Die Hölle beginnt nicht mit Feuer.
Sie beginnt mit einem Vater der geht.
Döblin ist zehn, als die Welt aufreißt. Nicht aus einer Berliner Wohnung fällt er, sondern aus der Textilfabrik des Vaters in Stettin – Fabrik, Haus, Ordnung, Status. Ein ganzes System, das über Nacht entschwindet. Der Vater ist nicht tot. Er ist durchgebrannt. Mit einer Schneidermamsell. Und er lässt fünf Menschen zurück, die plötzlich nichts mehr haben außer Scham und Gepäck.
Die Mutter schleppt vier Kinder nach Berlin. Erst Unterkunft beim Bruder – Möbelfabrikant, großzügig, aber nicht blind. Ein Dach, ja. Aber kein Zuhause. Ein Kind spürt das. Ein Kind weiß, wenn es nur geduldet ist.
Döblin reagiert nicht mit Trotz. Er reagiert mit Arbeit. Er arbeitet sich durch die Jahre wie jemand, der begriffen hat, dass niemand kommt, um ihn zu retten. Gymnasium. Erste Texte. Dann Medizin. Verstehen, wie Menschen stürzen, wenn sie keinen Halt mehr haben. Und was dann noch da ist.
1905: Approbation. Promotion in der Freiburger Irrenklinik. Dort sieht er, wie dünn die Membran ist, die Menschen zusammenhält. Wie schnell sie reißt.
Berlin. Frankfurter Allee. Praxis im Kiez. Innere Medizin, Geburtshilfe, Neurologie, Psychiatrie – alles in einem Raum, alles in einem Tag. Er sieht die Biberkopfs, die Idas, die Minnas. Er sieht, wie Alkohol ein Gesicht frisst. Wie Armut die Wirbelsäule krümmt. Wie Hoffnungslosigkeit riecht.
Er wollte wissen, wie die Seele aussieht, wenn sie keinen Ort mehr hat. „Berlin Alexanderplatz“ ist kein Roman. Es ist ein Abdruck.
Dann 1933. Ein Jahr, das wie ein Messer durch sein Leben fährt. Bücher verbrannt. Zulassung entzogen. Jude. Ein einziges Wort, das ein Berufsleben auslöscht.
Flucht: Zürich. Paris. Immer mit dem Gefühl, dass der Boden dünner wird. Als ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt wird, verliert er nicht nur das Recht zu arbeiten. Er verliert die Berechtigung, überhaupt zu existieren. Die Familie rutscht in finanzielle Nöte. Und er schreibt trotzdem. Wie jemand, der weiß, dass Arbeit das Einzige ist, was ihm niemand nehmen kann. „Babylonische Wanderung“ entsteht in dieser Zeit. Ein Buch, das lacht, obwohl alles brennt.
1936: französische Staatsbürgerschaft. Die Söhne melden sich freiwillig. 1939: Flugblätter gegen Deutschland. Dann der Einmarsch. Wieder Flucht. Wieder Listen. Wieder Angst.
Flüchtlingsunterkünfte im Süden: ein Bett, ein Stuhl, ein Koffer. Ein Vorhang als Wand. Keine Privatsphäre, kein Schutz. Die Einheimischen sehen sie als Störung. Als Last. Als etwas, das man erträgt, aber nicht ansieht.
1940: Ausreise in die USA. Hollywood nimmt ihn auf, aber nicht an. Ein Jahr Scriptschreiben. Dann Arbeitslosigkeit. Unterstützung durch Fonds, durch jüdische Organisationen, durch Feuchtwanger. Ein Leben im Wartestand.
Und Döblin? Er schreibt. Wie ein Besessener. Wie jemand, der weiß, dass Arbeit der einzige Ort ist, an dem er nicht vertrieben werden kann. In drei Jahren vier Bände „Novemberrevolution“. Ein Werk, das man heute kaum noch begreift – nicht nur wegen des Umfangs, sondern wegen der Bedingungen, unter denen es entstand. Material schwer zugänglich. Bibliotheken weit weg. Dokumente verstreut. Und trotzdem zwingt er es aus der Geschichte heraus.
1945 kehrt er zurück nach Deutschland. Fast siebzig. Kulturoffizier der französischen Armee. Er kommt nicht als Sieger. Er kommt als jemand, der alles verloren hat: Land. Publikum. Sohn. Verwandte, die in Auschwitz ermordet wurden – und er erfährt es erst jetzt.
Er stand wieder in Deutschland. - Und das ist die bittere Ironie: Der Osten hörte ihn, der Westen nicht — er passte in keinen von beiden. Deutschland tat, als hätte es ihn nie gegeben.
Er wird in Frankreich beerdigt. Neben dem Sohn, der sich erschoss, um den Deutschen nicht in die Hände zu fallen. Drei Monate später legt man seine Frau dazu.