Der Literaturraum

Kleine Formen: Miniaturen, Essays, Fragmente, poetische Prosa, Wahrnehmungstexte.
Texte, die im Leisen beginnen und sich im Dazwischen öffnen. 

Als die Russen Gustav holen, ist es früh am Morgen. Hedwig steht schon in der Küche, Schürze umgebunden, die Hände im Teig.
Sie hört die Schritte im Flur. Das Klopfen, das keine Frage ist. Gustav wischt sich die Hände an der Hose ab, zieht die Jacke an,
ohne sie anzusehen. 

Der Offizier sagt nur: „Die Eiche auf dem Schulhof ist ein Zeichen.“ Ein Zeichen wofür, sagt er nicht.

Das reicht für den Schuldirektor.

Die Tür fällt zu. Hedwig bleibt stehen, die Hand auf der Tischkante. Der Raum ist still, als müsste etwas nachkommen, 
das nicht kommt. Dann stellt sie die Kanne vom Herd, ruft die Kinder, sagt: „Ihr kommt zu spät.“ Mehr nicht.

In den Tagen danach wird Hedwig schmaler. Nicht im Körper — im Blick. Sie sieht nur noch, was getan werden muss: Holz holen.
Wasser tragen. Kinder versorgen. Arbeit suchen. Überleben. Ein Tag wie der nächste. Ohne Richtung. Nichts ändert sich.

Sie trifft die Entscheidung, die niemand für sie trifft: Raus aus der Stadt. Raus aus der Sichtbarkeit. Raus aus der Zone, in der man
Fragen stellt. Auf dem Land gibt es Arbeit bei der Post. Ordnung. Regeln. Ein Gehalt, das kommt, wenn man tut, was verlangt wird. 
Das ist genug.

Die Kinder — Evchen, Arthur, Horst — lernen schnell, dass Hedwig keine Zeit für Erklärungen hat. 
Wenn sie Unsinn machen, schickt sie sie in den Garten, Brennnesseln holen. „Hosen runter“, sagt sie dann. Nicht böse. Nicht wütend.
Nur konsequent. Eine Erziehung, die nicht aus dem Herzen kommt, sondern aus der Not. Hedwig ist nicht hart, weil sie will.
Sie ist hart, weil die Zeit es verlangt. Und nach Gustav verlangt sie es doppelt.

Sie spricht nie über ihn. Nicht aus Kälte. Aus Selbstschutz.

Wer über einen Toten spricht, macht ihn wieder lebendig — und das kann sie sich nicht leisten.

 

 

 

Es ist Mittwochnachmittag. Marie‑Luise ist aufgeregt.

Den frischen Apfelkuchen mit Mandelblättchen hat sie gerade zum Abkühlen aus dem Ofen geholt.
Sie prüft ihn genau, denn der Boden darf nicht trocken sein. Deshalb hat sie heute zum ersten Mal den Quarkrührteig ausprobiert.

Die Jungs müssten gleich aus der Schule kommen. Der Suppentopf ist schon warm. Und am Nachmittag erwartet sie ihre
Freundinnen zur großen Klatschrunde. Dafür ist der Kuchen — sie will immer etwas Überraschendes für die Damen.

Den Tisch festlich decken. Die neuen Porzellantassen mit Goldrand. Ach ja, ins Blumengeschäft muss sie auch noch. Und sich selbstverständlich umziehen.

Marie‑Luise ist noch damit beschäftigt, sich in ihre neue Rolle als Frau Apotheker einzugewöhnen. Denn Frau Bäckermeister
und Frau Medizinalrat halten auf Etikette.

Auch Fred weiß, dass heute Mittwoch ist. Denn immer muss er mittwochs, wenn die Damen da sind, ins Arbeitszimmer kommen —
einen tiefen Diener machen, sich an den Flügel setzen und etwas vorspielen.

Er entscheidet sich dann immer für Stücke, die er schon flüssig spielen kann — aber er hasst diese Nachmittage mit der Inbrunst
eines Siebenjährigen.

 

 

 

Rosa hat ihren kleinen Spirituosenladen schließen müssen. Der Konsum musste das Grundstück zurückgeben.

Ihre nächste Aufgabe beim KONSUM wird der Landhandel sein — die Gemischtwarenabteilung auf Rädern übers Land.

Wenn sie morgens zu dritt oder viert mit dem LKW am Landgasthof eines Dorfes ankommen, wird zuerst die Ware ausgepackt:
Töpfe, Pfannen, Kittelschürzen, Unterwäsche, Nachthemden, Nähgarne, Stopfwolle, Strümpfe — was fehlt: Gartenschlauch und Werkzeug.

Die alte Matthes kocht morgens riesige Thermoskannen Kaffee für alle. Elvis, der Kraftfahrer, muss sich um ein Ersatzteil für
seinen LKW kümmern. Er hofft auf den LPG‑Hof hier, weil er zum Feierabend nicht zwischen hier und der Stadt liegen bleiben will.

Rosa und die Frauen haben alle Hände voll zu tun, auf langen Tischen die Ware übersichtlich auszubreiten.
Ab neun beginnt der Verkauf bis sechzehn Uhr. Der Kraftfahrer kümmert sich in der Zeit um sein Fahrzeug oder hilft beim
Ein‑ und Auspacken.

Gegen Mittag ist es schön voll im Landgasthaus — nicht nur wegen des Mittagstisches, sondern wegen dieser einzigen
Einkaufsmöglichkeit auf den Dörfern weit und breit.

Rosa ist für dieses Sammelsurium verantwortlich. Sie vergleicht immer wieder den Warenbestand anhand der Listen.

In der warmen Jahreszeit ist diese Arbeit leicht, fast wie ein Kinderspiel — aber im Winter, wenn es kalt ist.
Dann nimmt der Fahrer extra Paletten mit, auf denen die Frauen stehen können, in dicken Wattejacken und Filzstiefeln.
Und die alte Matthes kocht dann Grog, weil die großen Säle trotz Kanonenofen kalt bleiben.

Rosa liebt diesen Wanderzirkus. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus quirliger Freiheit und präziser Ordnung.

 

 

 

„Junge Mechanikerbrigade 12“. Sommer 1959, früh am Morgen, hinter dem LIW.

Der Beton noch kühl, der Tag schon versprochen heiß. 

Rudi „Funke“ sitzt auf einer umgedrehten Werkzeugkiste und klopft mit einem Schraubenschlüssel einen Rhythmus, der niemandem
gefällt außer ihm selbst.

Lotte zieht sich die Haare in den Nacken, ein dünner Ölfilm auf den Fingern.

Mischa steht wie immer ein bisschen abseits, die Hände tief in den Hosentaschen, als müsste er sie festhalten.

„Alter“ Paul raucht, obwohl es verboten ist.

Dann kommt Karl. Er trägt das FDJ‑Hemd, frisch gewaschen, die Knöpfe ordentlich. Unter dem Arm das Heft: Grundfragen des Marxismus‑Leninismus.

Karl: „Genossen, heute schaffen wir’s. Die Pumpe läuft bis Mittag. Meister Krüger will’s sehen.“

Rudi grinst. „Wenn sie wieder nicht läuft, sagst du ihr einfach, sie soll sich an die klassenlose Gesellschaft halten.“

Lotte verdreht die Augen, aber sie lächelt. „Rudi, halt die Klappe. Karl, wo fangen wir an?“

„Beim Rückschlagventil. Wenn das dicht ist, kriegen wir Druck auf die Leitung.“

Mischa nickt. Er sagt selten etwas, aber wenn Karl spricht, hört er zu, als wäre das die Richtschnur.

„Alter“ Paul bläst Rauch aus. „Junge, du redest wie einer, der schon Ingenieur ist.“

Karl wird rot. Nicht vor Scham — vor Stolz.

 

Meister Krüger taucht auf, die Hände auf dem Rücken, der Blick streng und warm zugleich.
„Na, Brigade 12. Heute zeigen wir, was die Jugend kann.“

Karl richtet sich auf. Er spürt die Verantwortung im Rücken.
„Jawohl, Meister. Wir schaffen das.“

Krüger nickt. „Ich weiß.“

Und dann beginnt die Arbeit: Metallgeruch, Schweißfunken, das rhythmische Klirren von Werkzeugen.
Rudi flucht. Lotte lacht. Mischa hält die Leitung, als hinge sein Leben daran.
Paul korrigiert mit einem Handgriff, der mehr Erfahrung hat als Worte.
Und Karl — Karl ist in seinem Element. Zwischen Theorie und Öl. Zwischen Zukunft und Gegenwart. Zwischen dem,
was er glaubt, und dem, was er sieht.

 

 

 

Es ist August. Arthur sitzt in Köln in einem Straßencafé Richtung Rhein. Er genießt die Sonne, das fabelhafte Wetter, die gute Stimmung.

Gestern, am Samstag, hatte er beim Pharmazeuten‑Verband ein Bewerbungsgespräch mit sehr guten Aussichten.
Sie boten ihm einen Vertrag ab 1. Januar 1962.

Arthur könnte Luftsprünge machen. Es passt in seine Planung. Er kann in Ruhe einen Nachfolger für seine Apotheke
bestimmen, den Umzug, die Ummeldung, das ganze Prozedere ohne Hast erledigen.

Was für ein wunderbarer Tag. Heute will er nur ausruhen und genießen.

Morgen geht es zurück, und Marie‑Luise wird große Augen machen.

Er nimmt den letzten Schluck Kaffee, bevor er runter zum Fluss will.

Da das kleine Café um diese Zeit noch leer ist und er heute besonders gut gelaunt, räumt er seine Tasse ab und stellt sie drinnen
auf den Tresen.

Im Radio laufen Nachrichten. Die Stimmen der Sprecher überschlagen sich.

Arthur kann nicht glauben, was er hört: Die Grenztruppen der DDR riegeln mit Stacheldraht die Zugänge in den Westen ab.

Er denkt: Das muss ein Irrtum sein. Wir haben doch nicht Karneval. Was ist das.

Er geht zurück zum Hotel. Dort gibt es Fernsehbilder.

Eine riesige Menschenmenge hat sich versammelt. Alle starren fassungslos auf den Bildschirm. Eine Frau weint.

Arthur geht auf sein Zimmer. Packt seine Tasche und reist sofort ab.

Er muss zurück zu seiner Familie.

 

 

 

Es ist Sommer in der Stadt.

Auf der Straße läuft ein bekanntes Gesicht: lange dunkelblonde Haare, weite bunte Hosen, ein knallrotes Hemd vor der Brust geknotet.

Nicht bekannt aus Ellas Stadt, sondern aus der Nachbarstadt, näher an Berlin.

Ella sieht, wie zwei Polizisten plötzlich hinter ihm auftauchen.

Als sie ihn stellen, legen sie ihm Handschellen an — am hellen Tag, für nichts.

Eine heiße Welle von Ohnmacht schießt durch Ellas Körper. Was sie sieht, ist nicht richtig.

Aber Aufbegehren ist gefährlich.

Die Polizisten eskortieren ihn zum Friseur. Dort verbannen sie ihn auf einen Stuhl, mit dem Satz in Richtung Meister: „Einen Haarschnitt.“

Der Friseur sieht perplex aus. Kundschaft im Polizeigriff hatte er noch nie.

Er fragt den jungen Mann, wie er die Haare denn möchte.

Der grinst — laut, unmissverständlich: „Glatze.“

Eine halbe Stunde später, wieder auf der Straße, ist er ein Held.

Die Jungen wissen alle, was gerade passiert ist.

 

 

 

 

Zwischen den Zeiten Teil II