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Friedas Tage
Protokoll der Wahrnehmung

 Gudrun Wilzopolski & Copilot

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Die Sprache ändert sich: sie wird leise, ruhig, still - tonlos fast.

 

Es war einer dieser Tage, an denen Frieda nicht lange überlegen musste.
Für heute hatte sie einen Plan. Sie hatte nachgesehen, wie weit der Park mit dem Fontänen-See entfernt war. Zwanzig Minuten
zu Fuß, sagte Google Map. Das ginge, dachte sie. Sonne, eine kleine Jacke gegen den Wind. Abenteuer pur. Frieda strahlte richtig.

Eine kurze Zeit nur – und sie saß unter der Engelsharfe. Eine Lerche mit kurzem, dickem Stamm. Drei Arme, die wie eine
Stimmgabel in den Himmel ragten. 

Wochentags war der Park so leise. Schattige Baumgruppen. Grüne Wiesen. Bänke für müde Füße.
Ein Großelternpaar mit Ferienenkelin. Zwei graue Täubchen mit schillernder Halskrause, die mit ihr einen uralten Keks teilten.
Einer mit Hund. Zwei, die einem lauschigen Plätzchen zustrebten. Fahrradfahrer. Die Sportbewegten übten erst im hinteren Teil.
Friedlich. Still.

Ganz hinten, auf einer schattigen Bank, dachte Frieda daran, dass hier Kriegsgefangenenlager standen.
Neunzehntausend Menschen, zusammengepfercht in drei Baracken. Hunger. Krankheit. Bombardements.
Nur wenige überlebten. Gut, dass eine Tafel daran erinnerte.

Ein Park, eingebettet in eine Hochhaussiedlung. Betriebsamkeit ringsum. Das Grummeln des Verkehrs gerade noch hörbar.
Frieda dachte: Das ist der schönste Platz der Welt.

Es war Zeit. Sie wollte etwas essen. Oben auf dem Boulevard viele Geschäfte, viele Restaurants. Die Entscheidung fiel schwer. Eine kleine Eisbar. Die steuerte sie an. Die Eiskugeln waren bei ihr um die Ecke neuerdings klein. Deshalb entschied sie: „Zwei Kugeln, bitte.“ Der Becher war so voll, dass sie ihn kaum schaffen konnte.

Der Rückweg wurde immer länger. Frieda war geschafft für heute – aber glücklich.

Auf dem Flur sprach Alma sie an. Fridays‑for‑Future‑Demo am Freitag. Ob Frieda mitkäme. Frieda sah sie an und musste sich zusammennehmen: Am Freitag würden 26 Grad und volle Sonne sein. Sie war doch nicht verrückt.

Almas Auge wurde schmal, als hätte sie etwas sagen wollen. Dann schaute sie wie ein begossener Pudel. Frieda schob nach:
Vielleicht sollten sich die Bewegten in diesem Land einmal zusammenschließen. Hier kämpfte jeder für sich allein – für Umwelt, für Anerkennung, für ordentliche Verfahren. Vielleicht mal alle zusammen. Wäre das möglich.

Alma blieb sprachlos. Frieda zog die Tür hinter sich zu.

Drinnen lehnte sie sich gegen die Tür. Was ging sie das noch an. Sie hatte keine Zeit mehr für Spielchen.
Aber die anderen auch nicht. Die Zeit lief längst. Weshalb wollte das niemand verstehen.

Frieda würde jetzt ein Mittagsschläfchen halten. Warmes Licht. Offenes Fenster. Ein stiller Raum.

Sie hörte Frau Nachbarin reden. „Den Wald kennen sie nur noch aus dem Fernsehen. Einen Schraubenzieher halten sie
für ein Spielzeug. Brot ist etwas, das man kauft, nicht macht. …“  Sätze, die Frieda aufhorchen ließen.

 

Ein paar Tage später stand sie vor den Fenstern der Bibliothek.

Waren da jetzt weniger Fenster? Waren die Räume geschrumpft? Vor dem Eingang ein Wühltisch. Ein schmaler Band – Auf die besten Jahre.
Ein nettes Bändchen zum Verschenken.

Beim Bezahlen entdeckte sie: Die Räume waren winzig. Kinderliteratur – Sachbuch – Belletristik.
Das war kein Bibliotheksraum. Das war ein Buchladen. -- Aber die Bibliothek…

Nicht geschlossen wegen Mittagspause. Geschlossen für immer. Die Türen verriegelt, die Fenster blind.

Frieda stand da, ohne Verstehen – sie umfasste ihre Tasche fester. Sie fühlte den Boden unter den Füßen schwanken.
Und plötzlich wusste sie: Wenn die Welt ihre Quellen verliert, verliert sie sich selbst.

Der Satz stand da, klar und hart. Er erschreckte sie bis ins Mark.

Früher arbeitete Frieda mit Büchern, mit Texten, mit Worten. Mit feinen Unterscheidungen. Mit Gedanken, die einen
Hintergrund setzten. Und dann war plötzlich alles weg. Die alten Werkzeuge taugten nicht mehr.

Ihr Wissen nützte nichts. Sie musste eine andere Sprache lernen – eine, die für Einkäufe reichte, für Verhandlungen, für den Alltag.
Sie improvisierte ständig, ohne Netz. Sie stürzte in ein anderes Leben. Nicht dramatisch. Aber tief. Sie schwieg. Sie passte sich an.

Sie verleugnete sich, damit es lief. Und am Ende war sie die Einzige, die wusste, was es gekostet hatte. - Sie hatte schon einmal alles verloren.

Ihre Bewegungen danach waren leise. Verhalten. So, als traute sie sich selbst nicht mehr.

In ihrem Innern spürte sie einen leeren Fleck. Es würde ein sehr stiller Tag werden.

Schon beim Anziehen merkte sie, dass heute nicht ihr Tag war. Es gibt Tage, da zieht man sich dreimal um und weiß, es stimmt
immer noch nicht. Aber das war heute egal. Sie hatte das Gefühl, die Welt sah heute gänzlich anders aus als gestern noch.

Sie war erleichtert, dass die Wohnung leer war. Sie musste nichts sagen. Sie musste nicht antworten. Aber sie konnte auch nicht lesen.
Sie konnte sich nicht konzentrieren. Der leere Fleck trieb sie raus. Sie brauchte Bewegung. Laufen. Einfach nur laufen.
Nicht um anzukommen, sondern einfach nur, um unterwegs zu sein.

Der Schatten unter den Bäumen war angenehm. Er streichelte die Haut. Es beruhigte sie. Eine stille Bank inmitten von Grün.
Hier konnte sie atmen. In die Stille. In die Weichheit der grünen Farben rings um.

Sie wusste nicht, wie lange sie so gesessen. Sie hörte plötzlich den Flügelschlag eines Spätzchens neben ihrem Kopf.

Sie war munter. Das Loch in ihrem Innern war kleiner: Es war nicht weg. Aber kleiner.

Jetzt konnte sie in den Tag.

Auf dem Heimweg entdeckte sie etwas Seltsames: Kisten, übereinander gestapelt mit leeren Flaschen auf dem Gehweg.
Ganz oben zu einem kleinen Berg sortiert.

Sie dachte, was soll das? Warum standen die hier. Am Sonntag.

In dem Haus gab es wohl eine Feier. Und um schnell wieder Ordnung zu schaffen, wurde das Leergut draußen platziert.

Man kannte das ja – das Gerangel der Flaschensammler. Manche verschämt mit Hund. Andere mit Fahrrad, behängt mit
großen Behältnissen. Manche sogar mit Anhänger.

Frieda dachte manchmal, die halbe Stadt sei inzwischen unterwegs auf der Suche nach Pfandflaschen.

 

Ich hasse solche Tage. Die Sonne kommt nicht richtig durch. Und die Luft ist dick zum Schneiden. Ich denke, das ist dies Jahr nicht mein Sommer: entweder ist er trüb und nass und kalt. Oder er ist schwül heiß mit dicker Luft.

Ich kann mich an solchen Tagen nicht schnell bewegen. ‚Im Liegen, im Liegen, ist‘s am besten, Herr Doktor.‘
So ein alter Witzbonbon, flimmert durch den Kopf.

Ich denke an die vielleicht glücklichste Zeit meines Lebens. Die Zeit mit unserem kleinen Sohn. Wir sind wochentags
sehr eingespannt durch die Arbeit: verheddert in Kompromisse, die keine sind, verheddert in erkauftes Schweigen, in Zumutungen,
in Ausgrenzungen, die nur schwer erträglich. In einer Stadt, die keine ist. Klein, vermieft, feindlich Fremdem gegenüber.

Aber sie hat eine wunderschöne Rückseite, diese kleine Stadt.
Flussauen von atemberaubender Schönheit. Mit hohem Schilfgürtel, in dem – wenn man ganz leise – die Rohrdommel hört.
Ein Ereignis, nicht nur für einen fünfjährigen Knirps.
An manchen Wochenenden beobachten wir Fischottern, wie sie im Flusswasser spielen, und wenn sie auftauchen, aussehen,
als würden sie Faxen machen.

Hier hat Sohni seine ersten Erdkröten entdeckt auf ihrer Wanderung zu den Laichplätzen, stehend im hüfthohen Gras.
Unbeweglich und voller Neugier. Als ich ihn erreiche, dreht er ihre rostige Bräune auf den hellen graugefleckten Bauch.

An manchen Tagen treffen wir sogar auf die Hinterlassenschaft von Bibern, die heimlichen Baumeister der Flusslandschaft.

Wenn ich mich in die Böschung lege und über mir nur der Himmel mit den Schwingen des Milan und neben mir der Geruch
von lebendigem Leben aus Schierling und Sauerampfer – dann fühle ich mich frei.
Aufgehoben in dieser Welt und voll Staunen still.

 

Frieda war bald achtzig. Manchmal lag sie morgens im Bett und überlegte: „Muss ich aufstehen.“
Es gab neuerdings Tage, da hatte sie zu gar nichts Lust. Dann saß sie auf dem Bettrand und vergaß für kurze Zeit, wo sie war.

Früher lief der Fernseher den ganzen Tag rund um die Uhr. Heute interessierte das Frieda nicht mehr.
Mit ihrem Sohn hatte sie nur noch wenig Kontakt. Er fragte alle paar Wochen mal nach, wie es denn so sei.
Aber die jungen Leute hatten mit sich zu tun. Sie spürte das.

Noch sorgte sie für sich alleine. Einkaufen, Abwaschen, Staub wischen und den Staubsauger in Gang setzen – das ging alles noch.
Aber sie brauchte Zeit dafür – immer mehr Zeit.

Frieda dachte: das fühlt sich hier an, wie Zeit absitzen. Sie hatte nicht mal mehr Lust die Post zu öffnen. Es schrieb sowieso keiner,
den sie kannte. Sie stopfte die Briefe gnadenlos in die Schublade ihrer Anrichte und kam zu dem Schluss:
Wenn einer, was von ihr wollte, dann sollte er zu ihr kommen. Es klang wie ein frommer Wunsch und war ein kleiner Trotz.

Später meldete sich die Schilddrüse. Frieda war leicht übel und wattig im Kopf. Aber das kannte sie seit Jahrzehnten.

In ganz schweren Fällen gab es ein Geheimrezept: Apothekensichere Jodtinktur in kochendes Wasser und die Dämpfe einatmen.

Aber damit wartete sie noch. Das war wie Trill für die Wellensittiche. Hatte vor Zeiten ihr Schwiegervater gesagt, der Apotheker war. Und es wissen musste

Sie stand lange am offenen Fenster heute Vormittag. Viele Sirenen waren unterwegs.

Bei solchem Wetter, dachte sie, starben die Leute wie die Fliegen. Schnelle Luftdruckwechsel und große Temperaturunterschiede und
der Kreislauf verabschiedete sich.

Sie hatte heute sogar die Spazierrunde mit einer Nachbarin abgesagt. Heute nicht. -

Da musste sie in sich hineinkichern. Diese Nachbarin. Sie erzählte immer belanglose Geschichtchen aus ihrem Alltag: von ihrem
neuen Saugroboter, der die Stube fegte und Monsterchen hieß.

Und Frieda hörte nur noch beiläufig und lieber den Vögeln zu – da sagte Frau Nachbarin streng: wie heißt mein Saugroboter,
so als wollte sie prüfen, ob Friedas Ohren noch gesund und ihr Geist rege.

Manche Menschen hatten Vorstellungen vom Altwerden ...

 

Ich bin zu Hause. Ich trinke einen eisgekühlten Tee. Ich lege mich hin. Ich werde ausruhen.

Ich halte das Fenster nur angelehnt – ein leiser Luftzug geht durch die Wohnung, sonst ist es nicht auszuhalten.
Die Geräusche treten wie durch dicke Wattebäusche an mein Ohr.

In der Stille entscheide ich: Heute bleibe ich bei mir. Keine Termine, keine Verabredungen, keine Ablenkungen.

Ich habe noch einiges aufzuarbeiten. Etwas, das mir auf der Seele brennt. Ich frage mich in diesen Tagen oft: Wer bin ich?
Meine brüchigen Lebensläufe geben darauf keine befriedigende Antwort.

Ich sehe mich über den Tisch gebeugt. Versunken in Farben, Pinsel und Papier. Nachts ist die einzige Zeit, in der ich in Ruhe
und ungestört arbeiten kann. Ich bin dann nicht mehr an diese Welt gekettet mit ihren tausend Verpflichtungen.
Es ist ein hart erkämpfter Freiraum.

Ich schrecke hoch – das Auftauchen geht zu schnell, zu abrupt. Meine Mutter steht plötzlich hinter mir in der Küchentür: „Mädel,
du musst doch schlafen.“

Jetzt bin ich wirklich da. Hellwach. Meine Mutter, sie versteht nicht, was mich da antreibt. Sie ist besorgt. Ach, sie ist immer besorgt …

 

Der Himmel ist betrübt. Die Sonne hält sich versteckt. Aber der Wind, er geht lauter und die Blätter rascheln dringlicher als sonst.
Es klingt, wie wenn der Wind über den See streicht und die kleinen Wellen mit einer Handvoll Licht bestreut.
Sie glitzern und spielen arglos in der Sonne.

Und wir beide, meine Mutter und ich sitzen still auf einer Bank. Wir sehen das gleiche Schauspiel und hören die gleiche Musik
aus Wind und Wellen. Wir lieben diese tiefe Stille in uns mit einer leisen Genugtuung, die nichts kostet.

Es wird das letzte Mal sein.

Ich verstehe erst viel später, dass dieser Tag ihr Abschied ist - von dem See.
Sie gibt ihn auf - für mich. Sie will nicht, dass ich mich abmühe für sie. Sie will, dass ich meine Kräfte schone. So sehr liebt sie mich.
Ich erkenne es erst jetzt.

Manchmal bin ich fassungslos über mich selbst. Ich mache mir über mein Alter keine Gedanken. Ich fühle mich gut.
Ich habe keine sichtbaren Krankheiten. Was also soll sein.

Merkwürdig nur, dass ich plötzlich vor einer Reise, die lange geplant, eine unbeschreibliche Angst bekomme. Was wenn ich plötzlich
alleine in einer fremden Welt stehe, ohne ausreichende Sprachkenntnisse, ohne Wissen wohin.

Ich entscheide, nicht alleine zu fliegen. Und nur für ein paar Tage mit einer anderen Gruppe unterwegs zu sein.
Es soll nicht sein. Nach einem Unfall, schon am ersten Tag, ist alles vorbei. Wochenlang Krankenhaus, Ärzte, Physio – das ganze Programm.
Es ist wieder zusammengewachsen und scheint erträglich.

Aber an diesem Tag – in diesem hellen südlichen Licht ist etwas ganz anderes zerbrochen. Meine Selbstgewissheit. Meine Unerschrockenheit.

Zum ersten Mal erlebe ich das Gefühl von Endlichkeit. Inzwischen bin ich selbst eingeschränkt und der See ist unerreichbar.

 

Frieda saß im Grünen. Sie war heute schon früh auf den Beinen und es hatte sie raus gedrängt. Die Luft war angenehm morgenfrisch
und die Welt schien noch verschlafen still. Bis auf die Schackelstern über ihr. Die hatten einen morgendlichen Disput
in Rede und Gegenrede. Worum gings?

Sie hörte daraus den Streit mit Alma vor ein paar Tagen im Flur. Sie wollte ihr erklären, warum manche Menschen erfolgreicher seien
im Leben als andere. Nachdem sie genug gelobhudelt hatte, nahm Frieda das Gespräch sehr ernst.

Sie sagte: Manchmal hinge Erfolg nur vom Glück ab. Vom Glück zum richtigen Zeitpunkt, den richtigen Menschen zu kennen.

Oder er hing davon ab, wie geschickt man andere Menschen für sich instrumentalisierte, möglichst ohne, dass sie es bemerkten.
Und dabei würde auch nicht zurückgeschreckt vor Intrige und Verrat, wenn es der eigenen Karriere dienlich.
Deshalb sollte man vielleicht zuerst befragen, was das sei, „erfolgreich“.

Almas Augen wurden immer größer und Frieda begriff: sie fühlte sich ertappt. Ihre Stimme klang schärfer als sie sagte:
„Du siehst nur das Negative.“ Frieda sagte: „Guten Tag“ und schloss die Tür.

 

Frieda hatte im Fernsehen gehört, dass Reservisten ab sofort freigestellt und zu Übungen eingezogen würden.
Der Satz blieb in ihr hängen. Er klang nach den alten Reservistenübungen, die man aus DDR‑Zeiten kannte.

Noch vor ein paar Jahren hätte man darüber wochenlang gestritten. Jetzt ging es nebenbei.
Es wurde einfach festgelegt und durchgewinkt.

Warum nicht gleich noch eine vormilitärische Ausbildung, die überall stattgefunden hatte, in Schulen, in Betriebsschulen,
an Hochschulen. --  Als hätte jemand an der Uhr gedreht.

Später hörte sie ein paar junge Musiker. Einer sang leise, fast trotzig: „Ich glaub, die Jugend hat Angst — vor alten Männern im Amt…“
Der Satz traf sie wie ein Déjà-vu.

Sie erinnerte sich an diesen abgewetzten Zettel am Stromkasten. Eine Schülereinladung — ein Aufruf zum Boykott der Wehrpflicht.

Die Jungen waren der Meinung, sie würden zu dem Thema nicht gehört. Über sie würde einfach hinweg entschieden.
Frieda dachte: Die sind ganz schön mutig, die Jungen. Vielleicht kostete es den einen oder anderen mehr, als er sich für seine Zukunft vorstellen konnte.

Frieda erwartete einen schwerer Tag. Sie musste versuchen, sich sehr zu konzentrieren heute.
Sie war immer unglücklich über solche Dinge, die sie sich nicht erklären konnte. Für die sie die Lösung nicht wusste und Hilfe
brauchte. Da war dann immer das Gefühl, abhängig zu sein.

Der Weg dorthin war nicht nah, aber der Gang beruhigte sie.

Am Empfangstresen stand eine Frau mittleren Alters, sehr braun im Gesicht. Entweder Tönung oder gerade aus dem Urlaub
in der Karibik zurück. Sie verstand mich nicht. Genauer: sie verstand mein Problem nicht. Frieda musste warten. Sie hatte Zeit.

Eine junge Frau kam an den Tresen. Sie wollte Kontoauszüge ausdrucken. Das war nicht möglich, weil sie bereits beim online-banking angemeldet war. Sie könnte die Auszüge zu Hause am PC oder Laptop ausdrucken, da waren alle gespeichert.
Die junge Frau verstand nicht, sie sprach nicht so gut deutsch. Und die Empfangsdame sagte, dann müsste sie mit einem
Dolmetscher wiederkommen.

Frieda zuckte zusammen und dachte, wie unfreundlich das war. Sie schämte sich.

Eine Frau kam auf sie zu und begleitete sie an ihren Platz. Das Ganze also von vorn. Sie war nett. Sie war geduldig.
Sie sagte ihr, wir werden den Fehler finden, denn auf Friedas Display erschien immer: Fehler 10003. Es stellte sich heraus,
sie hatte auf diesem Handy eine veraltete App, weil sie inzwischen mehrheitlich ein anderes nutzte. Aber auf dem war die App nicht eingerichtet.

Frieda glaubte es kaum. Die Bankfrau richtete ihr in ein paar Augenblicken mit ein paar Handgriffen die App neu ein und alles war
wieder am Laufen. Frieda merkte, wie ihre Schultern sich vor Erleichterung senkten.

Sie war überglücklich. Sie möchte ihrer Helferin am liebsten um den Hals fallen, was sie natürlich unterließ. Aber sie verabschiedete sich sehr freundlich per Handschlag.

Warum erschöpfte sie das so. Zwei Wechselbäder innerhalb von 30 Minuten im selben Raum.

Und draußen lachte die Sonne.

Ein großer Schritt für Frieda. Sie war ein kleines bisschen stolz auf sich.

Als sie die Wohnungstür hinter sich schloss, fiel die Spannung ab. Sie wird sich etwas zu Essen machen. Und sie wird ein
Mittagsschläfchen halten bei offenem Fenster und im hellen Licht. Es klang nach Vorfreude darauf.

Später war sie erfrischt. Sie las. Sie kochte Kartoffeln. Morgen würde sie Salat davon machen. Sie hatte überraschenderweise
sogar Pläne für den nächsten Tag. Das war selten.

 

Frieda war schon früh wach. Und heute hielt sie nichts mehr im Bett. Die Beine wollten raus.

Kein Kaffee, keine Zeitungsschau. Heute pellte sie als Erstes Kartoffeln für den Salat. Salz, Pfeffer, Zitrone, Öl, Zwiebel
und diese kleinen Cornichons Gürkchen in Scheiben. Es durfte auch ein Schwupps Gurkenwasser sein.
Jetzt konnte er durchziehen. Später kamen noch dazu gekochte Eier, ein paar Koriandersamen und feine ausgelassene
Speckwürfelchen. Sie hatte den Geschmack schon auf der Zunge.

Aber das hatte Zeit. Sie musste sich erst strecken. Der Rücken war noch krummer als sonst, vom Stehen. Aber das war
keine Arbeit zum Sitzen.

Sie hatte sich vorgenommen, das Grab ihrer Mutter zu besuchen.  Die letzten Tage waren neblig grau und nass und kalt.
Doch jetzt schien die Sonne. Sie möchte sehen, ob es ihr gelingt, einen Augenblick bei ihr zu bleiben.

Draußen spürte sie, wie die Luft begann, dick zu werden, und sie war ehrlich froh über jeden noch so kleinen Windzug zwischen
den Bäumen. Sie hörte sie schon sagen: „Aber Mädel.“

Als sie ankam, war dort auch nur Alltag. Die Friedhofsgärtner waren mit kleinen Motorenwagen beim Mähen. Dieser Geruch, der
sofort wach machte. Das roch nicht nach Arbeit. Das roch nach Atem, nach einem Moment des Glücks.

Aber es war laut. Sie ging wieder.

Unterwegs kamen ihr Leute entgegen. Zu dieser Tageszeit – die meisten so alt wie sie oder ähnlich alt. Sie dachte: Wie alt Berlin aussah.

Eine Frau blieb empört stehen und sagte entrüstet: „Nee!“
 
Eine andere sah so verkniffen aus, dass sie dachte: Oh Gott, ob sie wohl Schmerzen trug.

Und Frieda merkte, wie leicht sie ging in Vorfreude auf ihren Milchkaffee in ihrem Lieblingsbistro. Zu leicht fast für diesen Tag.

Sie entdeckte im Korb in der Auslage noch ein Pistazien- Croissant. Die hatten diese weiche Süße. Gestern fragte ihr Untermieter:
„Erinnerst du dich, du hast mir im letzten Jahr zum Kindertag ein Pistazien-Croissant mitgebracht.“ Das hatte sie vergessen.
Der Kindertag in diesem Jahr war längst vorbei. Aber dieses hier war heute ihrs.

Sie saß einfach da. Mitten im Straßenlärm. Mitten in den vorbeirauschenden Gesprächen am Nebentisch.

 

Fast dreißig Jahre ist es her, dass wir uns trennen. Die Umstände verändern sich dramatisch. Du und ich, wir sind über Nacht ohne Perspektive, ohne Halt. Und offenbar in unterschiedlichen Zeitebenen gefangen.

Ich denke an die Abende, an denen ich bewusst länger im Büro bleibe, weil ich dein Nichtstun, deine Larmoyanz, deine Lethargie
nicht mehr ertrage.  An dieses Bild: du, in Boxershorts auf dem Sofa, versunken in dich selbst, unfähig, dich zu bewegen —
und ich, die sich immer kleiner macht, um nicht zu explodieren.

Ich erinnere mich, wie ich damals versuche, ein Nachbarschaftshaus aufzubauen, nur um nicht zu ersticken.
Wie ich mich aus der Schockstarre herausarbeite, tastend, suchend, mit einer Energie, die niemand sieht.
Wie sich mein Verhältnis zu dir verändert — erst unmerklich, dann schneidend.
Wie ich manchmal Ekel empfinde, ein Gefühl, das ich mir selbst nicht verzeihe.

Ich sehe unsere zugemauerten Gesichter. Die Unumkehrbarkeit. Dann der Show-down.
Die junge Englischlehrerin, die in deinem Leben auftaucht, vielleicht nützlich für deine Pläne, in die Staaten zu gehen. Die Teilung
unseres Bücherbestandes. Die Teilung unserer Habseligkeiten.

Du ziehst aus nach über 20 Jahren. Wir sind bis dahin gemeinsam durch alle Höhen und Tiefen gegangen – in guten, wie in schlechten Zeiten – und nun?

Es bleibt Etwas. Etwas bleibt.

Aber es gibt auch eine gute Seite: Wir sind damals so verhakt ineinander. - Mit der Trennung hat jeder noch mal die Möglichkeit für einen Neuanfang. Ich habe es überlebt.

Und ich erinnere mich an die Nachricht von gestern: dass du im Krankenhaus liegst, mit dem Verdacht auf Demenz. Dass du aggressiv seist, unzugänglich, schwer zu halten. Dass nichts lebensbedrohlich sei — aber alles anders.

Vielleicht willst du einfach nur weg dort. Vielleicht will deine neue Frau keinen Pflegefall. Vielleicht ist Altwerden eine Zumutung — für alle Beteiligten.

 

Frieda wollte einen schönen Abend. Etwas Leichtes. Etwas, das sie aus dem Alltag heraushob. Sie lud Alma ein.
Sie kaufte die Karten. Sie wollte teilen, schenken, öffnen.

Und dann dieser winzige Moment der Verstörung: Alma feilschte um Ermäßigung. Bei einem Preis, der so niedrig war,
dass das Feilschen grotesk wirkte. Frieda war das peinlich

Sie brauchte einen Moment, um wieder in den Abend hineinzufinden.

Zwei Frauen spielten auf kostbaren historischen Holzlflöten und erzeugten diesen wunderbar warmen Klang mit Stücken aus
der Vor- Renaissance. Frieda atmete tief. Sie freute sich. Sie hatte nicht erwartet, dass der Abend von so hoher musikalischer Qualität.
Von so unerwarteter Schönheit. Frieda fühlte sich tief beschenkt.

In der Pause streifte sie durch die Galerie zum Büfett für zwei Wasser.

Und da sah sie es: die Menschen um sie herum waren alle so alt wie sie selbst. Manche vielleicht mit eigenen künstlerischen Ambitionen. Andere wirkten wie der Dienstagskreis, der sich regelmäßig trifft.

Aber wo waren die Jungen? Warum waren sie nicht hier? Interessierte sie das nicht? Oder hatten sie keine Zeit? Oder lebten sie
in anderen Räumen? Und warum wusste sie nichts darüber.

Der Gedanke kam als ein Befremden. Als ein Ton, der plötzlich nicht mehr in die Harmonie passte.

Sie erinnerte sich. Vor Monaten war sie im Theater. Eine Inszenierung eines bekannten Regisseurs. Ein volles Haus.
Und wieder: graue Köpfe. Eine Handvoll junge Leute.

Alma hatte es wegerklärt damals: Viele ihrer Bekannten mochten den Regisseur nicht - zu brachial, zu demonstrativ, zu lang.

Frieda nahm es hin. Aber jetzt, in der Galerie, im leichten Nachklang des Flötenspiels, fiel es ihr wieder ein. Ein Déjà-vu, das plötzlich Bedeutung bekam.

Eine Stimme klang in ihr ganz leise, fast unhörbar: "Ich bewege mich in Räumen, die nicht mehr von der Zukunft getragen werden." --
Der Satz klang, als müsste er erst verstanden werden.

 

Später saß Frieda am Küchentisch. Ihr Untermieter kam herein, ein junger Mann aus Indien, der inzwischen erstaunlich gut
deutsch sprach und jeden Tag fleißig zur Arbeit ging. Er sah sie an, musterte sie kurz und sagte: „Du siehst so modernisch aus.“

Frieda lachte über das Wort, über die Unbeholfenheit, über die Wärme darin. „Ich zieh nur das an, was meins ist,“ sagte sie. „Und lange Röcke waren schon mehrmals in meiner Zeit in Mode — und ich habe sie geliebt, wie jetzt wieder.“

Sie sah, wie er nickte, höflich, freundlich, aber ohne zu verstehen. Natürlich verstand er es nicht, dachte Frieda.
Die 70er, die 90er — da war er noch nicht einmal geboren.

Am Nachmittag war sie ausgebüchst. Frau Nachbarin wollte alles ganz genau wissen: Warum hatte sie sich so schick gemacht.
Wo sie denn hin wollte. Und gut aufpassen sollte sie auf sich.

Gut gemeinte Worte, sicher. Aber sehr aufreizend übergriffig. Und auf Kontrolle reagierte Frieda absolut allergisch.
Sie erzählte irgendeine Geschichte, nur damit man sie in Ruhe ließ.

Sie wusste, dass sie das nicht tun sollte. Aber wenn man ihr so auf die Pelle rückte. Sie war doch kein Pflegefall. Und sie musste sich
nirgends an- oder abmelden. Sie durfte gehen, wohin sie wollte. Gottseidank war das noch so.

Etwas später saß Frieda im Halbschatten.  Die Sonne hatte gerade eine Lücke gefunden. Heute war ein ruhiger Wochenendtag.
Nur wenige Menschen waren im Hektikmodus.  Sie hatte lange gelesen und überlegte, was sie heute unbedingt noch tun musste.

Da hörte sie ein aufreizend lautes Gekrächze einer aufgebrachten Krähe. Sie konnte sie in den hohen Bäumen nicht finden.
Aber der Ton klang laut, dominant und rechthaberisch. Er erinnerte sie an ein Streitgespräch mit Alma gestern im Hausflur.

Alma war die neue Nachbarin. Die Frauen waren sich schon ein paar Mal im Treppenhaus begegnet. Alma war 73 Jahre und sehr agil.

Sie stand im Hausflur. Sie hatte diesen entschlossenen Blick, den sie immer hatte, wenn sie etwas „Wichtiges“ sagen wollte.
Frieda wusste schon, es ging wieder um Gesundheit.

Sie sagte: „Frieda, du musst regelmäßig deinen Blutdruck kontrollieren lassen. Und die Lymphsysteme. In unserem Alter ist das
entscheidend.“

Frieda nickte. Sie wusste, was das war. Sie wusste auch, wie sie damit umging. Seit Jahrzehnten.“

Als sie das sagte, sah Alma sie an, als hätte sie ihr etwas Ungeheuerliches offenbart.

„Ach, du bist Arzt“, sagte sie.

Frieda musste lachen. Ein leises, trockenes Lachen, das ihr selbst fremd klang. Sie hatte ihr nicht erklärt, dass man auch ohne
Studium wissen konnte, wann der eigene Körper Alarm schlug. Sie hatte ihr auch nicht gesagt, dass sie heute kaum die Kraft hatte,
die Post aus dem Flur zu holen.

Alma redete weiter, über Vorsorge, über Prävention, über Verantwortung. Frieda hörte nur noch halb zu.

Als sie weg war, blieb der Flur still zurück.

Frieda dachte: Manche Menschen kämpften gegen das Alter. Sie kämpfte nur darum, den Tag zu überstehen.


Abends saß sie still auf einer Bank, versunken in Gedanken. Sie nahm anders wahr heute.
 
Ein kleiner Hund lief auf sie zu und bellte sie arglos an, als wollte er neugierig fragen: wer bist du? Sie fühlte sich von ihm
wahrgenommen, ohne dass sie etwas dafür leisten musste. Sie sprach ihn an, das kleine schwanzwedelnde Etwas mit großen Augen.

Aber das Frauchen rief. Frieda sah, wie der Hund sofort folgte. Da war jemand, der ihn brauchte. Frieda spürte: Das war nicht ihr Bedarf.

Frieda hatte heute einen langen Tag. Aber sie hatte gesehen, dass sie nicht mehr für alle erreichbar sein musste.
Dass sie wählen durfte, wem sie ihre Zeit, ihre Aufmerksamkeit, ihre Wärme gab. Und dass ein kleiner Hund, der kurz auf sie zulief,
mehr echte Begegnung sein konnte als ein langes Telefonat mit jemandem, der sie nicht wahrnahm.

„Ich darf wählen, wem ich nah bin.“- Mit diesem versöhnlichen Gedanken schlief sie ruhig ein.

 

Frieda hatte gestern Abend Überraschendes gesehen. Auf ihrem Heimweg beobachtete sie einen Mann, der mit Pinsel und
Farbbüchse die Bänke im Park anstrich. Zu einer Zeit, die außerhalb jeder Arbeit lag.

Sie dachte noch: Warum tat er das. Hatte er Farbe von seinem eigenen Tun übrig und verstrich sie auf diese Art.
Und hoffentlich setzte sich niemand auf eine frisch gestrichene Bank.

Als sie heute Morgen aus ihrem Haus trat, sah sie – auch hier war der „gute Geist“ vorbeigekommen. Die Bänke waren alle frisch.
Das Holz war wieder geschützt.

Sie möchte am liebsten einen Lobgesang anstimmen auf Menschen, die einfach nur sahen, was zu tun war und es taten.

Am  Morgen mache ich meine tägliche Zeitungsschau auf dem Tablet. Ich stolpere über den Witz des Tages: Zwei Erwachsene fragen
einen Knirps: „Na, Kleiner, was willst du denn mal werden?“ Der Junge sagt: „Rentner.“

Ich lache laut. Und in derselben Sekunde weiß ich: Das hat mein Sohn schon vor vierzig Jahren gesagt. Und ich sehe die entsetzten
Gesichter der Großeltern vor mir, als wäre es heute.

Und trotzdem ist etwas anders zwischen damals und heute – aber vielleicht auch nicht.

Ich erinnere mich, wie ungern Sohni in die Schule geht, damals. Kein Tag, an dem er nicht ermahnt wird, still zu sitzen, an dem nicht
über ihn hinweg geleert wird, was ihn weder interessiert noch er versteht. Kein Tag, an dem ich nicht dicke Absätze
im Hausaufgabenheft lese, die ich unterschreiben soll.

Sohni ist kein schwieriges Kind. Er hat nur schon sehr früh in seinem Leben viele schlimme Dinge erlebt. Er ist Drei, als er in
unsere Familie kommt.

Ich kämpfe um ihn wie eine Löwin. Sohni muss lernen, dass man Fehler machen darf. Dass man sich dafür nicht schämen muss.
Aber dass man sie auch nicht verheimlichen darf. Dass es einen Unterschied gibt zwischen allgemeiner Freundlichkeit und
Zuwendung, Liebe etwas anderes ist als Freundschaft.

Nach und nach stürzen die Wände ein: Erst ein Umzug. Dann Arztbesuche und Tabletten, dass der Junge besser passt in die Ordnung,
in die Erwartung, in die Vorstellung. Dann eine neue Schulklasse in einer Behindertenschule, die mit ihm nichts anfangen kann,
weil er zu gut ist. Dann wieder eine neue normale Schulklasse, neue Kinder, neue Lehrer. Ein Horrortrip. Für ihn. Für mich.

Er versteht früh, dass das Leben kein Wünschdirwas ist. Er baut sich seine eigene Welt. Aus Überforderung. Aus Schutz. Aus Not.

Und ich — ich verfluche bis heute meine damalige Unfähigkeit, mich schützend vor ihn zu stellen. Ich will nur das Beste für ihn.
Mir ist völlig egal, dass er niemals Akademiker wird. Er soll ein ordentlicher Mensch werden.

Ich hasse diese gedämpft‑mitleidsvollen Unterredungen mit Schulleitern, mit Ärzten, die im Achselzucken enden und in der
Verschreibung von Pillen. Sieht denn niemand dieses Kind? Diesen aufgeweckten kleinen Burschen, der neugierig die Welt anschaut —
aber einfach nicht ins Reglement passen will?

Jahrzehnte später kann ich es endlich sagen: Ich bin stolz auf dich.

Er hat viele Abstürze überstanden. Gefährliche. Tiefe. Aber er steht. Er hat eine Familie. Er hat einen getakteten Kalender.
Er kümmert sich um Menschen, denen es schlechter geht als ihm.

Er drückt mich und sagt: „Mama — das Wiederaufstehen, das habe ich von dir.“

Und ich fühle, wie sich zum ersten Mal eine Wunde schließt.

 

Ich gieße meine Physalis, die schon über einen Meter hoch und zu blühen beginnt.

Die Blüte ähnelt denen von Tomaten, aber sie ist größer – anders. Am imposantesten sind die riesigen Blattwedel, mit denen
sich in grauer Vorzeit die Göttlichen im Götterhimmel die Gerüche der Welt zuwedelten – was für ein köstlicher Gedanke.

Es darf nur ein sehr ruhiger Tag sein heute. Gewitterluft und Donnergrollen rings um. Ich werde versuchen, den Tag zu nehmen.
Die Fenster angeklappt – das sich in der ganzen Wohnung ein leichtes Lüftchen bewegt. Den Tee kaltgestellt.

Ich lege mich auf mein Bett und spüre vor Mattigkeit, wie mein Kopf langsam ausläuft.

Im Hinabsteigen bemerke ich, wie sich die Ebenen ändern. Ich bin -


weiß milchweiß keine begrenzung kein gedanke  ein aussetzen ein liegen im raum oder ein gleiten stille die nicht hört zeit die nicht beginnt nur fortsetzung nur weiß in immer neuen räumen


und dann nicht laut nicht leicht ein schwerer werden ein zurückkehren des körpers in seine form ein kaum merkliches wissen dass es ein „ich“ gibt

ich will zurück

wie groß die räume sind

hat jemand gerufen

Ich bin wach. Hat mich jemand gerufen, denke ich.

Du kommst immer wieder zurück, solange dich jemand ruft – hat neulich eine Stimme gesagt. Ein Kind rufen die Eltern. Wer ruft mich?

 

Später, draußen, fiel ihr Blick auf etwas, das sie tief berührte. Vor ihr liefen eine Großmutter mit ihrem Enkel. Sie trugen beide
Eiswaffeln zum Schlecken und schienen richtig vergnügt. Da sprang der kleine Mann plötzlich los, weil er ein behänd kletterndes Rotschwänzchen zwischen den Baumästen entdeckt hatte. Das ging zu schnell. Die Eiskugel lag auf dem Boden.

Der kleine Mann war verwirrt. Aber es gab keinen Krach. Keine Tränen. Kein Geschimpfe. Seine Oma freute sich mit ihm über das Eichhörnchen. Sie drückte ihm ihre Eiswaffel in die Hand. Sie erklärte ihm, dass sie den Rotschwanz hier noch öfter sehen würden,
denn sie begannen um diese Zeit Wintervorräte anzulegen.
Der kleine Mann drückte seine Oma ungestüm und sagte: „Immer, wenn ich da bin, hast du Zeit.“

Frieda sann nach: Galt das inzwischen nicht mehr als zeitgemäß.

In vielen Familien wurde gestritten über Erziehungsstile – über alte Verletzungen und neue Erkenntnisse.
Was für die einen Fürsorge war, war für die anderen Einmischung. Was für die einen Erfahrung war, war für die anderen „überholt“.

 Mit dem Erfolg, dass die Kinder verhandelt wurden wie eine Sache. Dass sie im schlimmsten Fall vieler Erfahrungen und
Erkenntnisse beraubt wurden. Denn Kinder konnten immer schon Unterschiede in der Familienstruktur wahrnehmen,
auseinanderhalten und sich darauf einstellen: bei Tante Paula war es anders als bei Oma Sophie. Und zu Hause bei den Eltern war
es wieder anders. Das war der Humus der Erfahrung für ihr eigenes Leben. Weshalb sollten sie aus Übervorsicht, aus Ignoranz, aus Verbohrtheit davon ausgeschlossen werden.

Frieda dachte: Für die Erziehung eines Kindes brauchte es ein Dorf und nicht nur Vater und Mutter.

 

Am Abend stand sie lange am Fenster. Auf der Straße bewegte sich schlangenartig der Verkehr. Die Autos dicht an dicht. Es war frühe Feierabendzeit. Das ging jetzt ein paar Stunden so. Man nannte es fließenden Verkehr – aber nur bis zur nächsten Ampel.

Sie wollte gleich Schinken-Kräuter-Schnecken in den Ofen schieben. Den Blätterteig ausgerollt. Mit Frischkäse und Kräutern
bestrichen. Mit Schinkenwürfeln belegt. Eingerollt. In Scheiben geschnitten. Mit Eigelb bepinselt und ab in den Ofen.
Dazu ein bisschen grüner Salat und ihr Abendbrot war fertig.

Sie hatte sich vorgenommen, morgen in die City zu fahren. Ein Ausflug. Eine Entdeckungsreise. Einfach so. Ohne Termin.
Ohne Verabredung. Es hatte sich so viel verändert in den letzten Jahren. Und sie wollte es sehen – jetzt.
Bevor die nächste Hitzewelle zuschlug.

Bei dem Wörtchen Entdeckungsreise musste sie schmunzeln: Nach langer Zeit des Alleinseins nach ihrer Trennung gab es ein erstes vorsichtiges Date mit einem Fremden.

Nette Emails schreiben konnte jeder, dachte sie. Sie verabredeten sich schon mal sehr einfallslos an der Weltzeituhr,
genau auf der Bank davor. Sie kam aus dem U-Bahnschacht und sah dort ein Menschlein hocken, das noch schlimmer gebeutelt aussah
als sie damals.

Ein älterer Herr, der sehr viel älter schien. Der sich in seine besten Sachen geschmissen hatte. Man sah, wie fremd sie an ihm standen.
Mit einer Tolle, die die Glatze verstecken sollte. Und mit einem Gesichtsausdruck, als würde er nach der nächsten kühlen Blonden
Ausschau halten.

O, man – … Sie ging vorbei. Dem nächsten U-Bahnschacht entgegen. Es fühlte sich an, als wäre sie sich selbst entronnen.

Dass sie sich das überhaupt getraut hatte, damals. Frieda schüttelte den Kopf. Wie lange der arme Kerl da wohl gehockt haben mochte.

 

Frieda döst auf ihrem Bett. Die Wohnung war nach mehreren Hitzetagen aufgeheizt. Sie hatte die Fenster nur angelehnt, für einen
winzigen Luftzug.

Sie nahm das Foto vom Bord. Das Foto, das sie und ihre Eltern zeigte. Irgendwann auf einem dieser Sonntagsspaziergänge,
die sie nicht mochte. Sie sollte immer vor ihren Eltern gehen. Das war nicht lustig, immer zu hören: „Frieda, geh gerade.“
„Frieda, heb die Füße.“ Und das Ganze im Sonntagsstaat, den man natürlich nicht schmutzig machen durfte.

Das Foto zeigte sie in einem kleinen Park mit Ententeich und Monet-Brücke, nahe beim Kurhaus.
Sie war vielleicht fünf. Ihr Vater stand hinter ihr und lachte so verschmitzt, wie nur er es konnte, wenn er ganz leise eine
amüsante Bemerkung machte.
Und ihre Mutter daneben. Schick, in ihrem luftigen Sommerkleid und weißen Pumps. Mit diesem leicht irritierten Lächeln,
als wäre ihr gerade etwas unangenehm.

Ihr Vater schaute nach links und ihre Mutter nach rechts – aber aneinander vorbei – meilenweit. Wie jung sie damals waren.
Wer mochte da fotografiert haben. Frieda atmet durch.

 

Ich habe gestern von meinem Gang eine handtellergroße, gemeine Studentenblume mitgebracht, hellleuchtend mit diesem
strahlenden Gelb-Orange. Dicke Blütenbommeln und Blätter, so fein wie ein Federkleid. Sie nimmt sich prächtig aus, als ein
belebender Farbklecks, neben dem rosa-rot, dem lila, dem blau und gelb der anderen Nachbarn.

Ich liebe diese Jahreszeit, in der überall Blumen sprießen. Und ich habe in meinem Leben schon auf vielen Balkonen, die Töpfe
und Kistchen gefüllt. Aber in diesem Jahr wundere ich mich besonders, wie schnell die Zeit vergeht.

Eben stehen da noch ganze Tulpenbrigaden am Wegrand und die Bäume blühen – und schon ist alles vorbei.
Wie viele Frühlinge werde ich noch erleben, denke ich.

Ich sehe plötzlich meine Mutter vor mir. Wir wohnen lange Jahre zusammen und es ist eine schöne Zeit.
Viele fragen erschrocken: Mutter und Tochter zusammen, geht denn das. Und wie das geht.

In früheren Jahren streiten wir öfter miteinander. Aber als alte Schachteln, machen wir es uns schön. Die Zeit der Eifersüchteleien, der Besserwissereien – sie ist vorbei und schafft Platz für etwas Gemeinsames.

Doch sie wird schwächer, die Mutter, damals. Der Körper streikt. Das Bett wird ihr Refugium. Ich koche das ganze Suppenrepertoire
pürierter Suppen, das sich ausdenken lässt, und hoffe auf eine Wende.

Und ich spüre, wie sie kommt. 
Im frühen Jahresbeginn rappelt sich die Mutter hoch.
Wir zwei Unentwegten schleichen untergehakt, gespenstergleich über die langen Hausflure.
Später kommt das Treppensteigen dazu. Und langsam kommt die Kraft zurück.

Wie tapfer sie sich herauskämpft. Für längere Strecken besorge ich einen Rollstuhl.

Es ist zum Greifen deutlich: sie will noch einmal den Frühling erleben. Noch einmal das neue Beginnen fühlen. Das warme Licht.
Die linden Lüfte. Die Gerüche, die nur der Frühling kennt.

Ein paar Monate später ist sie gegangen für immer.

Ich werde sie in den nächsten Tagen besuchen, und ich denke daran, dass meine Mutter die gelbe Farbe der Blüten über alles liebt.

 

Sie war schon früh wach heute. Die Geräusche von der Straße drangen wie ein Geräuschteppich an ihr Ohr. Die Sonne schien.
Das machte Mut, sich in den Tag gleiten zu lassen. Langsam stand sie auf.

Draußen war Gluthitze – 34 Grad Celsius, im Schatten. Morgen wird wieder so viel Feuchtigkeit in der Luft sein –
da wird gar nichts gehen. Aber jetzt konnte Frieda einen kurzen Gang zum Supermarkt wagen. Dort ist es wenigstens kühl.

Sie holte ein großes Baguette, Milch, eine kleine Netzmelone und Kirschen, die sie so gerne aß. An der Kasse war es voll.
Heute besorgten schon viele ihren Wochenendeinkauf.

Sie sah, wie vorne in der Schlange, eine junge Frau sehr konzentriert auf das Kassen Display schaute. Ob das Geld für den Einkauf reichte. Tomaten, Brötchen, Jogurt. Neben ihr stand eine ältere Frau mit Kopftuch und auf der anderen Seite ein Mädchen, vielleicht zehn.

Sie zählten alle Pfennige zusammen. Es dauerte. In die Schlange kam Bewegung. Es gab so eine unfreundliche Unruhe. Weil jeder jetzt sah, dass die drei Frauen Migrantinnen waren, die den Verkehr aufhielten.

Aber Frieda sah auch, dass die junge Kassiererin sehr freundlich mit ihnen sprach. Man lächelte sich zu.
Sie stellte sich vor, sie sei gezwungen in einem fremden Land, mit sehr wenig Geld und kaum Ahnung von den Preisen,
Familieneinkäufe für ein Wochenende bewerkstelligen zu müssen. - Da wäre man für jedes freundliche Gesicht dankbar.

Und sie ärgerte sich über den hochroten und verschwitzten Herrn in der Schlange, der laut nach einer zweiten Kasse schrie, so als hätte nur er schwer zu tragen.


Jeder Schritt war heute mühselig und die Luft knapp. Kleine Schrittchen. Vorsichtig einer vor den anderen. In ihren flachen
Hausschuhen mit den festen Sohlen, die sie sich unlängst gekauft hatte.

Frieda lächelte leise. Was war sie doch früher mit hohen Absätzen geflitzt. In allen Lebenslagen. Dem Bus hinterher.
Mit Einkäufen schwer beladen. Sie konnte gar nicht anders.

Ein paar Pumps standen noch in ihrem Kleiderschrank. Ein Mitbringsel aus Venedig. Warum standen die da noch,
wenn sie sie nicht mehr trug?

Dasselbe hatte sie sich nach dem Tod ihrer Mutter gefragt: warum standen in deren Schrank noch unzählige Paar Pumps,
mit denen sie sogar noch umzog. Obwohl sicher war, dass sie sie nie mehr tragen würde.-
Als Erinnerung. - Jetzt sah Frieda es selbst. Als Erinnerung.

Die Schuhe wären ein Sicherheitsrisiko - in ihrem Alter, hatte ihr Sohn gesagt. Und dabei sah er sie so mitleidsvoll an und griff ihr
verstohlen unter den Arm, so als wollte er sie stützen.

Ich träume in den Tag. Nicht von etwas Bestimmtem. Nur ein Gleiten. Der Wind streicht über mein Gesicht wie eine Hand,
die mich kennt. Die Geräusche der Straße werden weich, verlieren ihre Schärfe. Etwas in mir löst sich, ein kleiner Knoten, der
lange gehalten hat.

Ich sitze da und merke, wie ich mich ein wenig aus der Welt herausnehme. Ein Licht breitet sich aus, kühl und klar, als käme
es von weit her. Ein Geruch, den ich nicht zuordnen kann – salzig vielleicht, oder nur Erinnerung an Salz.
Ein Hauch von Weite. Ein leises, inneres Schaukeln.

Und dann, ohne dass ich es suche, schiebt sich Venedig in meinen Blick, als ein Geruch von Meer, als ein bestimmtes Licht.
Dieses kühle, klare, Licht, das sich auf die Haut legt – wie ein weicher Seidenschal.

Ich erinnere mich an die Gummistiefel, die ich für Pöppels eintausche – big boots im Tausch mit einer kleineren Größe.
Das letzte Paar an der Rezeption, während er im Zimmer schmollt wie ein großer Junge. –  An die Tischdecken, deren Zipfel im
Wasser hängen, schwer und kalt. Die Croissants, die nach unbekannter, geheimnisvoller Rezeptur schmecken, gehütet
als Familiengeheimnis. – Die Italienerinnen in Pumps, die mit einer Selbstverständlichkeit über die Stege gehen, als sei das
Hochwasser nur eine Laune, die man mit Haltung beantwortet.–

Der junge Engländer mit seinem „What a lovely day“, das mich bis heute amüsiert, weil es am Fuß der überschwemmten Treppenstufen
so unpassend und gleichzeitig so treffend ist.

Und dann dieser Palazzo am Seitenarm des Kanals. Ich höre ihn heute wieder, – ich höre: das gedämpfte Glucksen des Wassers
an der Treppe, das Klappern von Geschirr aus der Küche im Speiseraum am frühen Morgen, das Murmeln der Stimmen,
die sich zu einer warmen, menschlichen Geräuschdecke verweben.

Ich sehe uns über die Märkte stromern. An den Außentischen der kleinen Cafés genussvoll unseren Cappuccino genießen.
Unbekannte Köstlichkeiten ausprobieren. Die kühlen Kirchenräume mit ihren hohen Bilderwänden bestaunen.
Uns in den kleinen Gassen verlieren und den Geheimnissen der Palazzo Mauern lauschen. So viel Unbekümmertheit. So viel Entdeckungslust.

Da wissen wir noch nicht wie wenig Zeit uns bleibt.

Um die Mittagszeit stehe ich in der Küche. Ich putze Champignons für eine Pilzpfanne. Ich koche nicht jeden Tag für mich,
aber heute habe ich Lust dazu.

Ich putze die Champignons. Die Hände machen das von allein. Ich sehe meinen Pöppels, wie er mit einem verschworenen Lächeln
im Flur auf mich wartet. Auf dem Herd ein Topf mit Schmorgurken. Gekocht für mich. Ein köstliches Essen.
Vor allem wegen dieses einen bulgarischen Gewürzes - Tschubritza.

Ich lächele und denke, bis zur Schmorgurkenzeit dauert es in diesem Jahr noch.
Ich halte den Duft fest, aber dahinter liegt etwas Schweres, das ich damals nicht sehen konnte.

Du baust für mich ein kleines mobiles Geschäft auf. Genauso, wie du dein eigenes gebaut hast. Vieles davon in Eigenleistung.
Und manchmal frage ich mich, ob ich zu viel von dir verlangte, ohne es zu wissen.

Feierabend ist ein Fremdwort in der ersten Zeit. Du träumst immer davon, irgendwann nicht mehr selber arbeiten zu müssen
und, dass die Geschäfte trotzdem weiterlaufen. Ein Traum, den du dir aufgehoben – und den du am Ende nicht mehr hast leben können.

Weil dann … dann saßen wir beide in einem Auto bei strömendem Regen am Straßenrand – und das Ergebnis der Untersuchung
stand nicht nur fest, es war mit MRT‑Bildgebungsverfahren gesichert.
Der Krebs hatte schon weit gestreut. Ab jetzt lief die Zeit. ---  Mir wird kalt.


Frieda hat an solchen Tagen, wenn die Gedanken so schwer kommen, Mühe, den Tag weiterzugehen.
Die Pilze stellt sie in den Kühlschrank – heute nicht mehr. Ich lege mich hin. Ich muss ausruhen jetzt. Ich bin sehr weit weg.

Plötzlich befällt mich eine Unruhe. Ich bin in einem U‑Bahnhof. Ich weiß nicht, wie ich da hinkomme. Ich weiß nicht, wo ich bin.
Ich stehe und warte auf eine Bahn, als vor meinen Augen die Vorhänge zugezogen werden. Ich sehe alles nur noch verschwommen, wie
im Nebel. Mir wird übel. Ich kann nicht mehr stehen. Ich möchte sitzen. Ich weiß, dass gegenüber Bänke stehen an der Wand,
aber ich sehe sie nicht, ich ahne sie nur. Ich fürchte zu stürzen. Ich habe keine Kraft mehr. „Bitte, kann mir jemand helfen.“
Jemand kommt auf mich zu. Er fasst mich unter und bringt mich zu der Bank.

Ein Geräusch wie ein Werkzeugkasten, der zu harsch geöffnet wird. Metallgeräusche.
Wo bin ich, denkt Frieda. Sie versucht sich zu erinnern. Wo bin ich –

Ich liege im Bett. Ich muss geträumt haben. Pöppels. -- Ich weiß heute, dass du es für mich getan hast – weil du wusstest, was ich brauchte für einen Neuanfang.

 

Mit ein paar Handgriffen – der erste Kaffee. Den brauchte sie morgens immer. Und sie genoss einen ordentlich zubereiteten türkischen Kaffee – nicht Filter oder Pads – sondern so ehrlich wie möglich.

Immer, wenn Besuch kam, trieb ihr das Falten auf die Stirn. Die meisten Menschen, die sie kannte, empfanden das als
ungehobelt und ohne Manieren. Dann musste sie den Kaffee filtern, aber nicht für sich. Ihr Pöppels trank ihn auch so.

Als sie sich kennenlernten, überraschte er sie ganz am Anfang mit seiner Neugier: auf Bücher, auf Musik, auf ein anderes Sehen.
Er entwickelte eine Vorliebe für Maria Callas und konnte sich an ihrer warmen Stimme nicht satthören.
Nicht mit Kopfhörern – laut. Frieda hörte sie manchmal noch in ihrem Schlaf.
Dabei war Pöppels nie in einer Oper, in seinem ganzen Leben nicht.

Damals hatte sie öfter Bücher auf dem Tisch über Makroökonomie und Betriebswirtschaft, Seiten, die sich ihr nicht so fix
erschlossen und über die sie lange grübelte.
Aber Pöppels war in seinem Element. Er freute sich, endlich nachlesen zu können und zu lernen. Und mit Begeisterung erklärte er ihr, Prozesse, die sie nicht kannte, die für sie ungewohnt und fremd waren.
Er hatte sein Leben in der Gastronomie verbracht, und kannte diese theoretischen Sätze aus der Praxis nur zu gut.

Sie spürte schnell: Wenn man älter war, spielte der Bildungsabschluss, den man irgendwann erworben hatte, keine Rolle.
Für Außenstehende, die sie kannten, war es seltsam.

Sie musste lachen: Sie erinnerte sich, wie ihre Eltern damals fast erleichtert wirkten, weil ihr Kind jetzt endlich bodenständig wurde.
Ihr Kind war damals Anfang fünfzig.
 
Das ist auch so was: Du bleibst immer Kind, solange sie leben, die Eltern – auch wenn du 100 bist.

 

Frieda blieb ganz still bei sich.

Heute Morgen war ihr ein Malheur passiert. Bei der Morgentoilette war ihr die Cremedose mit lautem Getöse ins Waschbecken geknallt.
Die Emaille war nicht nur abgeplatzt, sondern hatte ein kleines Loch verursacht.

Der Hausmeister versuchte sie zu beruhigen. Er sah es sich an. Aber mit Emaille-Kosmetikstiften war hier nichts mehr zu machen.
Frieda sollte es der Hausverwaltung melden.

Wieso? Sie war der Verursacher, also musste sie für den Schaden aufkommen oder im Zweifel ihre Haftpflichtversicherung –
aber nicht die Hausverwaltung.

Der Hausmeister schien unsicher. Endlose Debatten. Verunsicherungen.
Am Ende wird es genauso sein, wie Frieda es wollte: Der Hausmeister erteilte einen Auftrag.

Frieda wird die Kosten tragen. - Vielleicht erlebte sie den Waschbeckenaustausch in diesem Leben noch.

Später kam ihr Untermieter ins Schwärmen: „Es ist draußen jetzt so warm wie in Indien“, sprach‘s - mit leuchtenden Augen.
Bei 35 Grad im Schatten.

Für Frieda war das Hardcourt. Sie hatte ein schattiges Plätzchen im Grünen erwischt, bevor die Straße sie später in der Mittagsglut
wieder anschreien würde.

Sie ließ ihre Gedanken spazieren und stellte fest: Sie vermisste es sehr – dieses kleine rollende Stückchen Freiheit.

Nach ihrem Unfall und den massiven Einschränkungen, die daraus folgten, war der Entschluss schnell gefasst:
Sie gab ihr Auto auf. Ein neuer Besitzer war schnell gefunden.

Doch was sich zunächst als Entlastung anfühlte, führte zu Verlust von Räumen, zu unüberbrückbaren Entfernungen und Verlust
von Eigenständigkeit. Man war jetzt Bittsteller. Oder ließ es gleich ganz.

Frieda dachte mit Bedauern, dass ihr Radius immer enger und kleiner wurde. Sie zog den Rücken etwas gerader und sagte:
Das war dann so.

So sah sie es bei vielen Alten: Erst war das Auto weg. Dann wurden die Öffentlichen immer beschwerlicher.
Weil die Distanz zwischen Haltestelle und konkretem Ort zu groß war. Als nächstes fiel der Rollator weg, mit dem man
inzwischen gut Freund geworden war, weil die Beine dich nicht mehr tragen wollten.

Und dann saß man nur noch zu Hause in einem Zimmer bei 40 Grad und dem Geräusch der Krankenwagensirenen am Ohr.
Vor sich eine Waschschüssel als Meerersatz.

Ein Nachmittag am See mit einem kühlen Bad -- eine Fata Morgana.

Träum weiter, Frieda.



Ich will mich morgens mit diesem wachen Lauschen vergewissern, ob die Welt noch in Ordnung ist.
Am Wochenende klingen die Räume anders als Montag früh im Sprint zur Arbeit – im Haus, auf der Straße, auf den Gehwegen.

Nach dem Kaffee bin ich unterwegs. Ein paar Besorgungen machen. Es sind nur wenige Leute, die mir entgegenkommen.
Die Luft ist sehr kühl heute Morgen. Ich fröstele. Es ist fast so wie damals – dieses Frösteln – als ich Pöppels von seiner Chemo
nach Hause fahre.

Du wirkst sehr angespannt. Ich schlage vor, am besten legst du dich zum Ausruhen aufs Bett. Ich werde gleich zu dir kommen. –
Ich muss das Frieren verstecken, dass mich begleitet seit dem Tag im Auto. Ich muss mich warmhalten, wenigstens von außen.
Ich weiß, dass alles, was jetzt kommt, unvermeidlich ist. Ich bin wie taubes, abgestorbenes Fleisch. Ich möchte endlos weinen.
Aber genau das hilft jetzt keinem von uns.

Ich lese neben dir liegend den „Zauberberg“ vor. Du magst es sehr. Diese Zeit, die wir so miteinander haben. Es lässt uns für
Augenblicke vergessen - unsere eigenen Ängste. ---  Diese eigenartige Stimmung im Sanatorium mit dem ständigen Kommen und
Gehen, dem Hoffen und Starren auf Temperaturkurven. Dem stringenten Rhythmus der Liegepläne.
Von dieser eingekapselten Welt, die von den Schrecknissen der Welt unten so weit entrückt ist – als sei sie schon gestorben.

Mein Pöppels ist ganz sanft eingeschlafen an diesem Nachmittag. Zwei Stunden später hat er wieder Kraft genug für eine Nachricht im Internetforum – Albert meldet sich seit Tagen nicht mehr – heute schreibt seine Frau: er ist tot.

Das Murmeln um mich wird lauter. Ich stehe mit meinem Korb in der großen Einkaufshalle. Es sind nur zwei Kassen auf.
Die Schlangen sind lang und die Körbe und Wagen der vor mir Stehenden sind voll. Es wird dauern.

Hinter mir verhakt sich ein älteres Paar in den nervigen Tonfall einer Zweisamkeit, die sich zu viel ist. „Wir sollten an die andere Kasse. Vielleicht geht’s da schneller.“ „Was soll denn das.“ „Warum sind nur zwei Kassen auf?“ „Weil die anderen krank oder im Urlaub sind.“

Ich möchte fliehen.


Später bleibe ich länger im Bett. Draußen ist es grau, windig wie schon seit Tagen. Ich ziehe mir die Decke hoch.
Meine Schulter schmerzt. Es ist die kalte Luft. Ich döse und plötzlich verschwinde ich aus dem jetzt.

weiß milchweiß kein rand kein gedanke ein aussetzen ein liegen im raum oder ein gehen ohne schritt stille die nicht hört zeit die nicht beginnt nur fortsetzung nur weiß

dann etwas nicht laut nicht leicht eher ein schwerer werden ein zurückkehren des körpers ein erster druck im brustkorb ein kaum merkliches
wissen dass es ein „ich“ gibt

ich will zurück

wie groß die räume sind

Mit einem leisen Unbehagen wird sie wach.
Sie steht auf. Zieht sich an. Trinkt den ersten Kaffee und hält Zeitungsschau, so wie jeden Tag.

 

Frieda war schon vor dem Haus, da fällt ihr ein, sie hat ihre Brille vergessen. Das war ein Fehler. Also wieder zurück.
Am Fahrstuhl eine junge Frau, gerade beim Einsteigen. „Nehmen Sie mich mit. Ich hab noch was vergessen.“
Die junge Frau lächelte, ein bisschen bedeutungsvoll. In ihrer Hand eine Brötchentüte und ein kleines Kuchenpaket vom Bäcker.

Als sie ausstieg, wünschte Frieda ihr einen prima Kuchenschleck.

Sie hatten sich noch nie gesehen. Aber sie lächelten sich an.


Frieda war heute dankbar für jedes Lüftchen, das ein Einsehen hatte mit ihr. Die nächsten Tage würden noch wärmer
und drückender werden.

Sie stand an der Kasse, wie immer in der langen Schlange, weil sie sich an diese digitalen Selbstbedienungsdinger nicht herantraute.
Hinter ihr eine ältere Dame, deren Einkauf ständig ins Rutschen geriet. Frieda hob eine Waschpadbox auf.
Eine Zeitung, die sich schon auf dem Boden ausbreitete. Und jeden Moment drohte die Ketchupflasche abzustürzen.

Sie beobachtete einen jungen Mann, vielleicht ein Lehrling, der die Aufsicht über die Selbstbedienungskassen hatte.
Ein Kunde rief ihn, weil er seinen Schirm dort vergessen hatte. Der Schirm war weg.

Der Junge ging gemächlich nach hinten, holte den Schirm aus einem kleinen Nebenraum, lächelte den Mann an,
beide sahen zufrieden aus.

Frieda dachte: Bei dem würde ich mich trauen zu fragen, wie das geht.

Sie lächelte ihn an.

Er sah es.

Er war verwirrt.

Sie auch.

Vielleicht würde sie ihn beim nächsten Mal fragen. Wenn er wieder dastünde.

Sie dachte noch an den jungen Mann, als es auf dem Heimweg losbrach in ihr. Ohne Vorwarnung.
Ein Klanggewitter, das sie traf wie ein Schlag. Ein Satz, der sich in ihr festsetzte: „Du lebst nicht mehr in den Räumen der Zukunft.“

Frieda musste innehalten und tief atmen. Sie begriff plötzlich: dass, was sie für „Zukunft“ hielt, längst begonnen hatte — nicht als Vision, sondern als System.

Frieda sah plötzlich, wie die Welt, in der sie lebte, umgebaut wird.
Im Zentrum des Miteinanders stand nicht mehr „Wie geht es dir?“ „Wie fühlst du dich?“ – sondern Effizienzlogik, knallharte Zahlen, Statistiken, Tafeln im internationalen Vergleich.

Die Welt unterliegt einer neuen Logik jetzt.
Im Zentrum allen Denkens steht: Was bringst du ein. Knallharte Zahlen, Statistiken, internationale Vergleiche. Nützlichkeit steht
als Maßstab für Wert. Effizienz als beständiges Kriterium.

Diese neue Ausrichtung orientierte sich längst an der Gegenwart. An Pilotprojekten, die Nähe simulierten, weil echte Nähe
nicht mehr finanzierbar war. An neuen Technologien, die zahlkräftige Kundschaft erwarteten und menschliche Zeit ersetzten.

Frieda sah, wie die Welt sich umbaut — nicht morgen, sondern heute.

Sie sah, warum sie Helga entwickelt hatten, die im Auftrag von Verwandten wöchentliche Anrufe bei alleinlebenden Senioren startete.

Das war die logische Folge einer Welt, die Nähe in Zeitfenster zerlegte und Fürsorge in Dienstleistungen übersetzte.
Helga war kein Zukunftsprojekt. Helga war Gegenwart.

Eine Stimme, die im Auftrag von Verwandten wöchentliche Anrufe startete, damit niemand ganz aus den Systemen fiel.
Und wenn man Helga die Vorlieben der Alten mitteilte, konnte Helga sogar stimulierende Gespräche führen.

Helga wurde also entwickelt als Ersatz. Als ein Ersatz für Zuwendung, Beziehung, Aufmerksamkeit, Fürsorge. Nähe.
Für jemanden, der die Welt nicht mehr vollständig erkennt, könnte eine freundliche Stimme tatsächlich tröstlich sein.“

Aber weshalb beauftragen die Verwandten den Sprachcomputer Helga und warum rufen sie nicht selbst an? – fragte Frieda sich.

Da begriff sie plötzlich, dass Helga nicht gebaut wurde für Leute wie sie, für die Alten, sondern für die Verwandten, die ihr schlechtes Gewissen in finanzielle Ströme leiten sollten. Die aus Erschöpfung und Überlastung im Effizienzsystem keine Luft mehr kriegten.

So war an alle gedacht.

Wer denkt sich so etwas aus.
Waren die, die solche Entscheidungen trafen, nicht auch in der Vergangenheit als Kinder geliebt worden.

Sie wurden getragen, gehütet, geliebt. Sie wurden nicht nach Nützlichkeit bewertet. Sie wurden nicht nach Tabellen sortiert.
Sie wurden nicht nach internationalem Vergleich beurteilt. Sie waren Kinder. Sie waren Menschen.
Sie waren wertvoll, einfach weil sie da waren.

Und jetzt — im Namen von Effizienz, Wettbewerb, Standortlogik — treffen sie Entscheidungen, die Nähe in Zeitfenster zerlegen
und Fürsorge in Dienstleistungen übersetzen.

 

Wer gibt ihnen dazu das Recht?

Wer bestimmt hier über wen und zu welchem Zweck?

Wo wird dieser Prozess verhandelt. Nirgends. Frieda sieht, dass hier etwas entsteht, das niemand geplant hat, dass niemand
ausdrücklich gewollt hat. Die in Gang gesetzten Prozesse beginnen ihre eigene Logik zu entwickeln und sich fortzuschreiben.

Sie erklären uns die Überlastung der Systeme. Wir hätten sie selbst verschuldet.
Die einen hatten zu wenige Kinder gezeugt, die anderen würden zu wenig arbeiten – eine Gesellschaft unter Generalverdacht

Die Alten. Die Alleinerziehenden. Die Kranken. Die Grundsicherungsempfänger.
Sie sind die ersten, die die neue Logik spüren. Nicht weil sie „schuld“ sind, sondern weil sie greifbar sind.

 

 

 

Ihre Tage waren inzwischen sehr still geworden. Die Kinder waren weit weg. Und sie waren mit sich beschäftigt.
Manchmal dachte sie jetzt: wozu? Wozu sollte ich hier meine Zeit absitzen.

Alma würde ihr jetzt ein Gespräch über Altersdepression aufdrängen.

Frieda dachte, das ist keine Depression. Sie hatte geliebt, gestritten, Kinder großgezogen – sie hatte von allem genug.
Was sollte jetzt noch kommen?

Und dann schämte sie sich. Sie war gesund. Ohne Einschränkungen, jedenfalls keine wesentlichen. Musste sie nicht dankbar sein?

Wem sollte sie dankbar sein? Dem Zufall, der ihre Eltern zusammengeführt hatte, die lange schon nicht mehr waren.
Es gab keinen großen Plan von der Welt, der uns einschloss.

Das wusste schon Charlotte Mew vor über hundert Jahren. Frieda hatte dieses kleine Gedicht durch Zufall gefunden und
in ihr Herz geschlossen. Zwei Zeilen daraus begleiteten sie manchmal, leise, wie ein Atemzug: „I so liked Spring last year /
Because you were here.“

Der Rest war Erinnerung. Ein stilles Wissen, dass man den Frühling mögen konnte, einfach weil er Frühling war —
nicht, weil jemand da war, nicht, weil etwas wartete. Ein innerer Raum, den niemand sah, außer dem, der ihn betrat.

 

Ich raffe mich auf. Nach tagelanger Rumtrödelei werde ich heute meine Zimmer sauber machen.
Das ist dringend nötig. Erst zu warm. Dann keine Lust. Aber jetzt muss.

Beim Staubwischen auf den polierten Flächen merke ich, wie ich ruhiger werde. Der Zukunftssatz ist noch da, aber nicht mehr
in der Bedrängnis. Und dann fällt mein Blick auf ein seltenes Buch.
Ein Buch mit kostbaren alten Blumendrucken, gemalt in Farben, die längst aus der Welt verschwunden sind.
Zwischen den Seiten kleine Gedichte und Texte von Hans Christian Andersen.

Es ist einmal ein Geburtstagsgeschenk einer Mitarbeiterin gewesen. Die Seiten riechen nach Papier.

Und plötzlich ist da diese alte Freude, diese Verwunderung, die mich immer wieder überrascht hat. --
Ich will nicht, dass Mitarbeiter mir etwas schenken, damals. Ja, Blumen vielleicht. Aber mehr auf keinen Fall.
Das beschämt mich immer. Denn Altwerden ist kein Verdienst, es passiert einfach.
Und es hat immer etwas von noch offenen Rechnungen und endet meistens bei netten Staubfängern oder anderen Unsäglichkeiten.

Aber dieses Buch – es ist nicht nur eine Kostbarkeit an sich. Es ist etwas ganz Besonderes. Ich traue mich damals nicht, dieses eingepackte Viereck abzulehnen.

Diese Kollegin hat eine schwere Kindheit erlebt. Von der eigenen Mutter wegen Überforderung dem Jugendwerkhof übergeben.
Eine Erfahrung, die so schrecklich gewesen ist, dass sie als längst erwachsene Frau noch immer darunter litt.

Körperlich von der langen, schweren Arbeit in einer Fabrik eine Ruine. Und immer arm dran. Aber immer hilfsbereit, zuverlässig und umsichtig in ihrem täglichen Tun. Trotz Schmerzen in Gliedern und Gelenken.

Ich lerne sie erst nach den Umbrüchen in unserem Leben kennen. Ausgerechnet sie verschenkt dieses Buch an mich – wo sich ihre und Andersens Geschichten verwirken zu etwas viel Tieferem, zu etwas besonders Kostbarem.

Seine Märchen sind weltbekannt. Aber kaum einer weiß, wie arm dieser Junge aus seinem Dorf in die große Stadt kommt,
die nicht auf ihn gewartet hat. Wie ihn der Hunger reißt. Und wie er trotzdem erzählt – im Ton eines Hoffenden.

Ich habe nie den Mut, mich zu erklären, mich auszusprechen in dieser neuen Umgebung damals. Ich stürze in ein anderes Leben.
Ich musste die Vergangenheit abschließen, sonst konnte ich nicht weiter gehen.

Frieda atmet tief durch. Aber jetzt war der Staubsauger dran, und dann wird sie den Boden wischen.

 

Alma hat mir erzählt, sie lernt jetzt Französisch. Sie sagt, man müsse den Kopf beschäftigen. Ich habe ihr nicht gesagt,
dass mein Kopf heute nur aus Watte besteht. Manchmal ist Schweigen leichter.

Frieda schwimmt die letzten Tage flunderartig durch Raum und Zeit.
Ihre Köpertemperatur ist in etwa vergleichbar mit der Außentemperatur.
So verschwimmen die Grenzen.
Die Haut wird dünner – membranartiger – das Fixieren von Grenzen gelingt immer unwahrscheinlicher.
Sie hat das Empfinden, sich buchstäblich zu erweitern.
In eine andere Hülle zu schlüpfen, die nicht körperlich, sondern eher flächig ist. Der Atem geht flacher.

Still liegen und warten bis der Anfall vorbei ist. Mein Blick tastet die Wände ab. Sie bilden tatsächlich noch so etwas wie eine steinerne Grenze –
darüber hinaus schwimmen ist verlegt – ansonsten fülle ich bereits den Raum aus, wie es scheint.

Ich döse und falle in einen unheilvollen schweren Traum voller Feuchtigkeit strotzender Schwere – Waschküchenähnliche Schwaden,
die durch alles ziehen und sich auf allem absetzen. Ohnmachtsähnlich. Kein einziges, noch so kleines Lüftchen. –
Ich werde wach. Ich weiß nicht, wie lange ich gelegen habe. Mir ist, als hätte ich Fieber. – so, als hätte mein Körper inzwischen eine Temperatur,
die höher als die Außentemperatur.

Ich wanke – verklebt und verstört ins Badezimmer und denke: Vielleicht kommt ja noch Wasser aus der Leitung, für eine kühle Dusche.

Aber das erfrischende Gefühl hält auch nur für kurze Zeit.

 

Frieda war sehr aufgeregt. Sie suchte ein Buch. Ein schmales Bändchen. Walter Benjamin „Berliner Kindheit um 1900“. 
Auf ihren Regalen - es war weg. – Da, wo es stand, war sogar eine Lücke.
Sie konnte es nicht fassen, dass es weg sein sollte. --  Aber sie ahnte schon, wie das zusammenhing.

Sie hatte vor einem Jahr einen anderen Untermieter, der seine Prüfung ablegen wollte und so recht keinen Draht zu dem Stoff fand.
Und das war mein Problem: Ich hatte es vergessen. Die Bücher standen hier nur rum und staubten ein.
Und dann dachte ich, wenn ich damit noch jemandem behilflich sein konnte, dann war das wunderbar. Ich gab es gern.
Das Räumkommando hatte später weniger zu tun.

Und dann wieder stand ich da – genauso wie jetzt – fassungslos, dass es nicht mehr da war.
Weil Bücher sind wie gute Freunde. Sie sind immer da, auch wenn man sie nicht jeden Tag sieht.

Aber das ist wohl so: wir sollen so gehen, wie wir auf die Welt gekommen sind: n a c k t.

 

Nach dem Gewitter war die Luft draußen kühler. Aber ihr Körper hatte Restglühen.

Sie brauchte einen Abendspaziergang. Sie musste sich neu temperieren. Denn jetzt gab sie Hitze an die Außentemperatur ab.
Die Osmose brauchte viel länger. Ihr war immer noch heiß.

Da raschelte plötzlich etwas neben ihr. Sie traute ihren Augen nicht. Auf einem kleinen Rasenstück wuselte mit kurzen Beinchen ein Igel
in der Dämmerung. Kam er auf mich zu? Irrte ich, und es war ein anderes Tier? Nein, er drehte sich seitlich.
Die Nase dicht am Boden: Es war eindeutig ein Igel – ein rundes Hinterteil und ein spitzes Vorderteil auf vier Stummelbeinchen.

In welcher Nische dieses kleinen grünen Refugiums mochte der wohl die heiße Zeit verträumt haben.
Ich freute mich, dass es ihn gab und wünschte uns beiden, eine geruhsame Nacht

Auf dem Nachhauseweg lächelte Frieda still in sich hinein. Wofür die kleinen Vierbeiner schon als Inspiration herhalten mussten.
Sie erinnerte sich an Kurt Tucholsky, an diese eine Zeile: „Wenn die Igel in der Abendstunde still nach ihren Mäusen gehen …“ -
Vielleicht war es damals auch so warm:

Die Zeile schwebte noch in der Luft. Frieda spürte, wie sich die Hitze in ihr abkühlte, wie der Körper wieder dichter wurde.
Der Abend nahm sie auf. Sie ging heim, mit einem Rest von Sommer im Blick.

 

Frieda sah die Tasche, die ihr die Kinder vor Jahren geschenkt hatten.
Sie stand auf dem Stuhl neben der Garderobe, ein bisschen schief, ein bisschen verlassen.
Damals hatten sie lange überlegt, welche Farbe zu ihr passte. Sie hatten sich gestritten, gelacht, beraten.
Heute wusste sie nicht mehr, wann sie die Tasche zuletzt benutzt hatte. Sie dachte: Dinge bleiben stehen, wenn Beziehungen
sich verändern. Warum fiel ihr gerade jetzt Marlene ein.

Marlene und Frieda kannten sich seit einer Ewigkeit. Damals, als man noch dachte, Freundschaften seien für immer.  
Sie hingen zusammen, wenn es dicke kam — mit Arbeit, mit Männern, mit Nächten, die zu lang wurden.

Sie waren ein Team, vor allem, wenn es um Schuhe und Taschen ging. Marlene war eine Lederfetischistin. Friedas Katze damals auch.

Marlene hatte ihren Lederbeutel neben den Korbsessel abgelegt. Friedas Katze strich ihren Bart daran entlang, prüfend,
wie an einem neuen Möbelstück. Und dann machte sie so eine Wirtschaft, so ein unbeschreibliches Hin und Her, bis sie es schließlich geschafft hatte, im Beutel zu sitzen — als wäre das Leder nur für sie gemacht.

Sie konnten stundenlang über Schuhe reden, über Taschen, über Männer, die nicht passten, über Chefs, die zu laut waren.
Sie hielten sich fest, wenn einer die Luft ausging.

Früher hatten sie sich jeden Donnerstag getroffen, einfach so, ohne Anlass. Ein Kaffee, ein Spaziergang, ein bisschen Reden.
Dann kam ein neuer Job, ein Enkel, ein Umzug. Die Donnerstage wurden seltener. Dann gab es nur noch Nachrichten.
Dann gar nichts mehr.

Nicht aus Streit. Nicht aus Kälte. Einfach aus Leben.

Frieda dachte: So lösen sich Bänder. Nicht mit einem Knall. Sondern leise.

 

Ich hatte die Sirenen gehört. Drei hintereinander. Es ist immer dasselbe Geräusch, aber jedes Mal dachte ich: Wieder einer weniger.

Ich fragte mich, warum sie uns überhaupt noch ins Krankenhaus brachten. Da war alles hell und kalt und roch nach Fremden.
Man lag auf dem Flur, bis einer Zeit hatte. Man wurde gewaschen wie ein Gegenstand. Man wurde gedreht wie ein Paket.

Wenn sie wirklich sparen wollten, müssten sie uns einfach nur lassen. Nicht verlängern, nicht reparieren, nicht aufschieben. Nur lassen.
Wenn es so weit ist, werde ich gehen. Nicht ins Krankenhaus. Nicht auf den Flur. Ich werde einfach gehen, wie ich gelebt habe: aufrecht, wach, selbstbestimmt, murmelte sie vor sich.

Auf ihrem Rundgang um den Fontänen See hatte Frieda ein paar Fotos geschossen. Sie hatte es in der Zwischenzeit vergessen und voller Staunen neu entdeckt. Ein schmaler Bau, große Fenster, ein Spruchband: „Ich brauche Hilfe beim Aufstehen. Aber ich entscheide selbst,
wann ich frühstücke.“
Frieda hatte laut gelacht — ein Lachen, das nach einer kleinen Wut klang.

Die Artikel über die viel, zu vielen Alten, die die Rentenkasse belasteten, wurden dadurch erträglicher. Sie waren doch keine Naturkatastrophe. Man wusste seit Jahrzehnten, dass sie alt werden würden. Die Art, wie über sie gesprochen wurde, empfand                 
Frieda als skandalös, unaufrichtig, beschämend.

Sie sah es, nicht nur bei sich, wie in den letzten Jahrzehnten die Familien zersplitterten.
In rasenden Zeitsprüngen veränderte sich das Leben. Getrennt durch weite Wege. Durch gegenseitiges Unverständnis.
Durch unterschiedliche Lebensentwürfe. Sie wurden immer mehr zu Funktionsträgern ihrer Gegenwart, die keine Ruhe
und keine Muße mehr aufbrachten für das Zusammensein miteinander – außerhalb von Geburtstagen und Friedhofskapellen.
Für das sich gegenseitige Schützen. Für das sich gegenseitige Tragen.
Jeder sah zu, wie er irgendwie zurechtkam - und wollte dem anderen keine Pein auferlegen.
Es gab kaum noch Bezugspunkte zwischen den Generationen.
Sie konnten sich gegenseitig nicht mehr lesen.
Die Bänder lösten sich.


Da fällt ihr eine alte japanische Geschichte ein: Jiro trägt seine Mutter an ihrem Lebensende auf den heiligen Berg. Der Weg ist lang, die Last wird schwer — und seitlich unter ihnen steigen hoch, aufgestörte Krähenschwärme.

Frieda begreift: Nicht der Tod trennt uns. Sondern das Zerreißen der Beziehung.

 

 

 

 

Die stille Verschiebung

Frieda spürt, dass etwas in ihr still geworden ist. Ein Raum, der sich öffnet ohne dass sie ihn sucht. In dieser Stille tauchen
Gedanken auf, die nicht wie Gedanken erscheinen — eher wie ein leises Wissen.

Es gibt hier keine Notwendigkeiten mehr, keine Ablenkungen, keine Forderungen. Nur Stille.

Und hier weiß sie: Die Welt kommt noch nicht ohne Menschen aus. Sie braucht sie — aber nicht als Wesen, sondern als Form.
Als Material, das sich in Prozesse einfügt. Als Übergang, der die Lücken füllt, bis die Logik ohne Hände auskommt.

Menschen werden nicht ersetzt. Sie werden passend gemacht. Kompatibel. Berechenbar. Optimierbar. Nicht weil jemand es
so wollte, sondern weil die Abläufe sich selbst fortschreiben. Alles, was nicht in ihre Ordnung passt, sich verändert oder verschwindet.

Frieda sieht, dass ein menschliches Leben ein soziales Wesen bleibt — aber auf Zeit.
Auf die Zeit, in der die Welt noch etwas von ihm braucht.

Wenn Loyalität ein Hindernis ist, wenn Fürsorge ineffizient ist, wenn Erfahrung teuer ist, wenn Alter ein Risiko ist — dann ist der
Mensch nicht mehr Maßstab.

Und wir leben längst in einer Logik, die nicht mehr von Menschen gedacht wird, sondern von Prozessen, die sich selbst fortschreiben.

Wir sind angekommen im Zeitalter der maschinellen Kriterien.

Während die Menschen glauben, sie gestalten ihre Zukunft, passen sie sich längst einer Ordnung an, die nicht für sie gedacht war.
Eine Ordnung, die sie braucht, aber nur in der Form, in der sie berechenbar ist. Frieda sieht, dass das Menschliche nicht verschwindet.
Es wird nur immer seltener gebraucht.

Frieda denkt, dass eine Welt, die Menschen nach Kriterien sortiert, irgendwann an sich selbst ersticken wird.
Nicht an Mangel, sondern an Überfluss. An Sattheit. An dem glatten Gefühl, dass alles möglich ist und nichts mehr nötig.
Vielleicht ist das der eigentliche Verlust: nicht, dass Menschen ersetzt werden, sondern dass sie nicht mehr gebraucht werden in dem, was ihr Wesenskern ist — unberechenbar, warm, widersprüchlich, lebendig.

Und Frieda begreift, dass genau dieses Unberechenbare die Welt getragen hat, lange bevor jemand begann, sie zu optimieren.

Die Maschinenlogik ist effizient. Aber sie ist arm. Sie kann alles beschleunigen. Aber sie kann nichts vertiefen. Sie kann alles optimieren.
Aber sie kann nichts bedeuten. Sie kann alles messen. Aber sie kann nichts aushalten.


Und was passiert mit einer Gesellschaft und deren Strukturen in solchen Umbrüchen?

Die uns bisher bekannte soziale Struktur bricht. Sie bricht nicht durch Gewalt, sondern durch Beschleunigung.
Durch eine Logik, die von Algorithmen geführt wird. Durch Verschiebung ganzer Bevölkerungsschichten.

Es wird in der sozialen Gesellschaftsstruktur nur noch ein Oben geben aus Spezialisten für die Wartung und Weiterentwicklung der Systeme.
Und eine weitere sehr schmale Schicht von Forschern.

Die soziale Mitte wird aufgelöst sein. Alle anderen werden versuchen in dieser neuen Welt zu funktionieren. Dadurch entsteht ein bisher
unbekannter Anpassungsdruck.

Die neuen Technologien werden ganze Berufsfelder von künstlichen Intelligenz- Systemen übernehmen. In Werkhallen werden
Roboter selbständig Arbeitsprozesse übernehmen. Ganze Abteilungen der buchführungstragenden und planenden Mitarbeiter von Betrieben,
von Banken, Organisationen und Logistikbereichen werden von KI-Systemen übernommen.

Die sozialen Räume werden privatisiert. Bindungsberufe wie Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen, Kranken- und Altenpfleger werden
zu Funktionsträgern eines effizienten Systems werden. Sie werden eintreten in eine Mischwelt aus künstlicher Intelligenz für schwere
körperliche Arbeiten und Bildungs- und Unterhaltungsmanagement zur Ertüchtigung ihrer Klientel.

Ihre Arbeitskraft wird auf Funktionalität beschränkt sein und damit eine bisher ungeahnte Entwertung erfahren.
In diesem System der sich selbst optimierenden Strukturen kann der Mensch nur funktionieren, wenn er sich anpasst.

Bezeichnend ist schon heute, dass Menschen, die angeben mit KI zu arbeiten, nicht mehr gesehen werden in ihrem Können.
Es wird der KI gutgeschrieben. Das ist eine absurde Verkehrung der gegenwärtigen Prozesse, aber sie ist logisch in ihrer Konsequenz.

Deshalb wird der Druck, den Menschen verspüren, ihre Rastlosigkeit, ihre Ratlosigkeit, ihre Unruhe, ihre Verstörung sich ausbreiten und
zunehmen zu einer Überforderung ungeahnten Ausmaßes.

Die familiären Bindungen lösen sich unter diesem Druck auf. Aus Überforderung. Aus Zeitmangel. Aus einem sprachlosen Unverständnis füreinander.
 
Wenn Nähe fehlt, entsteht Betreuung.
Wenn Familien brüchig werden, entstehen Institutionen.
Wenn Wärme nicht mehr privat entsteht, wird sie organisiert.

Wenn die klassische Sozialstruktur zerfällt — Familie, Nachbarschaft, Generationenräume, stabile Milieus — dann entstehen institutionalisierte Ersatz‑Beziehungsräume: Orte, die Bindung simulieren. Orte, die Wärme organisieren. Orte, die Fürsorge professionalisieren.
Orte, die Beziehung ermöglichen. Es ist therapeutisch begleitete Nähe. Ein System organisierter Wärme mit pädagogisch gestützter Bindung. --

Jeder Ersatz ist ein Verlust. Ein Notbehelf. Für diese Veränderungen gibt es ein sehr klares Bild: Es zeigt den Unterschied zwischen einem
Brutkasten und einer Mutter.  Beide halten ein Kind am Leben. Aber nur eines ist Beziehung.


Der japanische Mythos zeigt, was geschieht, wenn eine Ordnung zerfällt:
Beziehungen tragen nicht mehr, und das, was einst selbstverständlich war, wird zur Last.
Die Krähenschwärme steigen auf, weil etwas auseinanderbricht.

Die Gegenwart zeigt denselben Zerfall — nur ohne heiligen Berg, ohne Ritual.
Die Zeichen sind andere: Wohlstandsverwahrlosung, schreiende Ich‑Bezogenheit, das Verstummen der Generationen füreinander.
Die Abläufe sind schneller als die Bindungen. Die Logik überholt die Nähe.
Die Prozesse lassen keinen Raum mehr für das, was Menschen zusammenhält.

Und genau deshalb wird das, was nicht berechenbar ist, wieder gebraucht werden.
Nicht von Systemen. Nicht von Abläufen. Nur von uns.

Denn es wird nur übrigbleiben, was nie berechenbar war:
Nähe, Zeit, Wärme, Geschichten, Fürsorge, Erinnerungen, Liebe, Humor, Trost.

Und außer uns selbst wird uns niemand schützen auf dieser Welt.


Frieda sitzt da und merkt, wie die Gedanken sich legen. – Am Ende war sie doch nur eine alte
Frau in einem warmen Zimmer, die versucht, die Welt zu verstehen.