächsten Samstagabend in der kleinen Kirche ein Konzert stattfindet. Sie möchte wieder mal raus aus ihren Vierwänden.

Ob sie Arthur dazu einladen soll?

 

 

 

 

Am Samstag stehen sie kurz vor sieben immer noch ohne Ameisenfahrer da. Um zehn nach sieben sagt die Schmitten:

„Aufsteigen. Wir müssen.“

Einer der Männer klettert in die Fahrerkabine und fährt los. Ella erfährt unterwegs, dass der fehlende Kollege sich aus dem Krieg
Malaria mitgebracht hat. Er hat inzwischen eine große Familie, ist pünktlich, zuverlässig, arbeitsam —
aber wenn die Krankheit wieder zuschlägt, säuft er drei Tage am Stück. Alle wissen das. Niemand meldet nach oben.
Und die Schmitten sagt nur: „Dit bleibt unter uns.“

In diesem Moment weiß Ella, dass sie nicht anders ist als diese Leute. Nicht klüger. Nicht besser. Nur weil sie drei Bücher mehr gelesen hat.

Gefrühstückt wird zusammen mit den Gully-­Tauchern. In deren Ecke ist es still. Sie essen ihr Brot und sind froh,
den Rücken mal gerade zu machen.

Ella sieht die Unterschiedlichkeit der Lebenswelten — nicht theoretisch, sondern direkt vor sich, am Tisch.

Sie hatte dazu heute Morgen mit ihrer Mutter einen Wortwechsel. Rosa kann nicht verwinden, dass Ella die Straße fegt.
Das ist enttäuschend, so falsch in ihren Augen – wo Ella doch studieren sollte.

Ella ist genervt. Sie hört sich die Vorwürfe an, bis sie nicht mehr kann.
„Hast du vergessen, dass Papa und du jahrelang die Straße um den Druckereikomplex gefegt habt? Anstelle von Miete?“

Rosa schluckt. Der Satz trifft sie. Es war ihr immer sterbenspeinlich, dieser Vorgang. Ein Arrangement, das alle kannten,
aber niemand aussprach. Eine Arbeit, die sie nie jemandem erzählen wollte. Eine Erinnerung, die sie am liebsten
aus dem eigenen Leben gestrichen hätte.

Ella sieht das. Und sie versteht plötzlich, dass Scham vererbt werden kann — aber nicht muss.

 

 

 

 

Ella steht noch immer mit der Schmitten am Rand des Rondells, der Schlauch warm in der Hand, die Hitze auf der Haut, der Staub in der Luft.
Sie sieht die Männer, die schweigend ihr Brot essen, die Gully‑Taucher, die den Rücken gerade machen, die Schmitten,
die sich den Schweiß von der Stirn wischt, und sie weiß plötzlich, dass sie hier nicht zufällig steht.

Dass sie nicht „gescheitert“ ist. Dass sie nicht „unter ihrem Niveau“ arbeitet. Dass sie nicht „falsch abgebogen“ ist.

Sondern dass sie etwas sieht, was sie vorher nicht sehen konnte: die Welt, wie sie ist. Die Menschen, wie sie sind.
Die Arbeit, wie sie ist. Die Scham, die weitergegeben wird — und die man ablegen kann.
Und in diesem Moment, in dem der Schlauch weitergezogen wird und das Wasser über den heißen Boden läuft, beginnt etwas,
das niemand bemerkt, weil es kein Geräusch macht:

Ella wird erwachsen.
Nicht durch eine Entscheidung. Nicht durch einen Triumph. Nicht durch einen Bruch.
Sondern durch Erkenntnis.

Und während sie weiterwässert, während die Schmitten flucht, während ein Kollege ruft, während irgendwo ein Bettlaken abgerissen wird, während Marie‑Luise in der Apotheke feuchte Hände bekommt, während Christian an der Orgel sitzt, während Arthur in der Adler‑Apotheke Gläser sortiert, während Fred in einer anderen Stadt aufwacht —

beginnt der Text zu fließen. Nicht zurück. Nicht nach unten. Sondern nach vorn.

Als der Sommer weitergeht, beginnen die Wege sich zu verzweigen, ohne dass jemand es so vorgesehen hat.
Ella steht morgens früher auf als früher, weil sie den Weg zur Stadtgärtnerei mag — dieses kurze Stück, in dem die Stadt noch schläft
und sie das Gefühl hat, dass der Tag ihr gehört.
Christian kommt später nach Hause, weil die Kirche ihm einen Raum gibt, der größer ist als die Wohnung, und weil er dort etwas findet, das ihn trägt.
Fred schreibt Bewerbungen, die er niemandem zeigt.
Fabian zählt die Wochen bis zur Schule.
Und Marie‑Luise merkt, dass die Wohnung sich verändert hat, obwohl niemand ausgezogen ist.
Es ist, als würde jeder schon ein Stück woanders leben, ohne den Ort zu kennen, an dem er ankommen wird.

 

 

 

 

Die Welt hinterlässt Spuren