Aber ein anderer Ton setzt ein.
Ella möchte mit ihrer Freundin um 18 Uhr ins Kino gehen – die erste Abendvorstellung. Sie fragt ihren Vater.
Er würgt sie ab mit einem knappen: „Muss das sein.“
Der Kloß in ihrem Hals brennt heiß. Sein, muss gar nichts.
Ella geht. Nicht ins Kino. Sie geht mit ihrer Freundin zum Frauen Abendsport, nur um ein paar Stunden weg zu sein.
Ihre Freundin kann etwas, das Ella nicht kann: Sie kann ihrem Vater um den Bart gehen, schmeicheln wie ein Kätzchen, sich
zusammenrollen und gewinnen.
Ella ist dann sauer. Auf ihren Vater. Auf ihre Freundin. Auf sich.
Jetzt gehört die Küche nach dem Abendessen Ella. Der Küchentisch ist ihr Platz, ihr kleines Territorium in einer Wohnung, i
n der sonst alles seinen festen Ort hat.
Oben auf dem Tisch steht das kleine Radio, ein graues Kästchen mit Stoffbespannung, das schon bessere Tage gesehen hat.
Aber ab acht Uhr gehört es ihr.
Im Wohnzimmer läuft „Kuhlenkampf“ — für Ella zum Sterben langweilig. Stimmen, die alt klingen, bieder, mit einer Ernsthaftigkeit,
die sie nicht versteht.
Hier in der Küche aber beginnt etwas anderes.
Sobald die Hitparade startet, sitzt Ella kerzengerade. Jede neue Melodie, jeder Rhythmus, jeder fremde Klang trifft sie wie ein Funke.
Nicht, dass sie Englisch könnte. Den Slang schon gar nicht.
Aber man muss die Texte nicht verstehen. Die Musik legt im Körper eine andere Platte auf.
Wenn ihre Mutter in die Küche kommt, bleibt sie einen Moment stehen. Das Entsetzen in ihrem Gesicht ist echt — nicht böse, eher ratlos.
Diese Musik, dieses Wippen, dieses Leuchten in Ellas Augen: Es ist eine Welt, die sie nicht kennt.
Und trotzdem lassen sie Ella die Küche. Jeden Abend.
Weil sie spüren, dass es ihr Raum ist. Und weil sie ahnen, dass man gegen Musik nicht ankommt.
Für Fred dreht sich die Zeit schneller. Um ihre Wochenendeinnahmen zu legalisieren, müssen Bands jetzt Prüfungen ablegen,
um eine Lizenz zu erwerben.
Jochen ist ein wunderbarer Drummer mit einem absolut sauberen Gefühl für Rhythmus und Wechsel – aber Noten sind für ihn
eine völlig unbekannte Spezies.
Bei der Prüfung wird aber ein Theorieblock abgefragt werden, und Jochen ist damit die Schwachstelle der Band.
Fred hat sich etwas überlegt. Er zeigt ihm ganze, halbe, viertel, achtel Noten – geschrieben auf dem Notenpapier – und lässt
ihn den Rhythmus einer unbekannten Passage klatschen.
Erst danach fragt er: „Wie würdest du das trommeln?“
Jochen kriegt große Augen. Plötzlich hat er ein Bild vor sich. Und was noch besser ist: Er kann jetzt den Rhythmus selbst
bestimmen, so wie er die vollen Noten mit Sechzehnteln oder Achteln füllt.
Das ist – neben Können aus dem Handgelenk – Zählwerk. Mehr nicht.
Boah.
Die Prüfung wird ein Lacher. Selbst für Jochen.
Sie sitzen abends im „Schlösschen“ und feiern den Erfolg.
Sie dürfen sich jetzt ganz offiziell Unterhaltungsmusiker nennen – dabei gehen sie alle noch zur Schule. Jedenfalls für die
nächsten eineinhalb Jahre.
Prost.
Fred holt Fabian am frühen Nachmittag aus dem Kindergarten. Fabian stürzt ihm entgegen. Er freut sich, wenn Fred ihn abholt.
Christian wirkt oft so abwesend, wenn er kommt — das ist für Fabian schwieriger.
Aber Fred nimmt sich Zeit für ihn: beim Spielen, beim Schauen, beim Erklären.
Für heute hat er ihm den Spielplatz im Park versprochen, der ganz neu ist und kleine Schaukelpferde im Sand hat.
Und später wollen sie die Mama von der Arbeit abholen.
Fred ist stolz auf Fabian, dessen kleine schwitzige Hand in seiner ruht.
Stolz, weil er spürt, dass der Kleine ihn ansieht wie einen Papa.
Es ist Sommer in der Stadt.
Auf der Straße läuft ein bekanntes Gesicht: lange dunkelblonde Haare, weite bunte Hosen, ein knallrotes Hemd vor der Brust geknotet.
Nicht bekannt aus Ellas Stadt, sondern aus der Nachbarstadt, näher an Berlin.
Ella sieht, wie zwei Polizisten plötzlich hinter ihm auftauchen.
Als sie ihn stellen, legen sie ihm Handschellen an — am hellen Tag, für nichts.
Eine heiße Welle von Ohnmacht schießt durch Ellas Körper. Was sie sieht, ist nicht richtig.
Aber Aufbegehren ist gefährlich.
Die Polizisten eskortieren ihn zum Friseur. Dort verbannen sie ihn auf einen Stuhl, mit dem Satz in Richtung Meister: „Einen Haarschnitt.“
Der Friseur sieht perplex aus. Kundschaft im Polizeigriff hatte er noch nie.
Er fragt den jungen Mann, wie er die Haare denn möchte.
Der grinst — laut, unmissverständlich: „Glatze.“
Eine halbe Stunde später, wieder auf der Straße, ist er ein Held.
Die Jungen wissen alle, was gerade passiert ist.
Die Penne hat etwas Besonderes: Schulfunk.
Ein kleines Studio über dem Physikraum, zwei Mikrofone, ein Plattenspieler, ein Verstärker,
der manchmal brummt. In den Pausen laufen Grüße, Geburtstagswünsche, Durchsagen — aber eigentlich geht es um Musik.
Der Direktor ist dagegen. Zu viel Risiko, zu wenig Kontrolle, zu viele Erwartungen, die er nicht bedienen kann. Aber er ist nicht dumm.
Er weiß genau, welche Ventilfunktion er da in der Hand hat.
Ella merkt in jeder Pause, was gespielt wird. Sie merkt auch, wenn Sympathy for the Devil zu oft läuft — dann ist am nächsten Tag Schluss.
Und sie weiß, was dann passiert: Alle stehen im Hof, grölen, pfeifen, buuuuhen, bis es wieder losgeht.
Ein stiller Kampf um ein bisschen Luft.
Kurz vor den Sommerferien wird es besonders heiß. In der Tschechoslowakei bricht der Aufstand los — gegen Bevormundung, Kontrolle, staatliche Gewalt.
Als die sowjetischen Panzer rollen, liegen plötzlich im Klassenraum Unterschriftenlisten aus.
Solidarität mit den Tschechen. Viele Namen stehen schon drauf.
Ella spürt sofort, wie gefährlich das ist. Nicht für einen. Für alle.
In der Pause, als sie allein ist, nimmt sie die Liste. Sie verbrennt sie hinter der Turnhalle, zwischen zwei Betonplatten, wo niemand hinsieht.
Sie ist weg. Es hat sie nie gegeben.
Zu Beginn der nächsten Stunde: Taschenkontrolle. Mehrere Lehrer suchen. Sie finden nichts Ella sitzt still da. Ihr Herz schlägt bis in die Fingerspitzen. Aber ihr Gesicht bleibt ruhig..
Draußen läuft der Schulfunk weiter. Leise, wie ein zweiter Puls.
Fred wartet vor dem Lehrerzimmer. Die letzte Stunde ist vorbei, die Schüler strömen hinaus, der Flur leert sich.
Herr Penker kommt mit einem Stapel Hefte unter dem Arm.
„Herr Penker, ich wollte Sie etwas fragen“, sagt Fred.
Penker bleibt stehen, aber nur mit halbem Körper. „Jetzt gerade habe ich leider keine Zeit“, sagt er schnell. „Worum geht es denn?“
Fred holt Luft. Er will nicht überheblich wirken, nicht aufdringlich. „Ich überlege… ob ich mich für die Aufnahmeprüfung
im Fachbereich Klavier an der Musikhochschule bewerben soll. Das wollte ich gern mit Ihnen besprechen.“
Penker sieht ihn an. Ein kurzer Moment, kaum länger als ein Atemzug. In seinem Blick liegt etwas wie Erschrecken —
oder Respekt. Also, trauen tut er sich ja was, denkt er. Und was soll ich ihm sagen? Der Junge weiß mehr, als ich in meinem Studium
gehört habe. Und von der Praxis schweigen wir lieber.
Laut sagt er: „Fred, du weißt doch, dass ich dein musikalisches Können sehr schätze. Aber das ist eine Entscheidung, die du
vorrangig nur allein treffen kannst.“
Es klingt freundlich. Es klingt korrekt. Es klingt wie ein Satz, der nichts falsch machen will.
Fred nickt. Er steht einen Moment unschlüssig, als hätte er etwas erwartet, das nicht gekommen ist. Dann bedankt er sich,
höflich, fast zu höflich.
Auf dem Weg die Treppe hinunter denkt er: Vielleicht fühlt er sich mir unterlegen. Aber das ist nur ein Gefühl…
Und er geht weiter, die Hand am Geländer, mit einer Mischung aus Klarheit und Einsamkeit, die niemand sieht.
Fred ist nach dem Gespräch mit Penker ernster, konzentrierter. Er steuert seine Bewerbung jetzt entschlossen und gezielt an.
Sein tägliches
Übungspensum ist enorm. Jeden Tag von 15 – 18 Uhr. Pause. 19 – 22 Uhr, wochenlang.
Christian und Fabian müssen das aushalten. Manchmal schleicht sich Fabian ganz leise ins Arbeitszimmer und beobachtet
Fred beim Spielen. Er versinkt in den tiefen Polstern fast – aber er mag hier gern sitzen.
Immer wieder Tonabfolgen üben. Immer wieder die Hände mit dem Körper in Einklang bringen.
Immer wieder Lauschen auf das, was die Töne erzählen über das Werk, über ihn …
Er frisst sich an der Beethoven Sonate fest, im dritten Satz – immer an der gleichen Stelle.
Manchmal gibt es kleine Erfolge, winzige Fortschritte, in denen er Erleichterung spürt.
Aber es ist Hardcourt.
Er würde jetzt gern mit seinem alten Klavierlehrer sprechen, der nicht mehr am Leben ist.
Manchmal glaubt er, ihn sogar im Raum zu spüren. Mit seiner ruhigen Art, ihm die rechte Hand aus der Luft zu führen.
Manchmal legt er die Hände nur auf die Tasten, ohne zu spielen, einfach um den inneren Lauf der Töne zu spüren.
Als zweites Übungsstück hat er sich für „Lieder aus dem Schubert-Zyklus“ entschieden.
Auch die haben es in sich. Aber sie sind ihm näher. Sein Verstehen setzt sich besser
in die Hände um.
Sie erfreuen ihn beim Spielen. Sie sind seine Erholungspunkte. Dann kann er an sich glauben.
Fred sitzt am Klavier. Die Beethoven‑Sonate liegt offen, die Seiten schon weich vom vielen Umblättern.
Er spielt die gleiche Passage zum zwanzigsten Mal, vielleicht zum dreißigsten. Die Finger sind müde, aber er spielt weiter.
Aus der Küche dringt ein leises Klirren. Dann das Schlagen eines Schneebesens. Ein rhythmisches Rühren, das sich mit den
Takten mischt, die er gerade nicht trifft.
Marie‑Luise bäckt den Puddingkuchen. Den, den die Jungen so mögen. Den, der immer gelingt.
Der Duft breitet sich langsam aus, erst im Flur, dann im Wohnzimmer, dann bis zu Freds Platz am Klavier.
Er merkt es kaum, erst als er die Hände kurz sinken lässt und tief einatmet.
Es ist ein warmer Atem, der ihn durchströmt. Nicht laut, nicht tröstend, nicht erklärend. Nur warm.
Er spielt weiter. Die Stelle gelingt ein wenig besser.
Vielleicht, weil er plötzlich nicht mehr so verkrampft ist.
Nicht jeder Traum wird wahr. Nicht jede Welt lässt dich hinein