Der Literaturraum

Kleine Formen: Miniaturen, Essays, Fragmente, poetische Prosa, Wahrnehmungstexte.
Texte, die im Leisen beginnen und sich im Dazwischen öffnen. 

Berlin um 1910.

Die Straße, bebaut mit vier- und fünfstöckigen Bürgerhäusern mit Stuck an den Fassaden und Balkonen. 
Kleine Läden im Erdgeschoss: Stoffe, Hutmacherei, Kolonialwaren. Schaufenster klein rechteckig und funktional.

Die Straße riecht noch nach Pferd. Räder, Rufe, Schritte. Und mittendrin die Baustelle.
Der Neubau sieht nicht nach Haus aus.

Metallkonstruktionen, Skelettlinien, Eingänge wie Portale.

Und dann: ein Hauch. So fein, dass man ihn fast nicht wahrnimmt.

So fremd, dass man ihn erst nicht einordnen kann. Nicht von hier. Nicht von Jetzt. Nicht von dieser Welt.

 

Baustellen riechen nach Staub, Holz, Schweiß. Aber hier:
Parfüm, das nicht nach Rosenwasser riecht – Sondern nach Welt. Nach Sehnsucht.
Frisches Leder, nicht aus der Sattlerei, sondern aus einer Zukunft, wo die Dinge glatt sind.

Poliertes Metall, kühl, klar. 

Und dieser leicht säuerlich scharfe, elektrische Geruch, als hätte jemand für einen Augenblick
die Zukunft eingeschaltet.

Ein Arbeiter kommt vorbei. Wie jeden Morgen.

Die Straße ist Baustelle, seit Wochen schon.
Aber da – dieser Geruch. Nicht stark. Nicht laut. Nur fremd.

Er bleibt stehen. Nur einen Moment.

„Da kann keener mithalten,“ sagt er leise. Fast in den Staub hinein.
Aber die Straße nimmt den Satz nicht auf.

 

Die Stadt singt aus dem Grammophon:
„Kann denn Liebe Sünde sein…“

 

Vor der Litfaßsäule drängen sich Menschen. Nicht wegen des Neubaus. Nicht wegen des Geruchs. 
Sondern wegen der neuen Revue im Wintergarten. Plakate, die glitzern. Frauenbeine, die im Tanz schweben. 
Ein Versprechen von Leichtigkeit, das die Straße sofort aufsaugt. …

 

Ein paar Schritte weiter hängt ein anderes Plakat. Ein Film, der die Stadt elektrisiert. Ein Kassenschlager.
Er zeigt, wie eine Uniform Macht ausstrahlt, selbst wenn sie nur geborgt ist. Die Leute bleiben stehen.
Sie lesen. Sie nicken. Sie lachen. … Die Stadt ist beschäftigt mit sich selbst.

 

Der Arbeiter geht weiter. Der Geruch bleibt in seiner Nase. Der Satz bleibt in seinem Kopf.


Aber die Stadt hat ihn nicht gehört. Sie hat keine Zeit für solche Wahrnehmungen. Sie ist schon
im nächsten Takt. Im nächsten Lied.  Im nächsten Versprechen.

Auf seinem Nachhausweg am Abend bemerkt der Arbeiter, dass der Geruch geblieben ist.

Der Geruch nach der Zukunft.

Erbschaft der Fähigkeit, Räume zu lesen

Räume sprechen. Nicht durch Worte, sondern durch Temperatur. Durch Atem. Durch das, was nicht gesagt wird.
Räume lesen heißt: Ich erkenne, was ein Raum mit mir macht — und was ich mit ihm machen kann.
Ich nehme wahr, wie Stimmen verstummen, wie Stille dröhnt, wie ein Satz zu glatt klingt, wie ein Blick zu schnell wegsieht.
Und ich sehe auch das andere: wie ein einziger Mensch den Ton eines ganzen Raumes verändern kann.

Kinder lesen Räume, bevor sie Worte lesen. Hier wandert die Erbschaft in die Körper.

 

Marie ist sieben, und sie hat keine Zeit zu verlieren.

Die großen Geschwister sind schon auf den Feldern, also ist der Kleinkram heute ihrer.

Sie hebt den schweren Deckel der Tonne an, gerade so weit, dass sie mit beiden Händen hineingreifen kann. Warm. Staubig.  Körner, die an den Fingern kleben. Sie schaufelt eine Schüssel voll, nicht zu viel, nicht zu wenig.

Dann das trockene Brot: mit dem stumpfen Messer schneidet sie Stücke ab, die immer ein bisschen zu groß geraten.  Ein paar Möhrenstücke dazu, wie die Mutter es will.

Draußen gackern die Hühner ungeduldig. Die Gänse machen dieses tiefe, warnende Geräusch, das Marie nicht mag. Die Kaninchen sind still, wie immer.

Auf dem Küchentisch liegt der Einkaufszettel.

Ein kleiner Zettel, aber er liegt da wie eine Uhr, die tickt. Marie weiß, dass sie sich beeilen muss. Erst die Tiere, dann der Weg zum Kaufmann. Die Mutter hat gesagt: „Du schaffst das.“ Mehr nicht. Kein Lob, kein Zweifel.

Marie stellt die Schüssel weg. Wischt sich die Hände an der Schürze ab und schaut kurz zum Fenster.

Der Morgen ist schon weit. Pluto wartet.

Sie atmet einmal ein tief. Dann geht sie raus.

 

 

 

 

Aufstehen ist seine Sache nicht.

Martha, die Köchin, stellt den heißen Kakao vor ihn hin. Und erst dann kommt er langsam zu sich.

Ein kleiner, zarter, etwas schüchterner Junge mit zu verträumten Augen.

Zum Träumen ist jetzt keine Zeit. 

Die Küche füllt sich mit Bewegung.

Eberhard, sein älterer Bruder, steht in der Tür und macht Druck. Wie jeden Morgen.

Und Hans tut, was er immer tut: Er versucht, richtig zu sein, schnell genug, passend genug für eine Welt, die ihm zu groß ist.

 

Montags beginnt der Tag mit Französisch. Je parle français. Das mag er sehr.

 

 

Wer weiter in diese Zeit eintauchen möchte, findet den nächsten Raum hier.

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