Der Literaturraum
Alfred Döblin
Ein tiefer, vibrierender, fast körperlicher Klang. Ein Klang, der an Maschinen erinnert, an Atem, an Stadt, an Unruhe.
Kein Text. Nur Projektionen:
– Stettin – Berlin – Frankfurter Allee – Fluchtlisten – verbrannte Bücher – Butterblume – Babylon –- Novemberrevolution – Hollywood -- Rückkehr – Vergessen
Nicht als Chronologie. Als Schichtung.
Döblin ist kein Autor. Er ist ein Weltkomplex.
Er wollte die Welt nicht beschreiben. Er wollte sie zerlegen.
Die Ermordung einer Butterblume
In der Mittagspause geht der Fabrikant X wie jeden Tag zu einem sonnenbeschienenen Fleck mit ein paar Bäumen auf einer kleinen Wiese. Im Frühsommer erscheinen dort die ersten dottergelben Blüten des Huflattichs. Jeden Tag werden es mehr. Er holt sich hier seine tägliche Dosis Ruhe.
Doch eines Tages sieht er überrascht die Menge. Zu viele. Zu dicht. Zu nah. Die Wiese ist übersät. Die Natur wird Masse. Die Masse wird Bedrohung.
Jetzt sieht er die Butterblumen zu genau: Blütenblatt für Blütenblatt. Symmetrie. Ordnung. Wiederholung. Perfektion. Und diese Präzision beruhigt ihn nicht. Sie bedrängt ihn.
Denn sie erinnert ihn an das, was ihn selbst gefangen hält: die immer gleichen Abläufe seines Alltags, die Gleichförmigkeit der Fabrik, die neuen Rhythmen der Stadt, die Uhren, die Schritte, die Floskeln, das Korsett eines Lebens, das sich gerade beschleunigt.
Die Butterblume wird zum Spiegel. Und der Spiegel wird unerträglich.
In einem Befreiungsschlag wird sein Spazierstock zur Waffe. Ein Köpfen. Ein Massakrieren. Eine Gewalt, die sich an diesem zarten Wiesengeschöpf austobt – als Ersatz für die Welt, die ihn knebelt.
Als er innehält, sieht er aus dem geköpften Stiel eine weiße Flüssigkeit quellen. Immer mehr quillt davon hervor. Eine körperliche Bedrohung. Ein Schock. Mit Ekel wendet er sich ab. Er hat etwas getan, das nicht zu seinem Bild von sich selbst passt.
Verstimmt kehrt er in die Fabrik zurück. Er versucht, den Riss in seinem Inneren zu übertünchen. Er ist auffällig freundlich zu seinen Arbeitern – um sie bei nächster Gelegenheit umso härter zu quälen. Ein Auf und Ab zwischen Schuldgefühl und Wiedergutmachung, zwischen Überforderung und neuen Ausbrüchen.
Die Nacht wird unruhig. Die geköpfte Butterblume verfolgt ihn in seinen Träumen. Am nächsten Morgen schwört er Buße zu tun. Er kehrt zu dem Ort zurück, gräbt eine Nachbarblume aus und pflanzt sie vorsichtig in einen Topf.
Monatelang pflegt er sie. Ein Ringen um Absolution. Ein Zwang, der ihn nicht loslässt.
Bis eines Tages - die Haushälterin gesteht, dass der Topf durch Zugluft vom Fensterbrett gefallen ist. Er sei zerbrochen und im Müll gelandet. Sie erwartet seine Wut.
Doch er fühlt sich befreit. Befreit von einem endlosen Kreislauf aus:
Enthemmung – Erschrecken – Überkompensation – Überforderung – neuer Ausbruch – neue Schuld – neue Wiedergutmachung.
Ein Kreislauf, der nicht nur ihm gehört. Eine Zeit, die sich verdichtet. Und sich 1914 bereitwillig entlädt.
Randnotiz: Nach längerem Stillstand standen die Fenster offen. Mehr war zunächst nicht erforderlich.
Babylonische Wanderung oder Hochmut kommt vor den Fall
I.
Wir treffen auf einen Herrn Konrad, der Konkurs ist und mit seinen Getreuen aus seinem Schloss ausziehen muss.
Und wir treffen auf den göttlichen Konrad im Olymp, verwahrlost auf seinem Thron, mit Fingernägeln, die Säbeln gleichen. In zerrissener, verblichener Robe.
Lümmelnd und dösend auf seinem riesenhaften Sitz, der bedeckt mit schweren Teppichen und kostbaren Stoffen. Die eine Armlehne zerbröselt bereits zu Staub.
Als er dann richtig wach ist, nimmt er seinen Spinnweben verhangenen Stab aus Pappelholz, stößt damit auf den Boden und schreit aus Leibeskräften – denn ihn quält ein Hunger, so groß, als käme er aus der Vorzeit. – Nur: es kommt niemand.
Konrads Stimme verhallt und gesellt sich zu den Mörtelresten und den dicken Staubschichten auf dem Boden des ehemals göttlichen Palastes.
Doch da – sie liegen wie vertrocknete Äste im Staub, die ehemalige Dienerschaft. Sie sehen noch verwahrlosester aus als er. Und ehe sie sich erheben mit ihren alten Knochen vergeht viel Zeit.
Er, Konrad, der vormals die Welt erschuf, um sie anschließend mit Blitz und Donner zu kujonieren, sieht den Olymp einstürzen.
Seine Blitze liegen im Staub als verrostetes Metall. Längst führt niemand mehr die Sonne herauf und herunter – sie ist längst verschwunden. Niemand hat den Regenfall geregelt.
Alles verkommen und verwahrlost.
Sie hatten die Zeit verschnarcht hier oben, wie einst die Schlossgesellschaft in dem Märchen der Gebrüder Grimm. Allerdings durch eine andere Art von bösem Zauber.
Die Völlerei, die Genusssucht hatte sie in besseren Tagen faul und hoffärtig gemacht. Sie beschränkten sich darauf, den ganzen Tag in einen Taumel von göttlichen Speisen und Getränken zu verfallen, ohne überhaupt noch Sinn für ihre Geschäfte aufzubringen.
Alles vorbei.
Es nutzen ihnen nicht mehr ihre kolbenartigen Nasen, mit denen sie die feinsten Gerüche wahrnehmen können, die sie sättigen.
Geschweige denn, ihre scharfsichtigen Augen, mit denen sie die feinsten Gerichte auf der Erde ausspähen.
Und was für eine wunderbare Idee: wir in unserer Gegenwart wären mit solchen Nasenapparaten ausgestattet, die uns allein durch den Geruch sättigen. Auf Erden würde niemand mehr Hunger leiden – die Armut hätte ein Ende.
Aber, da Konrad es in seiner letzten Regierungszeit übertrieb, verweigerten die Priester auf der Erde die Gefolgschaft. Das Vertrauensverhältnis war zerstört. Der Anfang vom Ende der olympischen Pracht und Konrads Herrlichkeit.
Aber man muss es sagen: Besondere Schönheiten waren sie nicht – die Götter der Vorzeit. Die Nasenkolben, die über ihren Lippen hängen, verändern den Laut der Sprache, der nur noch als ein Nuscheln hörbar ist. Und abgesehen davon, trugen sie Ohren, so lappig und groß wie die der indischen Elefanten. Sie hätten mit diesen Schalltrichtern jedes Wort auf der Erde hören können. Aber das interessierte sie nicht.
Sie benutzten die Ohren eher zum Zufächeln der Luft, um die feinsten Gerüche aufzuspüren.
Nachdem Konrads Dienerschaft auf steifen Beinen sich erhoben hat und steht, brüllt er sie gehörig zusammen. – Da geht ihm durch den Kopf: an dieser ganzen Schweinerei muss doch einer schuld sein - ein Widersacher, und der hat auch einen Namen, wie ihm gerade einfällt. Den hatte er an die Säule binden lassen zur Strafe für seine Aufmüpfigkeit – diesen Gregor.
Aber siehe, er ist weg, - abgehauen.
Konrad schickt die ersten Diener los auf Patrouille. Sie schnallen die Flügel um und ab geht’s. Sie finden Gregor auf einem winzigen Meteor - lang, spindeldürr, rot - genannt der Fuchs. Er muss mit. Als sie ihm unterwegs von Konrad erzählen, lacht er den Himmel zusammen, so laut, so frech, so aufsässig -
Konrad ist gerade dabei, sich wieder in seine alte Herrscherrolle einzuüben, aber er spürt, dass etwas nicht stimmt.
Da bringt Gregor ihm die Kunde, dass er wegen seiner Vergehen, seiner Verbrechen, seiner Abscheulichkeiten auf der Welt geächtet ist. - Seine Helfershelfer - Könige, Fürsten, Pfaffen haben es übertrieben - das Volk musste hungern, sterben, dahinsiechen und sie bauten Paläste.
Und er, Konrad, als oberster Herr, hat es geschehen lassen. - Da wird Konrad ganz klein, ängstlich, verzagt -- und Gregor weiß schon, wie er ihn anpacken muss.
Aus Angst vor der Vergeltung, aus Angst vor dem Fluch, der auf ihm liegt, rettet sich Konrad in eine Ohnmacht. Er hält die Wahrheit nicht aus.
Der Fuchs lässt zu seiner Erweckung das Orchester aus Trommeln, Pauken und Flöten in den zerbröckelnden Saal schleppen.
Sie singen, musizieren und verneigen sich – sie schmeicheln und beten an.
Der Fuchs beobachtet die Szene scharf.
Denn gleich wittert Konrad Morgenluft. Er regt sich schon und ruft nach seiner Kriegsmacht, nach seinen Beilen.
Das ist für Gregor zu viel: „Fängst du schon wieder an. Hast du es immer noch nicht kapiert. Du hast nie verstanden, dass Macht Arbeit ist. Es ist vorbei mit deiner Herrlichkeit.“
Er schreit es so lau - laut und wütend, dass die ganze Dienerschaft auseinanderstiebt.
„Ich hab doch bloß solchen Hunger“, winselt Konrad. „Das glaube ich dir sogar. Ich nämlich auch. Wir müssen hier weg,“ ist Gregors Antwort.
Müssen wir? Konrad ist untröstlich. In seinem Alter. In eine ungewisse Zukunft. Vielleicht liegt eine Verwechslung vor, und er ist gar nicht gemeint.
Gregor bleibt hart. „Du musst büßen, Konrad.“
Da diktiert Konrad in das dicke Buch des Weltschreibers eine letzte Nachricht über die Unordnung der Welt. In seiner Beschränktheit vermeint er tatsächlich, die alte Ordnung wieder herstellen zu können.
Bleibt die Frage: was passiert während ihrer Abwesenheit mit den Bediensteten. Dafür hat Gregor nur beißenden Spott.
„Segne sie.“ Und Konrad tut es ausführlich.
Die schmale, gebeugte göttliche Figur tapert die Treppe vom Thron herunter und unterzeichnet seine letzte Eintragung. Oben auf dem Thron verbleiben sein fadenscheiniger Rock, seine alberne Mütze, der Pappelstab, der keine Macht mehr verheißt und die Blitze, die vor sich hin rosten – die Insignien seiner vormaligen Macht.
Es hebt an ein erneutes Hupen, ein Pauken. Die Gesellschaft ist durch die Entschlussfähigkeit ihres Herrn überrumpelt, scheint‘s. Aber einige argwöhnen, dass sich hier einer aus dem Staub machen will.
Die große Treppe zum Palast ist längst weg und sie bröckelt weiter. Konrad sitzt am Rand vor dem Abgrund und denkt ganz fest, wohin er reisen will – und dann ist er schon am Ort - so war es bisher.
Was für eine fantastische Reisemöglichkeit – aber welche verheerenden Auswirkungen hätte das auf der Erde. Es bräuchte keine Züge, keine Autos, keine Fahrzeuge aller Art mehr – denn ein Gedanke würde reichen. Die Arbeitslosigkeit würde sprunghaft steigen. Und die Kriminalitätsrate erst.
Aber diesmal ist es anders. Es gelingt Konrad nicht. Er rutscht ein wenig hin und her – und schon bricht ein Mörtelstück weg, mit dem er sich strampelnd und rudernd von seinem Palast entfernt.
Plötzlich ändert sich die Gravitation und Konrad schwebt mit den Beinen in die Höhe gereckt durch den Weltraum – was für ein genierliches Bild. Wie ein Krabbelkäfer, der falsch gelandet ist.
Gregor kann ihn sogleich nicht sehen. Aber dann schnallt er ein paar Flügel um und holt ihn in Windeseile ein.
Auch ihm verpasst er ein Flügelpaar. Nun wird die Reise ruhiger.
Der große Konrad staunt, wie hell der Weltraum ist und wie viele große und kleine Sterne da leuchten. Es freut ihn sehr und er beginnt einen lauten Gesang. Aber die Sterne antworten nicht. Jetzt ist der Konrad enttäuscht und Gregor hält astronomische Vorträge. Er meint, sie hätten dafür keine Zeit wegen der Keplerschen und Newtonschen Gesetze – alles Naturwissenschaft eben, da haben sie keine Zeit für Gesang.
Langsam kommen sie der Erde näher – man kann sie riechen. Sie riecht nach allem möglichen, gerade was der Wind aufwirbelt: nach Brand, nach Parfüm, ein leiser Geruch von Speisen, aber auch von Gestank.
II.
Herr Konrad überprüft seine Bestände und findet sie katastrophal. Aber es beunruhigt ihn nicht.
Als Gregor und Konrad auf der Erde eintreffen, ist es stockfinstere Nacht und es geht ein sintflutartiger Regen vom Himmel.
Sie hocken in strömendem Nass – stumm, steif, wie Götzen oder Frösche. Am nächsten Morgen erheben sie sich durchgeweicht und fröstelnd aus einer Lehmpfütze.
Sie sind noch gar nicht ganz bei sich, die Göttlichen. Sie sind einfache Menschen geworden. Konrad mit Bartstoppeln im Gesicht und gerader schlanker Nase. Und Gregor in ebensolchem menschlichem Antlitz. Niemand weiß, wer sie sind.
Die beiden dürren Alten, vor Kälte und Hunger schlotternde Figuren, die aussehen, wie ganz normale Reisende von weit her. Sie folgen dem Hundebellen, dem Hühnergackern, den tröstlichen Tönen der Viehlaute – hin zu den menschlichen Siedlungen.
Niemand nimmt Anstoß. Man teilt mit ihnen die Fladen.
Und staunend sieht Konrad sich in einem großen Zelt. Von Menschen umringt, auf Matten sitzend und speisend.
Aber was ist das? Sie stopfen sich die Fladenstücke in ein Loch – das gleiche Loch, aus dem man spricht. Und Gregor tut das auch.
Gregor stößt ihn an. „Iss jetzt“, flüstert er. Und Konrad wendet sich vorsichtig ab. Seine Hand tastet ruhig und langsam sein Gesicht ab: Ja, er hat diesen Schlitz, der sich zum Loch öffnen lässt, auch. Und seine Nase? Sie ist von kurzer glatter Länge und hat einen schmalen länglichen Rücken, den er zärtlich streichelt.
Er versucht’s. Auch er reißt jetzt Fladenstücke ab und schiebt sie an die Lippen. Die werfen sie an die Zähne und schon beginnt ein Kauen, ein Mahlen – und Schlucken.
Der erste Bissen liegt im Magen und strahlt wohlige Wärme ab.
Konrad ist begeistert. In den nächsten Wochen wird er diese neue Erfahrung so oft wie nur irgend möglich erneuern.
Sie schnorren überall Essbares, soviel sie nur können. Bis Konrads Bauch spannt und schmerzt. Bis ihm die Speise aus dem
Hals kommt. Er ist entsetzt über diese unbekannte Seite von Essen.
Gregor amüsiert sich. Er weist ihn zurecht: hier herrsche Maß und Gerechtigkeit. Und das sei nur die erste Lektion, die er zu lernen hat.
Die Beduinen, deren Gastfreundschaft sie weidlich ausnutzen, arbeiten auf den Feldern. Und die beiden Göttlichen haben freie Hand zu tun, was sie am besten können: sie stehlen, was sie gebrauchen können.
Sie klauen ein ganzes verstecktes Schaf. Zerlegen es und opfern es den sechzig zurückgebliebenen Hofschranzen in den Überresten des himmlischen Palastes. Wenigstens diese gute Tat kann Konrad sich auf seine Fahne schreiben.
Aber da wird es merkwürdig. Ihn befällt ein Bauchgrimmen, das er nicht kennt, das er sich nicht erklären kann. An der Stelle, auf der er sitzt, wird es plötzlich warm. Und Gregor sieht ihn so an, wie: „Du wirst doch nicht etwa.“ Oh doch, er wird. Er hat von den Verdauungsvorgängen im menschlichen Körper nicht die geringste Ahnung. Und sitzt in seinem eigenen Dreck wie ein schreiender Säugling. Konrad ist außer sich.
So eine – so eine verfluchte Schweinerei. Wie schön hatten sie es doch, als sie vom Geruch der Speisen satt wurden und diese –
diese Unmöglichkeit nicht nötig hatten.
Gregor wird jetzt handgreiflich. Er schleppt den Alten nach draußen vors Zelt und wäscht ihn im Regen sauber.
Es wird Zeit zu verschwinden. Gregor hat etwas Geld gefunden. Sie müssen sich dringend neu einkleiden. Inzwischen sehen sie aus, wie zwei Spitzbuben, so heruntergekommen.
Konrad gefällt dieses Leben wieder. Er sieht in seinem neuen Gewand aus, wie ein babylonischer Adliger mit weiten Pumphosen und buntem Überwurf. Das verändert seine Stimmung gänzlich. Er verfällt schon wieder in seinen alten Ton und räsoniert laut über seine besten Zeiten.
Wie die Menschen vor ihm auf den Knien lagen, um alle seine Wünsche zu erfüllen. Und was sie auftafelten: 4 Wildschweine, zig Enten, mehrere Gänse, Truthähne und an die 60 Turteltäubchen, unzählige Hühner, Zicklein und Schafe.
Er kann gar nicht aufhören damit, rumzuprotzen, was für ein mächtiger Herrscher er war. Und dass er das auch genauso wieder einrichten wird, wenn er erst wieder an der Macht sei.
Gregor wird langsam wütend über diesen alten Schwachkopf. Will er jetzt doch unbedingt und unverzüglich nach Babylon.
Obwohl Babylon nicht mehr existiert, nicht so wie er denkt, dass sie sei, die Perle seines Reiches.
Gregor will bleiben. Konrad will gehen. Sie trennen sich. Gregor hat mit dem Finger gezeigt – da geht’s lang.
Und der Alte stapft los.
Er ist in Gedanken schon lange in Babylon. Bei den großen Eingangstoren in die Stadt. Bei dem Reichtum und der Schönheit dieser Stadt.
Er achtet nicht auf den Weg. Er nimmt nicht wahr, was um ihn herum geschieht. Er sieht nicht die vielen Bauarbeiter mit ihren Schuttwägelchen.
Er schwitzt vom Laufen, von der Hitze. Er greift sich an den Kopf. Wo ist Babylon?
Da kommt ihm ein einziger Mensch entgegen in Röhrenhosen und Hemd. Und in weiten Sprüngen bewegt sich auf der anderen Seite ein anderer – das ist Gregor, dem langweilig geworden. Und der vor Schadenfreude bald platzt, sich vorzustellen, wie Konrad Babylon findet.
Konrad trifft auf den Assistenten einer Ausgrabungsgesellschaft aus Bremen. Den wird er nach Babylon fragen. Und der ist begeistert. Sein Fachgebiet ist speziell und es interessieren sich nicht so viele Menschen dafür außerhalb von Museen oder Ausgrabungsgesellschaften.
Er kennt die Dicke der Mauern, die Verläufe der Straßen. Die Paläste, die Türme. Er übernimmt die Rolle des Fremdenführers über etwas, das lange schon in Staub versunken. – Ein zerklüftetes Ruinenfeld – das ist Babylon.
Am Ende bringt der Bremer seine Interessenten ins Expeditionshaus. Sie dürfen ruhen. Man bewirtet sie mit Wasser, mit Kaffee, mit Melonen.
Konrad ist verbittert und völlig erschöpft. Gregor knirscht: „Die machen eine Wirtschaft um uns. Die Ausgrabungen müssen ein Heidengeld kosten.“
III.
Die babylonische Gesellschaft, in naher Zukunft auf drei Mann geschrumpft, schlägt sich in Bagdad mit kleinen Tricks und Besorgungen durch.
Konrad grüßt Bagdad. Gregor macht Besorgungen. Aber er, Konrad sitzt entspannt auf einer Bank im Schatten einer Palme.
Er freut sich über die Wärme der Sonne, den Schatten spendenden Platz. Er schält seine Apfelsine und sinniert über die unendlichen Genüsse, die seiner noch warten bei seinem Gang durch die Welt.
Das also nennt sich büßen.
Wie viel besser es doch sei zu schmecken, zu beißen, zu kauen, zu schlucken – als nur zu riechen. Und wie wohl fühlt sich Konrad auf dieser Bank, umfächelt von kühlendem Wind in der dösenden Sonne eines Mittags.
Plötzlich legt sich ein langer Schatten über sein Wohlsein. Gregor steht vor ihm - grau, sein schlechtes Gewissen scheint in sein Gesicht gemeißelt.
Er drängt: „Komm jetzt. Wir müssen weiter.“ Aber Konrad trägt grad schwer an weltumwälzenden Gedanken. Und Gregor, statt zu rennen – wo er doch rennen will, sitzt armumschlungen neben dem Alten auf der Bank. Ständig die Augen im Kreis bewegend, ob ihn hier nicht doch einer entdeckt und es am Ende Schläge auf den Rücken setzt.
Davon weiß Konrad nichts. Er schmiedet ganz andere Pläne: „Weißt du, Gregor, wir dürfen uns nicht zu weit in das Menschsein einlassen. Am Ende ist das das Ziel derer, die uns so schamlos betrogen um unsere Macht.
Wir – Gregor – wir sind und bleiben Babylonier – und wie schmählich, sich gestern von diesem Bremer Steinhelden von unserer eigenen Geschichte erzählen zu lassen. Wir essen und trinken hier. Und dann suchen wir einen, der babylonisch kann. Einen, der unser altes Leben, unsere Größe und Berühmtheit kennt. Einen der unser Lehrmeister wird für die Dinge, die in der Zwischenzeit unseres Schlafes geschehen sind. Die Stadt ist riesengroß und du wirst so einen finden, Gregor.“
Auf ihren Gängen entdeckt Konrad voller Entzücken das Judenviertel mit seinen vielen kleinen Geschäftigkeiten. „Sieh nur Gregor, sie leben, die Juden – sie leben. Was für eine Freude. Sie leben schon viele tausend Jahre und sie leben immer noch.
Und wir sind angeblich gestorben.“
Einer der Händler führt ihm seine Ware vor. Bis Konrad ihn auf Hebräisch anspricht – Althebräisch – der Händler versteht wenig – aber es ist Hebräisch. Konrad will, dass er seine Leute zusammentrommelt. Er will Gregor zu ihrem Gott erklären –
was für ein Spaß.
Gregor will unbedingt weg von diesem Ort - jetzt, wo ihm eingefallen ist, dass es Jeremias war, der den Fluch aussprach über den großen Babylonier. Doch, Konrad hat so viel Gefallen an ihnen. Er wischt alle Einwändungen Gregors weg.
Als der Händler mit dem Schammes zurückkehrt, führt er sie in die kühlen Räume seines Untergeschosses zu Wasser und Brot.
Die beiden Juden nehmen mit Entsetzen wahr, dass die Fremdlinge weder das Haustürzeremoniell ausüben noch die Segnungen der Speisen vor dem Mahl. Sie sind verwirrt. Hier sind zwei, die sprechen hebräisch, aber kennen ihre Gebräuche nicht. Der Rabbi muss befragt werden.
Vor deren Jeremias kennt Konrad keine Furcht. Und lachend schreitet er davon. Diese Stadt gefällt ihm über alle Maßen.
Liebedienernd schiebt sie der Türöffner in das Vestibül des besten Hotels Bagdads. Konrad sieht sich um und staunt über den Reichtum, die Noblesse, den Luxus. Gregor hätte gern eine kleine Mansarde für sich. Aber der Alte sagt prompt: „Du bleibst bei mir.“
Sie beziehen ein großes Zimmer mit zwei nebeneinanderstehenden Betten.
Im luxuriösen Bad wäscht Gregor den Konrad rein. Sie trinken köstlichen Wein auf ihrem Zimmer und schlafen in kühlen Betten ohne Wanzen.
Am nächsten Morgen, Gregor ist schon früh auf, wartet ein üppiges Frühstück auf sie. Und bei jedem Bissen zeigt und lobt Konrad: das weiße Brot, die Butter, die Eier, den Käse – alles, worum sie droben in ihrem Himmel betrogen worden seien.
Auf der Straße dann – ein Getümmel von Menschen, von Wagen, von Eseln und Karren. Die Straße quillt über von Leben und Lautstärke. Als Konrad sich an Gregor neben sich wenden will – ist er weg. Gregor ist weg. Dem Alten bricht der Schweiß aus. Neben ihm spricht eine Frau auf ihn ein. Er versteht sie nicht. Er will die Straße überqueren – ein Lärm, ein Stoßen, ein Schreien. Da hält ihn schon ein Polizist am Ärmel.
Endlich halten die Fahrzeuge und Konrad kann über die Straße auf die andere Seite.
Er hat das Gefühl, eben einer großen Gefahr entronnen zu sein. Schon steigt die Wut auf Gregor hoch – wo ist der? Aber täuscht er sich – da steht er doch in einer kleinen Seitengasse auf einen Menschen einredend – einem Menschen mit einem kleinen schwächlichen Pferdchen.
Konrad kommt näher. Er traut seinen Ohren nicht. Die beiden sprechen babylonisch. Der Gregor hat einen Lehrer für ihn, Konrad, gefunden. Was für ein Prachtkerl.
Doch die Auflösung ist eine gänzlich andere: das schmächtige Männchen an Gregors Seite ist Waldemar, einer der sechzig Bediensteten des obigen Palastes. Konrad ist sauer: noch einer, der fahnenflüchtig sein Amt verlassen hat. Aber als der Hunger unerträglich, verließen immer mehr den bröckelnden Palast. Versorgten sich in der Kammer mit Flügeln und versuchten ihr Glück.
Er ist auf der Erde dann ihren Spuren gefolgt. Es war von Diebstählen in einem Dorf die Rede. Da wusste er, hier sind sie lang gekommen.
Auch über das babylonische Trümmerfeld und den Bremer Steinhelden. Der klaubte ihn auf, als er einsam und verlassen, die alten Gesänge nur für sich daher sang. Er musste sie für ihn in einen Trichter singen und hörte danach seine eigene Stimme aus diesem Apparat. Dafür hat er ihm ein paar Groschen geschenkt.
Waldemar weiß nicht, wo die anderen geblieben sind – ob vom Himmel gefallen oder auf fremden Sternen gelandet – er weiß es nicht. Er bricht in Tränen aus, stürzt sich in den Staub. Er küsst Konrads Mantel und beginnt die altbekannten Gesänge zu singen, die sein Glück ausmalen, nicht mehr allein auf dieser Welt zu sein.
Von da an sind sie zu dritt.
Lesefächer
Alfred Döblin
Charlotte Mew
Döblins Stimme in der Welt - Die Hölle beginnt nicht mit Feuer
Der Raum der Stimmen
Wer Döblins Welt betritt, hört unsere
Der Resonanzraum
Fundstücke -
Die Sedimentenmaschine
Der Raum der Fundstücke