Die Stimmen werden schärfer.
Es flüstert durch die Straßen zunehmend lauter eine andere Sprache.
Eine Sprache aus Groll, Härte, Kameradschaft.
Eine Sprache, die von Verrat spricht – vom Verrat der Sozis am deutschen Volk, vom Verrat der Republik, vom Verrat der Versailler Verträge.
Eine Sprache, die Halt verspricht, wo keiner mehr ist.
Die Braunhemden steigen zur Massenorganisation auf.
Sie marschieren in Reih und Glied, sie schirmen ihre Versammlungen ab; sie sprengen die der anderen.
Sie bieten den Heimkehrern, den Arbeitslosen, den Enttäuschten etwas, das ihnen sonst niemand gibt: Zugehörigkeit. Ein Platz.
Eine Aufgabe. Ein Feindbild.
In Berlin wird der Straßenkampf zwischen Spartakusbund und SA fast zum täglichen Sport.
Steine, Stiefel, Schlagstöcke. Die Polizei kommt, wie immer, zu spät. Oder sie kommt gar nicht. Oder sie schaut weg.
Und die Berliner verziehen sich in ihre Wohnungen. Hinter die Fenster. Hinter die Vorhänge. Hinter die Stille.
Die Stadt wird zum Resonanzraum der Angst.
Die Gesellschaft ist zersplittert und polarisiert. Und niemand weiß, wohin sie sich entwickeln wird.
Zwischen Rausch und Verzweiflung versucht die politische Mitte, die Republik zusammenzuhalten. Aber sie ist müde.
Sie ist erschöpft. Sie ist ein Kompromiss, kein Zukunftsprojekt.
Sie hält – solange die Welt nicht einstürzt. Und als die Weltwirtschaftskrise kommt, stürzt sie ein.
Die Männer sind arbeitslos. Die Frauen lassen beim Koofmich anschreiben.
Überall dieselben Schlangen: vorm Amt: die Stütze reicht nicht. …
Vorm Arbeitsamt: Arbeit ist aus….
Uff'n Straßenstrich: es sind zu wenige Freier. …
Vor den Pfandleihen: alle wollen verkoofen, aber keener kooft. …
Dann der große Knall. „Schwarzer Freitag“ in New York. Die Börsen rauschen in den Keller.
Die ersten Verlierer stürzen sich aus dem Fenster.
Die Investoren ziehen ihre Gelder aus Deutschland ab.
Die PUMP-Blase platzt - „wer hat soviel pinkpinke, wer hat so viel Jeld?“....
- V E R H U N G E R N – E R F R I E R E N – S U I Z I D E – M O R D E – V E R E L E N D U N G E N - R A U B Ü B E R F Ä L L E –
V E R W A H R L O S U N G -
Weltwirtschaftskrise.
Ende 1930 stehen in Deutschland fünf Millionen Menschen ohne Arbeit da. Eine Zahl, die so groß ist, dass sie niemand mehr begreifen kann.
Eine Zahl, die wie ein Schatten über den Straßen liegt.
Eine Zahl, die in jeder Schlange vor dem Amt, vor dem Pfandleiher, vor dem Straßenstrich ein Gesicht bekommt.
Ein kurzer Rückgang Mitte 1931 – ein Atemzug, nicht mehr.
Dann wieder Stillstand. Dann wieder Absturz. Und erst da begreift man, wie tief die Krise wirklich ist.
Brünings Sparprogramm läuft da schon auf vollen Touren. Die öffentlichen Gehälter: gekürzt um ein Viertel.
Die Arbeitslosenhilfe zusammengestrichen. Die Sozialhilfe fast ausgehöhlt.
Im Februar 1932 erreicht die Krise ihren Höhepunkt: 6.120.000 Arbeitslose. 16,3 Prozent der Gesamtbevölkerung.
Nur zwölf Millionen Menschen haben noch Arbeit.
Und selbst die meisten von ihnen nur kurz, schlecht bezahlt, ohne Sicherheit.
Zu den Arbeitslosen kommen die Kurzarbeiter, die Angestellten mit halben Löhnen, die Kleinunternehmer, die jeden Tag hoffen, dass der
nächste Kunde kommt – und wissen, dass er nicht kommt.
Auf dem Land bricht die Welt früher zusammen als in der Stadt.
Die Höfe gehen verloren, die Kredite platzen, die Republik hilft nicht.
Und die Männer in Braun bieten etwas, das der Staat nicht mehr geben kann: Schutz, Ordnung, Kameradschaft.
In den Städten hungern die Menschen, auf dem Land verzweifeln sie.
Und die politische Mitte bricht. Nicht aus Überzeugung. Aus Müdigkeit.
Die Republik wird nicht gestürzt – sie wird verlassen. Und in dieser Leere hat die NSDAP freie Bahn.
Rechnerisch hätte die Republik noch Wege gehabt. Aber politisch waren sie versperrt.
Weil das Vertrauen zwischen den Parteien zerbrochen war.
Weil niemand mehr mit niemandem konnte.
Weil jede Kooperation als Verrat galt.
Weil man sich kein anderes Volk suchen konnte – aber auch kein gemeinsames mehr fand.
Hitler und die Machtübernahme.
Kaum im Amt, beginnen sie, die Republik abzuschalten.
Nicht langsam. Nicht vorsichtig. Sondern sofort.
Die Kommunisten werden verboten. Die Sozialdemokraten ausgeschaltet. Die Medien gleichgeschaltet.
Die Länderregierungen entmachtet. Die Gewerkschaften zerschlagen. Die Polizei zentralisiert.
Die Justiz unter Druck gesetzt. Die Straßen mit Uniformen gefüllt.
Sie riegeln den Laden ab, bevor jemand begreift, was geschieht.
Das ist die Wahrheit dieses Moments: Es ist ein politischer Zugriff, der die letzten Reste demokratischer Handlungsfähigkeit beseitigt,
bevor sie sich formieren können.
Auf der Straße laut … „Die Fahne hoch, die Reihen" …. Marschmusik – zackig, zünftig -
militärisches Vorspiel. …
Die NSDAP führt den Arbeitsdienst ein.
… Alle, die keine Arbeit nachweisen können, werden dienstverpflichtet. … Beim Bau. … In der Landwirtschaft. … Bei der Melioration. …
Das betrifft alle, auch Schulabgänger, die keine Lehrstelle finden. - Knochenarbeit für wenig Lohn. …
Aber das Karussell beginnt sich langsam erneut zu drehen - der Autobahnbau boomt …
Propagandakampagne für die HJ … mit Fahrten und … Zeltlagern … mit Fanfarenzügen, …
Feiern zur Sommersonnenwende … Gemeinschaftserlebnisse … stehen hoch in Kurs. …
Nach Jahren der Not wird es plötzlich wieder hell. Arbeit. … Musik. … Fahnen. … Die Straßen füllen sich. …
Die Jugend zieht los mit Fanfaren und Zelten. … Die Männer haben wieder Lohn. … Die Frauen wieder Hoffnung.
Und niemand sieht, wohin das Licht führt. Sie sehen nur, dass es nicht mehr dunkel ist.
Die Straßen beleben sich mit Aufmärschen, … mit Blasmusik …
Die SA (Sturmabteilung) verstärkt den Straßenkampf gegen Sozialdemokraten, …
Kommunisten, … Juden. … "Deutsche, kauft nicht bei Juden." …
Das Einrichtungsgeschäft Rosenstolz, Rosenthaler Straße.
Ich lebe seit vier Generationen in dieser Stadt.
Meine Vorfahren haben in dieser Straße ein Einrichtungsgeschäft begründet, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Ich leite das Geschäft jetzt seit 20 Jahren. Bis vor kurzem arbeitete mein Vater manchmal noch mit.
Ich kenne meine Nachbarn schon seit Jahrzehnten. Wir grüßen uns. Manchmal ein kurzer Schwatz.
Die Zeiten sind hart. Die Arbeitslosigkeit gigantisch. Die Leute haben kein Geld für Neuanschaffungen.
Vor zwei Jahre riet mir ein Freund zu konvertieren. Aber was soll das. Ich bin ein deutscher Jude, ich habe im ersten Krieg
im Schützengraben für Deutschland gelegen. Die Auszeichnungen liegen in meinem Nachttisch.
Und gestern sagte Isaak, er wäre schon beim Koffer packen.
Aber ich kann doch hier nicht einfach weg. Ich kann doch mein Geschäft nicht einfach allein lassen.
Gestern Morgen habe ich stundenlang die Scheiben geputzt –
über alle Schaufester stand mit Schlämmkreide: „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“
Und heute rücken die Schlägertruppen wieder an.
Das sind doch nur ein paar Verrückte, sage ich mir. Diesmal stehen sie direkt vor der Tür. Niemand kommt rein. Niemand kommt raus.
Damit wollen sie mich klein kriegen.
Vielleicht sollte ich doch mal für ein paar Tage zu meinem Onkel reisen. Bis sich das hier wieder verläuft.
Der Führer spricht heute Abend. Im Sportpalast.
Mit Fackelzug und allem drum und dran. „Und ich glaube gar nicht, dass die Gegner, die damals gelacht haben , heute auch noch lachen wollen.“
"Endlich wird Deutschland wieder!" ... " Kannste glooben." …
"Hörste det och". - "Wat is los?" - Feuerwehr - Polizei - der Reichstag - steht in Flammen. ... Der Reichstag brennt.
Während drinnen der Mann die Scheiben putzt, steht draußen die SA.
Während er überlegt, ob er zu seinem Onkel fahren soll, ziehen die Fackeln an seinem Fenster vorbei.
Während er seine Auszeichnungen im Nachttisch liegen hat, rufen sie auf der Straße „Sieg Heil".
Während er sagt „Ich bin doch einer von euch“, sagen sie „Deutsche, kauft nicht bei Juden“.
Während er hofft, dass es sich verläuft, verläuft sich nichts. Es verdichtet sich.
Und dann – während die Nachbarn zum Sportpalast strömen, während die Musik spielt, während die Fanfaren schmettern,
während die Stadt leuchtet – steht der Reichstag in Flammen.
Und in diesem Moment wird klar: Das Licht, das draußen so hell scheint, ist für manche kein Licht. Es ist Feuer.
„... denn für dieses Leben ist der Mensch nicht gut genug.!“