Die Illusion.

Man war sicher: Drei Wochen, höchstens. Ein Spaziergang. Ein Sommerabenteuer gegen Frankreich.

Die Jungen lachten, die Mütter weinten, die Väter nickten ernst.

 

 

Die Feldpost übernahm die Liebesschwüre, zart, kindlich fast: Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt

mich, er liebt – m – i – c – h – n – i – c – h – t – … Als wäre der Krieg ein Blumenorakel.

 

 

Und darunter, kaum hörbar, ein Lied, das alle kennen.

Ein Lied von einer Laterne vor der Kaserne, von zwei Schatten, die wie einer aussehen. 

Von einem Wiedersehen, das man sich herbeisingt, weil man sonst nicht gehen könnte. 

Ein Lied, das Sehnsucht verspricht, Treue, Rückkehr, ein späteres Wiederfinden.

Ein Lied, das stärker ist als Mut und weicher als Angst. 

Ein Lied, das die Jungen im Marschgepäck tragen und die Mädchen im Kopf, wenn sie abends allein am Fenster stehen. 

Ein Lied, das sagt: Er kommt zurück. Er muss zurückkommen.

 

 

 

 

Der Spaziergang dauerte vier Jahre

Was wie ein Abenteuer klang, wird zum Abgrund.

 

 

Vier lange Jahre, die alles fraßen. Vier Jahre, die aus Jungen alte Männer machten. Vier Jahre, die aus

Familien Ruinen machten. Vier Jahre, die aus Europa ein Massengrab machten.

 

 

 

 

Verdun – die Wunde

 

 

Das Schlachtfeld verwandelte sich in wenigen Wochen in eine Landschaft, die nicht mehr Erde war, sondern Wunde. 

Krater neben Krater. Wälder, die nur noch aus Stümpfen bestanden.

Eine Geräuschkulisse, die nicht mehr Klang war, sondern Dauer.

Tagelang Bombardierung. Einschläge, die Erde in die Luft schleuderten,

Soldaten lebendig begruben, und die Toten wieder aus ihren Gräbern rissen.

 

Der Boden selbst wurde zum Feind. Der Himmel auch.

 

Im Westen nichts Neues.

 

 

 

 

Und dann kommt der Postbote.

Er wird misstrauisch beäugt. Niemand läuft ihm mehr entgegen.

Man hofft, er geht vorbei, dass er heute nur Rechnungen bringt, nur irgendetwas, das nichts bedeutet.

Aber er bleibt stehen. Immer bleibt er irgendwann stehen.

Ein Umschlag. Ein Blick. Kein Trost.

Und dann bleibt ein Küchenstuhl für immer leer.

Das Lied verstummt. Die Sehnsucht auch. Nur die Stille bleibt.

  

 Die Straße geht weiter — aber anders.  - Natürlich geht sie weiter.

Sie kennt keine Trauer, keine Namen, keine Küchenstühle. 

Sie trägt die Menschen, die noch da sind, und sie schweigt über die, die fehlen.

 

Es sind immer die anderen, die eingezogen werden.

Immer die Söhne der Nachbarn, die Brüder der Kollegin, die Jungen vom Bäcker,
die Lehrlinge aus der Werkstatt.

Man sagt: „Der Junge von gegenüber…“ Man sagt: „Der Sohn der Müllers…“ Man sagt: „Der Neffe vom Schuster…“

Man sagt es leise. Ansteckend.

 

In den Häusern der Gefallenen bleibt es still. 

Die Fensterläden schließen sich früher. Die Klingel wird leiser gedreht. Der Flur riecht nach kaltem
Kaffee und nach Warten.

Der Küchenstuhl bleibt leer, aber er bleibt sichtbar, als müsste er bezeugen, dass hier einmal jemand saß.

Die Nachbarn gehen langsamer an diesen Türen vorbei. Man grüßt kürzer. Man spricht weniger.
Man weiß, dass jedes Wort falsch wäre.

Die Stille bleibt nicht in den Häusern. Sie tritt hinaus.

 

 

 

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Die Farbe Schwarz. 

Das Straßenbild ändert sich. Nicht plötzlich. Nicht wie ein Ereignis. Sondern wie ein Einsickern.
Zuerst ein Schleier. Dann ein Mantel. Dann ein Hut. Dann ein ganzer Hausflur. 

Schwarz taucht auf. Kein Stil. Ein Zeichen.

Ein stilles, schweres Zeichen, das sagt: Hier fehlt jemand.

Hier wird jemand nicht zurückkommen.

Hier hat der Postbote gestanden.


Und die Straße nimmt diese Farbe an, ohne dass jemand es beschließt. Sie wird dunkler, gedämpfter, langsamer.

Die Straße geht weiter — aber sie trägt jetzt Last.              

 

Sie trägt die Frauen in Schwarz. Sie trägt die Kinder, die nicht verstehen. Sie trägt die Männer, die nicht darüber reden.

Sie trägt die Stille, die aus den Häusern dringt. Sie trägt die Namen, die nicht mehr gerufen werden.

Die Straße geht weiter. Aber sie geht nicht mehr leicht.  

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Die Heimkehr der Kriegsversehrten.

Sie kommen zurück. Mit dem Leben davongekommen, sagen die Leute. Aber das stimmt nicht.
 
Sie kommen zurück, aber nicht mehr ganz. Nie mehr ganz. 

Ohne Arm. Ohne Bein. Mit einem Gesicht, das man nicht mehr erkennt. 

Mit Augen, die zu viel gesehen haben und nichts mehr sehen wollen. 

Von den Verwerfungen der Seele redet niemand. Man hat dafür keine Worte. Man hat dafür keinen Platz. 

Man hat dafür keine Geduld.

 

 

Mancher wünscht sich, er wäre dortgeblieben, bei den Freunden, die jetzt in kalter Erde liegen und
wenigstens nicht mehr frieren müssen.

Die Nachbarn sind überfordert. Sie wissen nicht, wohin sie schauen sollen. Es ist ihnen peinlich, als hätten sie
selbst etwas falsch gemacht.

Sie sagen Sätze wie: „Sei froh, dass du lebst.“ „Andere hat’s schlimmer erwischt.“ „Wird schon wieder.“

Aber es wird nicht wieder.

Und seine Mutter weint nur. Nicht laut. Nicht dramatisch. Sie weint so, wie man atmet: unaufhörlich, leise, notwendig.

 

 

Sie sind die ersten, die die soziale Härte spüren.

Mit dem Leben davon gekommen, sagen die Leute. Aber das Leben reicht nicht. Die Rente ist ein Almosen.
Ein Formular. Ein Stempel. Ein Gutachten, das sagt, dass der Verlust eines Beins „teilweise erwerbsgemindert“ bedeutet.

 

Also stehen sie auf der Straße. Mit einem Hut. Mit einem Stumpf. Mit einem Blick, der zu viel gesehen hat. 

Die Nachbarn gehen schneller vorbei. Es ist ihnen peinlich. Es ist ihnen unangenehm.

Es ist ihnen zu nah.

 

Sie stehen da, und ihr bloßes Dasein ist schon ein Vorwurf. Nicht, weil sie etwas sagen. Sondern weil sie zeigen,
was alle wissen und keiner sehen will. 

Und sie sind nicht die Einzigen. An jeder Straßenecke stehen welche. Auf jedem Hof. In jeder Familie.

 

Die Republik ist voll von Männern, die aus der Zeit gefallen sind.

Und voll von Menschen, die nicht wissen, wohin mit ihnen – oder mit sich selbst.