Die Kunst der Tarnung – Das Niemandsland der Künstler
Spuren im Schnee
Es gibt eine Zone, die in keinem Atlas verzeichnet ist:
Das Niemandsland der Künstler.
Musiker, Maler, Modemacher – wie die Sybille-Leute im Osten –
sie lebten zwischen den Systemen, zwischen den Zeilen.
Nicht gefeiert, aber anders.
Ich denke oft: Ihre Werke sind wie Spuren im Schnee.
Nicht für den Ruhm gemacht, sondern für das Leben.
Und manchmal fragt Ella sich:
Wer schreibt ihr Arbeitsjournal?
Ein Gitarrist im Teppichladen.
Zwischen Persern und Polypropylen. Er lächelt Kunden an, zeigt Knotenarten, verkauft Teppiche mit dem Charme
eines Bühnenmenschen.
Abends spielt er. In Kellern, auf Bühnen, bei Proben. Sein Herz schlägt im Takt, nicht im Verkauf.
Er ist nicht allein.
Maler, die als Hausmeister arbeiten.
Bildhauer, die Regale montieren.
Musiker, die tagsüber schweigen, um nachts laut zu sein.
Denn im Osten galt: Fest angestellt oder gar nicht. Frei arbeiten?
Das hieß: frei von Einkommen, frei von Absicherung – aber nicht frei von Sehnsucht.
Und immer in der Panik vor dem „Asozialen“-Paragraphen – je nach politischer Wetterlage, konnte nämlich auch im Knast landen,
wer keiner "ordentlichen" Arbeit nachging. Da konnte schon ein netter Nachbar ausreichend sein.
Aber es gab auch den umgekehrten Weg: wer unliebsam aufgefallen, wurde zur Bewährung in die Produktion geschickt.
Und das galt quer durch alle Kunstgenres. Sie waren die wirklichen Grenzgänger im Land.
Die Malerin im Museum.
Sie war Malerin. Aber nicht im Verband. Und wer keinem Verband angehörte, gehörte offiziell zu niemandem. Also saß sie im
Museum. Stundenlang. Nicht um zu lernen, sondern um zu überleben. Ein schmaler Lohn für stilles Dasein.
Zwischen Gemälden, die sie nie hätte malen dürfen. Zwischen Besuchern, die sie nie hätte ansprechen sollen. Sie war da –
sichtbar und doch getarnt. Die Kunst war ihr Beruf, aber nicht ihre Beschäftigung.
Denn im Osten galt: Ohne Verband kein Auftrag. Ohne Auftrag keine Anerkennung. Ohne Anerkennung kein Leben als Künstlerin.
Gerd Schönfeld – Friedhofsgärtner und Dichter
Berliner Junge, hochintelligent mit einem irreparablen Schaden auf sein Sprachzentrum – er stotterte – manchmal gottserbärmlich.
Er war seit Jahren trocken – wir brauchten einen Musiker – er war klassisch ausgebildet und sympathisch – also kriegte er einen Vertrag – Zeit zum Verschnaufen. Er war da – sichtbar und doch getarnt.
Als alles zu Ende war, wurde er wieder Friedhofsgärtner und schrieb vor seinem Tod noch ein Büchlein: was für ein Schatz! – Gerd Schönfeld „Schackelstern“, BasisDruck 2013
Die Ästhetik der Opernbühne ändert sich fundamental – Ella sieht Ende der 70iger – Anfang der 80iger im Fernsehen –
also noch mal gefiltert durch ein anderes Medium - eine „Brünhild“-Aufführung vielleicht aus Salzburg, vielleicht auch von anderer internationaler Bühne …
Das war krass: – Spitze, gratige Felsenlandschaft. – Kalt. Hart. Karg. Unbarmherzig. Und die Landschaft dazwischen so offen.
Die Kostüme zeitlos. -
Vor diesem Hintergrund kein Platz mehr für Winkelzüge, diplomatische Floskeln. – Dort landen Gunter und Siegfried
und es wird verdammt schwer Brünhild zu besiegen. – Es gelingt nur durch finsteren Betrug.
Unglaublich intensiv, wie die Stimmen der Sänger mit dieser Szenerie verschmolzen in einer Klarheit, die selbst die kulturellen
Unterschiede der Protagonisten nicht leugnete.
Es war sowieso die Zeit des Fließens: das Tanztheater Pina Bausch mit ihrer völlig anderen Vorstellung von Ballett und Körperlichkeit.
Die Oper, die sich aus ihrer jahrzehntelangen Bräsigkeit erhebt zu etwas lustvoll Neuem. Ernste Musik und Unterhaltungsmusik
schwappen ineinander – vielleicht die kreativste Zeit am Ende des letzten Jahrhunderts.
Als C. kommt, läuft ihm die Fama voraus