Die Kinder treten aus der Familie

 

 Es ist sehr spät. Die Wohnung liegt still. Marie‑Luise ist noch wach. Sie sitzt im Sessel im Wohnzimmer, die Hände im Schoß.
Sie hört auf jedes Geräusch im Treppenhaus.

Fred ist noch nicht zu Hause. Seit er mit der Band unterwegs ist, kommen sie selten vor Mitternacht zurück.
Morgen ist Sonntag, denkt sie, da kann er wenigstens ausschlafen.

Trotzdem macht sie sich Sorgen. Er ist doch noch nicht erwachsen, auch wenn er so tut. Und die Auftritte, die Proben,
die Fahrten — es ist viel für einen Jungen.

Natürlich hilft es, wenn er seine Gage auf den Küchentisch legt. Christian braucht dringend neue Schuhe. Aber Geld beruhigt nicht alles.

Sie steht auf, geht ein paar Schritte, setzt sich wieder. Hört in die Stille hinein.

Da fällt unten die Haustür ins Schloss. Schritte auf der Treppe. Endlich.

Fred steht im Türrahmen, die Haare zerzaust, die Augen hell. „Mutter, du wirst es nicht glauben“, sagt er und lacht leise.
„Es war rappelvoll im Kulturhaus. Wir haben heute gut verdient.“

Er hält kurz inne, noch außer Atem. „Aber das Beste war: Sie haben uns nicht von der Bühne gelassen.“

Marie‑Luise sieht ihn an, müde und erleichtert zugleich. Er wirkt älter, größer, fast schon wie jemand, der eine eigene Welt hat.

„Ich hau jetzt ab in den Kahn“, sagt er, schon halb auf dem Weg zum Zimmer. „Gute Nacht.“

Die Tür fällt leise ins Schloss.

Marie‑Luise bleibt noch einen Moment stehen, die Hand am Sessel. Sie spürt, wie die Sorge langsam nachlässt — und wie der Stolz bleibt.

 

 

 

 

Ein stiller Sonntag. Marie‑Luise bäckt noch schnell einen Puddingkuchen, den ihre Männer so gern essen.

Während sie den Teig rührt, merkt sie plötzlich, dass sie Arthur nicht mehr so vermisst wie noch vor Monaten.
Der Gedanke trifft sie unerwartet.

Sie will sich nicht beklagen — bei wem auch — aber es fühlt sich ungerecht an: Sie muss sehen, wie sie zurechtkommt, und er
schreibt Anweisungen aus der Ferne. Das ergibt keinen Sinn.

Christian hat tatsächlich einen Fisch gefangen. Jetzt schwimmt er munter in der Badewanne, weil Marie‑Luise gesagt hat:
Wer ihn fängt, muss ihn auch ausnehmen.

Zubereiten würde sie ihn.

Bei Fred ist Land unter. Am Nachmittag hat er am Klavier gemerkt, dass sich sein Anschlag verändert hat. Er hat sich sofort
zur Ordnung gerufen, aber es ist anstrengender, als er dachte.

Die Beethoven‑Sonate liegt bereit. Muss er sich entscheiden. Er weiß es nicht.

Und Fabian — für ihn ist es ein grauer, langweiliger Tag. Er seufzt tief, zieht sein neues Kinderbuch zu sich heran und blättert
langsam darin, als müsste er sich selbst aufmuntern.

 

Der Barsch schwimmt in der Badewanne, ein dunkler, grünlicher Körper, die Flossen gespreizt, die Rückenflosse aufgestellt,
als würde er Gefahr ahnen.

Christian kniet daneben, die Hände nass, die Stirn gerunzelt. Fred steht hinter ihm, die Arme verschränkt, aber die Augen hell
vor Neugier.

„Der hat Stacheln“, sagt Fred. „Na und“, sagt Christian, „ich hab ihn trotzdem gefangen.“

Fabian steht auf der Fußbank, die Hände am Rand der Wanne. Er sieht zum ersten Mal Schuppen aus der Nähe. „Der glitzert ja wie
ein Ritterpanzer“, sagt er leise.

Christian greift zu. Der Fisch glitscht ihm durch die Finger, schlägt mit dem Schwanz, spritzt Wasser auf den Boden.

Fred lacht, ein kurzes, ungläubiges Lachen. „Warte, ich halt ihn fest“, sagt er und beugt sich vor.

Sie packen ihn gemeinsam, beide mit diesem Ausdruck zwischen Ekel und Triumph.

„In die Küche“, sagt Christian. „In die Küche“, wiederholt Fred, und sie tragen ihn wie einen Schatz, der jederzeit entgleiten könnte,
und legen ihn auf den Tisch.

Marie‑Luise steht schon mit dem Nudelholz bereit. Ein kurzer Schlag. Stille.

Der Fisch liegt still. Die Jungen atmen aus, als hätten sie etwas Großes geschafft.

„Ihr wisst, was ich gesagt habe“, sagt sie. „Wer ihn fängt, muss ihn auch ausnehmen.“

Christian schluckt, aber er nickt. Fred rückt näher.

„Also“, sagt Marie‑Luise, jetzt fast wie im Unterricht. „Den Bauch aufschneiden. Vorsichtig. Nicht zu tief, sonst platzt die Gallenblase,
dann wird er bitter.“

Christian führt das Messer, langsam, die Hand zittert ein wenig. Fred schaut genau hin, der Blick konzentriert, fast wissenschaftlich.

Fabian hält den Atem an.

„Jetzt die Gedärme rausziehen“, sagt sie ruhig. „Alles, was weich ist, kommt weg.“

Es glitscht, riecht streng, Christian verzieht das Gesicht, Fred lacht kurz, aus Nervosität.

Fabian sagt leise: „Das ist alles da drin gewesen.“

„So“, sagt Marie‑Luise. „Jetzt schuppen.“

Sie zeigt ihnen, wie man mit dem Messer gegen die Schuppen streicht, wie sie fliegen, wie die Haut darunter glatt wird.

Die Jungen machen es nach, erst unbeholfen, dann sicherer.

Am Ende wälzen sie den Fisch gemeinsam in Mehl.

Marie‑Luise legt ihn in die Pfanne, das Fett zischt, der Geruch breitet sich aus.

„Jetzt habt ihr ihn wirklich gefangen“, sagt sie. „Nicht nur am Fluss.“

Und für einen Moment stehen sie da, drei Jungen und eine Frau, und es fühlt sich an wie ein kleiner Initiationsritus — ohne
großes Wort, nur mit einem Barsch, Mehl und warmem Fett.

 

 

 

 

Christian sitzt am Fenster. Der Regen läuft in dünnen Bahnen über die Scheibe, erst langsam, dann schneller. Er lehnt die Stirn
leicht gegen das Glas und sieht zu.

Manche Tropfen rasen sofort los, schwer und rund, als hätten sie es eilig. Andere kleben fast, hängen fest, wachsen, warten —
bis ein weiterer Tropfen sie trifft, und sie plötzlich starten, als wäre eine unsichtbare Grenze überschritten.

Zwei Tropfen versuchen, sich zu überholen. Sie zittern kurz, verschmelzen, werden schwerer, plumpsen fast nach unten.
Wieder andere nehmen genau dieselbe Spur wie die davor, als gäbe es auf der Scheibe Straßen, die man benutzen kann.

Christian folgt ihnen mit den Augen, Tropfen für Tropfen. Je länger er hinsieht, desto klarer wird es: Das ist nicht Chaos.
Es gibt Regeln, auch wenn man sie nicht kennt.

Er ist so tief im Beobachten, dass er Fabians Schritte erst hört, als der schon neben ihm steht.

„Was siehst du da?“, fragt Fabian und drückt die Nase an die Scheibe.

Christian öffnet den Mund, will etwas sagen — aber die Worte kommen nicht. Er war zu weit weg, zu sehr im Tropfenmodus,
zu sehr in der Ordnung hinter dem Regen.

Er lächelt nur kurz, fast entschuldigend, und sieht wieder hinaus. Draußen laufen die Tropfen weiter ihre Bahnen, als wollten
sie ihm etwas zeigen, das nur er versteht.

 

 

 

 

Der Handmixer macht ein kratzendes Geräusch, dann bleibt er stehen. Marie-Luise tippt gegen das Gehäuse, schüttelt ihn leicht,
versucht es noch einmal. Nichts.

Christian hebt den Kopf vom Heft. „Darf ich mal?“

Sie reicht ihm das Gerät. Er setzt sich an den Küchentisch, zieht den Schraubendreher aus der Schublade, als wäre das
ein vertrauter Griff. Zwei Schrauben lösen, die Kappe abheben — und schon liegen die Drähtchen offen in der Schale.

Er beugt sich vor, ganz ruhig, ganz konzentriert. „Da,“ sagt er leise. Einer der dünnen Drähte hat sich aus der Klemme gelöst.
Das war alles.

Er drückt ihn wieder hinein, schiebt die Klemme fest, setzt das Gehäuse auf, dreht die Schrauben zu. Dann steckt er den Stecker ein.

Der Mixer läuft sofort an. Ein gleichmäßiges, helles Surren.

Marie-Luise sieht ihn an, überrascht und stolz zugleich. Christian zuckt nur die Schultern, als wäre es nichts Besonderes.
Aber in seinen Augen liegt ein kleines, stilles Leuchten — dieses Leuchten, das er hat, wenn etwas verstanden ist.

 

 

 

 

Aber der Ton ändert sich