Der Resonanzraum:

Eine überforderte Gesellschaft — Splitter aus einer Zeit, die keine Antworten hat

Miniaturen halten einen Moment fest.
Sie erklären nichts.
Sie öffnen kleine Räume, in denen Zeit anders fließt.

 

Kapitel 1 — Überforderung im Alltag: leise Risse

 

Marielle

Ein schicker Kinderwagen, überladen mit Rasseln, Blinkern, Geräuschen. Alles dreht sich, alles piept. Und ich denke: das arme Kind.

 

Frau Meyer

„Ich verkauf Brötchen, aber ich sehe jeden Tag, wie die Republik bröckelt – nicht in Schlagzeilen, sondern in Gesichtern.“

 

Amanda

Bestnoten in Kulturwissenschaft. 80 Bewerbungen, keine Antwort. Jetzt sitzt sie bei Netto an der Kasse und schreibt nach Feierabend Artikel für eine Zeitung. War Bildung ein Versprechen oder nur ein schöner Satz.

Kapitel 2 – Überforderung im Öffentlichen: laute Verschiebungen

 

Schüler am Stromkasten

Ein handgemaltes Plakat am grauen Kasten: „Wir wehren uns.“ Schüler, die nicht in eine Zukunft marschieren wollen,
die andere für sie entwerfen. C. sagt leise: „Jungs, ich bin mit euch.“
Und in der Zeitung steht, dass der Verfassungsschutz diese Demos beobachtet.

 

Der „militärische Spaziergang“

Ich spüre dieses Zucken, wenn ich höre, mit welcher Leichtfertigkeit von kurzen militärischen Spaziergängen gesprochen wird —
als ließe sich ein Krieg planen wie ein Ausflug. Vielleicht ist es dieses Missverhältnis, das mich erschreckt: die Illusion der Kontrolle
und die Wirklichkeit der Unkontrollierbarkeit.

 

 

Gregor

Gregor hat die Kündigung vor sich nach 25 Jahren Berufserfahrung. Seine Firma, ein Autoteilezulieferer, macht Schluss.
Gregor ist 45 – zu jung für die Rente, auch wenn ihm die Abfindung gefällt – und zu alt für ganz neue fremde berufliche Perspektiven.
Michael,
der die Kündigung schon vor Monaten bekam, fängt morgen in der Rüstungsindustrie an.
Er strahlt und sagt: „Gregor, das sind nur größere Autos und die Kohle stimmt.“ Gregor grübelt …

 

Kapitel 3 — Überforderung im Inneren: das, was wir nicht aussprechen

 

Herr Schuster

Der alte Mann lebt allein. Seine Kinder sind verstreut. Seine Frau ist tot – lange schon.
Niemand, der fragt: „Wie geht es dir?“ Abends spät treffe ich ihn im Fahrstuhl. Er schwankt leicht, hält einen Stoffbeutel,
aus dem es klappert. Nachschub aus dem Späti an der Ecke. Er wirkt, als würde er sich an irgendetwas festhalten,
das schon lange fehlt. - Ich wünsche ihm einen schönen Abend. Es klingt falsch.

 

 

Frieda

Sie ist über achtzig. Manchmal liegt sie morgens im Bett und fragt sich: „Muss ich aufstehen.“ Es gibt Tage, da hat sie zu nichts Lust.
Dann sitzt sie auf dem Bettrand und vergisst für einen Moment, wo sie ist.

Früher lief der Fernseher den ganzen Tag. Heute lässt er sie kalt. Mit ihrem Sohn hat sie nur noch wenig Kontakt.
Alle paar Wochen meldet er sich kurz. Die jungen Leute haben mit sich zu tun, denkt sie.

Noch schafft sie alles allein: einkaufen, abwaschen, staubsaugen. Aber es dauert länger. Immer länger.

Sie öffnet kaum noch Post. Es schreibt sowieso keiner, den sie kennt. Sie stopft die Umschläge in die Schublade der Anrichte
und denkt: Wenn einer etwas von mir will, soll er zu mir kommen. Es klingt fast trotzig.

 

 

Judith

Eine frühere Freundin hatte es einmal gesagt: „Judith, du wirst dich irgendwann verlieren. Du kennst keine Grenzen.“
Damals hatte Judith gelacht. Sie hielt sich für belastbar, für unersetzlich. Sie arbeitete wie für sich selbst.
Und die Firma ließ sie gewähren. Es schmeichelte ihr, gebraucht zu werden.

Feierabend kannte sie nicht. Wenn das Bürohaus geschlossen war, saß sie zu Hause weiter am Laptop.
Ihr Freund hatte es nicht akzeptieren wollen und war gegangen. Das Ziehen, das blieb, stopfte sie zu mit Arbeit.

Heute sitzt sie dem Personaler gegenüber. Umstrukturierung. Ein Drittel der Belegschaft muss gehen. Auch sie.
Der Satz trifft sie wie ein Schlag.

Zu Hause sitzt sie am Küchentisch. Sie kann nicht denken. Nicht fühlen. Sie starrt aus dem Fenster. Nur ein hohler Klang,
ein Laut gewordener reißender Schmerz — ein Riss, als würde etwas in ihr auseinanderbrechen

 

 

 

 

 

 

 

Drei Stimmen, drei Räume. Sie bleiben im Ohr, auch wenn sie verstummen.

Diese Form hat Verwandte — bei Ernaux, bei Illies.
Andere Räume, die sich öffnen.

 

 

Literatur:

Florian Illies „Liebe in Zeiten des Hasses“, S. Fischer
Annie Ernaux „Eine Frau“, aus dem Französischen von Sonja Finck, Suhrkamp

 

 

 

 

 

 

Der Raum der Stimmen