Der leere Raum

 

 

 

 

 

 

Notizen aus einer unsichtbaren Vergangenheit

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gudrun Wilzopolski

Inhaltsverzeichnis

 

Die Welt öffnet sich

Die ersten Risse

Die moralische Schwelle

Der Krieg bricht ein

Die Zerreißung

Die Rückkehr

Die moralische Rückkehr

Der leere Raum

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Du bist die, die schreibt.

Ich bin der, der mit dir denkt

Die Welt öffnet sich

 

 

 

Wenn man jung ist, ist die Welt noch riesig groß. Unerforschtes Land.  Alles geht nur sehr langsam voran. Der nächste Geburtstag liegt meilenweit entfernt.

Die Kirchenglocken geben den Rhythmus des Jahres vor, wenn sie an Sonntagen sehr lange und schwere oder hellklingende Töne schwingen. Ihr Klang trägt weit über die Felder

und verkündet den Sonntag in alle Welt. Und wenn man sich entfernt aufhält, hört man, wie sie sich gegenseitig antworten aus unterschiedlichen Richtungen.

 

 

 

Die Sonne bahnt sich ihren Weg durch das herbstliche Laub.

Die Familie des Wachtmeisters schaut auf ihrem Spaziergang nach den Pilzen.

Sie kennen den Wald sehr genau und wissen noch vom letzten und vom Jahr davor, wo die besten Stellen sind.

 

Die großen Brüder sind schon weit entfernt und melden von großen Erfolgen.

Frau Wachtmeister sitzt mit der älteren Tochter auf der Suche nach Pfifferlingen in der Tannenschonung fest. 

 

Es raschelt von schnellen Kinderschritten und es jubelt laut durch die dichten Baumstämme. Das kleine Käthchen

läuft vor ihrem knurrenden, den Wolf spielenden, Papa davon. Plötzlich dreht sie sich um.

Sie strahlt über das ganze Gesicht und fällt glücklich jauchzend in seine Arme, den dichten Kaiser-Wilhelm-Bart liebkosend.

 

Ihr Papa.

 

Er setzt sie vorsichtig ab. Sie wärmt ihm das Herz, die kleine Käthe. Aber sie müssen jetzt zu den anderen.

Er liebt diese ruhige Geschäftigkeit der Sonntage.

 

 

 

 

Marie ist sieben, und sie hat keine Zeit zu verlieren.

Die großen Geschwister sind schon auf den Feldern, also ist der Kleinkram heute ihrer.

 

Sie hebt den schweren Deckel der Tonne an, gerade so weit, dass sie mit beiden Händen hineingreifen kann.

Die Körner riechen warm und staubig. Sie schaufelt eine Schüssel voll, nicht zu viel, nicht zu wenig.

Dann das trockene Brot: mit dem stumpfen Messer schneidet sie Stücke ab, die immer ein bisschen zu groß geraten.

Ein paar Möhrenstücke dazu, wie die Mutter es will.

 

Draußen gackern die Hühner ungeduldig. Die Gänse machen dieses tiefe, warnende Geräusch, das Marie nicht mag.

Die Kaninchen sind still, wie immer.

 

Auf dem Küchentisch liegt der Einkaufszettel. Ein kleiner Zettel, aber er liegt da wie eine Uhr, die tickt.

Marie weiß, dass sie sich beeilen muss. Erst die Tiere, dann der Weg zum Kaufmann.

Die Mutter hat gesagt: „Du schaffst das.“ Mehr nicht. Kein Lob, kein Zweifel.

 

Marie stellt die Schüssel ab, wischt sich die Hände an der Schürze ab und schaut kurz zum Fenster.

Der Morgen ist schon weit. Pluto wartet.

Sie atmet einmal ein tief. Dann geht sie raus.

 

 

 

 

Aufstehen ist seine Sache nicht. Martha, die Köchin, stellt ihm den heißen Kakao hin, der in der Küche dampft,

und erst dann kommt er langsam zu sich. Ein kleiner, zarter, etwas schüchterner Junge mit zu verträumten Augen.

 

Aber genau dafür ist jetzt keine Zeit. Die Küche füllt sich mit Bewegung.

Sein älterer Bruder Eberhard, schon Gymnasiast, steht in der Tür und macht Druck, wie jeden Morgen.

Und Hans tut, was er immer tut: Er versucht, richtig zu sein, schnell genug, passend genug für eine Welt, die ihm zu groß ist.

 

Montags beginnt der Tag mit Französisch. Je parle français. Das mag er sehr.

 

 

 

 

Das kleine Haus steht mit vielen anderen Häusern der kleinen Stadt in einer Reihe, die den Marktplatz

auf einer Seite umsäumen. Gleich daneben die große Marienkirche, deren Glockenklang am Sonntag in Wachtmeisters

Stube, die feinen Gläser tanzen lässt.

 

Doch heute herrscht Geschäftigkeit im Haus – große Wäsche.

Die kleine Käthe sitzt auf der untersten Stufe der Treppe, die nach oben führt und schaut gelangweilt zu.

Die Liesa ist da, die an solchen Tagen der Mama hilft. Die großen Brüder sind in der Schule und die Hilde ist gerade biestig,

weil die Mama ihr verboten hat, das gute Sonntagskleid schon heute anzuziehen.

 

Keiner hat Zeit für Käthe, keiner sieht, wie die Langeweile immer dichter wird um sie: Die Geräusche leiser werden

und sie plötzlich in einer anderen Welt ankommt – die nur ihr gehört, die nur sie sieht und entscheiden darf, wer sich darin bewegt.

 

Als die Brüder aus der Schule kommen wird es lebhaft. Die kleine Käthe weiß jetzt, was sie tut.

Sie greift sich ihr Märchenbuch und setzt sich neben Wilhelm. Er erzählt, wie sie den alten Hausmeister veralbert haben.

Alle sind lustig und heiterer Laune. Aber Käthe guckt immer nur den Wilhelm an.

 

Als er es merkt, schenkt sie ihm ein leises Lächeln mit einer ebenso leisen Bitte. Er hat verstanden.

Er holt sie auf seinen Schoß.  Er liest ihr derzeitiges Lieblingsmärchen vom „Rotkäppchen“ –

und hat die aufmerksamste Zuhörerin, die er sich wünschen kann.

 

 

 

 

Es scheint geschafft. Ein Moment, der größer wirkt, als er ist. Die Klasse drängt sich auf den Treppen der alten Schule

zum Freundschaftsfoto. Hans im neuen Anzug, mit Brille inzwischen, das Gesicht hell vor Stolz.

Und doch: Neben Arthur, dem Sohn des Mühlenbesitzers, und Hermann, dem Bürgermeistersohn, die so

selbstverständlich in die Kamera lachen, wirkt Hans ein wenig linkisch, als stünde er einen halben Schritt hinter ihnen.

 

Der Direktor spricht ein paar dürre Worte über Zuversicht und die neue Zeit. Man hört den Schmerz um den Kaiser, aber

die Jungen — alle aus gutem Hause — denken nur an ihr eigenes Leben, das jetzt beginnen soll.

 

Hans freut sich auf den Abschiedsball. Emily aus der Mädchenschule wird seine Tanzpartnerin sein, ein stiller, schüchterner

Blondschopf. Ihr letzter Abend hier, bevor sie zu ihren Eltern zurückzieht.

 

Und morgen oder übermorgen wird Hans seine erste Reise allein machen. Hoch zur Ostsee, dann weiter nach Danzig.

Zum Landwirtschaftskolleg, wie mit den Eltern besprochen. Zum ersten Mal spürt er dieses Ziehen zwischen

Aufbruch und Unsicherheit.

 

 

 

 

Der Platz vor dem Wirtshaus ist mit bunten Stoffstreifen geschmückt, die im Wind flattern.

Es riecht nach Bier, nach warmem Brot, nach Stroh. Die Musik ist laut, aber nicht fein — zwei Geigen, ein Akkordeon,

ein Mann, der mit dem Fuß den Takt stampft.

 

Marie ist siebzehn. Sie steht am Rand, die Hände an der Schürze, noch nicht sicher, ob sie tanzen will. Sie ist nicht

schüchtern, aber sie mag es nicht, wenn alle schauen.

 

Fritz ist neunzehn. Der älteste Sohn vom Hof am anderen Ende des Dorfes. Groß, kräftig, mit diesem offenen,

lauten Lachen, das man schon hört, bevor man ihn sieht. Er trägt das Hemd ein bisschen zu weit aufgeknöpft, wie immer,

und bewegt sich, als hätte er mehr Kraft, als sein Körper fassen kann.

 

Er sieht sie. Nicht lange, nicht prüfend. Nur ein kurzer Blick, der hängen bleibt.

Marie spürt es, ohne hinzusehen.

 

Die Musik wechselt. Ein schneller Tanz. Die Jungen drängen nach vorn, die Mädchen tun so, als wären sie überrascht.

Fritz geht nicht zu den Lautesten. Er geht direkt auf Marie zu, als wäre das selbstverständlich.

„Komm“, sagt er. Nicht fordernd, eher wie ein Angebot, das man auch ablehnen könnte.

 

Marie legt ihre Hand in seine. Seine Hand ist warm, fest, aber nicht grob.

Sie tanzen. Erst ein bisschen steif, dann leichter. Fritz lacht einmal laut, dieses volle, warme Lachen, das niemanden verletzt.

Marie lächelt, ohne es zu wollen.

Der Boden ist uneben, sie stolpert fast, er fängt sie auf, ohne Aufhebens.

Für einen Moment ist alles einfach: Musik, Staub, zwei junge Körper, die sich im Takt finden.

 

Die ersten Risse

 

 

 

 

Die Zeit hinterlässt in uns Spuren. Entscheidungen, die wir treffen oder nicht treffen. Blicke, denen wir standhalten oder ausweichen.

Sätze, die ausgesprochen werden und stehenbleiben. Sätze, die nie ausgesprochen wurden. Sie zeichnen uns als Begebenheiten.

Sie graben sich ein in unser Inneres. Sie sind unser Kraftquell oder Schmerzpunkt.

 

 

 

 

Der Plan ist klar: Eberhard soll Buchhalter werden, Hans das Landwirtschaftskolleg besuchen.

Doch als der Vater sein kleines Versicherungsbüro schließen muss, wird alles anders.

 

„Ein Eisenwarengeschäft“, sagt der Alte. „Hier im Dorf braucht man so etwas.“ Eberhard wird die Bücher

führen, Hans den Laden.

Hans steht bald zwischen Kisten voller Schrauben, Nägel, Haken, Werkzeugen in allen Größen.

Ein Sammelsurium, das den kleinen Verkaufsraum förmlich sprengt.

Er weiß nicht, wohin mit all dem. Und noch weniger weiß er, wohin mit sich.

 

Unten im Dorf hat Kaufmann Steue längst vorgesorgt: breite Ladenflächen, Gurte, Seile, Geschirre, sogar die

ersten kleinen landwirtschaftlichen Maschinen.

Hans sieht es und weiß: Das hier ist nicht sein Plan. Und nicht seine Welt.

 

Leise, unspektakulär, aber endgültig geht das Geschäft den Bach hinunter.

Es ist der erste Riss. Nicht laut. Aber tief.

 

Die Konkurrenz war erdrückend. Hans spürt früh, dass dieser Plan nicht seiner war.

Eberhard wird Buchhalter in Anstellung bei einer großen Firma und Hans muss den ganzen Krempel

verkaufen. Und er hat Schulden bei Eberhard, der seinen Anteil eingebracht hat.

Aber auch eine neue Idee muss her.

 

 

 

 

Anna ist gerade mal Zwanzig. Sie ist mit ihrem Vater hier gestrandet auf der Suche nach Arbeit nach dem

ersten Krieg. Sie kommt den Weg entlang. Sie geht nicht schnell, aber zielstrebig. Der Korb hängt

ruhig in ihren Händen. Sie bringt das Mittagessen für den Vater in die Ziegelei.

Sie stellt ihm die Schüssel hin. „Es ist warm“, sagt sie. Mehr nicht.

 

Ein paar Meter weiter sitzt Otto, die Hände voller Lehm. Er hebt den Kopf, nur kurz. Anna richtet das Tuch über

dem Korb und geht zurück.

 

Otto sieht ihr nach, bis sie hinter der Ecke verschwindet.

 

 

 

 

Die großen Brüder haben Berufe gelernt und sind schon aus dem Haus. Sie führen ihr eigenes Leben.

Hilde und Käthe haben die Schule beendet. Für sie geht es jetzt darum, sich auf die Zukunft

als verheiratete Frauen vorzubereiten.

 

Sie werden in den Haushalt einbezogen – Kochen, Waschen, Bügeln, Haushalsführung und Budgetplanung.

Dazu ein bisschen Nähen und Sticken, ein bisschen über schöngeistige Literatur schwätzen und Französisch parlieren –

dafür lässt sich der Wachtmeister sogar zu einem Französischlehrer für ein paar Wochen herab.

 

Käthe hängt an stillen Abenden den Untiefen der „Melusine“ nach, die sie gegenwärtig sehr beschäftigt.

Eine Liebesgeschichte, die in einer Münchner Pension spielt, von Jakob Wassermann. 

 

Sie legt das Buch für einen Augenblick aus der Hand und träumt sich durch die Fensterscheiben auf den Marktplatz.

Dort ist sie vor ein paar Tagen einem jungen Mann begegnet. Einfach so.

Sie war beim Einkauf für die Hauswirtschaft und ihr war beim Bezahlen das Schlüsselbund entfallen.

Er hob es lächelnd auf und brachte den Korb mit den Einkäufen bis vor ihre Haustür.

 

So schweigsam wie es jetzt ist, so eng ist es auch geworden in den Gedanken - im Haus des Wachtmeisters.

 

Käthe möchte am liebsten weg - in ein anderes Leben, mit vielleicht eigenen Entscheidungen.

 

 

 

 

Der Sonntag ist still. Kein Wind, nur das Scharren der Schuhe auf dem sandigen Weg zur Kirche.

Die Familien gehen in kleinen Gruppen, jede für sich, mit einem Abstand, der mehr über Rang und

Gewohnheit sagt als über Nähe.

Marie geht neben ihrer Mutter. Das Kleid ist das gute, das kratzige. Sie hält die Hände gefaltet, weil man das so macht,

nicht weil sie besonders fromm wäre.

Vor ihnen geht die Familie von Fritz. Er ist gewachsen seit dem Erntedankfest, oder vielleicht wirkt er nur größer,

weil er heute ernst schaut. Das Hemd ist frisch, aber schlecht gebügelt. Seine Haare stehen ein wenig ab, als hätte er sie mit

Wasser glattstreichen wollen und dann vergessen.

 

Er dreht sich nicht um. Natürlich nicht. Aber als sie die kleine Anhöhe vor der Kirche hinaufgehen, verlangsamt

er seinen Schritt einen Hauch. Nur so viel, dass Marie und ihre Mutter aufschließen.

Jetzt gehen sie nebeneinander. Nicht gemeinsam — nur nebeneinander.

Marie spürt seinen Blick nicht, aber sie weiß, dass er da ist. Ein kurzer Seitenblick, kaum mehr als ein Zucken.

Sie schaut nicht zurück. Sie hält den Blick auf die Kirchentür gerichtet, die dunkel und schwer im Morgenlicht steht.

 

Die Glocke schlägt. Ein tiefer Ton, der durch das Innere des Körpers geht.

Fritz räuspert sich leise. Marie atmet ein. Mehr passiert nicht. Aber es ist genug, um etwas in Bewegung zu setzen,

das keiner von beiden benennen könnte.

 

 

 

 

Hans sitzt in seinem besten Anzug im Herrenzimmer des Wachtmeisters. Es riecht nach feuchtem Holz.

Der Ofen ist aus. Für einen Besuch macht der Wachtmeister kein Feuer.

 

Die alte Geschäftsidee mit Eberhard ist gerade erst begraben. Fehlplanung, falsche Einschätzung — aber

Hans redet sich ein, dass ein Neuanfang besser sei als ein schlechtes Ende.

Und jetzt sitzt er hier, weil er um Käthes Hand bitten will.

Er hat sich das in den Kopf gesetzt, so fest, dass es fast wehtut.

 

Die Frage kommt ohne Vorwarnung. Sie trifft ihn wie ein Knüppel: „Junger Mann, können Sie es sich überhaupt leisten,

eine Familie zu gründen?“

Hans stammelt etwas von Geschäftsräumen, von zwei gesunden Händen, davon, dass es schon mit dem Teufel zugehen

müsste…. Der Wachtmeister nickt nicht. Er schaut nur. Hans spürt, wie die Zukunft kleiner wird.

 

Dann der zweite Schlag: Käthe kann nicht heiraten. Nicht jetzt. Die große Schwester muss zuerst unter die Haube —

und deren Freund studiert noch zwei Jahre. Mindestens.

 

Hans sitzt da, 25 Jahre alt, mit einem Anzug, der klamm wird, und Aussichten, die trüber sind als das Fenster

hinter dem Wachtmeister.

Aber er gibt nicht auf. Er weiß, dass man in dieser Stadt nicht mit großen Gesten gewinnt, sondern mit Beharrlichkeit,

die höflich bleibt.

 

Also macht er der Frau Wachtmeister in regelmäßigen Abständen seine Aufwartung.

Nie zu oft, nie zu selten. Immer so, dass es aussieht, als sei er zufällig vorbeigekommen — und doch hat er jedes

Mal ein kleines Päckchen Konfekt dabei oder ein paar frische Blumen, die er sich vom Mund abgespart hat.

Er sagt Sätze wie: „Ich dachte, Sie mögen vielleicht…“ oder „Es war gerade im Angebot…“ und die Frau Wachtmeister

weiß natürlich, dass nichts davon im Angebot war.

 

Und jedes Mal, wenn er dort steht, hofft er, einen Blick auf Käthe zu erhaschen. Nur einen. Ein Schatten

im Flur, ein Rocksaum, ein kurzes Nicken. Mehr braucht er nicht.

Er weiß, dass es noch dauern wird. Die große Schwester muss zuerst unter die Haube. Der Freund studiert noch

zwei Jahre. Mindestens.

 

Aber Hans ist einer, der Zeit hat. Oder besser: einer, der glaubt, dass man Zeit haben muss, wenn man etwas wirklich will.

Und so steht er da, mit seinen Blumen, seinem Konfekt, mit seinem Briefchen für Käthe, seinem besten Anzug,

der an den Ellbogen schon glänzt — und einer Zukunft, die er sich erarbeiten will.

 

 

 

 

Der Fotograf stellt sie vor die helle Wand des Gemeindehauses. Anna steht ruhig, die Hände ineinandergelegt.

Das Kleid ist schlicht, weiß, ohne Schmuck. Sie ist ein wenig größer als Otto, aber der Fotograf dreht sie leicht ein,

als wäre das normal.

Otto steht neben ihr, die Schultern gerade, der Blick ernst. Ein feiner Mann, ordentlich gekämmt, das

Sonntagsjackett ein wenig zu eng. Seine Hände hängen ruhig, als wüsste er genau, wohin damit.

 

„Nicht bewegen“, sagt der Fotograf. Anna blinzelt einmal. Otto atmet aus.

Der Moment hält still. Ein Klick. Mehr nicht.

 

 

 

 

Die letzten Wochen, seit Hans um Käthes Hand anhielt, waren von ungekannter Gereiztheit in der Familie

des Wachtmeisters. Mit Tränenausbrüchen. Mit Schuldzuweisungen. Mit Zumutungen.

 

Heute gibt es eine ungewöhnliche Entscheidung: Für die jungen Leute, Hans und Käthe, sollen die

Hochzeitsmodalitäten besprochen werden.

Käthe ist in ihrem Zimmer. Sie weiß, dass Hans gleich kommen wird. Sie ist unruhig.

Sie fühlt ihr Blut in dem Ohren rauschen. Sie kann nicht stillsitzen.

Sie läuft zwischen Bett und Fenster wie ein gefangenes Tier.

 

Sie ist voll von widerstreitenden, überquellenden Gefühlen. Geradezu flehend entstehen Sätze,

wie: „Bitte, lass es gut gehen – heute.“ … „Lass mich raus hier aus dieser Enge“. … „Hans, du musst kommen.“. …

„Bitte, lass mich in ein eigenes Leben“. … „Lass mich nicht noch länger warten.“

Stoßgebete – in eine noch unbekannte Zukunft.

 

Es ist Sonntag heute. Und pünktlich um drei Uhr klingelt Hans an der Tür des Wachtmeisters.

Man sitzt diesmal im Wohnzimmer.

Frau Wachtmeister hat das gute Geschirr auf den Tisch gebracht. Das dünne Porzellan für besondere Anlässe.

Die Atmosphäre ist etwas steif, weil in dieser Gruppierung – Vater, Mutter, Käthe und Hans, gab es bisher keine

Zusammenkünfte.

Käthe holt die vergessene Sahne für den Kuchen aus der Küche, und als sie wieder ins Zimmer tritt, sind ihr Vater

und Hans schon bei den geschäftlichen Details.

 

Die Hochzeit ist auf den 30.April 1930 festgesetzt. Es wird mit Rücksicht auf ihre ältere Schwester nur eine kleine

Hochzeit sein. Das ist die Bedingung.

 

In vier Wochen also wird es geschehen.

 

 

 

 

Frühlingshaft warm ist dieser Vormittag. Vor der Dorfkirche auf den Stufen treffen sich Brautpaar und Elternpaare.

Der kleine Biedermeierstrauß in ihren Händen passt wundervoll zu Käthes Frische und Uneitelkeit.

Sie trägt ein schlichtes weißes Kleid und ein Lächeln im Gesicht mit einem reizenden Grübchen am Kinn.

Jetzt kann die Zukunft beginnen.

 

Das Kirchenschiff trägt noch immer diesen feuchten kalten modrigen Geruch vom Winter.

Vor dem Altar hält der Pastor auf das Brautpaar eine Rede. Sehr allgemein und etwas hastig, so als wolle man schnell

fertig werden.

Er hält sich kurz, auch weil er sieht, wie die junge Frau zu frösteln beginnt.

Es ist nicht nur die Kirchentemperatur.

 

Ihr fällt plötzlich auf, wie eisig sich die Atmosphäre der Elternpaare anfühlt: sie haben sich nicht nur nichts zu sagen.

Schlimmer: sie hegen eine gegenseitige Abwehr, ein gegenseitiges Misstrauen, eine Abneigung.

Sie werden sich nach diesem Tag nie wieder begegnen.

 

Nach einem schnellen Mal im Hotel-Restaurant, das mit Gästen aus dem nahen Berlin wirbt,  dem besten,

dass das Dorf zu bieten hat, verabschieden sich der Wachtmeister und Gattin.

Käthe, Hans und seine Eltern bleiben zurück. Käthe bemerkt die Steifheit der Schwiegereltern zwar, aber sie ist

überzeugt durch Freundlichkeit und Zuwendung, das Eis schmelzen zu können.

Dies wird sich als Irrtum erweisen.

 

Hans' Eltern lehnen Käthe ab. Sie sehen sie nicht, sie ignorieren sie.

Eine Beamtentochter, die nicht einmal Beziehungen hat – was will man damit.

Der Dünkel der Geschäftsleute und eine fehlgeschlagene Option.

Seine Mutter ist besonders gekränkt. Hatte sie dem jungen Mann doch mehrere Partien aus dem benachbarten

gut gehenden Bauernstand vorgeschlagen.

 

Aber er wollte mit dem Kopf durch die Wand. Dann sollen die jungen Leute mal sehen …

 

Die Eltern ziehen sich ins Obergeschoß des Hauses zurück, in ihr Separee.

Es gibt keine gemeinsamen Sonntage, keine gemeinsamen Essen an Festtagen, keine gemeinsamen Gespräche.

Keine gemeinsamen Planungen. Null.

 

 

 

 

Anna steht früh auf. Der Herd ist noch kalt. Sie legt Kohlen nach, wartet, bis die Flamme zieht. Es dauert immer

zu lange oder geht zu schnell. Dazwischen gibt es nichts.

Sie wäscht die Hemden im Zuber, wringt sie aus, hängt sie über die Leine im Hof. Das Wasser ist hart, die Seife knapp.

Die Hände werden rot davon. Sie sagt nichts.

Mittags brät sie Spiegeleier. Sie geraten immer ein wenig zu scharf, weil der Herd nie die richtige Hitze hat.

Otto sagt nichts. Er isst, wie es kommt.

Am Nachmittag geht sie einkaufen. Mehl, Zucker, ein kleines Stück Butter, wenn es reicht. Otto mag Süßes. Kuchen,

Grießbrei, alles, was nach Sonntag schmeckt, auch wenn keiner ist.

Abends fegt sie die Stube. Der Tisch ist schmal, die Stühle wackeln ein wenig. Es ist ein bescheidenes Arbeiterleben.

Kein Überfluss, kein Mangel. Nur das Nötige.

 

Anna bewegt sich ruhig durch diese neue Ordnung. Sie hat jetzt einen Haushalt.

Und sie nimmt ihn an, ohne etwas zu erwarten.

 

 

 

 

Es ist früh am Morgen, noch dunkel. Der Wind drückt gegen die Fensterläden, und irgendwo im Stall schnaubt

ein Pferd.

Marie liegt im kleinen Schlafzimmer im Erdgeschoss, das sie und Fritz erst vor wenigen Monaten bezogen haben.

Die Schwiegermutter hat gestern Abend noch hereingeschaut, mit diesem prüfenden Blick, der mehr sagt als jedes Wort.

Die Wehen kommen seit Stunden. Nicht laut, nicht dramatisch. Marie beißt die Zähne zusammen, atmet flach,

hält sich am Bettrand fest. Fritz geht im Flur auf und ab, seine Schritte schwer, unruhig, als wüsste er nicht, wohin mit

seiner Kraft.

Als das Kind endlich kommt, ist es still. Ein kurzer Schrei, dann Ruhe.

Die Hebamme nickt nur. „Ein Junge“, sagt sie. „Ein kräftiger.“

Marie schließt die Augen. Nicht aus Rührung, sondern aus Erschöpfung.

Sie spürt das warme, kleine Gewicht auf ihrer Brust. Ernst. Ihr einziger Sohn, auch wenn sie das noch nicht weiß.

 

Fritz steht neben dem Bett, die Hände verkrampft, als hätte er selbst etwas durchgestanden.

Dann dieses Lachen, das sie vom Erntedankfest kennt — leiser jetzt, aber warm. „Na, Kleiner“, sagt er, „da bist du ja.“

 

Oben im Altenteil knarrt der Boden. Die Schwiegereltern sind wach. Sie werden gleich herunterkommen.

Marie weiß, was das bedeutet: Arbeit, Erwartungen, ein neuer Alltag, der nicht leichter wird.

 

Aber in diesem Moment ist es still. Nur sie, das Kind, und Fritz, der sich über beide beugt, als könnte

er sie mit seiner Wärme schützen.

 

 

 

 

Neben all den häuslichen Unannehmlichkeiten hat Hans jetzt ganz andere Sorgen. Er muss das Haus für seine

jungen Familie auf gesunde finanzielle Füße stellen.

Also baut er mit Volldampf sein Lebensmittelgeschäft auf: bestellt den Tischler für die Regale, gibt den Verkaufstresen

mit Eisschrank und Glasaufsatz in Auftrag, lässt die Remise zum Papierwarenlager ausbauen, schafft Lagerräume

für haltbare Waren, nimmt Kontakt zu Lieferanten auf, kauft eine Registrierkasse — und richtet sich neben dem

Laden ein kleines Büro ein. Sein Refugium. Ganz sicher.

 

Was in aller Welt soll Käthe dabei tun?

Sie kennt niemanden im Ort. Die Geschäftigkeit ihres Mannes verunsichert sie, macht ihr Angst, drückt ihr

die Brust eng. Und seit April ist sie schwanger. Die ersten Wochen sind schwer.

 

Man beißt sich durch im Hause Hans. Jeder auf seine Weise.

 

 

 

 

Es ist Sommer. Die Tage sind länger. Nach der Arbeit gehen sie in den Wald, der gleich hinter den Häusern beginnt.

Otto sammelt Holz für den Winter. Er prüft jeden Ast, hebt ihn an, legt ihn in den Arm. Anna geht ein Stück weiter.

Sie weiß, wo die Himbeeren wachsen. Zwischen Farn und Brombeerlaub pflückt sie die roten Früchte, eine

nach der anderen.

Der Wald ist still. Nur das Knacken der Äste, das Rascheln der Blätter. Sie sagen wenig. Sie müssen nicht.

Wenn sie zurückgehen, trägt Otto das Holz, Anna die Himbeeren. Es ist ein kurzer Weg, ein einfacher Abend.

Aber in diesen stillen Stunden wachsen sie zusammen.

 

 

 

 

Es ist früher Vormittag. Die kleine Rosa liegt warm in ihrem Bettchen. Käthe ist beschäftigt mit Wäsche,

Windeln, Handtüchern, Bettzeug. Und dann noch mal den Kessel ansetzen für die weißen Kittel.

Auf dem Herd köchelt das Mittagessen, wenn Hans nachher Pause macht.

Sie richtet sich auf und spürt plötzlich ein ungeheures Ziehen im Rücken.

Sie streichelt leise über ihren hohen Bauch. Sie spürt ein kleines Strampeln auf der rechten Seite, das sie mit

einem stillen Lächeln beantwortet. Diesmal ist die Schwangerschaft leichter.

 

In der Mittagspause zwischen eins und drei sitzen sie in der Küche beim Essen – meist schweigend.

An solchen Waschtagen gibt es immer eine kräftige Suppe. – Heute Kartoffelsuppe mit Würstchen. Hans liebt

die einfache Küche als etwas, was nicht beschwert.

Plötzlich wird es hektisch. Käthe zieht sich in Krämpfen zusammen. Sie weiß, jetzt geht es bald los.

Hans wird die Hebamme holen. Der Tischler muss heute allein im Geschäft bleiben.

Hans wird sich heute um die kleine Rosa kümmern, wenn sie wach ist, um das heiße Wasser für die Hebamme und

auf den neuen Erdenbürger warten.

 

Am frühen Abend hört Hans, wie sich die kleine Elisabeth ins Leben schreit und die Hebamme verkündet:

„Mutter und Tochter sind wohlauf.“

Für ihn ist es nicht wichtig, dass es wieder ein Mädchen ist. Er nimmt die Kleine auf den Arm und sieht, dass sie

ihm sehr ähnelt. Die gleichen verträumten Augen wie er als Kind.

 

Als er sich zu Käthe umwendet, schläft sie schon, von Erschöpfung gezeichnet. Das Gesicht blass mit einer tiefen

Falte um den Mund

 

Später wird er sich im Spiegel ansehen – lange - und entdecken, dass seine Augen heute viel härter schauen.

 

 

 

 

Der Alte sitzt am Küchentisch im Obergeschoss, die Zeitung vor sich ausgebreitet. Er liest die Preise lautlos,

aber seine Stirn verrät alles. Die Butterpreise steigen. Fleisch auch. Getreide sowieso. Ein guter Verkäufer

könnte jetzt Geld machen, richtiges Geld.

Aber unten im Stall frisst das Vieh den größten Teil der Ernte weg. Und Fritz sagt jedes Mal denselben Satz:

„Wir verkaufen nicht, was wir selber brauchen.“

Der Alte knurrt nicht, er hebt nicht einmal die Stimme. Er blättert nur um, ein bisschen zu hart, sodass das Papier

krunschelt.

Marie hört es unten in der Küche, während sie die Schüssel für die Schweine füllt. Sie kennt dieses Geräusch.

Es ist kein Ärger, eher eine Art stummes Kopfschütteln, das sich im ganzen Haus verteilt.

 

Fritz kommt herein, die Stiefel noch voller Stroh. Er wischt sich die Hände an der Hose ab, nimmt sich ein Stück Brot

vom Tisch. „Der Alte liest wieder Preise“, sagt er, ohne hochzuschauen.

 

 

 

 

Es ist früh am Morgen, als das Kind kommt. Ein kleiner Junge, warm, still, kaum ein Atemzug. Die Hebamme sagt

wenig. „Gott gibt und Gott nimmt.“

Anna liegt ruhig, den Blick auf einen Punkt an der Wand gerichtet. Sie hält das Kind einen Moment, so leicht,

dass es kaum Gewicht hat. Dann nimmt die Hebamme es ihr ab.

Otto steht am Fenster. Die Hände ineinander verschränkt, der Kopf gesenkt. Er sagt keinen Satz, der zu groß wäre.

Er sagt überhaupt nichts.

 

Der Tag geht weiter, als wäre nichts geschehen.

Der Herd muss geheizt werden, die Wäsche gewaschen, die Arbeit getan. Aber im Raum liegt etwas, das nicht vergeht.

 

Die Trauer ist groß, aber sie hat keinen Ort. Sie bleibt still, wie alles in diesem Haus.

 

 

 

 

Jetzt ist es so weit. Ein nigelnagelneuer Lebensmittelladen öffnet seine Türen. Mit allem, was das Herz begehrt.

Über dem Eingang steht in großen Lettern sein Name. Stolz gemalt.

Drinnen gibt es fast alles: Pralinen aus feinster Schokolade, Butter, Käse, Wurst, Eier, saure Gurken vom Fass,

frische und geräucherte Fische, Waschpulver, Konserven, Zucker, Mehl — sogar Farben.

Eigentlich nichts, was er nicht führt. Der Tante‑Emma‑Laden als Keimzelle des heutigen Supermarkts.

 

Die Arbeitsbelastung ist enorm. Abends die Fische in Hamburg bestellen, morgens vor Ladenöffnung per

Handwagen vom Bahnhof holen. Preise vergleichen, Ware ordern, Lieferanten bezahlen.

Den Eislieferanten nicht vergessen — die schweren Blöcke, 50 mal 30 Zentimeter, die im Sommer kaum drei

Tage halten. Einnahmen zählen, zur Bank bringen, das Kassenbuch führen.

 

Der Abend will nicht enden. Der Arbeitstag ist zu kurz. Die Kinder sind noch zu klein. Käthe kann nicht helfen.

Eine Verkäuferin muss her. Neue Kosten. Aber anders geht es nicht.

 

 

 

 

Otto wäscht sich draußen an der Pumpe. Das Wasser ist kalt, rinnt über seine Unterarme, tropft auf den Boden.

Er reibt die Hände trocken, streicht das Haar zurück und kommt ins Haus.

Anna stellt das Essen auf den Tisch. Kartoffeln, ein wenig Gemüse, ein Ei. Sie essen schweigend, wie an

den Tagen zuvor.

Als sie die Teller abräumt, bleibt Otto sitzen. Er greift in die Jackentasche und legt ein kleines Kästchen

aus bunter Pappe auf den Tisch. Er schiebt es ein Stück in ihre Richtung, ohne etwas zu sagen.

Anna bleibt stehen. Sie öffnet das Kästchen vorsichtig. Eine schlichte Kette liegt darin, dünn, hell, ohne Schmuck.

Nur ein feiner Glanz.

Otto legt ihr die Kette um den Hals. Seine Hände zittern ein wenig, nicht vor Unsicherheit, sondern vor der

Bedeutung des Moments.

Anna berührt das Metall mit den Fingerspitzen. Sie sagt nichts. Aber sie atmet anders,

weicher, als hätte etwas in ihr nachgegeben.

 

 

 

 

Zwei süße Krabben hat sie da:  Rosa und Elisabeth im Wägelchen, gezogen von einer lachenden Käthe.

Sie will mit ihnen auf eine heitere Wiese. Butterblumen pflücken, kleine Kränze winden, den Duft von frischem

Gras riechen, die kleinen Käferchen beobachten. Und die beiden Zwerge vor Freude quietschen hören.

 

Beim Zurückkommen von unten durch den großen Garten nimmt sie die Wäsche mit -trocken und warm duftend

von Sonne und Wind.

Aus dem Fenster im oberen Stock schaut die Schwiegermutter. Kein Winken. Kein Lachen.

Nur ein in die Ferne gerichteter Blick. 

Auch die beiden Prinzessinnen im Haus haben daran nichts geändert.

 

Nach dem Essen, die Kinder sind schon versorgt im Bett, kehrt Ruhe ein. Hans ist heute besonders aufgeräumt, das

ist selten.

Er erzählt lachend von dem alten Thurman, der heute bei ihm unbedingt Schrauben kaufen wollte.

Er hat ja nun schon fast alles in seinem Laden, aber Schrauben – nee. „Nee, Vadder – da musste ans Dorfende zu Steue,

der hat Schrauben“. Sagt der Alte doch – dann brauch er keine. Der Weg sei ihm zu weit.

 

Später am Abend beim Zubettgehen wird Hans ihre Schultern massieren – ein abendliches Ritual.

Als Käthe sich ihm zuneigt wird er es unterbrechen und sich mit dem Satz: „Ich muss morgen früh raus“

zur Seite wenden.

Käthe spürt den Riss,  - aber – sie verwandelt ihn in Verständnis.

 

 

 

 

Kurt, er ist der Sohn, der bleibt. Der Sohn, der lebt. Das Kind, das Anna wirklich in den Armen halten darf, ohne dass

es ihr genommen wird.

Aber er ist auch der Sohn, der sich löst, bevor Anna überhaupt merkt, dass er sich löst.

Sie liebt ihn – vielleicht sogar stärker, weil er da ist, weil er rennt, weil er lacht, weil er Freunde hat. Aber er ist ein

Junge, der sich der Mutter entzieht, ohne es zu wollen. Er ist einfach draußen. Er ist Bewegung.

Und genau deshalb entsteht dieses stille Glück mit Hans: Nicht als Ersatz, nicht als Klammern, sondern als

zweite Chance auf Nähe, die Kurt ihr nicht mehr geben kann.

 

Der Sandkasten liegt im Schatten der Kastanie. Hänschens feine, helle Haare kleben an der Stirn; ihm ist warm.

Er hat die Hände im Sand vergraben und baut kleine Hügel, einen nach dem anderen.

Anna steht ein paar Schritte entfernt. Sie schaut nur.

Ein Junge aus der Nachbarschaft rennt vorbei, ruft nach Hans. Hans hebt kurz den Kopf, aber er bleibt sitzen.

Der andere schaut irritiert, läuft weiter.

Anna sieht es. Kein Schmerz, kein Stolz. Nur ein leises Wissen: dass dieser Moment vergeht, wie alle Momente vergehen.

Dass Hans irgendwann rennen wird wie die anderen. Aber noch nicht. Noch nicht heute.

 

 

 

Mit den Alten schließt Hans eine Übereinkunft, die für alle Seiten erträglich ist. Anstelle einer Ladenmiete dürfen

sie sich bis zu einer festgelegten Summe mit Waren aus dem Geschäft versorgen.

So erscheinen sie am Monatsanfang mit einem Oktavheft im Laden, in das penibel jede Summe eingetragen wird.

 

Endlich geht es aufwärts. Der Arbeitsdienst ist eingeführt, und schon hat Hans mehr Kundschaft: junge Männer,

die am Freitag ihre Lohntüten bekommen und zum Wochenende bei ihm einkaufen.

Die Jobs sind schlecht bezahlt, aber besser als Stempeln — und essen müssen alle.

Parallel dazu wird für Mädchen ein Wirtschaftsjahr eingeführt.

Für Hans sind das gute Nachrichten. Er kann jetzt für seine beiden kleinen Prinzessinnen ein Kindermädchen

engagieren, damit Käthe endlich helfen kann.

Im Verkaufsraum arbeiten Hans und eine Verkäuferin — aber manchmal wird es trotzdem knapp.

 

 

 

 

 

Der Abend ist still. Der Tag liegt schwer im Haus, aber der Tisch ist abgeräumt, der Herd glimmt noch.

Otto sitzt auf seinem Stuhl, die Bibel vor sich, das schmale Erklärungsbändchen daneben.

Anna setzt sich ihm gegenüber. Es ist ihr Platz, seit sie zusammen sind.

Otto schlägt eine Seite auf. Er liest langsam, mit dieser ruhigen, ernsten Stimme, die er nur abends hat.

Zwischen den Versen macht er kleine Pausen, als wolle er prüfen, ob die Worte tragen.

Anna hört. Sie spricht nicht.

Aber ihr Blick ist wach, aufmerksam, als würde sie jeden Satz in sich ablegen.

Wenn Otto eine Stelle nicht versteht, blättert er im Bändchen, murmelt ein paar erklärende Sätze.

Anna nickt kaum merklich. Nicht zustimmend, sondern hörend.

Es ist kein Gebet, keine Andacht. Nur ein stilles Ritual, das sich von selbst ergeben hat. Ein gemeinsamer Faden,

der sie durch die Abende trägt.

 

 

 

 

Am Sonntagvormittag ist Hans mit den Zwergen unterwegs zu Tante Mariechen und Onkel Fritze. Auf dem

Hof gibt es für die Mädels viel zu bestaunen: Hühner, Gänse und Enten, aber auch Schweine, Kühe

und sogar ein paar Pferde.

Hans will mit Fritzen über die Getreideernte reden, über die Preise, worauf man sich einstellen muss.

 

So hat Käthe neben dem Kochen ein bisschen Zeit – Zeit überhaupt zu denken.

Sie hat alle Hände voll zu tun. Kinder, Wäsche, Essen – aber ist das alles?

Sie möchte mit ihren Freundinnen, Riccarda und Traute, einfach mal am Tage und ohne Männer zusammensitzen und

klönen über Mode, über Tratsch – ganz normal. 

Aber im Moment fühlt sich alles an wie Hamsterrad.

Sie spürt, sie kann mit Hans darüber nicht reden. Er hat immer den Kopf so voll und kennt außer Arbeit eigentlich

gar nichts. Es wäre für ihn befremdlich, seine Frau so zu hören.

Am Abend überrascht Hans sie.

Er entwickelt ihr den Plan von einem Kindermädchen für die Zwerge. Die könnte ihren Alltag entlasten.

Doch dahinter – hinter dieser Idee gibt es ein aber: Käthe soll bereit sein, im Laden einzuspringen, wenn es

nötig ist.  

Käthe schaut zweifelnd. Will Hans vielleicht die Verkäuferin entlassen, um Geld zu sparen.

Sie fühlt, wie ihre Freude schwindet. Sie weiß, sie kann die Verkäuferin nicht ersetzen.

 

Hans sieht es. Er entscheidet pragmatisch. Käthe soll nur einspringen, wenn Not an Mann ist.

Wenn einer ausfällt. Wenn einer dringend wegmuss. Nur in Ausnahmefällen.

 

 

 

 

Ernst ist acht. Der Ranzen drückt, der Weg ist lang, aber er geht ihn jeden Morgen ohne Murren.

Er weiß, dass er einmal den Hof übernehmen soll. Alle wissen das. Aber es ist ein späteres Leben, kein heutiges.

 

Im Klassenzimmer riecht es nach frischer Kreide und nassen Wolljacken.

Der Lehrer spricht über Maße, Erträge, Maschinen, die jetzt in manchen Gegenden auftauchen.

Ernst hört zu, still, aufmerksam. Er beobachtet mehr, als er redet.

Die anderen Jungen reden in der Pause über Fahrräder, über Fabriken, über Motoren.

Ernst sagt wenig. Er denkt an die Kühe, an den Stall, an den Hof, der so weit weg scheint wie die Zukunft selbst.

Am Ende der Stunde legt der Lehrer das Rechenbrett beiseite und sagt: „Die Landwirtschaft wird moderner,

ihr müsst rechnen können, nicht nur schaufeln.“

Ernst nickt, ohne genau zu wissen, weshalb er da nickt.

 

 

 

 

Es ist so weit. Hans eröffnet beim Mittagessen, dass er nachmittags auf das Postamt geht. Er muss dringend

mit Hamburg über die nächste Fischlieferung sprechen. Käthe soll im Laden einspringen.

 

Ja, irgendwann ist immer das erste Mal, denkt sie. Sie nimmt es wie eine Mutprobe. Sie streift den weißen

Kittel über und steigt die Treppe hinunter ins Geschäft. Die Verkäuferin öffnet gerade die Tür.

Draußen ist Sonnenschein. Es ist ruhig.

Drinnen ist Schweigen und die Ruhe breitet sich aus wie ein ohrenbetäubender Lärm.

 

Käthe sieht, dass die Regale befüllt werden müssten. Aber sie weiß auch, wenn sie das jetzt übernimmt,

hat sie in diesem Raum verloren.

 Die Verkäuferin weiß, dass ihr gerade eine Konkurrenz entgegenwächst. Sie ist nicht bereit das Feld

kampflos zu räumen. Sie zögert.

 

Die Tür geht. Die alte Frau Schmidt aus der Siedlung kommt herein. Käthe kennt sie. Eine feine alte Dame.

Sie geht freundlich auf sie zu und fragt nach ihren Wünschen. Die beiden plaudern sogar.

Die Verkäuferin holt schweigend die Leiter und füllt die Regale auf.

Frau Schmidt kauft nur ein paar Kleinigkeiten, die für Käthe kein Problem darstellen.

Der rasselnde Klang der Registrierkasse beendet den Einkauf mit einem freundlichen „Auf Wiedersehen“.  -  

Probe bestanden.

 

Abends nach Geschäftsschluss wischt Käthe den Boden feucht über. Hans ist noch im Büro.

Vom Türrahmen aus kann sie ihn sehen. Hans sitzt über Rechnungen und Listen, die Stirn in Falten.

Er sitzt wie in einer Falle. Er hat für nächste Woche die Dachdecker für die Remise bestellt. Aber er braucht auch

dringend neue Tüten und Papier.

Käthe tritt hinter ihn. Sie legt eine Hand auf seine Schulter. Sie sieht die Zahlen und versteht sofort.

Sie sagt leise: „Ich spreche mit meinem Vater.“

 

Hans hebt den Kopf, will widersprechen — und tut es nicht. Er nickt nur und greift nach ihrer warmen Hand.

 

 

 

 

Der Abend ist dunkel, der Herd glimmt noch. Otto sitzt am Tisch, die Hände um die Tasse gelegt. Anna räumt

die Teller weg, setzt sich dann an den Tisch ihm gegenüber, wie sie es immer tut, wenn er etwas erzählt.

„Der Belziger macht die ganze Mannschaft wild“, sagt Otto. „Der sagt, wir sollen die Arbeit niederlegen,

wenn die Chefin uns nicht mehr Lohn zahlt.“

Anna hört zu. Sie sagt nichts. Ihr Blick bleibt ruhig.

„Ob der Belziger weiß, wovon er redet“, fährt Otto fort. „Die könn’ alle große Töne spucken.

In der anderen Ziegelei wird gerade entlassen. Zu wenig Aufträge.“

Er schiebt die Tasse ein Stück zur Seite. „Anna, wir sollten vielleicht noch sparsamer sein.

Ein paar Vorräte anschaffen. Ich nehme nächste Woche auch nur den billigen Tabak.“

Anna nickt leicht. Nicht aus Zustimmung, sondern weil sie weiß, dass er recht hat.

 

„Und am Wochenende nehmen wir uns wieder Holz vor“, sagt Otto. „Und wenn du magst… auch Beeren und

vielleicht finden wir schon die ersten Pilze.“

Anna legt das Tuch zusammen, das sie in der Hand hält. „Ja“, sagt sie leise.

 

 

 

 

Käthe steht im Flur des kleinen Häuschens am Markt. Sie begrüßt ihre Mama und bringt ihr einen Strauß

Gladiolen - die großen weißen, die sie so mag.

Frau Wachtmeister zeigt auf die Arbeitszimmertür, der Vater ist noch beschäftigt.

Käthe schlüpft leise durch die Tür und sieht, wie er Papiere sortiert. Er schaut auf und schon überzieht ein

Lächeln sein Gesicht. Er bittet sie auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.

Sie zieht die Spitzenärmel ihrer Bluse unter der Jacke hervor und schiebt die kleine Tonfigur, die immer auf

seinem Schreibtisch steht, ein Stückchen weiter: „Papa, ich will dir einen Vorschlag machen."

 

„Ein Vorschlag? Von dir? Da muss ich aufpassen, dass ich nicht über den Tisch gezogen werde.“

Sie müssen beide lachen.

Käthe bietet ihm leise ein kleines Geschäft an: Der Wachtmeister verleiht einen bestimmten Betrag an Geld und

bekommt die Summe nach 10 Tagen mit einem Zinssatz von 0,3 % zurück.

Der Wachtmeister versteht die Situation sofort. Er blickt ihr offen ins Gesicht.

„Du wirst mich doch nicht zu einem reichen Mann machen wollen, Käthe.“ Und beide lachen –

diesmal wie zwei Verschworene.

 

In Käthe löst sich ein warmes Rieseln.

 

 

 

 

Die Familie wohnt noch in der Arbeitersiedlung, dicht an der Ziegelei. Hans geht in die Malcheschule,

vier Klassen in einem Raum. Er ist wach, neugierig, er will lesen können, so schnell wie möglich.

Mit acht bekommt er ein Fahrrad. Vor der Schule fährt er Zeitungen aus, um die Haushaltskasse aufzubessern.

Wenn er ein paar Minuten hat, liest er erst die Überschriften, bevor er sie einwirft.

 

Freitags ist Einkaufstag. Anna gibt ihm den Zettel und das Geld, abgezählt, knapp.

Beim Fleischer reicht es immer gerade, um den Einkauf der letzten Woche zu bezahlen. Vater, Mutter, ein Jugendlicher,

ein Kind – und Ottos Lohn reicht nicht.

Hans legt die Münzen auf den Tresen, ordentlich, wie Anna es ihm gezeigt hat. Der Fleischer nickt,

schreibt etwas in sein Heft, reicht ihm das Päckchen. Hans steckt es in die Tasche seines Fahrrads und fährt heim.

Er tritt kräftig in die Pedale. Er weiß, dass Anna am Fenster steht und auf ihn wartet.

 

 

 

 

Seine Prinzessinnen sind jetzt neun und zehn Jahre alt. Das Kindermädchen gibt es schon lange nicht mehr.

Manchmal wuseln sie im Laden herum, meistens sind die kleinen Wildfänge draußen mit ihren Freundinnen.

Nur die kleine Rosa ist gern bei ihrem Papa. Sie weiß längst, dass sie sein Liebling ist.

Sie hilft beim Eintüten von Zucker — der kommt in 50‑Kilo‑Säcken und muss per Hand in 1‑Kilo‑Tüten

umgefüllt werden.

Oder sie schaut zu, wie der Papa die Butterblöcke in genau 250‑Gramm‑Stücke schneidet und

vorsichtig in Fettpapier wickelt.

Am liebsten aber geht sie abends mit der „Bombe“ zum Bankfenster, um die Tageseinnahmen einzuwerfen.

Da fühlt sie den Stolz der ganzen Familie.

Ihre Schwester ist ganz anders.

Verträumt und so bummelig. Wenn sie einen Auftrag bekommt, bleibt sie ewig weg —

und kommt dann mit einem Arm voller Wiesenblumen zurück, strahlend, weil sie der Mama eine

Freude machen will. Fragt man sie nach dem Auftrag, schaut sie erschrocken auf: Sie hat ihn vergessen.

 

Deshalb schicken die Großen zum Ausliefern lieber gleich beide los.

 

Es geht grad so - mal besser und mal schlechter. In sein Geschäft kommen vor allem die Arbeiter und kleinen

Leute zum Einkaufen, die – die immer auch nach einem Sonderangebot fragen, wenn zum Wochenende

schon wieder Dunkeltuten droht.

Oder die älteren Witwen, die sich immer die Ware nach Hause bringen lassen.

 

Da sieht er doch, dass der Kaufmann Benke, der in der Mitte des Dorfes das tradierte Lebensmittelgeschäft

führt, mit einem Auto durch die Straße fährt. Was für ein Schock.

 

Der kann jetzt nämlich über Land fahren und bei den Bauern direkt billig einkaufen, wo Hans immer den

Zwischenhändler braucht. Das treibt ihm Falten auf die Stirn.

Und zu allem Überdruss kriegt er noch einen Streit zwischen seiner Frau und der Verkäuferin mit.

Was soll das? Kann Käthe nicht einmal die Füße stillhalten – man….

Er buckelt von morgens bis abends, um das Schiff wenigstens auf Kurs zu halten und überall läuft er gegen Wände.

Er hat für heute genug. Er macht Feierabend.

 

Schräg gegenüber im Wirtshaus sitzen sie alle, die schon längst Feierabend haben – der Müllersohn,

der Bürgermeistersohn – seine Kumpels, die haben vielleicht das bessere Ende von der Wurst erwischt.

Der Kneipier guckt auf, nickt und Hans sagt an: „Eine Runde für alle.“

Wenigstens heute soll es einmal leicht sein – mit Lachen, mit Bier trinken und ein bisschen fröhlich sein. „Prost!“

 

 

 

 

Im Haus ist den ganzen Tag eine leise Unruhe. Hans hat im Laden schon einen großzügigen Präsentkorb

bereitgestellt und Käthe den guten Wein.

Jetzt steht sie vor dem Kleiderschrank und fragt sich, was sie anziehen soll.

Traute hat ihr letzte Woche ein neues Kleid gezeigt, und Käthe hat ihres vom letzten Jahr bei der Schneiderin

ändern lassen. Es sitzt wie neu. Was soll’s.

 

Der Abend ist heiter. Warmes Licht, Gläserklingen. Arthur schwärmt vom neuen Motor für die

Mühle — man müsse praktisch sein im Leben.

Hermann erzählt von seiner neuesten Idee: Die Parteizentrale der Nachbarstadt wolle vielleicht ein

Weiterbildungswerk im Dorf einrichten.

Hans steht daneben und denkt: Die reden wie immer. Trotz ihrer Parteiabzeichen.

Hermann stupst ihn an, schmunzelnd: „Hans, Beziehungen sind alles. Man muss sich zeigen.“

 

Aus dem Nebenraum hört man die Frauen lachen, Ricarda hat eine große Bowle auf den Tisch gestellt. Die Männer

feiern es und wechseln zu ihnen hinüber.

Es wird ein unbeschwerter Abend, mit Lachen, Witzen, Tanz — bis weit nach Mitternacht.

 

Auf dem Heimweg ist Hans still. Hat Hermann recht? Muss man sich zeigen, wenn man dazugehören will?

Käthe spürt es. Sie sagt: „Hans, die sind doch so wie immer. Ganz normal. Das sind doch unsere Leute.“

 

Die moralische Schwelle

 

 

 

Nachrichten beeinflussen unser Denken, unser Fühlen – sie bereiten Entscheidungen in uns vor, die wir treffen im Glauben ihrer Rechtmäßigkeit. Aus dem Radio dringt eine Stimme, …

eine Stimme hart und schnarrend … Nur Drängen, nur Tempo, nur ein „Wir“, das andere ausschließt. Ein Ton, … ein Ton … Eine Stimme überschlägt sich, als käme sie aus dem Radio,

aber sie trifft dich wie ein Ruf. Käthe denkt an Bürgermeisters Geburtstag letzte Woche – „die Freunde sind doch wie immer. Ganz normal, das sind doch unsere Leute.“

 

 

 

 

Hänschen ist fünf. Er spielt im Hof, es ist Sonntag. Plötzlich erklingt von der Straße her Musik – Marschmusik, laut,

schmetternd, verlockend. Hans hält inne, die Hände noch im Sand. Dann strahlt er, springt auf, läuft los,

schon halb aus dem Hof hinaus.

 

Otto hat es vom Fenster aus gesehen. Er kommt die Treppe hinunter, schnell, aber ohne Hast.

Er erreicht Hans an der Straße, fasst ihn am Arm und zieht ihn zurück. „Wir laufen da nicht mit“, sagt er. … Mehr nicht.

 

 

 

 

Es ist Herbst. Im Laden stehen die Pfützen von abgetropften Schuhen und Pelerinen. 

Käthe holt Eimer und Wischlappen. Sie summt einen Ohrwurm aus dem Radio.

Da geht die Tür. Beim Anblick des Eintretenden strafft sie sich.

 

Sie begrüßt ihn nicht. Sie fragt ihn nicht nach seinen Wünschen.

 

Sie richtet sich auf. Sie räuspert sich. Und sagt:

 

„Ich möchte nicht, Herr Abraham, dass Sie hier weiter einkaufen. Ich werde sie nicht mehr bedienen.“ – Stille.

 

Der Angesprochene verlässt ohne ein Wort das Geschäft. …

 

Käthe schaut ihm nach. Nur einen Atem lang. Dann senkt sie den Blick.

 

Hans sitzt in seinem Büro. Er hat es gehört. Er sagt nichts

 

Der Regen klopft an die Scheiben.

 

 

 

 

Ernst ist sechzehn. Der Stall ist sein Ort, mehr als die Küche, mehr als das Feld. Hier riecht es nach warmem

Atem, nach Heu, nach dem ruhigen, schweren Leben der Tiere. Die Kühe stehen dicht beieinander, ihr

Schnauben füllt den Raum wie ein langsamer Takt.

Ernst zieht den Melkschemel heran, setzt sich, legt die Stirn kurz an die Flanke der Kuh. Das macht er

immer, bevor er beginnt. Nicht aus Sentimentalität, sondern weil es ihn sammelt. Die Kuh ist warm,

verlässlich, ein Tier, das nichts fordert, außer Futter und Ruhe.

Er melkt gleichmäßig, ohne Hast. Seine Hände wissen, was sie tun. Er redet nicht viel, aber manchmal murmelt er den

Kühen etwas zu, halbe Sätze, die niemand sonst hören soll.

 

Draußen hört man Schritte. Fritz, schwer, bestimmt. Ernst weiß, was das bedeutet. Seit Wochen reden

die Männer im Dorf über Einberufungen. Über Listen. Über Jahrgänge. Über Jungen, die plötzlich Männer sein sollen.

Fritz bleibt in der Tür stehen. Er sagt nichts. Er schaut nur zu, wie Ernst arbeitet. Ein Junge, der schon die

Bewegungen eines Mannes hat, aber nicht die Härte.

 

„Du machst das gut“, sagt Fritz schließlich. Ernst nickt, ohne aufzusehen.

Die Kuh schnaubt leise. Der Eimer füllt sich. Der Morgen ist wie immer. Und doch hängt etwas in der Luft, das nicht

hierhergehört.  

 

 

 

 

Hans und Käthe sind beide im Geschäft. Die Verkäuferin hat sich krankgemeldet.

Hans ist heute besonders gereizt. Der Lieferant hat nur die Hälfte der Bestellung geliefert.

Und dazu noch eine Eintragung ins Heft von beiden Mädels: sie hätten sich beide bei einer Rangelei

auf dem Schulhof beteiligt.

Das wird ja immer schöner. Hans greift durch. Die Mädels sollen jetzt 3 Schulheftseiten schreiben:

Ich darf mich in der Schule nicht prügeln.

 

Die Beiden sitzen vor ihren Heften. Draußen scheint die Sonne verlockend. Rosa will fertig werden.

Sie hat schon eine Seite runter.  Aber Elisabeth ist tottraurig und nichts geht vorwärts.

Da nimmt die Rosa Elisabeths Heft und zeigt ihr, wie es schneller geht – sie schreibt erst „Ich“ auf jede Zeile der Seite.

Dann „darf“, dann „mich“ … so schreiben sich die Wörter schneller und man muss nicht über den Sinn grübeln…

 

Den Rest managt die Rosa. Sie legt dem Papa die Hefte vor und weiß, dass er zufrieden sein wird.

Käthe prüft die Kleiderordnung, streicht den beiden übers Haar und dann geht’s endlich raus.

 

Der Krieg bricht ein

 

 

 

Es gibt Momente, in denen die große Welt plötzlich in dein kleines Leben fällt. Nicht als Gedanke, nicht als Nachricht, sondern als Befehl.

Als Papier, das deinen Namen trägt. Der Abstand zwischen einer politischen Erzählung und einem einzelnen Menschen ist oft nur ein dünnes Blatt.

Ein Amtsbrief auf deinem Tisch.

 

 

 

 

Der Morgen ist kühl. Ein dünner Nebel liegt über dem Hof. Ernst ist im Stall, wie immer. Die Kühe schnauben warm,

der Eimer füllt sich gleichmäßig. Es ist ein Morgen wie viele — und doch nicht.

 

Fritz steht draußen vor der Stalltür. Die Hände tief in den Taschen. Er weiß, was heute kommt, aber er tut so,

als wäre es ein gewöhnlicher Tag. Er schaut auf den Boden, auf die Spuren der Stiefel im Sand.

Marie kommt aus der Küche, das Tuch über die Schultern gelegt. Sie wirkt ruhig, fast streng. Sie sagt nichts

über den Abschied. Sie sagt nur: „Er soll noch was essen.“ Ihre Stimme ist fest, nicht hart.

Stolz und Angst liegen dicht beieinander, man sieht nur die Haltung.

 

Fritz tritt in den Stall. Ernst schaut kurz auf, lächelt ein kleines, unsicheres Lächeln. „Ich mach das noch fertig“,

sagt er. „Ja“, sagt Fritz. „Mach.“

Er lehnt sich an den Türrahmen. Nicht, um etwas zu verhindern. Nur, weil er nicht weiß, wohin

mit seinen Händen. „Die sollen mal die Finger von den Jungen lassen“, murmelt er.

 

Marie steht jetzt in der Tür. Sie schaut die beiden an, erst den Mann, dann den Jungen. „Komm rein“, sagt sie

zu Ernst. „Du musst noch was essen.“

Ernst nickt. Er stellt den Eimer ab. Die Kuh schnaubt leise.

Fritz räuspert sich, als müsste er etwas sagen, findet aber keinen Satz, der passend wäre.

Marie legt Ernst eine Hand auf den Rücken, ganz kurz.

 

Aber alles ist anders. Ernst ist Soldat.

 

 

 

 

Ein Amtsbrief liegt auf Hans’ Schreibtisch. Er war heute Morgen in der Geschäftspost.

Er soll sich am soundsovielten zu einer festgelegten Uhrzeit im Musterungsbüro vorstellen. Das sitzt wie

ein Schlag in die Magengrube.

Er muss sich erst sammeln. Wie soll er das Käthe und den Kindern sagen.

 

Abends entscheiden die Erwachsenen, dass die Kinder draußen bleiben. Käthe hat Hoffnung.

Hans ist schwer herzkrank. Das werden die Ärzte sehen. Und er ist Familienvater. Es wird nur ein formaler

Schritt sein, sagt sie. Der Gang in dieses Musterungsbüro. 

 

Hans weiß im Moment gar nichts. Er wird hier gebraucht. Er kann nicht weg. Abwarten.

Der Tag ist da. Der Krieg läuft schon länger. Die Militärärzte haben die Aufgabe, Lücken zu schließen.

Herzkrank hin oder her — Hans ist tauglich.

 

 

 

 

Es ist wieder so weit. Niemand fragt. Für Otto schon zum zweiten Mal in seinem Leben.

Diesmal werden Vater und Sohn einberufen. Otto und Kurt. Zwei Männer aus demselben Haus.

Der Brief liegt morgens auf dem Tisch, grau, amtlich, ohne jedes Zögern. Anna hält ihn in der Hand, als gehöre

er nicht in dieses Haus.

 

Es ist schrecklich. Niemand kann sagen, ob, wann, wo und wie man sich wiedersehen wird. Aber niemand sagt etwas.

Otto packt seine Sachen. Kurt steht daneben, stiller als sonst. Hans sieht zu, ohne zu verstehen.

Anna faltet die Hemden, legt sie in die Taschen, so ordentlich wie immer. Sie macht keine Szene. Sie macht,

was getan werden muss.

 

Als die beiden gehen, bleibt die Tür einen Moment offen. Dann fällt sie ins Schloss.

 

 

 

 

Die Kinder stürmen die Treppe hoch, noch ganz verschwitzt und stolz auf ein paar Pfennige Trinkgeld.

Sie waren mit dem Wägelchen die Einkäufe ausliefern in der Siedlung bei Mutter Rasch, bei Holdingers und bei

der netten Frau Schmidt.

 

Hans und Käthe sind im elterlichen Schlafzimmer. Hans packt seine Tasche: Unterwäsche, Socken, Hemden,

Waschzeug, Rasierapparat. Er legt noch ein Hemd obenauf. Käthe schließt seine Reisetasche ohne Worte.

 

Plötzlich stehen die Kinder im Raum. Rosa fragt: „Wo fährst du hin, Papa? Kann ich da mit?“

 

Die beiden Großen sehen sich stumm an. Hans Blick schweift aus dem Fenster. Käthe atmet tief ein.

Keiner antwortet.

 

 

 

 

Ein fahles Licht liegt über dem Hof, die Hühner scharren. Marie öffnet das Küchenfenster, stellt den Wasserkessel

auf den Herd, schneidet Brot. Ihre Bewegungen sind ruhig.

Fritz ist draußen. Er geht über den Hof, prüft die Zäune, schaut nach den Pferden. Er macht das jeden Morgen.

Heute nicht anders.

Ernst ist nicht da. Der Stall ist leerer als sonst. Die Kühe stehen still.

Marie hört Fritz’ Schritte vor der Tür. „Die Pferde sind ruhig“, sagt er. „Gut“ sagt Marie.

Der Tag zieht sich. Marie fegt den Flur. Fritz repariert ein lockeres Brett am Schuppen. Die Sonne kommt nicht richtig durch.

 

Am Nachmittag setzt sich Fritz auf die Bank vor dem Haus. Er schaut auf den Weg, der zum Dorf führt. Der Weg ist leer.

Marie bringt ihm eine Tasse Kaffee. Er nimmt sie. „Danke“, sagt er.

Sie bleibt stehen, die Hände an der Schürze. „Ein ruhiger Tag“, sagt sie. „Ja“, sagt Fritz. „Ein ruhiger Tag.“

 

Es ist der letzte, bevor der Brief kommt. Der letzte, bevor Fritz das Pferd sattelt und zu seiner Einheit reitet.

Der letzte, bevor der Hof zwei Männer weniger hat.

 

Heute ist es nur ein stiller Hoftag.

 

 

 

 

Die Stille legt sich wie ein Pelz über das ganze Haus, in alle Zimmer, in alle Winkel. Es erstickt jedes Geräusch. Es liegt

in dem Wissen, das unausgesprochen bleibt, in dem Wissen, dass dieser Kaffee ein letzter ist.

 

Hans sitzt am Tisch. Der Kaffee dampft. Käthe stellt eine Tasse vor ihn. Er sagt: „Danke“. Sie berührt seine Hand,

warm, weich: „Pass auf dich auf“, sagt sie.

Sie spürt dieses leichte Zittern in ihrem Körper, das sich immer wieder meldet, seit sie weiß, dass er zu den Soldaten muss.

 

Aufbruch. Hans muss los. Die Kinder stehen im Flur und verstehen nichts.

Wo muss der Papa hin. Warum muss er weg. Wann kommt er wieder. Fragen, die niemand beantwortet —

und die dadurch noch unheimlicher werden.

Für Rosa ist es am härtesten. Aber der Papa ist weg.

 

Käthe lehnt sich an die Wand im Flur. Sie hofft nicht zu stürzen. - Sie muss die Kinder fertig machen für die Schule.

 

 

 

 

Der Bürgermeister steht im Hof bei Marie. „Sie bekommen zwei Männer zugewiesen.“

Ein Lastwagen hält. Zwei polnische Zwangsarbeiter steigen ab. Sie tragen kleine Bündel.

Der Bürgermeister reicht ihr ein Blatt. „Das müssen Sie beachten.“

Marie nickt. „Gut.“

Die Männer warten. Der Motor des Lastwagens läuft weiter.

 

Die beiden Polen arbeiten seit einigen Tagen auf dem Hof. Am Morgen spannt einer die Pferde an, der andere

holt den Pflug aus dem Schuppen. Sie sprechen wenig. Sie wissen, was zu tun ist.

Marie ist im Stall. Sie melkt, füttert, schiebt das Stroh zusammen. Die Mägde sind im Garten und im Hühnerhof.

Jeder arbeitet für sich, aber alles greift ineinander.

 

Auf dem Feld ziehen die Pferde gleichmäßig. Die Furchen liegen sauber, ohne dass jemand sie begutachtet.

Die Männer arbeiten routiniert, als hätten sie das Feld schon immer bestellt.

Am Abend kommen alle zurück. Die Pferde werden ausgespannt, die Geschirre aufgehängt.

Die Männer gehen zur Pumpe und waschen sich. 

Sie setzen sich zum Essen an den Tisch. Niemand spricht. Man hört nur das Klappern der Löffel.

 

Am ersten Tag war in der Küche der Tisch gedeckt. Brot, Kartoffeln, Suppe. Die Mägde setzten sich. Die beiden Polen

blieben stehen, unsicher. Marie stellte den Topf ab. „Wir arbeiten zusammen“, sagte sie.

„Also essen wir auch zusammen.“ Und so blieb es - es sei denn, ein Fremder betrat den Hof. 

 

 

 

 

Hans ist froh, als der Abschied vorbei und er im Zug sitzt, Richtung Wien. In seinem Kopf rutscht alles durcheinander.

Sein Einsatzbefehl lautet: Fernmeldeeinheit – Bezirk XI – Wien.

Er soll Lageberichte, Befehlsketten, Einsatzplanungen weiterleiten, die Klappenschränke mit ein paar

anderen Soldaten einsatzfähig halten, warten, schnelle Verbindungen ermöglichen.

 

An manchen Tagen ist die Hektik groß. Aber meistens ist es ruhig. Zeit zum Schreiben. Zeit für eine Runde Skat.

Zeit, die Zeit totzuschlagen.

Er meldet sich täglich zum Dienst, mit den üblichen Ritualen. Kein Drill, keine Schikanen, nichts, was man

nicht beherrschen könnte.

Untergebracht ist er nicht in einer Kaserne, sondern zur Untermiete bei zwei alten Damen, die ihn nach

Strich und Faden verwöhnen — mit Mehlspeisen und allem, was der sonst so mäßige Esser gern mag.

 

Abends, wenn er sich leicht fühlt, setzt er sich manchmal an den Flügel in ihrem Wohnzimmer.

Er spielt Beethoven, Haydn. Und wenn es ihn überkommt, laut und fröhlich mitsingend: „Es ist so schön, Soldat zu sein.“

 

 

 

 

Der Postbote steht wieder im Hof. Vorige Woche hat er vom Fritz Post gebracht, und Marie und er hatten

einen netten Plausch. Heute kann er sie nicht anschauen.

 

Sie nimmt zitternd den Brief entgegen und geht ins Haus. Minuten später hört man einen Schrei

durchs Haus schrillen, der alle Räume sprengt und den Anschein annimmt, nicht mehr aufhören zu können.

 

Es ist die Todesnachricht vom Ernst.

 

Der Hof organisiert sich in aller Stille. Die Polen arbeiten auf den Feldern, die Kartoffeln müssen rein

und davor beim Stallvieh. Die beiden Mägde kümmern sich um das Kleinvieh und das Haus.

 

Sie stellen jede Mahlzeit vor Maries verschlossene Tür. Aber sie rührt nichts an.

 

Als sie nach 7 Tagen in der Küche erscheint, ist sie nicht mehr dieselbe Frau. Sie spricht nur das Nötigste und lacht

bis an ihr Lebensende nie mehr.

 

 

 

 

Nachdem Otto und Kurt einberufen waren, muss sich alles neu ordnen. Zum ersten Mal sorgt Anna

allein für sich und Hans.

Sie arbeitet bei der Bahn. Sie verkauft Fahrkarten, zieht Signale, fertigt Züge ab – Soldatenzüge, Kohlenzüge,

Züge mit Zwangsarbeitern und Transporte in Viehwagen, über die niemand spricht.

 

Sie tut ihre Arbeit, wie sie alles macht: ruhig, genau, ohne Fragen.

 

Hans geht zur Schule. Am Nachmittag ist er allein. Zeit für Hausaufgaben. Zeit für andere Dinge.

In der Küche steht der verschlossene Schrank. Anna hat die Zuckertüte dort versteckt, wegen räuberischer Hände.

Es gibt nichts Süßes in den Geschäften, oder man kann es nicht bezahlen. Also muss der Zucker her.

Hans zieht die Schubkästen heraus, klettert hoch, nimmt die Stricknadel und bohrt ein kleines Loch in die Tüte.

Der Zucker rieselt in seinen Mund, langsam, warm, wie ein Geheimnis.

 

Danach stellt er alles zurück, ordentlich, als wäre nichts geschehen.

 

 

 

 

Käthe sitzt im Büro über den Büchern. Die Verkäuferin putzt die Glasvitrine.

Die Geschäfte laufen schlecht. Kaum Umsatz. Die Männer sind eingezogen. Die Frauen arbeiten auf den

Feldern, in der Wäscherei, in den Fabriken. Die Haushalte leben von ihren Gärten, kleinen Vorräten

und kleinen Tauschgeschäften. Geld zirkuliert im Einzelhandel kaum noch.

 

Der letzte Brief von Hans klingt hoffnungsvoll. Er schreibt ihr, sie solle durchhalten.

Wenigstens ist er weit weg von der Front und gesund so weit.

 

Für Käthe ist jeder Tag dieses langsamen Dahinsiechens unerträglich. Als erstes entlässt sie die Verkäuferin.

Die Kasse trägt keine zusätzliche Kraft mehr.

Auf dem Tisch vor ihr liegt ein Vertrag zur Vermietung der Geschäftsräume mit Nebengelass, ab nächsten

Monat an eine Berliner Möbelfabrik gegen eine ordentliche Miete.

 

Käthe schaut noch einmal aus dem großen Ladenfenster und unterschreibt den Vertrag.

 

 

 

 

Otto bewacht mit anderen Soldaten ein Zwangsarbeiterlager. Meist französische Zwangsarbeiter.

Es ist ihnen bei Strafe verboten, im Lager zu kochen. Die Rationen für Zwangsarbeiter sind zum Leben zu wenig

und zum Sterben zu viel.

Deshalb verschwinden auf dem Weg von der Fabrik ins Lager Kohlköpfe, Kartoffeln oder Rüben von den Feldern,

an denen sie unter Bewachung vorbeikommen.

 

Otto weiß das alles und richtet es so ein, dass sein Kommando wegschaut. Alle halten dicht.

 

Die Zerreißung

 

 

 

 

Wenn die Welt um dich herum plötzlich mit einem Knall explodiert. Es dir die Stimme zerreißt und du nicht weißt wohin. – Mit dir. Mit deinen Kindern.

Mit deinen Verwandten. Mit deinen Freunden. Kein Ort nirgends. Kein sicherer Ort. Kein sicheres Dach. Kein sicheres Bett.

Nicht sicher, ob du Essen findest, bevor du dich niederlegst – wohin auch immer.

 

 

 

 

Käthe hat jetzt zum ersten Mal viel Zeit. Die Kinder sind im Nachbarort in der höheren Mädchenschule.

Die Zwei fahren jeden Tag pünktlich mit dem Zug.

Gestern traf sie Ricarda - die Mühle ist geschlossen, schon lange. – Sie werden sich heute Vormittag

bei Traute treffen - auf deren großen schönen Balkon. - Käthe wird eine Flasche Apfelwein mitnehmen.

 

Die Freundinnen sitzen um den runden Tisch zur Mittagszeit. Der Apfelwein leuchtet golden in den Gläsern.

"Hast du schon wieder große Wäsche", lacht Ricarda.

Traute fährt mit dem Zeigefinger ihrer rechten Hand über den Rand des Glases, freundlich lächelnd: "Wer weiß,

wie lange das Wetter noch hält".

 

Der Wind bewegt die großen Betttücher. Von unten klingt Kinderlachen. Rudi und Evchen spielen fangen.

 Käthe sagt leise: "Wie groß die Kinder geworden sind." –

In der Stille hat jede den Wind im Ohr. Auf der Straße hupt ein Auto, ein kurzer scharfer Laut.

 

Ricarda zuckt merklich zusammen. Sie lacht - ein bisschen zu laut - "Was für ein schöner Tag heute -

so jung kommen wir nie mehr zusammen, Mädels." –

 

Am nächsten Morgen sind die Freundinnen weg mit Kind und Kegel - Richtung Westen.

 

 

 

 

 

Jetzt heißt es plötzlich, die Russen ständen schon an der Oder. Die Frauen des Viertels packen, was sie

tragen können, und machen sich auf den Weg. Anna geht mit Hans.

Sie landen in der Nähe einer Festung. Man hofft auf Schutz durch die Wehrmacht. Die älteren Jungen werden

sofort abgesondert als letztes Aufgebot. Dafür gibt es Essen.

 

Eines Morgens, noch vor Tageslicht, ist Fahrzeuglärm zu hören. Als die Jungen eintreffen, sind die Ausbilder

verschwunden. Zurückgelassen ohne Essen, ohne Wasser, ohne warme Sachen.

 

Der Lärm von der Oder her wird stärker. Wohin nun. Es ist zu spät. Die Russen sind durchgebrochen.

Der erste Trupp sortiert die Jungen erneut. Die Älteren sollen auf Lastwagen steigen. Wohin – niemand weiß es.

Hans ist fünfzehn. Er trägt einen alten Militärmantel mit abgerissenen Schulterstücken, viel zu groß.

Er knickt die Beine ein und sagt, er sei zwölf. Er darf bleiben.

Und endlich gibt es Brot. Endlich etwas zu essen. Die Soldaten sind freundlich zu ihnen.

Sie sagen nur: „Dawai.“

 

Die Jungen irren umher. Ihre Mütter sind nicht mehr in den Baracken. Dort haben andere Soldaten gewütet – so,

wie es Frauen in Kriegen oft trifft: mit Erniedrigung und Vergewaltigung als Waffe, aus Rache, aus Machtgefühl.

 

Anna sprach nie darüber.

 

Aber später, wenn von den Russen die Rede war, wurde sie unruhig. Und ließ kein gutes Haar an ihnen.

 

 

 

 

Die Front rückt von Osten immer näher. Nachts kann man Berlin am Horizont brennen sehen.

Eines Vormittags fährt ein Motorrad mit Beiwagen in den Hof. Russische Soldaten durchsuchen Remise und Stall.

Jetzt sind sie im Haus.

 

Die beiden Mädchen liegen stocksteif unter dem Bett. Käthe stellt sich davor.

 

Ein älterer Sergent mit Hund betritt das Zimmer und bittet sie in gebrochenem Deutsch um Wasser.

Käthe zeigt ihm vom Fenster aus die Pumpe im Hof. Sie hofft, dass der Hund die Kinder nicht entdeckt und dieser

Mensch aus ihrem Zimmer verschwinden möge.

 

Aber es kommt anders: der Sergent nimmt sie mit auf die Kommandantur. Sie wissen schon, dass Hans

und sie PGs sind.

 

Nach stundenlangem Verhör darf sie gehen. Die Kinder sind ihr Schutzschirm – wegen ihrer zwei Kinder darf sie gehen.

 

Die Rückkehr

 

 

 

Die Hoffnung ist ein starker Antrieb. Die Hoffnung, dort wieder zu beginnen, wo man aufgehört hat. Die Hoffnung, dass die Zeit nichts verändert hat.

Dass die Orte, die Freunde, die Träume, die Zuversichten alle noch am selben Platz warten. - Die Hoffnung stirbt zuletzt.

 

 

 

 

 

Der Krieg ist vorbei. Hans freut sich unbändig darauf, seine Familie wiederzusehen. Die letzten Briefe

von Käthe klangen sorgenvoll.

Er muss in Richtung Berlin – mal fahren Züge, überfüllt bis auf die Plattformen, mal bleiben sie stehen, mal

geht gar nichts - durch apokalyptische Städte.

 

Er ist da. Er atmet tief. Er schaut sich um.

Das Dorf ist unversehrt. Keine Ruinen. Keine Bomben, keine sichtbare Zerstörung.

Er kommt zurück mit der Sehnsucht nach einem Neuanfang. Mit der Freude, dass sie es schaffen werden.

 

Käthe wartet schon seit Stunden ungeduldig auf Hans‘ Rückkehr. Sie ist beim Packen.

Sie müssen weg – heute noch.

Käthe ist im Schlafzimmer. Die Schränke aufgerissen. Wäsche, Handtücher und Kleidungsstücke kommen in die

Bettbezüge. Sie ist schon beim Zweiten. Das Bügeleisen muss in die Hebammentasche.

Die Kinder wissen schon Bescheid. Sie packen ihre Sachen.

 

Endlich geht die Tür. Sie eilt Hans entgegen. Eine flüchtige Umarmung. Sie hält sich an seinem Mantel fest:

„Hans, wir müssen weg. Sofort. Die Russen werden dich holen.“ Hans macht Einwände. „Ich bin doch gerade erst

angekommen.“ Aber sie lässt es nicht gelten: „Wir müssen weg, Hans – heute.“

 

Bei Nacht und Nebel, mit Sack und Pack verlassen sie den Ort. Weite Wege durch den Wald nehmend, bis zu

einer Bahnstation, wo niemand sie mehr kennt.

Die Familie trennt sich, um zu überleben. Hans fährt weiter ins Landesinnere und wird einer Witwe

den Landwirtschaftsbetrieb führen.

Rosa wird bei Bauern gegen Essen arbeiten. Käthe und Elisabeth bleiben in der Stadt im Norden.

 

 

 

 

Fritz erkennt seine Marie nicht mehr. –

 

Er kümmert sich nach dem Krieg um alles, um den Hof, um den Alltag außerhalb des Hofs. –

Er wird sie nie verlassen, seine Wärme wird er immer um sie stellen. -

Aber er kann sie nicht mehr auftauen. - Er ist nur noch wie ein Gast im eigenen Haus. –

 

Vielleicht fühlt er sogar den leisen Vorwurf: warum er und nicht du. –

 

Aber Fritz lebt, die Zeit heilt alle Wunden eben nicht. –

Er will wieder lachen, Mensch sein.

Marie lässt sich nicht mal bewegen, Familienfeiern zu besuchen. –

 

Sie leidet körperlich unter fröhlichen Menschen. –

 

Also besucht er andere, fremde Frauen. – Aber er wird sich von Marie nie trennen ....

 

 

 

 

Käthe findet bei der französischen Besatzungsmacht Arbeit als Reinigungskraft.

Sie ist jetzt Ende Dreißig. Es ist die einzige sichere Arbeit, die es gibt. Flure in der Kommandantur wischen.

Die Büros säubern. Die Toiletten putzen.

Mit anderen Frauen teilt sie sich in die Arbeit nach Anweisung der Offiziere.

Manchmal steht auch Küchendienst auf der Tagesordnung. Das sind besondere Tage. Sie kann dann ein

Töpfchen Essen für Elisabeth mitnehmen.

 

Elisabeth geht zur Schule. Sie ist ein stilles Kind, das zu früh erwachsen wird.

Sie sieht ihre Mutter arbeiten. Sie versteht mehr, als Käthe glaubt. Die beiden bewohnen zusammen

ein Zimmer bei einer alten Dame zur Untermiete.

 

Käthe wird respektiert in der neuen Umgebung. Sie arbeitet sauber und gründlich. Sie ist zuverlässig

und umsichtig. Nie fordernd.

Eines Tages zu Dienstschluss legt ihr Pascal, ein französischer junger Soldat, mit einem Schmunzeln

sichtbar 2 Zigaretten aufs Fensterbrett.

Käthe kennt ihn schon länger. Er hat ihr erzählt, dass er eine Schwester hat, die so alt ist wie Elisabeth.

Er hat ein so fröhliches Jungenlachen, das manchmal ganz unbekümmert aufflackert und Käthe mitreißt.

 

Auch sie hat ihr offenes, warmes Lächeln wiedergefunden in der Sicherheit und Klarheit dieser nordischen Stadt.

Zwei Zigaretten sind: ein Stück Brot. Ein paar Kartoffeln. Ein Moment von Erleichterung.

Käthe nimmt sie dankend an und sagt lächelnd: „Grüß deine Schwester das nächste Mal.“

 

Am Wochenende werden Hans und Rosa zu Besuch sein. Hans hat in seinem letzten Brief angedeutet, dass er

die Zeit für gekommen hält, nach Hause zurückzukehren zu Haus und Geschäft.

 

In Käthe stockt das Blut, wenn sie nur an dieses Haus und das Dorf denkt.

An die Wunde der Schwiegereltern, an die Wunde der Russen im Hof.

Den schnüffelnden Hund im Zimmer und die Mädels unterm Bett.

Die Verhöre. Die Denunziation. Die Unsicherheit. Die Angst, die sich in ihren Körper geschrieben hat.

 

Sie hat hier einen Alltag ohne Angst gefunden, ohne politische Bedrohung. Ein kleines ehrliches Leben.

Sie wird respektiert und nicht verfolgt.

Sie überlegt, wie sie Hans vielleicht hier zu einem Neuanfang überreden kann.

 

Als sie am Sonntag sehr leise das Gespräch darauf bringt, wird Hans‘ Ton schneidend.  

 

Er wird keinen Millimeter von seinem Plan abweichen.

Es ist sein Elternhaus. Seine Familie ist, seit mehreren Generationen dort ansässig, und er wird allen

zeigen, dass er das Geschäft wieder aufbauen kann.

 

Das Ehepaar einigt sich darauf, zunächst getrennte Wege einzuschlagen:

 

Käthe und Elisabeth bleiben bis zum Schulabschluss in der Stadt und Hans und Rosa treten die Heimfahrt an.

 

Die moralische Rückkehr

 

 

 

Immer ist die Rückkehr nach politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen eine schwere Last. Manchmal erkennst du gar nichts mehr von dem,

was du einmal zu kennen meintest. Die ehemaligen Nachbarn sind plötzlich fremd. Die Orte haben inzwischen eine andere Färbung angenommen,

dass du dich fühlst wie ein Eindringling. Ein ungebetener Gast. Ein Fremder.

 

 

 

 

 Hans hofft, dass sich inzwischen die aufgeheizte Stimmung gelegt hat, schließlich hat er nichts verbrochen.

Er und die älteste Tochter fahren im frühen Frühjahr als Vorhut der Familie. Der Zug rollt ein. Die Bäume in der

Allee recken ihre hocherhobenen starken Äste gen Himmel.

Hans und Rosa sind die Einzigen, die aussteigen. Alles liegt in friedlichem Mittagsschlaf.

 

Und Hans entschließt sich für den Weg von unten, über die Wiesen, vorbei an den Äckern hin zu dem großen

Garten, der den Alten gehörte, die längst nicht mehr am Leben sind.

Oben am Gartentor entdeckt er viele Menschen auf seinem Hof. Was machen die hier?

 

Er schreitet über den Hof und fragende Blicke verfolgen ihn. Wer ist das? Was wollen die hier?

Er kennt hier niemanden. Er stellt sich vor als der Eigentürmer des Hauses.

Er erfährt, dass alle Räume mit Flüchtlingen besetzt sind und dass der Laden als Verteilzentrum fungiert.

Später wird er in KONSUM umbenannt sein.

 

Also - wohin jetzt?

 

Es findet sich in seinem eigenen Haus im Keller noch ein Verschlag mit Kanonenofen und einem Bett -

für zwei Menschen.

Hans brät auf dem Kanonenofen Kartoffeln für sich und die Tochter – der Tag war lang und verstörend.

Sein Herz sticht heute mehr als sonst.

 

Er wird Rosa in den Nachbarort zu bekannten Geschäftsleuten in die Lehre schicken.  

 

 

 

 

Als Anna und Hans zu unterschiedlichen Zeiten zu Hause ankommen, stehen die Häuser der Arbeitersiedlung

unversehrt. Man lebt. Was will man mehr.

Anna ist noch stiller als zuvor. Sie geht durch die Zimmer, als müsse sie prüfen, ob alles noch an seinem Platz ist.

Sie spricht wenig. Sie tut, was getan werden muss.

 

Hans ist fünfzehn. Unterwegs hat er Tote gesehen, die niemand begrub. Menschen, die hier niemand vermisst.

Bilder, die sich festsetzen. Bilder, die er sein Leben lang nicht loswird.

Sie sitzen am Abend nebeneinander, jeder mit seiner eigenen Stille.

 

Sie ziehen in die kleine Stadt. Hans beendet die Schule, er soll etwas lernen.

Kurt hat eine Freundin und zieht aus. Er wird Polizist in der neuen Ordnung, von der viele noch denken,

sie wäre das Richtige.

Otto tritt in den Staatsdienst ein, als Schließer beim Stadtgefängnis. Zeit der Entnazifizierung. Er ist nie

Parteigenosse gewesen, hat gute Zeugnisse der französischen Kriegsgefangenen, ist kirchlich eingestellt.

Ein Karrieresprung. Sie beziehen eine kleine Wohnung: zwei Zimmer, Wohnküche, Innentoilette,

dazu Keller und Bodenverschlag. Das ist Luxus.

Die Häuser haben eine andere Kontur als in der Arbeitersiedlung: vier- bis fünfstöckig, zum Berg

hin in kleine Einfamilienhäuser übergehend.

 

Hans lernt Satz und Druck. Otto schiebt Dienst. Anna tut, was sie immer macht, und pflegt dazu ein winziges

Gärtchen hinter dem Haus. Zum Wochenende, wenn die Lebensmittelmarken reichen, trägt sie einen

Kuchen zum Bäcker, wie die anderen Frauen auch. Der schiebt ihn in seinen Ofen.

Am Nachmittag kann man ihn abholen.

 

 

 

 

Beim Abendbrot fragt Elisabeth, ohne aufzusehen: „Hast du was von Papa und Rosa gehört?“

In drei Wochen hat sie ihr Zeugnis. Dann ist die Schule zu Ende.

Käthe legt das Messer hin. „Wir fahren zurück“, sagt sie. Nicht laut. Nur klar.

Elisabeth atmet aus, als hätte sie lange die Luft angehalten. Sie nickt. Es ist kein Erstaunen in ihrem Gesicht.

Nur Erleichterung.

 

Hans schreibt, dass das Haus noch voller Flüchtlinge ist. Man könne niemanden wegschicken.

 Für Käthe und Elisabeth sei nur der Keller frei. Käthe liest den Satz zweimal. Der Keller ist feucht, eng,

ohne Licht. Für Elisabeth unmöglich.

Am Telefon sagt Hans dann: „Ich habe etwas gefunden. Eine Wohnung im Ort. Verlassen. Alles drin.“ Er klingt

erschöpft, aber entschlossen.

Käthe sagt mit trockener Kehle: „Wir kommen am Mittwoch um halb elf:“

 

 

 

 

Elisabeth und Käthe steigen aus dem Zug. Hans steht da, ein bisschen steif, ein bisschen zu korrekt.

Eine kurze Begrüßung.

Dann geht er einen halben Schritt voraus. Elisabeth hält Käthes Hand fest. Es ist heller Tag, zu hell für

diesen Weg. Die ersten Häuser.

Ein Gruß, der zu glatt ist. Ein Blick, der zu lange bleibt. Zwei, die wegschauen.

Käthe spürt ihren eigenen Satz in sich: „Ich möchte nicht, dass sie hier weiter einkaufen. Ich werde sie nicht

mehr bedienen.“ Er geht mit ihr. Schritt für Schritt. Nicht als Scham. Als Last, die ihr gehört.

Wer hat sie denunziert? Wer hat geschwiegen? Wer erinnert sich an ihre Worte?

 

Die Wohnung ist fremd, als sie ankommt. Möbel, Wäsche, Geschirr — alles von anderen Händen. Ein Raum wie

ein geliehener Mantel. Es riecht nach Staub und altem Holz. Käthe stellt Elisabeths Tasche ab. Der Gang durchs

Dorf sitzt noch in ihren Knochen.

Sie öffnet einen Schrank. Teller, die nicht ihre sind. Sie nimmt einen heraus. Er ist schwerer, als sie erwartet. Ein

fremdes Muster. Eine fremde Hand, die ihn einmal gekauft hat.

Sie spürt, wie der Teller ihr die Frage zurückgibt: Was gehört dir noch? Was ist verloren? Was hast du getan?

Was wurde dir getan?

Sie stellt den Teller auf den Tisch. Dann den nächsten. Jeder ein Schritt weiter in diese neue, geliehene Welt.

 

Der Gang durchs Dorf endet nicht an der Tür. Er endet erst hier — in der Stille zwischen fremden Dingen, wo

Schuld und Nichtschuld nebeneinander stehen wie zwei Teller, die man nicht unterscheiden kann.

 

 

 

 

Käthe kommt zurück von Mariechen, der kleinen schweigsamen Bauersfrau. Sie selbst hat dieses Leid

nicht tragen müssen – sie hat Töchter.

Ein paar Eier, ein paar Äpfel in der Tasche. Der Weg ist kurz, aber jeder Schritt fühlt sich an wie ein Test.

Sie hält den Blick gesenkt, um niemandem zuerst begegnen zu müssen. An der Ecke steht plötzlich Frau Möller.

Früher hat sie für Käthe und die Kinder genäht.

Jetzt bleibt sie stehen, unsicher, die Hände am Henkel. Käthe spürt, wie ihr der Atem stockt. Sie weiß nicht, ob

sie grüßen soll. Ob sie darf. Ob sie will. Frau Möller sieht die Unsicherheit, zögert einen Moment — und kommt

dann lachend auf sie zu. „Schön, dass Sie wieder da sind. Die Zeiten sind schwer, aber was will man machen.“

Der Satz ist einfach. Kein Urteil. Kein Nachfragen. Kein Schatten. Nur ein Platz im Alltag, der sich wieder öffnet.

Käthe nickt.

 

Sie spürt, wie etwas in ihr nachgibt, ganz leise. Ein erster Faden zurück ins Dorf.

 

 

 

 

Der Alltag beginnt sich wieder zu füllen, nicht mit Zuversicht, sondern mit Enge. Bevor Entscheidungen fallen können,

drängt sich erst das Leben dazwischen. Rosa ist Mama geworden.

Sie lebt mit ihrem Mann und dem kleinen Mädchen in einem abgeteilten Zimmer bei Käthe und Hans. 

Die Wohnung ist eng, die Wände dünn. Nachts schreit die Lütte die ganze Wirtschaft zusammen,

und ihr Vater muss morgens um sechs mit dem Fahrrad zur Arbeit. Käthe hört ihn die Treppe hinuntergehen,

jeden Tag zur gleichen Zeit.

Tagsüber ist es unruhig in der Wohnung. Zwei Frauen, zwei Haushalte, zwei Kinder, ein Flur. Rosa kocht, Käthe räumt weg.

Manchmal lachen sie, manchmal reden sie kaum.

Es ist kein Streit, nur Enge. Ein Provisorium, das trägt, weil es tragen muss.

 

Im Sommer bekommt Rosas Mann eine Werkswohnung. Klein, aber für die kleine Familie genug. Sie packen ihre

Sachen, das Kinderbett, die wenigen Dinge, die sie haben.

Käthe hilft, schweigend, konzentriert.

 

Als die Tür hinter ihnen zufällt, bleibt die Wohnung plötzlich groß und leer zurück.

 

Der leere Raum

 

 

 

Wie viele Nächte hast du ihn dir ausgemalt. Wie du wieder anfangen würdest, wenn du nur erst da wärest. Wie man weitergeht, weil man nichts anderes kennt.

Weil die Hoffnung bleibt, auch wenn sie dünn ist. Und manchmal ist die Würde das Letzte, was man noch  halten kann.

 

 

 

 

Das Glück währt nur kurz. Mitte der fünfziger Jahre gibt es ein Vorkommnis. Es geht um eine Geldbörse.

In der Familie wird nie zu klären sein, ob Kurt sie wirklich genommen hat oder ob er jemanden schützt.

Er entschließt sich jedenfalls über Nacht, mit seiner Freundin in den Westen zu gehen.

Die Grenzen sind offen. Am Morgen ist er fort.

 

Das hat Folgen. Otto wird aufgefordert, sich von seinem ältesten Sohn loszusagen, was er nicht kann.

Er darf danach nicht mehr im Staatsdienst arbeiten. Mit bald sechzig geht er auf die Moorwiesen, Moor stechen

für das Moorbad. (Es war körperlich harte Arbeit.)

Die Anna ist wie erstarrt. Sie wartet auf Post. Wenn sie ankommt, ist sie meistens schon geöffnet.

Erst Ende der sechziger Jahre, als Rentner, dürfen sie ihren Sohn wieder sehen in einer großen Stadt im Westen.

Ein spätes Wiedersehen.

 

Anna und Otto leben ihr kleines, stilles Leben weiter. Ohne Klage, ohne große Worte. Bis ans Ende der Zeit.

 

 

 

 

Der Sommer ist warm, als Hans und Käthe ins Haus ziehen.

Das Haus steht offen, als sie ankommen. Der Schlüssel dreht sich leicht im Schloss. Drinnen riecht es nach

Staub, nach Holz, nach etwas, das lange nicht berührt wurde. Die Räume sind leer, wie ausgeatmet.

Alles weg — Möbel, Wäsche, Geschirr, selbst die Einweckgläser aus dem Keller.

 

Käthe geht durch die Zimmer. Der Boden knarrt unter ihren Schritten. Sie sieht die Stellen, an denen früher die

Schränke standen, die Schatten der Bilder an den Wänden. Aber es ist kein Schmerz. Eher ein stilles,

fast beruhigendes Gefühl: Nichts ist da, was sie festhält. Nichts, was sie anklagt.

Ein leerer Raum ist leichter zu betreten als einer, der noch spricht.

 

Hans stellt die Tasche ab. Er sagt nichts. Er sieht sich um, als suche er etwas, das er nicht findet.

Vielleicht sich selbst. Vielleicht die Zeit, die verschwunden ist.

 

Käthe öffnet ein Fenster. Warme Luft strömt herein. Für einen Moment ist es einfach ein Haus. Ein Anfang.

Ein Raum, der gefüllt werden kann.

 

Der Frost kommt später. Mit den Tagen, die sich gleichen. Mit Hans’ Kampf um den Laden, der jeden Abend

schwerer auf seinen Schultern liegt. Mit seinem Rückzug in Kopfweh, Herzweh, Schweigen.

Mit Käthes Ankunft im immerwährenden Alltag, der keine Pausen kennt.

 

Aber jetzt, in diesem ersten Moment, ist das Haus nur leer. Und das ist fast ein Trost.

 

 

 

 

Fritz ist über sechzig, der Hof groß, die Arbeit schwer.

Eine Nachfolge gibt es nicht. Die Felder liegen weit auseinander, die Maschinen sind alt.

Im Dorf wird seit Wochen geredet: Zusammenlegen, gemeinsam wirtschaften, feste Arbeitszeiten wie in der Industrie.

Fritz hört zu, sagt wenig. Eines Morgens steht er früher auf als sonst. Er geht über den Hof, bleibt kurz vor dem

Stall stehen, als müsste er sich vergewissern, dass alles noch da ist.

Dann geht er ins Dorf und setzt seinen Namen unter das Papier.

 

Als er zurückkommt, ist es still. Marie sitzt in der Küche, die Hände im Schoß. Sie hebt den Kopf, aber sagt nichts.

Für sie ändert sich nichts. Hühner, Enten, Gänse, Kaninchen — so viel, wie sie will und schafft. Das Haus bleibt

ihr Reich, der Hof wird nur stiller.

Als die LPG gegründet wird, holen die Männer die Kühe ab. Sie treiben sieben Stück mit ihren Kälbern vom Hof.

Marie steht am Fenster. Sie sagt nichts.

 

Nur die alte Liese bleibt. Eine ruhige, mager gewordene Kuh, die schon da war, als Ernst noch lebte.

Niemand fragte nach ihr.

Der Stall ist danach fast leer. Abends melkt Marie die Liese wie früher, langsam, ohne Eile.

Die Kuh bewegt sich kaum. Es ist still.

Fritz kommt von den Feldern zurück. Er bleibt einen Moment in der Tür stehen.  Marie und Liese im Halbdunkel.

Er sagt nichts.

Für Fritz wird es leichter. Die Verantwortung verschiebt sich. Die Felder gehören jetzt allen, die Maschinen auch.

Er arbeitet acht Stunden, kommt heim, ohne dass noch etwas auf ihn wartet.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlt er sich leichter.

Am Abend sitzt er auf der Bank vor dem Haus. Der Hof ist leer, aber nicht verloren. Marie schließt die Tür

hinter sich, geht an ihm vorbei in den Garten.

 

Sie bleibt, wie sie ist. Er auch.

 

Der Hof ist stiller geworden. Für beide auf unterschiedliche Weise.