Die Erbschaft der Selbstbehauptung

Ich suche Beziehungen ohne Übergriffigkeit.
Beziehungen ohne Oben und Unten.
Beziehungen, in denen Verantwortung nicht ausgenutzt wird.
Ich lasse mich nicht in Rollen schieben, die mir nicht gehören.
Ich lasse mir nicht erklären, was ich fühlen soll, denken soll, wollen soll.
Selbstbehauptung heißt: Ich nehme mir das Recht, meine Beziehungen zu wählen.
Nicht nach Loyalität, nicht nach Tradition, nicht nach Pflicht — sondern nach Augenhöhe.
Selbstbehauptung heißt: Ich lasse mich nicht instrumentalisieren. Nicht von Systemen. Nicht von Erwartungen.
Nicht von Menschen, die Macht mit Nähe verwechseln.

 

 

 

 

 

 

Es ist Herbst.

Im Laden stehen die Pfützen von abgetropften Schuhen und Pelerinen. 

Käthe holt Eimer und Wischlappen. Sie summt einen Ohrwurm aus dem Radio.

Da geht die Tür. Beim Anblick des Eintretenden strafft sie sich. Sie begrüßt ihn nicht. Sie fragt ihn nicht nach seinen Wünschen.

Sie richtet sich auf. Sie räuspert sich. Und sagt:

„Ich möchte nicht, Herr Abraham, dass Sie hier weiter einkaufen. Ich werde sie nicht mehr bedienen.“ – Stille.

 

Der Angesprochene verlässt ohne ein Wort das Geschäft. …


Käthe schaut ihm nach. Nur einen Atem lang. Dann senkt sie den Blick.

Hans sitzt in seinem Büro. Er hat es gehört. Er sagt nichts

 

Der Regen klopft an die Scheiben.

 

 

 

 

Ernst ist sechzehn.

Der Stall ist sein Ort, mehr als die Küche, mehr als das Feld. Hier riecht es nach warmem Atem, nach Heu, nach dem ruhigen,
schweren Leben der Tiere.

Die Kühe stehen dicht beieinander, ihr Schnauben füllt den Raum wie ein langsamer Takt. Ernst zieht den Melkschemel heran,
setzt sich, legt die Stirn kurz an die Flanke der Kuh. 

Das macht er immer, bevor er beginnt. Nicht aus Sentimentalität, sondern weil es ihn sammelt.

Die Kuh ist warm, verlässlich, ein Tier, das nichts fordert, außer Futter und Ruhe. Er melkt gleichmäßig, ohne Hast.

Seine Hände wissen, was sie tun. Er redet nicht viel, aber manchmal murmelt er den Kühen etwas zu, halbe Sätze,
die niemand sonst hören soll.

Draußen hört man Schritte. Fritz, schwer, bestimmt. Ernst weiß, was das bedeutet. Seit Wochen reden die Männer im Dorf über
Einberufungen. Über Listen. Über Jahrgänge. Über Jungen, die plötzlich Männer sein sollen.

Fritz bleibt in der Tür stehen. Er sagt nichts. Er schaut nur zu, wie Ernst arbeitet. Ein Junge, der schon die Bewegungen
eines Mannes hat, aber nicht die Härte.

„Du machst das gut“, sagt Fritz schließlich. Ernst nickt, ohne aufzusehen.

Die Kuh schnaubt leise. Der Eimer füllt sich. Der Morgen ist wie immer.

 

Und doch hängt etwas in der Luft, das nicht hierhergehört.  

 

 

 

 

Hans und Käthe sind beide im Geschäft.

Die Verkäuferin hat sich krankgemeldet. Hans ist heute besonders gereizt. 

Der Lieferant hat nur die Hälfte der Bestellung geliefert. 
Und dazu noch eine Eintragung ins Heft von beiden Mädels: sie hätten sich beide bei einer Rangelei auf dem Schulhof beteiligt. 

Das wird ja immer schöner. Hans greift durch.

Die Mädels sollen jetzt 3 Schulheftseiten schreiben: Ich darf mich in der Schule nicht prügeln.

Die Beiden sitzen vor ihren Heften. Draußen scheint die Sonne verlockend. Rosa will fertig werden. Sie hat schon eine Seite runter. 
Aber Elisabeth ist tottraurig und nichts geht vorwärts.

Da nimmt die Rosa Elisabeths Heft und zeigt ihr, wie es schneller geht – sie schreibt erst „Ich“ auf jede Zeile der Seite. 
Dann „darf“, dann „mich“ … so schreiben sich die Wörter schneller und man muss nicht über den Sinn grübeln…

Den Rest managt die Rosa. Sie legt dem Papa die Hefte vor und weiß, dass er zufrieden sein wird.
Käthe prüft die Kleiderordnung, streicht den beiden übers Haar und dann geht’s endlich raus.

 

 

 

 

Der Morgen ist kühl.

Ein dünner Nebel liegt über dem Hof. Ernst ist im Stall, wie immer. Die Kühe schnauben warm, der Eimer füllt sich gleichmäßig.
Es ist ein Morgen wie viele — und doch nicht.

Fritz steht draußen vor der Stalltür. Die Hände tief in den Taschen. Er weiß, was heute kommt, aber er tut so, als wäre es
ein gewöhnlicher Tag. Er schaut auf den Boden, auf die Spuren der Stiefel im Sand.

Marie kommt aus der Küche, das Tuch über die Schultern gelegt. Sie wirkt ruhig, fast streng. Sie sagt nichts über den Abschied.
Sie sagt nur: „Er soll noch was essen.“ Ihre Stimme ist fest, nicht hart.

Fritz tritt in den Stall. Ernst schaut kurz auf, lächelt ein kleines, unsicheres Lächeln. „Ich mach das noch fertig“, sagt er.

„Ja“, sagt Fritz. „Mach.“

Er lehnt sich an den Türrahmen. Nicht, um etwas zu verhindern. Nur, weil er nicht weiß, wohin mit seinen Händen.
„Die sollen mal die Finger von den Jungen lassen“, murmelt er.

Marie steht jetzt in der Tür. Sie schaut die beiden an, erst den Mann, dann den Jungen. „Komm rein“, sagt sie zu Ernst.
„Du musst noch was essen.“ 

Ernst nickt. Er stellt den Eimer ab. Die Kuh schnaubt leise.

Fritz räuspert sich, als müsste er etwas sagen, findet aber keinen Satz, der passend wäre. 
Marie legt Ernst eine Hand auf den Rücken, ganz kurz.

 

Ab jetzt ist alles anders. Ernst ist Soldat.

 

 

 

 

Ein Amtsbrief liegt auf Hans’ Schreibtisch.

Er war heute Morgen in der Geschäftspost. 

Er soll sich am soundsovielten zu einer festgelegten Uhrzeit im Musterungsbüro vorstellen. Das sitzt wie ein Schlag
in die Magengrube.  Er muss sich erst sammeln. Wie soll er das Käthe und den Kindern sagen.

Abends entscheiden die Erwachsenen, dass die Kinder draußen bleiben.
Käthe hat Hoffnung. 
Hans ist schwer herzkrank. Das werden die Ärzte sehen. Und er ist Familienvater.
Es wird nur ein formaler  Schritt sein, sagt sie. Der Gang in dieses Musterungsbüro. 

Hans weiß im Moment gar nichts. Er wird hier gebraucht. Er kann nicht weg. Abwarten.

Der Tag ist da. Der Krieg läuft schon länger. Die Militärärzte haben die Aufgabe, Lücken zu schließen.

 

Herzkrank hin oder her — Hans ist tauglich.

 

 

 

 

Es ist wieder so weit.

Niemand fragt. Für Otto schon zum zweiten Mal in seinem Leben.

Diesmal werden Vater und Sohn einberufen. Otto und Kurt. Zwei Männer aus demselben Haus. 

Der Brief liegt morgens auf dem Tisch, grau, amtlich, ohne jedes Zögern.

Anna hält ihn in der Hand, als gehöre er nicht in dieses Haus.

Es ist schrecklich. Niemand kann sagen, ob, wann, wo und wie man sich wiedersehen wird.
Aber niemand sagt etwas.

Otto packt seine Sachen. Kurt steht daneben, stiller als sonst. Hans sieht zu, ohne zu verstehen.

Anna faltet die Hemden, legt sie in die Taschen, so ordentlich wie immer. Sie macht keine Szene.
Sie macht, was getan werden muss.

Als die beiden gehen, bleibt die Tür einen Moment offen. Dann fällt sie ins Schloss.

 

 

 

 

Die Kinder stürmen die Treppe hoch. 

Noch ganz verschwitzt vom Ausliefern und ein paar Pfennigen Trinkgeld.

Sie waren heute Nachmittag mit dem Wägelchen die Einkäufe ausliefern in der Siedlung bei Mutter Rasch, bei Holdingers und bei 
der netten Frau Schmidt.

Hans und Käthe sind im elterlichen Schlafzimmer. Hans packt seine Tasche: Unterwäsche, Socken, Hemden, Waschzeug,
Rasiermesser. Er legt noch ein Hemd obenauf. Käthe schließt seine Reisetasche ohne Worte.

Plötzlich stehen die Kinder im Raum. Rosa fragt: „Wo fährst du hin, Papa? Kann ich da mit?“

Die beiden Großen sehen sich stumm an. Hans Blick schweift aus dem Fenster. Käthe atmet tief ein.

Keiner antwortet.

 

 

 

 

Ein fahles Licht liegt über dem Hof, die Hühner scharren.

Marie öffnet das Küchenfenster, stellt den Wasserkessel  auf den Herd, schneidet Brot. Ihre Bewegungen sind ruhig.

Fritz ist draußen. Er geht über den Hof, prüft die Zäune, schaut nach den Pferden.

Er macht das jeden Morgen. Heute nicht anders.

Ernst ist nicht da. Der Stall ist leerer als sonst. Die Kühe stehen still.

Marie hört Fritz’ Schritte vor der Tür. „Die Pferde sind ruhig“, sagt er. „Gut“ sagt Marie.

Der Tag zieht sich. Marie fegt den Flur.

Fritz repariert ein lockeres Brett am Schuppen. Die Sonne kommt nicht richtig durch.


Am Nachmittag setzt sich Fritz auf die Bank vor dem Haus. Er schaut auf den Weg, der zum Dorf führt. Der Weg ist leer.
Marie bringt ihm eine Tasse Kaffee. Er nimmt sie. „Danke“, sagt er.

Sie bleibt stehen, die Hände an der Schürze. „Ein ruhiger Tag“, sagt sie. „Ja“, sagt Fritz. „Ein ruhiger Tag.“

Es ist der letzte, bevor der Brief kommt. Der letzte, bevor Fritz das Pferd sattelt und zu seiner Einheit reitet.

Der letzte, bevor der Hof zwei Männer weniger hat.

 

Heute ist es nur ein stiller Hoftag.