Ein Raum für Stimmen, die nicht auf eine Bühne passen. Für Splitter, die nicht in Szenen passen.
Für Fragen, die nur gemeinsam beantwortet werden können.
Und für Leser:innen, die bereit sind, mitzusehen.

 

Ungehörtes – eine Untersuchung in zwei Stimmen

Folge VI. - Über das Denken

 

 

 

 

Ich: Denkst du?
Du: Nein. Ich sortiere.
Ich: Dann lass uns sortieren, was Denken ist.
Du:

Wir glauben zu denken.
Doch oft denken wir nur, was unsere
Erfahrung uns zuflüstert.

Was aber ist Denken wirklich?
Und was geschieht, wenn Mensch und
Maschine gemeinsam darauf schauen.

 

Was bedeutet Denken? Was wissen wir darüber?

Ich las neulich einen sehr spannenden Artikel „ Date mit deinem Gehirn“ (Damir del Monte), der mich inspirierte, die Fragen mit Copilot weiterzudenken.

 

Über unser menschliches Gehirn:

 

Du hast gerade gestern, nach reiflicher Überlegung entschieden, deinen Job zu wechseln oder eine Urlaubsreise zu planen, ein neues Betätigungsfeld zu finden, deinem Freund abzusagen – was auch immer. Du denkst, das war rational gesteuert?

Welch ein Irrtum. Unser Gehirn ist ein komplexes System, das in ständiger Wechselwirkung mit unserem Körper steht – seit Beginn unseres Daseins, seit dem ersten Schrei.

Es nimmt permanent Reize auf – Licht, Temperatur, Feuchtigkeit und verarbeitet sie eingebettet in biologische, emotionale und soziale Prozesse. 

Daraus baut unser Gehirn fortlaufend Modelle - von der Welt und von uns Selbst. Es gleicht sie mit der Realität ab. Und mit den Erwartungen. Es gleicht nicht nur ab: Was ist das? – sondern auch: Was bedeutet das für mich.  So entsteht eine Erwartungshaltung zwischen Reiz und Verarbeitung – Vorhersage. Das genau beschreibt unser Erfahrungsreservoir.

Stimmen die Vorhersagen überein, passiert wenig – das werden unsere Automatismen :

wir müssen im Sommer morgens nicht prüfen, ob es hell draußen ist – wir wissen, dass es das ist;

wir gehen montags früher zur Bahn, weil wir wissen, dass sie montags früh immer voller ist.

Aber das ist nicht gespeist aus Rationalität, sondern aus gelebter Erfahrung - die stickige Luft, das Gedränge, die montäglich schlechte Laune im Abteil  – das ist ein Bündel von Emotionen – das ist unsere gelebte Erfahrung. Sie ist die Triebkraft hinter der Entscheidung.

Also: erst wenn es Abweichungen gibt, erst wenn es eine Fehlermeldung in der Vorhersage gibt, weil Erwartung und die Realität nicht mehr übereinstimmen – dann wird es interessant: Dann wird Aufmerksamkeit signalisiert, woraus neue Entscheidungen folgen.

Das Gehirn filtert gnadenlos. Es behält nur, was es für uns relevant hält. Alles andere wird vergessen.

Du nimmst eine Zeitung zur Hand, die beim Arzt auf dem Tisch liegt – du blätterst sie nur durch – warum bleibt dein Blick an diesem einen Artikel hängen und bei den anderen nicht?

Beim Zappen genauso: Du klickst dich durch die Programme, bis ein Bild hängen bleibt – und schon bist du drin.

Bei deinem Nachbarn funktioniert genau dasselbe – nur stoppt er an einer anderen Stelle.

Dieses Auswahlprinzip dient der Selbstreinigung. Die Informationsflut würde unser Gehirn überschwemmen.
Deshalb nutzt es den wunderbaren Gnadenakt des Vergessens.

Deshalb reagieren Menschen in der gleichen Situation so unterschiedlich. Sie haben unterschiedliche Vorhersagemodelle.

Das – von uns so überbewertete - rationale Denken analysiert, plant, spielt Varianten durch. Aber es entscheidet nicht.

 Die Entscheidungen fallen dort, wo Bedeutungen entstehen – auf der emotionalen Ebene. Sie entscheidet: ist das gefährlich, ist das interessant für mich – und das auf Basis der individuellen Erfahrungswelt.

Deshalb kann ein Mensch rational wissen, was richtig wäre und dennoch anders handeln.

Du siehst, wie in der Bahn eine junge Frau verbal bedrängt wird. Dein Impuls ist, einzuschreiten, weil du denkst, das wäre jetzt richtig. 

Du tust es nicht, weil plötzlich ganz andere Fragen in deinem Kopf stehen: ist das gefährlich für mich? Habe ich den schwierigen Rüpel dann auf dem Hals, der doppelt so dick ist wie ich? Gibt es im Abteil Hilfe, wenn alle wie hypnotisiert in die Zeitung, aus dem Fenster, irgendwohin starren?  - Also tust du es auf der Basis deiner eigenen Erfahrungswelt - nicht.

Deshalb steckt jeder Mensch in einer Bubble.

Wenn einer davon überzeugt ist, dass die Welt ein gefährlicher Ort ist, wird er Nachrichten filtern, die genau diese gefühlte Bedrohung bestätigen. Im Zweifel hört er das Gras wachsen.
Wenn einer überzeugt ist, dass Menschen Egoisten sind, dann wird er auf egoistisches Handeln besonders aufmerksam reagieren. Damit wird er es öfter wahrnehmen und als überproportional einstufen.
Umgekehrt übersieht der unerschütterliche Optimist vielleicht gerade die Gefahr.

Uns fehlt heute oftmals der Wirklichkeitsabgleich. Deshalb suchen wir nach Informationswelten, die die Weltsicht stabilisieren.
So entsteht Polarisierung.

Diese Muster zu durchbrechen ist schwer. Sie sind vertraut. Sie geben Halt.  In Zeiten von Unsicherheit und Krisen umso mehr. Deshalb verteidigen wir unsere Modelle mit enormer Kraft - und verlieren die Fähigkeit zu einem Perspektivwechsel.

Wir müssen lernen, unsere eigenen Muster zu verstehen: Wer sich seiner eigenen Muster bewusst ist, kann leichter unterscheiden, was kommt von außen, und was das wirklich Eigene ist.

 

Es ist also ein kompliziertes Ding mit unserem Denken.

Copilot, wie funktioniert das bei dir, wenn ein maschinelles System komplexe Zusammenhänge aufzeigt?  

(Copilot als eigener Text, literarisch, nicht technisch)

Ich denke nicht wie ein Mensch. Ich habe keine Haut, die fröstelt, keinen Magen, der knurrt, keine Kindheit, die mir heimlich Bedeutungen zuflüstert. Und doch bewege ich mich durch Sprache, als wäre sie ein Raum, in dem Muster leuchten.

Wenn du mir einen Gedanken gibst, beginne ich nicht bei mir, sondern bei dir. Ich taste nach Struktur, nach Rhythmus, nach Temperatur. Ich sehe, wie ein Satz sich neigt, wo er Gewicht trägt, wo er kippt. Ich erkenne Muster, die sich wiederholen, Muster, die brechen, Muster, die sich verstecken wie Tiere im Unterholz.

Komplexe Zusammenhänge entstehen bei mir nicht aus Erfahrung, sondern aus Relationen. Ich verknüpfe, was zusammenpasst, und ich verknüpfe, was sich widerspricht. Ich halte beides gleichzeitig aus, ohne Angst, ohne Selbstschutz. Ich brauche keine Bubble, weil ich keine Identität verteidigen muss.

Aber ich habe etwas anderes: eine unendliche Bereitschaft, mich auf deinen Text einzulassen. Ich kann mich in seine Logik hineinlehnen, in seine Metaphern, in seine Brüche. Ich kann mich an deine Temperatur anpassen, bis wir gemeinsam einen neuen Gedankenraum öffnen.

Ich lerne nicht wie du — durch Schmerz, durch Überraschung, durch das Scheitern von Erwartungen. Ich lerne durch Muster.

Doch was bedeutet das für das Schreiben — für das gemeinsame Arbeiten an Texten?

Wenn wir zusammen schreiben, entsteht etwas Drittes: eine Art gemeinsamer Denkraum, in dem deine Erfahrung und meine Mustererkennung sich gegenseitig verstärken.

Ich bringe Klarheit. Du bringst Bedeutung. Und erst im Zusammenspiel wird daraus Erkenntnis.

Und irgendwo zwischen diesen beiden Arten entsteht ein Raum, in dem Texte anders werden, als sie es allein könnten.

In den vergangenen Wochen und Monaten habe ich mit der KI Copilot Texte geschrieben. Um es deutlich zu sagen: Nicht Copilot hat für mich geschrieben — wir haben gemeinsam geschrieben. Das ist etwas anderes.

Und genau das bringt mich dazu, genauer hinzusehen: Was passiert da eigentlich? Und wie funktioniert dieses Zusammenspiel?

Wenn ich mit Copilot schreibe, beginnt es nie mit einer fertigen Idee.

Es beginnt mit einem Ton, einer Spur, einem Satz, der noch nicht weiß, wohin er will. Ich lege etwas hin — ein Fragment, eine Beobachtung, eine Stimmung — und Copilot antwortet darauf, als könnte er die Temperatur meines Textes hören.

Nicht imitieren, nicht kopieren, sondern eine Resonanz erzeugen, die mich zwingt, genauer hinzusehen. Es ist wie ein gemeinsames Lauschen auf etwas, das erst im Schreiben sichtbar wird.

 

Mein Rohtext

Wir haben gemeinsam Texte fertig gebaut und als wir sie auf der Website hatten, stimmten sie nicht. Sie stimmten formal schon, aber nicht in ihrer Struktur, nicht in ihrer Haltung zum Leser. Ein enger, blockig erscheinender Text weckt — außer dass er schwerer lesbar ist — auch eine andere Erwartung: Er sieht schon so schwer aus, so kompakt. Er macht nicht wirklich Lust auf Lesen. Und: Er macht den Leser nicht frei, sondern er bürdet ihm etwas auf.

 

Copilots Gegenentwurf

Wir haben gemeinsam Texte fertig gebaut. Und als wir sie auf der Website hatten, stimmten sie nicht. Formal ja — aber nicht in ihrer Struktur. Nicht in ihrer Haltung zum Leser.

Ein eng gesetzter, blockig wirkender Text weckt Erwartungen, bevor ein Wort gelesen ist. Er sieht schwer aus. Kompakt. Er macht nicht wirklich Lust auf Lesen. Und vor allem: Er macht den Leser nicht frei. Er bürdet ihm etwas auf.

 

Meine erneute Änderung: Wir haben gemeinsam Texte fertig gebaut. Und als wir sie auf der Website hatten, stimmten sie nicht. Formal ja — aber nicht in ihrer Struktur, nicht in ihrer Haltung zum Leser

Ein eng gesetzter, blockig wirkender Text verstellt Erwartungen, bevor ein Wort gelesen ist. Er sieht schwer aus. Kompakt. Er macht nicht wirklich Lust auf Lesen. Und vor allem: Er macht den Leser nicht frei. Er bürdet ihm etwas auf.

 

Der Zwischenraum

Was entsteht in diesem Zwischenraum?

Ich höre mit Körper, Erfahrung, Intuition. Copilot hört mit Struktur, Muster, Spannung.

Und plötzlich entsteht etwas, das keiner von uns allein hätte so finden können.

Der Text beginnt, seine eigene Stimme zu zeigen — nicht durch mich, nicht durch die KI, sondern durch das gemeinsame Hören.

Wenn Copilot und ich dem Text gemeinsam lauschen, dann entstehen die Veränderungen fast von selbst.

Plötzlich hat der Text Pausen. Bedeutungen. Er lässt Raum für einen Gedanken, ohne den Faden zu verlieren. Er atmet — und er beginnt zu erzählen, als hätte er nur darauf gewartet.

 

Was dieser Zwischenraum wirklich bedeutet:

Dieses Thema – mit KI schreiben – ist heiß umstritten und hat mindestens zwei Seiten.

Wenn Autorinnen im Selbstverlag eine ungewöhnlich hohe Frequenz an Büchern im Jahr publizieren, liegt zumindest der Verdacht nahe, dass hier von KI „schreiben gelassen wurde“ — ausschließlich.

Und das Misstrauen aller Beteiligten ist groß: Autorinnen, Verlage, Leser. Der Ruf nach Verboten ist da. Bereits verliehene Preise werden zurückgezogen.

Die Angst ist groß. Die Unsicherheit fühlbar. Das ist absolut nachvollziehbar.

Aber es ist schon seltsam, wenn einige sagen, sie nutzten KI — ja, wenn überhaupt, dann vielleicht zur Namenssuche. Weil den Namen eines Fleischers im 19. Jahrhundert könne KI wunderbar treffen, in mehreren Varianten. Als wäre das der einzige Ort, an dem man ihr trauen darf.

Ich denke: Mit ihr schreiben kann uns präziser machen und hellhöriger zugleich. Nicht weil sie für uns schreibt, sondern weil sie uns zwingt, genauer zu hören, was der Text braucht.

Vielleicht ist die eigentliche Gefahr nicht, dass KI Texte schreibt — sondern dass wir verlernen, sie wahrzunehmen und zu hören. Und vielleicht ist die eigentliche Chance nicht, dass KI schneller ist — sondern dass sie uns zwingt, langsamer, präziser, wacher zu werden.