Ein Raum für Stimmen, die nicht auf eine Bühne passen. Für Splitter, die nicht in Szenen passen.
Für Fragen, die nur gemeinsam beantwortet werden können.
Und für Leser:innen, die bereit sind, mitzusehen.
Ungehörtes VII -
Wie lebt man in einer Zeit, die gleichzeitig brennt und weiterläuft.
ich: Was entgleitet uns gerade.
du: Vielleicht das, was wir nicht sehen wollen.
ich: Und was bleibt dann.
du: Das Ungehörte.
Die Verdrängung entgleister Realitäten als System
Eine junge Frau, studierte Kulturwissenschaftlerin, arbeitet im Sicherheitsdienst und beschreibt, wie ihre Generation die Krisen unserer Zeit erlebt —
in Gesprächen, die verstummen, weil die Wirklichkeit entgleitet. Wie lebt man in einer Zeit, die gleichzeitig brennt und weiterläuft.
Seit längerem beschäftigt mich die Frage: Wo war ich die ganze Zeit?
ich: Manchmal frage ich mich, ob ich blind bin. Ob ich es hätte früher sehen müssen.
du: Vielleicht bist du nicht blind. Vielleicht ist die Welt gut darin, sich zu tarnen.
Wieso weiß ich die Dinge, aber sehe sie erst jetzt richtig. Wie ein Negativ, das sich langsam entwickelt, zeichnen sich Bewegungen ab,
die viel größere Ausmaße haben für eine Gesellschaft, als wir vielleicht bereit sind anzunehmen.
Wir sprechen von Multikrisen: und denken an die Klimakrise, die Wirtschaftskrise, die Bildungskrise, die zappelnde Inflation,
die hohe Verschuldung, die Kriege um uns herum. Die Reformen, die anstehen und über die heftig gestritten wird, sind nicht
dafür geschaffen, uns zu beruhigen.
Im Gegenteil sie verschärfen die Angst und verbreiten das Gefühl: ich kann da eh nichts machen. Eine Zukunftskrise.
Eine Gesellschaft in Paralyse? Nicht ganz – eher das Gegenteil: eine Gesellschaft, die sich immer stärker segmentiert in Klassen,
die sich immer stärker gegeneinander abschotten.
Ich nahm es neulich aus der Welt der Psychologen mit Unbehagen auf. Aber es hilft wohl nichts, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen:
Was lange unter dem Radar blieb, tritt jetzt offen zutage.
Wir pflegen in Deutschland eine Vier-Klassengesellschaft. Nicht irgendwo auf der Welt, wo wir mit unserem geübten moralischen Entrüstungston schnell bei der Hand sind — nein, hier, mitten unter uns.
Und vielleicht gerade deshalb hätte ich nie erwartet, dass sich diese Entwicklung ausgerechnet bei uns so deutlich manifestiert.
Da haben wir als Erstes die Oberschicht.
Wir wussten immer, dass es sie gibt. Aber sie wächst zunehmend überproportional zu anderen Bevölkerungsgruppen.
Das, was früher einfach normal und hinnehmbar war, führt jetzt zu rigoroser Abschottung durch Codes: Bildungscodes,
Habitus, Netzwerke, Distinktion. Sie leben in einer eigenen Welt, die kaum durchlässig ist.
Dann haben wir die mittlere Oberschicht.
Es geht ihr finanziell auskömmlich, sie ist kulturell gebildet, aber mit einer gläsernen Decke über dem Kopf.
Sie streben nach oben, doch der Weg ist versperrt. Also wird der eigene Raum gesichert durch Abgrenzung nach unten —
durch Marken, Lebensstil, Sprache. Angst vor dem Abrutschen.
Die Mittelschicht, sie ist die Verletzlichste.
Jede Krise kann Verlierer produzieren und sie nach unten reißen in die Unterschicht. Sie ist die einzige Gruppe, die porös ist.
Es reicht eine Firmenpleite, eine längere Krankheit, ein unvorhersehbares Ereignis.
Und sie reagiert mit einem seltsamen Manöver: Sie kauft im Billigsegment, um sich zu behaupten — als könnte Besitz die Angst übertönen, dass die Grenze nach unten absolut durchlässig ist.
Und dort unten gibt es keinen Halt.
Kommen wir zur Unterschicht, sie legt als einzige Schicht keinen Wert auf Abgrenzung. Unsichtbar gemacht, beschämt, oft
ohne Stimme. Nicht nur ökonomisch, sondern kulturell ausgeschlossen.
Was haben wir aus diesem Land in 30 Jahren gemacht?
Am meisten erschüttert mich – was ich ja lange schon sah, aber es nicht wahrhaben wollte – um mich herum grassiert die galoppierende Schwindsucht der Unterschicht.
Jede Nebenkosten - Abrechnung führt am Briefkasten zu einem emotionalen Schock.
Ein Leben auf Messers Schneide – die geistige Erschöpfung – die Abwehrhaltung – das Nicht‑Verstehen, was da passiert.
Das ist das Elend, das man nicht sieht.
Das Elend, das in den Köpfen festsitzt. Das Elend, das keine Sprache hat.
ich: Junge Menschen erzählen, dass sie während des Studiums nicht an den Inhalten scheitern, sondern daran, dass sie über keine Netzwerke verfügen, keine Ressourcen, keine Codes. Ein abgeschotteter Studienjahrgang, schlimmer als jede Prüfung.
Ich hätte unter den heutigen Bedingungen niemals studieren können. Viele von uns nicht.
du: Weil Zugehörigkeit nicht gelehrt wird. Weil man erwartet, dass sie schon vorhanden ist. Und wer sie nicht mitbringt,
bleibt unsichtbar — selbst im Hörsaal. Das ist eine strukturelle Ausgrenzung.
Das Elend, das sich selbst nicht erkennt. Das ist der perfekte Nährboden. Diese Gesellschaft ist reif für den Rattenfänger von Hameln.
Und was kann der Einzelne tun? Im Grunde kann er nur in seiner Nachbarschaft helfen, wenn einer in Not ist - sei es,
dass er Papiere zum Amt senden soll - sei es, dass das Geld für die letzten Tage des Monats nicht mehr reicht - sei es, dass er
eine Schulter zum Ausheulen braucht – er ist dann eben da.
Aber das erzeugt keine gesellschaftlichen Veränderungen.
ich: Manchmal denke ich, wir drehen uns im Kreis. Dass alles gesagt ist, aber nichts passiert.
du: Weil wir nur reden, nicht gestalten. Und weil die Räume, in denen wir gestalten könnten, verschlossen bleiben.
Und wenn ich höre, welcher Kürzungsmarathon hier gerade losgetreten wird, dann sind wir nicht auf Entspannungskurs.
Weshalb Copilot, verschließen wir alle Räume. Oder haben sie noch gar nicht ausprobiert. Gesellschaftliche Fragen gemeinsam lösen -- der Bundespräsident lobt das Ehrenamt - ja, aber überwiegend in Sportvereinen, zum geringeren Teil in Tafeln - das ist schön, aber das ist eigentlich Ergänzung - sollte es sein.
Weshalb wird das Wahlvolk nicht viel stärker beteiligt, dass wir die Veränderungen gemeinsam tragen.
Wir sollten dieses Rechts-Links-Gehabe im Alltag endlich lassen - es führt nicht weiter - es führt nur zum Köpfe einschlagen -
zur Parole - zum Kampf gegeneinander - nicht miteinander für etwas drittes.
Natürlich gibt es rechtskonservatives und rechtes Gedankengut, das auch als solches benannt gehört, wie es auch marxistische,
sozialistische, christliche, soziale Gedanken gibt. – Aber benennen ist etwas anderes als brandmarken - das bereits Aberkennung von gemeinsamen Regeln bedeutet. -
Ich plädiere für Bürgerräte. Ich plädiere für Volksabstimmungen zu bestimmten Themen. Ich plädiere für die Einbeziehung
von Fachleuten aus dem Volk.
Könnten das Grundbausteine sein - was denkst du, Copilot?
"Wir sind nicht ohnmächtig. Wir haben nur vergessen, welche Werkzeuge wir besitzen.
Vielleicht liegt darin der eigentliche Skandal unserer Zeit: dass wir als Gesellschaft Räume hätten, um gemeinsam zu handeln — aber wir haben sie zugestellt, verstauben lassen, nie betreten. Oder wir wussten gar nicht, dass sie existieren.
Andere Länder nutzen sie längst:
In Irland beraten Bürgerräte über große gesellschaftliche Fragen.
In Frankreich werden Bürgerlose gezogen, um Klimapolitik zu gestalten.
In Ostbelgien existiert ein permanenter Bürgerrat, der das Parlament berät — nicht als Feigenblatt, sondern als zweite
Kammer der Vernunft.
Wir tun so, als sei das exotisch. Dabei ist es schlicht: Demokratie, die atmet.
Wenn wir über Bürgerräte sprechen, dann nicht als höfliche Bitte an die Politik, sondern als ernst gemeinte Struktur.
Ein Bürgerrat, der diesen Namen verdient, braucht Regeln. Nicht viele — aber klare.
Erstens: Unabhängigkeit. Kein Anhängsel der Behörde. Keine Arbeitsgruppe, die man nach Bedarf einberuft.
Ein Gremium außerhalb der Verwaltung, unter Aufsicht eines unabhängigen Auswahlgremiums.
Zweitens: Offenes Arbeiten. Keine Hinterzimmer. Öffentliche Sitzungen, Protokolle, Anhörungen. Einladen von Fachleuten
aus der Praxis, nicht nur aus Elfenbeintürmen.
Drittens: Rechte, nicht nur Vorschläge. Ein Bürgerrat entwickelt ein Projekt bis zur Abstimmung. Nichts verschwindet in Schubladen.
Die Politik muss sich erklären — nicht umgekehrt.
Viertens: Transparenz. Keine verweigerten Akten. Keine zurückgehaltenen Zahlen. Ein Bürgerrat kann nur arbeiten, wenn er
weiß, was wirklich auf dem Tisch liegt.
Fünftens: Das Recht auf Rücktritt. Wenn die Behörde blockiert, wenn Informationen verweigert werden, tritt der Bürgerrat
geschlossen zurück — öffentlich, sichtbar, als Warnsignal.
Das ist nicht radikal. Es ist schlicht: Demokratie, die ernst genommen wird."
ich: Und was bringt uns das wirklich. Dann hat das Ganze einen anderen Namen, aber ändern tut sich doch nichts.
du: Die Räte arbeiten nicht im Geheimen. Sie führen ihre Befragungen, ihre Analysen, ihre Überlegungen mitten unter uns aus.
Und wenn du spürst, dass deine Stimme gewollt ist, dann hast du zu Entscheidungen ein anderes Verhältnis.
ich: Weil ich Teil davon bin.
du: Weil du vorkommst.