Die Erbschaft der delegierten Verantwortung
Wir erwarten Veränderung — aber nicht von uns selbst.
Wir haben gelernt, Verantwortung nach oben zu schieben, statt sie zu teilen.
Wir haben gelernt, Politik als Dienstleistung zu betrachten, nicht als gemeinsame Aufgabe.
Wir haben gelernt, dass Empörung leichter ist als Beteiligung.
Die Erbschaft der delegierten Verantwortung heißt: Wir wiederholen ein Muster, das uns handlungsunfähig macht — und nennen es Realismus.
Aber sie hat auch eine Kehrseite: Mitsprache muss gewollt sein. Sie darf nicht als Störung gelten — und erst recht nicht als Risiko.
Käthe hat jetzt zum ersten Mal viel Zeit.
Die Kinder sind im Nachbarort - in der höheren Mädchenschule.
Gestern hat sie Ricarda getroffen - die Mühle ist geschlossen, schon lange. – Sie werden sich heute Vormittag bei Traute treffen -
auf deren großen schönen Balkon. - Käthe wird eine Flasche Apfelwein mitnehmen.
Die Freundinnen sitzen um den runden Tisch zur Mittagszeit. Der Apfelwein leuchtet golden in den Gläsern.
"Hast du schon wieder große Wäsche", lacht Ricarda.
Traute fährt mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand über den Rand des Glases, freundlich lächelnd: "Wer weiß,
wie lange das Wetter noch hält".
Der Wind bewegt die großen Betttücher. Von unten klingt Kinderlachen. Rudi und Evchen spielen fangen.
Käthe sagt leise: "Wie groß deine Kinder geworden sind." –
In der Stille hat jede den Wind im Ohr. Auf der Straße hupt ein Auto, ein kurzer scharfer Laut.
Ricarda zuckt merklich zusammen. Sie lacht - ein bisschen zu laut -
"Was für ein schöner Tag heute - so jung kommen wir nie mehr zusammen, Mädels." –
Am nächsten Morgen sind die Freundinnen weg mit Sack und Pack - Richtung Westen.
Jetzt heißt es plötzlich, die Russen ständen schon an der Oder.
Die Frauen des Viertels packen, was sie tragen können, und machen sich auf den Weg. Anna geht mit Hans. Sie landen in der Nähe
einer Festung. Man hofft auf Schutz durch die Wehrmacht.
Die älteren Jungen werden sofort abgesondert - als letztes Aufgebot. Dafür gibt es Essen.
Eines Morgens, noch vor Tageslicht, ist Fahrzeuglärm zu hören. Als die Jungen eintreffen, sind die Ausbilder
verschwunden. Zurückgelassen ohne Essen, ohne Wasser, ohne warme Sachen.
Der Lärm von der Oder her wird stärker. Wohin nun. Es ist zu spät. Die Russen sind durchgebrochen.
Der erste Trupp sortiert die Jungen erneut. Die Älteren sollen auf Lastwagen steigen. Wohin – niemand weiß es.
Hans ist fünfzehn. Er trägt einen alten Militärmantel mit abgerissenen Schulterstücken, viel zu groß.
Er knickt die Beine ein und sagt, er sei zwölf. Er darf bleiben.
Und endlich gibt es Brot. Endlich essen. Die Soldaten sind freundlich zu ihnen.
Sie sagen nur: „Dawai.“
Die Jungen irren umher. Ihre Mütter sind nicht mehr in den Baracken.
Dort haben andere Soldaten gewütet – so, wie es Frauen in Kriegen oft trifft: mit Erniedrigung und Vergewaltigung
als Waffe, aus Rache, aus Machtgefühl.
Anna sprach nie darüber.
Aber später, wenn von den Russen die Rede war, wurde sie unruhig. Und ließ kein gutes Haar an ihnen.
Die Front rückt von Osten immer näher.
Nachts kann man Berlin am Horizont brennen sehen.
Eines Vormittags fährt ein Motorrad mit Beiwagen in den Hof. Russische Soldaten durchsuchen Remise und Stall.
Jetzt sind sie im Haus.
Die beiden Mädchen liegen stocksteif unter dem Bett. Käthe stellt sich davor.
Ein älterer Sergeant mit Hund betritt das Zimmer und bittet sie in gebrochenem Deutsch um Wasser.
Käthe zeigt ihm vom Fenster aus die Pumpe im Hof. Sie hofft, dass der Hund die Kinder nicht entdeckt und
dieser Mensch aus ihrem Zimmer verschwinden möge.
Aber es kommt anders: der Sergeant nimmt sie mit auf die Kommandantur. Sie wissen schon, dass Hans und sie Parteigenossen sind.
Nach stundenlangem Verhör darf sie gehen.
Die Kinder sind ihr Schutzschirm – wegen ihrer zwei Kinder darf sie gehen.
Der Krieg ist vorbei.
Hans freut sich unbändig darauf, seine Familie wiederzusehen. Die letzten Briefe von Käthe klangen sorgenvoll.
Er muss in Richtung Berlin. – Mal fahren Züge, überfüllt bis auf die Plattformen. Mal bleiben sie stehen.
Mal geht gar nichts - durch apokalyptische Städte.
Er ist da. Er atmet tief. Er schaut sich um.
Das Dorf ist unversehrt. Keine Ruinen. Keine Bomben, keine sichtbare Zerstörung.
Er kommt zurück mit der Sehnsucht nach einem Neuanfang. Mit der Freude, dass sie es schaffen werden.
Käthe wartet schon seit Stunden ungeduldig auf Hans‘ Rückkehr. Sie ist beim Packen.
Sie müssen weg – heute noch.
Käthe ist im Schlafzimmer. Die Schränke aufgerissen. Wäsche, Handtücher und Kleidungsstücke kommen in die Bettbezüge.
Sie ist schon beim Zweiten. Das Bügeleisen muss in die Hebammentasche. Die Kinder wissen schon Bescheid. Sie packen ihre Sachen.
Endlich geht die Tür. Sie eilt Hans entgegen. Eine flüchtige Umarmung.
Sie hält sich an seinem Mantel fest: „Hans, wir müssen weg. Sofort. Die Russen werden dich holen.“
Hans macht Einwände. „Ich bin doch gerade erst angekommen.“ Aber sie lässt es nicht gelten: „Wir müssen weg, Hans – heute.“
Bei Nacht und Nebel, mit Sack und Pack verlassen sie den Ort. Weite Wege durch den Wald nehmend, bis zu
einer Bahnstation, wo niemand sie mehr kennt.
Die Familie trennt sich, um zu überleben. Hans fährt weiter ins Landesinnere und wird einer Witwe den Landwirtschaftsbetrieb führen.
Rosa wird bei Bauern gegen Essen arbeiten. Käthe und Elisabeth bleiben in der Stadt im Norden.
Fritz erkennt seine Marie nicht mehr. –
Er kümmert sich nach dem Krieg um alles, um den Hof, um den Alltag außerhalb des Hofs. –
Er wird sie nie verlassen, seine Wärme wird er immer um sie stellen. -
Aber er kann sie nicht mehr auftauen. -
Er ist nur noch wie ein Gast im eigenen Haus. –
Vielleicht fühlt er sogar den leisen Vorwurf: warum er und nicht du. –
Aber Fritz lebt, die Zeit heilt alle Wunden - eben nicht.
Er will wieder lachen, Mensch sein.
Marie lässt sich nicht mal bewegen, Familienfeiern zu besuchen.
Sie leidet körperlich unter fröhlichen Menschen.
Also besucht er andere, fremde Frauen. – Aber er wird sich von Marie nie trennen ....