Die Erbschaft der inneren Freiheit
Innere Freiheit ist eine Erbschaft, die nicht aus Systemen kommt, sondern aus dem Zwischenraum, in dem du gelernt hast, dass Freiheit nur dann etwas wert ist, wenn du sie selbst definieren darfst.
Innere Freiheit heißt: Ich lasse mir nicht einreden, dass Freiheit ein Wort ist, das man einfach füllen kann.
Ich will die Bedingungen sehen.
Ich will die Konsequenzen kennen.
Ich will die Wahl behalten.
Ich will sagen dürfen, was ich denke.
Ich will Fehler machen dürfen.
Innere Freiheit heißt: die Frage stellen dürfen, bevor eine Antwort verlangt wird.
Die großen Brüder haben Berufe gelernt und sind schon aus dem Haus.
Sie führen ihr eigenes Leben. Hilde und Käthe haben die Schule beendet. Für sie geht es jetzt darum, sich auf die Zukunft als verheiratete Frauen vorzubereiten.
Sie werden in den Haushalt einbezogen – Kochen, Waschen, Bügeln, Haushaltsführung und Budgetplanung. Dazu ein bisschen Nähen und Sticken, ein bisschen über schöngeistige Literatur schwätzen und Französisch parlieren – dafür lässt sich der Wachtmeister sogar zu einem Französischlehrer für ein paar Wochen herab.
Käthe hängt an stillen Abenden den Untiefen der „Melusine“ nach, die sie gegenwärtig sehr beschäftigt. Eine Liebesgeschichte, die in einer Münchner Pension spielt, von Jakob Wassermann.
Sie legt das Buch für einen Augenblick aus der Hand und träumt sich durch die Fensterscheiben auf den Marktplatz. Dort ist sie vor ein paar Tagen einem jungen Mann begegnet. Einfach so.
Sie war beim Einkauf für die Hauswirtschaft und ihr war beim Bezahlen das Schlüsselbund entfallen. Er hob es lächelnd auf und brachte den Korb mit den Einkäufen bis vor ihre Haustür.
So schweigsam wie es jetzt ist, so eng ist es auch geworden in den Gedanken - im Haus des Wachtmeisters.
Käthe möchte am liebsten weg - in ein anderes Leben, mit vielleicht eigenen Entscheidungen.
Hans sitzt in seinem besten Anzug im Herrenzimmer des Wachtmeisters.
Es riecht nach feuchtem Holz.
Der Ofen ist aus. Für einen Besuch macht der Wachtmeister kein Feuer.
Die alte Geschäftsidee mit Eberhard ist gerade erst begraben. Fehlplanung, falsche Einschätzung — aber Hans sagt sich, dass ein Neuanfang besser sei als ein schlechtes Ende.
Und jetzt sitzt er hier, weil er um Käthes Hand bitten will. Er hat sich das in den Kopf gesetzt, so fest, dass es fast wehtut.
Die Frage kommt ohne Vorwarnung. Sie trifft ihn wie ein Knüppel: „Junger Mann, können Sie es sich überhaupt leisten, eine Familie zu gründen?“
Hans stammelt etwas von Geschäftsräumen, von zwei gesunden Händen, davon, dass es schon mit dem Teufel zugehen müsste…. Der Wachtmeister nickt nicht. Er schaut nur. Hans spürt, wie die Zukunft kleiner wird.
Dann der zweite Schlag: Käthe kann nicht heiraten. Nicht jetzt. Die große Schwester muss zuerst unter die Haube — und deren Freund studiert noch zwei Jahre. Mindestens.
Hans sitzt da, 25 Jahre alt, mit einem Anzug, der klamm wird, und Aussichten, die trüber sind als das Fenster hinter dem Wachtmeister.
Aber er gibt nicht auf. Er weiß, dass man in dieser Stadt nicht mit großen Gesten gewinnt, sondern mit Beharrlichkeit, die höflich bleibt.
Also macht er der Frau Wachtmeister in regelmäßigen Abständen seine Aufwartung.
Nie zu oft, nie zu selten. Immer so, dass es aussieht, als sei er zufällig vorbeigekommen — und doch hat er jedes Mal ein kleines Päckchen Konfekt dabei oder ein paar frische Blumen, die er sich vom Mund abgespart hat.
Er sagt Sätze wie: „Ich dachte, Sie mögen vielleicht…“ oder „Es war gerade im Angebot…“ und die Frau Wachtmeister weiß natürlich, dass nichts davon im Angebot war.
Und jedes Mal, wenn er dort steht, hofft er, einen Blick auf Käthe zu erhaschen. Nur einen. Ein Schatten im Flur, ein Rocksaum, ein kurzes Nicken. Mehr braucht er nicht.
Er weiß, dass es noch dauern wird. Die große Schwester muss zuerst unter die Haube. Der Freund studiert noch zwei Jahre. Mindestens.
Aber Hans ist einer, der Zeit hat. Oder besser: einer, der glaubt, dass man Zeit haben muss, wenn man etwas wirklich will. Und so steht er da, mit seinen Blumen, seinem Konfekt, mit seinem kleinen Briefchen für Käthe, seinem besten Anzug, der an den Ellbogen schon glänzt — und einer Zukunft, die er sich erarbeiten will.
Der Abend ist still. Der Tag liegt schwer im Haus, aber der Tisch ist abgeräumt, der Herd glimmt noch.
Otto sitzt auf seinem Stuhl, die Bibel vor sich, das schmale Erklärungsbändchen daneben. Anna setzt sich ihm gegenüber. Es ist ihr Platz, seit sie zusammen sind.
Otto schlägt eine Seite auf. Er liest langsam, mit dieser ruhigen, ernsten Stimme, die er nur abends hat. Zwischen den Versen macht er kleine Pausen, als wolle er prüfen, ob die Worte tragen.
Anna hört. Sie spricht nicht. Aber ihr Blick ist wach, aufmerksam, als würde sie jeden Satz in sich ablegen.
Wenn Otto eine Stelle nicht versteht, blättert er im Bändchen, murmelt ein paar erklärende Sätze.
Anna nickt kaum merklich. Nicht zustimmend, sondern hörend.
Es ist kein Gebet, keine Andacht. Nur ein stilles Ritual, das sich von selbst ergeben hat.
Ein gemeinsamer Faden, der sie durch die Abende trägt.
Die letzten Wochen, seit Hans um Käthes Hand anhielt, waren von ungekannter Gereiztheit in der Familie des Wachtmeisters. Mit Tränenausbrüchen. Mit Schuldzuweisungen. Mit Zumutungen.
Heute gibt es eine ungewöhnliche Entscheidung: Für die jungen Leute, Hans und Käthe, sollen die Hochzeitsmodalitäten besprochen werden.
Käthe ist in ihrem Zimmer. Sie weiß, dass Hans gleich kommen wird. Sie ist unruhig. Ihr Blut rauscht in den Ohren. Sie kann nicht stillsitzen.
Sie ist voll von widerstreitenden, überquellenden Gefühlen. Geradezu flehend steigen Sätze in ihr auf, wie: „Bitte, lass es gut gehen – heute.“ … „Lass mich raus hier aus dieser Enge“. … „Hans, du musst kommen.“. … „Bitte, lass mich in ein eigenes Leben“. … „Lass mich nicht noch länger warten.“ Stoßgebete – in eine noch unbekannte Zukunft.
Es ist Sonntag heute. Und pünktlich um drei Uhr klingelt Hans an der Tür des Wachtmeisters. Man sitzt diesmal im Wohnzimmer.
Frau Wachtmeister hat das gute Geschirr auf den Tisch gebracht. Das dünne Porzellan für besondere Anlässe. Die Atmosphäre ist etwas steif, weil in dieser Gruppierung – Vater, Mutter, Käthe und Hans, gab es bisher keine Zusammenkünfte.
Käthe holt die vergessene Sahne für den Kuchen aus der Küche, und als sie wieder ins Zimmer tritt, sind ihr Vater und Hans schon bei den geschäftlichen Details.
Die Hochzeit ist auf den 30. April 1930 festgesetzt. Es wird mit Rücksicht auf ihre ältere Schwester nur eine kleine Hochzeit sein. Das ist die Bedingung.
In vier Wochen also wird es geschehen.
Frühlingswarm ist dieser Vormittag. Vor der Dorfkirche auf den Stufen treffen sich Brautpaar und Elternpaare.
Der kleine Biedermeierstrauß in ihren Händen passt wundervoll zu Käthes Frische und Uneitelkeit. Sie trägt ein schlichtes weißes Kleid und ein Lächeln mit einem reizenden Grübchen am Kinn.
Jetzt kann die Zukunft beginnen.
Das Kirchenschiff trägt noch immer diesen feuchten kalten modrigen Geruch vom Winter.
Vor dem Altar hält der Pastor auf das Brautpaar eine Rede. Sehr allgemein und etwas hastig, so als wolle man schnell fertig werden. Er hält sich kurz, auch weil er sieht, wie die junge Frau zu frösteln beginnt.
Es ist nicht nur die Kirchentemperatur.
Ihr fällt plötzlich auf, wie eisig sich die Atmosphäre der Elternpaare anfühlt: sie haben sich nicht nur nichts zu sagen. Schlimmer: sie hegen eine gegenseitige Abwehr, ein gegenseitiges Misstrauen, eine Abneigung.
Sie werden sich nach diesem Tag nie wieder begegnen.
Nach einem schnellen Mal im Hotel-Restaurant, das mit Gästen aus dem nahen Berlin wirbt, dem besten, dass das Dorf zu bieten hat, verabschieden sich der Wachtmeister und Gattin.
Käthe, Hans und seine Eltern bleiben zurück. Käthe bemerkt die Steifheit der Schwiegereltern, aber sie ist überzeugt durch Freundlichkeit und Zuwendung, das Eis schmelzen zu können.
Dies wird sich als Irrtum erweisen.
Hans' Eltern lehnen Käthe ab. Sie sehen sie nicht, sie ignorieren sie. Eine Beamtentochter, die nicht einmal Beziehungen hat – was will man damit. Der Dünkel der Geschäftsleute und eine fehlgeschlagene Option.
Seine Mutter ist besonders gekränkt. Hatte sie dem jungen Mann doch mehrere Partien aus dem benachbarten gut gehenden Bauernstand vorgeschlagen. Aber er wollte mit dem Kopf durch die Wand. Dann sollen die jungen Leute mal sehen …
Die Eltern ziehen sich ins Obergeschoß des Hauses zurück, in ihr Separee.
Es gibt keine gemeinsamen Sonntage, keine gemeinsamen Essen an Festtagen, keine gemeinsamen Gespräche.
Keine gemeinsamen Planungen. Null.
Neben all den häuslichen Unannehmlichkeiten hat Hans jetzt ganz andere Sorgen. Er muss das Haus für seine jungen Familie auf gesunde finanzielle Füße stellen.
Also baut er mit Volldampf sein Lebensmittelgeschäft auf: bestellt den Tischler für die Regale, gibt den Verkaufstresen mit Eisschrank und Glasaufsatz in Auftrag, lässt die Remise zum Papierwarenlager ausbauen, schafft Lagerräume für haltbare Waren, nimmt Kontakt zu Lieferanten auf, kauft eine Registrierkasse —
und richtet sich neben dem Laden ein kleines Büro ein. Sein Refugium.
Was in aller Welt soll Käthe dabei tun. Sie kennt niemanden im Ort. Die Geschäftigkeit ihres Mannes verunsichert sie, macht ihr Angst, macht ihr die Brust eng. Und seit April ist sie schwanger. Die ersten Wochen sind schwer.
Man beißt sich durch im Hause Hans. Jeder auf seine Weise.
Der Alte sitzt am Küchentisch im Obergeschoss, die Zeitung vor sich ausgebreitet. Er liest die Preise lautlos, aber seine Stirn verrät alles. Die Butterpreise steigen. Fleisch auch. Getreide sowieso. Ein guter Verkäufer könnte jetzt Geld machen, richtiges Geld.
Aber unten im Stall frisst das Vieh den größten Teil der Ernte weg. Und Fritz sagt jedes Mal denselben Satz: „Wir verkaufen nicht, was wir selber brauchen.“
Der Alte knurrt nicht, er hebt nicht einmal die Stimme. Er blättert nur um, ein bisschen zu hart, sodass das Papier laut krunschelt.
Marie hört es unten in der Küche, während sie die Schüssel für die Schweine füllt. Sie kennt dieses Geräusch. Es ist kein Ärger, eher eine Art stummes Kopfschütteln, das sich im ganzen Haus verteilt.
Fritz kommt herein, die Stiefel noch voller Stroh. Er wischt sich die Hände an der Hose ab, nimmt sich ein Stück Brot vom Tisch. „Der Alte liest wieder Preise“, sagt er, ohne hochzuschauen.
Früher Vormittag. Die kleine Rosa liegt warm in ihrem Bettchen. Käthe ist beschäftigt mit Wäsche, Windeln, Handtüchern, Bettzeug. Und dann noch einmal den Kessel ansetzen für die weißen Kittel. Auf dem Herd köchelt das Mittagessen, wenn Hans nachher Pause macht.
Sie richtet sich auf und spürt plötzlich ein ungeheures Ziehen im Rücken. Sie streichelt leise über ihren hohen Bauch. Sie spürt ein kleines Strampeln auf der rechten Seite, das sie mit einem stillen Lächeln beantwortet. Diesmal ist die Schwangerschaft leichter.
In der Mittagspause zwischen eins und drei sitzen sie in der Küche beim Essen – meist schweigend. An solchen Waschtagen gibt es immer eine kräftige Suppe. – Heute Kartoffelsuppe mit Würstchen. Hans liebt die einfache Küche als etwas, was nicht beschwert.
Plötzlich wird es hektisch. Käthe zieht sich in Krämpfen zusammen. Sie weiß, jetzt geht es bald los.
Hans wird die Hebamme holen. Der Tischler muss heute allein im Geschäft bleiben.
Hans will sich heute um die kleine Rosa kümmern, wenn sie wach ist, um das heiße Wasser für die Hebamme und auf den neuen Erdenbürger warten.
Am frühen Abend hört er, wie sich die kleine Elisabeth ins Leben schreit und die Hebamme verkündet: „Mutter und Tochter sind wohlauf.“
Für ihn ist es nicht wichtig, dass es wieder ein Mädchen ist. Er nimmt die Kleine auf den Arm und sieht, dass sie ihm sehr ähnelt. Die gleichen verträumten Augen wie er als Kind.
Als er sich zu Käthe umwendet, schläft sie schon, von Erschöpfung gezeichnet. Das Gesicht blass mit einer tiefen Falte um den Mund.
Später wird er sich im Spiegel ansehen – lange - und entdecken, dass seine Augen heute viel härter schauen.
Der Abend ist dunkel, der Herd glimmt noch. Otto sitzt am Tisch, die Hände um die Tasse gelegt. Anna räumt die Teller weg, setzt sich an den Tisch ihm gegenüber, wie sie es immer tut, wenn er etwas erzählt.
„Der Belziger macht die ganze Mannschaft wild“, sagt Otto. „Der sagt, wir sollen die Arbeit niederlegen, wenn die Chefin uns nicht mehr Lohn zahlt.“
Anna hört zu. Sie sagt nichts. Ihr Blick bleibt ruhig.
„Ob der Belziger weiß, wovon er redet“, fährt Otto fort. „Die könn’ alle große Töne spucken. In der anderen Ziegelei wird gerade entlassen.
Zu wenig Aufträge.“
Er schiebt die Tasse ein Stück zur Seite. „Anna, wir sollten vielleicht noch sparsamer sein. Ein paar Vorräte anschaffen. Ich nehme nächste Woche auch nur den billigen Tabak.“
Anna nickt leicht. Nicht aus Zustimmung, sondern weil sie weiß, dass er recht hat.
„Und am Wochenende nehmen wir uns wieder Holz vor“, sagt Otto. „Und wenn du magst… auch Beeren und vielleicht finden wir schon die ersten Pilze.“
Anna legt das Tuch zusammen, das sie in der Hand hält. „Ja“, sagt sie leise.
Jetzt ist es so weit. Ein nigelnagelneuer Lebensmittelladen öffnet seine Türen. Mit allem, was das Herz begehrt.
Über dem Eingang steht in großen Lettern sein Name. Stolz gemalt.
Drinnen gibt es fast alles: Pralinen aus feinster Schokolade, Butter, Käse, Wurst, Eier, saure Gurken vom Fass, frische und geräucherte Fische, Waschpulver, Konserven, Zucker, Mehl — sogar Farben. Eigentlich nichts, was er nicht führt. Der Tante‑Emma‑Laden.
Die Arbeitsbelastung ist enorm. Abends die Fische in Hamburg bestellen, morgens vor Ladenöffnung per Handwagen vom Bahnhof holen. Preise vergleichen, Ware ordern, Lieferanten bezahlen.
Den Eislieferanten nicht vergessen — die schweren Blöcke, 50 mal 30 Zentimeter, die im Sommer kaum drei Tage halten. Einnahmen zählen, zur Bank bringen, das Kassenbuch führen.
Der Abend nimmt kein Ende. Der Arbeitstag ist zu kurz. Die Kinder sind noch zu klein. Käthe kann nicht helfen.
Eine Verkäuferin muss her. Neue Kosten. Aber anders geht es nicht.
Endlich geht es aufwärts im Laden. Der Arbeitsdienst ist eingeführt, und schon hat Hans mehr Kundschaft: junge Männer,
die am Freitag ihre Lohntüten bekommen und zum Wochenende bei ihm einkaufen.
Die Jobs sind schlecht bezahlt, aber besser als Stempeln — und essen müssen alle.
Parallel dazu wird für Mädchen ein Wirtschaftsjahr eingeführt. Für Hans sind das gute Nachrichten.
Er kann jetzt für seine beiden kleinen Prinzessinnen ein Kindermädchen engagieren, damit Käthe endlich mit anpacken kann.
Im Verkaufsraum arbeiten Hans und eine Verkäuferin — aber manchmal wird es trotzdem knapp.
Mit den Alten schließt Hans eine Übereinkunft, die für alle Seiten erträglich ist. Anstelle einer Ladenmiete dürfen sie sich
bis zu einer festgelegten Summe mit Waren aus dem Geschäft versorgen.
So erscheinen sie am Monatsanfang mit einem Oktavheft im Laden, in das penibel jede Summe eingetragen wird.
Zwei süße Krabben hat sie da: Rosa und Elisabeth im Wägelchen, gezogen von einer lachenden Käthe.
Sie will mit ihnen auf eine heitere Wiese. Butterblumen pflücken, kleine Kränze winden, den Duft von frischem Gras riechen, die kleinen Käferchen beobachten. Und die beiden Zwerge vor Freude quietschen hören.
Beim Zurückkommen von unten durch den großen Garten nimmt sie die Wäsche mit - trocken und warm duftend von Sonne und Wind.
Aus dem Fenster im oberen Stock schaut die Schwiegermutter. Kein Winken. Kein Lachen. Nur ein in die Ferne gerichteter Blick. Auch die beiden Prinzessinnen im Haus haben daran nichts geändert.
Nach dem Essen, die Kinder sind schon versorgt im Bett, kehrt Ruhe ein. Hans ist heute besonders aufgeräumt, das ist selten.
Er erzählt lachend von dem alten Thurman, der heute bei ihm unbedingt Schrauben kaufen wollte.
Er hat ja nun schon fast alles in seinem Laden, aber Schrauben – nee. „Nee, Vadder – da musste ans Dorfende zu Steue, der hat Schrauben“. Sagt der Alte doch – dann brauch er keine. Der Weg sei ihm zu weit.
Später am Abend beim Zubettgehen wird Hans ihre Schultern massieren – ein abendliches Ritual.
Als Käthe sich ihm zuneigt wird er es unterbrechen und sich mit dem Satz: „Ich muss morgen früh raus“ zur Seite wenden.
Käthe spürt den Riss, - aber – sie wird ihn in Verständnis wandeln.
Am Sonntagvormittag ist Hans mit den Zwergen unterwegs zu Tante Mariechen und Onkel Fritz. Auf dem Hof gibt es für die Mädels viel zu bestaunen: Hühner, Gänse und Enten, aber auch Schweine, Kühe und sogar ein paar Pferde.
Hans will mit Fritzen über die Getreideernte reden, über die Preise, worauf man sich einstellen muss.
So hat Käthe neben dem Kochen ein bisschen Zeit – Zeit überhaupt zu denken.
Sie hat alle Hände voll zu tun. Kinder, Wäsche, Essen – aber ist das alles? Sie möchte mit ihren Freundinnen, Riccarda und Traute, einfach mal am Tage und ohne Männer zusammensitzen und klönen über Mode, über Tratsch – ganz normal. Aber im Moment fühlt sich alles an wie Hamsterrad.
Sie spürt, sie kann mit Hans darüber nicht reden. Er hat immer den Kopf so voll und kennt außer Arbeit eigentlich gar nichts. Es wäre für ihn befremdlich, seine Frau so zu hören.
Am Abend überrascht Hans sie.
Er entwickelt ihr den Plan von einem Kindermädchen für die Zwerge. Die könnte ihren Alltag entlasten. Doch dahinter – hinter dieser Idee gibt es ein aber: Käthe soll bereit sein, im Laden einzuspringen, wenn es nötig ist.
Käthe schaut zweifelnd. Will Hans vielleicht die Verkäuferin entlassen, um Geld zu sparen. Sie fühlt, wie ihre Freude schwindet. Sie weiß, sie kann die Verkäuferin nicht ersetzen.
Hans sieht es. Er entscheidet pragmatisch. Käthe soll nur einspringen, wenn Not an Mann ist.
Wenn einer ausfällt. Wenn einer dringend wegmuss. Nur in Ausnahmefällen.