Die Erbschaft der Wachheit
Wachheit heißt: prüfen, bevor ich zustimme.
Wachheit heißt: misstrauen lernen in einem Land, das militärischer Sprache nicht traut.
Wachheit heißt: nicht glauben, dass ein Jahr Ausbildung reicht — wofür eigentlich, für welche Ordnung, für welche Zukunft.
Wachheit heißt: Pflicht nicht mit Verantwortung verwechseln. Und Gehorsam nicht mit Haltung.
Hänschen ist fünf.
Er spielt im Hof, es ist Sonntag. Plötzlich erklingt von der Straße her Musik – Marschmusik, laut,
schmetternd, verlockend. Hans hält inne, die Hände noch im Sand. Dann strahlt er, springt auf, läuft los,
schon halb aus dem Hof hinaus.
Otto hat es vom Fenster aus gesehen. Er kommt die Treppe hinunter, schnell, aber ohne Hast.
Er erreicht Hans an der Straße, fasst ihn am Arm und zieht ihn zurück. „Wir laufen da nicht mit“, sagt er. … Mehr nicht.
Es ist so weit.
Hans eröffnet beim Mittagessen, dass er nachmittags auf das Postamt geht. Er muss dringend mit Hamburg über die nächste Fischlieferung sprechen. Käthe soll im Laden einspringen.
Ja, irgendwann ist immer das erste Mal, denkt sie. Sie nimmt es wie eine Mutprobe. Sie streift den weißen Kittel über und steigt die Treppe hinunter ins Geschäft. Die Verkäuferin öffnet gerade die Tür. Draußen ist Sonnenschein. Es ist ruhig.
Drinnen ist Schweigen und die Ruhe breitet sich aus wie ein ohrenbetäubender Lärm.
Käthe sieht, dass die Regale befüllt werden müssten. Aber sie weiß auch, wenn sie das jetzt übernimmt, hat sie in diesem Raum verloren.
Die Verkäuferin weiß, dass ihr gerade eine Konkurrenz entgegenwächst. Sie ist nicht bereit das Feld kampflos zu räumen. Sie zögert.
Die Tür geht. Die alte Frau Schmidt aus der Siedlung kommt herein. Käthe kennt sie. Eine feine alte Dame. Sie geht freundlich auf sie zu und fragt nach ihren Wünschen. Die beiden plaudern sogar.
Die Verkäuferin holt schweigend die Leiter und füllt die Regale auf.
Frau Schmidt kauft nur ein paar Kleinigkeiten, die für Käthe kein Problem darstellen. Der rasselnde Klang der Registrierkasse beendet den Einkauf mit einem freundlichen „Auf Wiedersehen“. -
Probe bestanden.
Abends nach Geschäftsschluss wischt Käthe den Boden feucht über. Hans ist noch im Büro.
Vom Türrahmen aus kann sie ihn sehen. Hans sitzt über Rechnungen und Listen, die Stirn in Falten. Er sitzt wie in einer Falle. Er hat für nächste Woche die Dachdecker für die Remise bestellt. Aber er braucht auch dringend neue Tüten und Papier.
Käthe tritt hinter ihn. Sie legt eine Hand auf seine Schulter. Sie sieht die Zahlen und versteht sofort. Sie sagt leise: „Ich spreche mit meinem Vater.“
Hans hebt den Kopf, will widersprechen — und tut es nicht. Er nickt nur und greift nach ihrer warmen Hand.
Seine Prinzessinnen sind jetzt neun und zehn Jahre alt.
Das Kindermädchen gibt es schon lange nicht mehr. Manchmal wuseln sie im Laden herum, meistens sind die kleinen Wildfänge draußen mit ihren Freundinnen.
Nur die kleine Rosa ist gern bei ihrem Papa. Sie weiß längst, dass sie sein Liebling ist.
Sie hilft beim Eintüten von Zucker — der kommt in 50‑Kilo‑Säcken und muss per Hand in 1‑Kilo‑Tüten umgefüllt werden. Oder sie schaut zu, wie der Papa die Butterblöcke in genau 250‑Gramm‑Stücke schneidet und vorsichtig in Fettpapier wickelt.
Am liebsten aber geht sie abends mit der „Bombe“ zum Bankfenster, um die Tageseinnahmen einzuwerfen. Da fühlt sie den Stolz der ganzen Familie.
Ihre Schwester ist ganz anders.
Verträumt und so bummelig. Wenn sie einen Auftrag bekommt, bleibt sie ewig weg — und kommt dann mit einem Arm voller Wiesenblumen zurück, strahlend, weil sie der Mama eine Freude machen will. Fragt man sie nach dem Auftrag, schaut sie erschrocken auf: Sie hat ihn vergessen.
Deshalb schicken die Großen zum Ausliefern lieber gleich beide los.
Es geht grad so - mal besser und mal schlechter. In sein Geschäft kommen vor allem die Arbeiter und kleinen Leute zum Einkaufen, die – die immer nach einem Sonderangebot fragen, wenn zum Wochenende schon wieder Dunkeltuten droht.
Oder die älteren Witwen, die sich immer die Ware nach Hause bringen lassen.
Da sieht er doch, dass der Kaufmann Benke, der in der Mitte des Dorfes das tradierte Lebensmittelgeschäft führt, mit einem Auto
durch die Straße fährt. Was für ein Schock.
Der kann jetzt nämlich über Land fahren und bei den Bauern direkt billig einkaufen, wo Hans immer den Zwischenhändler braucht. Das treibt ihm Falten auf die Stirn.
Und zu allem Überdruss kriegt er noch einen Streit zwischen seiner Frau und der Verkäuferin mit. Was soll das?
Kann Käthe nicht einmal die Füße stillhalten – man…. Er buckelt von morgens bis abends, um das Schiff wenigstens auf Kurs zu halten
und überall läuft er gegen Wände.
Er hat für heute genug. Er macht Feierabend.
Schräg gegenüber im Wirtshaus sitzen sie alle, die schon längst Feierabend haben – der Müllersohn, der Bürgermeistersohn – seine Kumpels, die haben vielleicht das bessere Ende von der Wurst erwischt.
Der Kneipier guckt auf, nickt und Hans sagt an: „Eine Runde für alle.“
Wenigstens heute soll es einmal leicht sein – mit Lachen, mit Bier trinken und ein bisschen fröhlich sein. „Prost!“
Die Familie wohnt noch in der Arbeitersiedlung, dicht an der Ziegelei.
Hans geht in die Malcheschule, vier Klassen in einem Raum.
Er ist wach, neugierig, er will lesen können, so schnell wie möglich.
Mit acht bekommt er ein Fahrrad. Vor der Schule fährt er Zeitungen aus, um die Haushaltskasse aufzubessern. Wenn er ein paar
Minuten hat, liest er erst die Überschriften, bevor er sie einwirft.
Freitags ist Einkaufstag. Anna gibt ihm den Zettel und das Geld, abgezählt, knapp.
Beim Fleischer reicht es immer gerade, um den Einkauf der letzten Woche zu bezahlen. Vater, Mutter, ein Jugendlicher, ein Kind –
und Ottos Lohn reicht nicht.
Hans legt die Münzen auf den Tresen, ordentlich, wie Anna es ihm gezeigt hat. Der Fleischer nickt, schreibt etwas in sein Heft,
reicht ihm das Päckchen. Hans steckt es in die Tasche seines Fahrrads und fährt heim.
Er tritt kräftig in die Pedale. Er weiß, dass Anna am Fenster steht und auf ihn wartet.
Im Haus ist den ganzen Tag eine leise Unruhe.
Hans hat im Laden schon einen großzügigen Präsentkorb bereitgestellt und Käthe den guten Wein.
Jetzt steht sie vor dem Kleiderschrank und fragt sich, was sie anziehen soll. Traute hat ihr letzte Woche ein neues Kleid gezeigt, und Käthe hat ihres vom letzten Jahr bei der Schneiderin ändern lassen. Es sitzt wie neu. Was soll’s.
Der Abend ist heiter. Warmes Licht, Gläserklingen. Albert schwärmt vom neuen Motor für die Mühle — man müsse praktisch sein im Leben.
Hermann erzählt von seiner neuesten Idee: Die Parteizentrale der Nachbarstadt wolle vielleicht ein Weiterbildungswerk im Dorf einrichten.
Hans steht daneben und denkt: Die reden wie immer. Trotz ihrer Parteiabzeichen.
Hermann stupst ihn an, schmunzelnd: „Hans, Beziehungen sind alles. Man muss sich zeigen.“
Aus dem Nebenraum hört man die Frauen lachen, Ricarda hat eine große Bowle auf den Tisch gestellt. Die Männer feiern es und wechseln zu ihnen hinüber.
Es wird ein unbeschwerter Abend, mit Lachen, Witzen, Tanz — bis weit nach Mitternacht.
Auf dem Heimweg ist Hans still. Hat Hermann recht? Muss man sich zeigen, wenn man dazugehören will?
Käthe spürt es. Sie sagt: „Hans, die sind doch so wie immer. Ganz normal. Das sind doch unsere Leute.“
Käthe steht im Flur des kleinen Häuschens am Markt.
Sie begrüßt ihre Mama und bringt ihr einen Strauß Gladiolen - die großen weißen, die sie so mag. Frau Wachtmeister zeigt auf die Arbeitszimmertür, der Vater ist noch beschäftigt.
Käthe schlüpft leise durch die Tür und sieht, wie er Papiere sortiert. Er schaut auf und schon überzieht ein Lächeln sein Gesicht. Er bittet sie auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.
Sie zieht die Spitzenärmel ihrer Bluse unter der Jacke hervor und schiebt die kleine Tonfigur, die immer auf seinem Schreibtisch steht, ein Stückchen weiter: „Papa, ich will dir einen Vorschlag machen."
„Ein Vorschlag? Von dir? Da muss ich aufpassen, dass ich nicht über den Tisch gezogen werde.“
Sie müssen beide lachen.
Käthe bietet ihm leise ein kleines Geschäft an: Der Wachtmeister verleiht einen bestimmten Betrag an Geld und bekommt die Summe nach 10 Tagen mit einem Zinssatz von 0,3 % zurück.
Der Wachtmeister versteht die Situation sofort. Er blickt ihr offen ins Gesicht.
„Du wirst mich doch nicht zu einem reichen Mann machen wollen, Käthe.“ Und beide lachen – diesmal wie zwei Verschworene.
In Käthe löst sich ein warmes Rieseln.