Die Welt ist nicht verlässlich
Montag früh, halb sechs. Draußen ist es noch dunkel. In der Küche ist schon Bewegung.
Der kleine Karl trinkt seinen Muckefuck und isst ein Stüllchen mit Marmelade. Erstes Frühstück.
Seine Mutter legt alles bereit, was sie mitnehmen müssen: den selbstgenähten Turnbeutel, die Brotdose, das kleine
Handtuch für Karlchen. Für sich eine große Tasche.
Sie müssen gleich los. Karlchen ist meistens der Erste im Kindergarten. Die anderen Kinder kommen erst zum späten Frühstück.
Aber die Frau Else, die ihn morgens empfängt, die ist nett. Die kann er gut leiden. Die weiß so schöne Rätsel.
Karlchens Mutter arbeitet als Laborantin in einer kleinen Chemiebude. Karl ist mächtig stolz auf sie.
Abends, wenn er schon im Bett liegt, sitzt sie noch lange über den Büchern. Sie will das Abitur nachholen und später
vielleicht Chemie studieren.
Wenn Karl ihr zusieht, wie sie Buchstaben und Zeichen auf das Papier setzt, drückt sie ihn manchmal, gibt ihm einen
dicken Kuss auf die Stirn und sagt: „Mach was aus dir, mein Junge.“
Dann hat Karl das Gefühl, dass er alles schaffen kann. Alles, was er nur will.
„Während Karl seinen Muckefuck trinkt, fällt anderswo ein Leben in sich zusammen.“
Als die Russen Gustav holen, ist es früh am Morgen. Hedwig steht schon in der Küche, Schürze umgebunden, die Hände im Teig.
Sie hört die Schritte im Flur. Das Klopfen, das keine Frage ist.
Gustav wischt sich die Hände an der Hose ab, zieht die Jacke an, ohne sie anzusehen. Der Offizier sagt nur: „Die Eiche auf
dem Schulhof ist ein Zeichen.“ Ein Zeichen wofür, sagt er nicht.
Das reicht für den Schuldirektor.
Die Tür fällt zu. Hedwig bleibt stehen, die Hand auf der Tischkante. Der Raum ist still, als müsste etwas nachkommen,
das nicht kommt. Dann stellt sie die Kanne vom Herd. --
Sie ruft die Kinder, sagt: „Ihr kommt zu spät.“ Mehr nicht.
In den Tagen danach wird Hedwig schmaler. Nicht im Körper — im Blick. Sie sieht nur noch, was getan werden muss:
Holz holen. Wasser tragen. Kinder versorgen. Arbeit suchen. Überleben. Ein Tag wie der nächste. Ohne Richtung.
Nichts ändert sich.
Sie trifft die Entscheidung, die niemand für sie trifft: Raus aus der Stadt. Raus aus der Sichtbarkeit.
Raus aus der Zone, in der man Fragen stellt.
Auf dem Land gibt es Arbeit bei der Post. Ordnung. Regeln. Ein Gehalt, das kommt, wenn man tut, was verlangt wird. Das ist genug.
Die Kinder — Evchen, Arthur, Horst — lernen schnell, dass Hedwig keine Zeit für Erklärungen hat.
Wenn sie Unsinn machen, schickt sie sie in den Garten, Brennnesseln holen. „Hosen runter“, sagt sie dann.
Nicht böse. Nicht wütend. Nur konsequent. Eine Erziehung, die nicht aus dem Herzen kommt, sondern aus der Not.
Hedwig ist nicht hart, weil sie will. Sie ist hart, weil die Zeit es verlangt. Und nach Gustav verlangt sie es doppelt.
Sie spricht nie über ihn. Nicht aus Kälte. Aus Selbstschutz.
Wer über einen Toten spricht, macht ihn wieder lebendig — und das kann sie sich nicht leisten.
Karl sitzt auf der Bank im Garderobenflur und wartet, bis Frau Else die Tür aufschließt. Er kennt den Flur.
Er kennt die Haken. Er kennt die Jacken der anderen Kinder, sogar die, die nach Hund riechen. Nichts daran ist neu.
Neu ist nur der Gedanke, der ihm heute früh nicht aus dem Kopf geht.
Er zählt die Mamas in seiner Gruppe. Nicht alle — nur die, die arbeiten. Es sind zwei. Gustavs Mama ist Schaffnerin.
Das versteht er. Die fährt den ganzen Tag herum, da muss man arbeiten. Seine eigene Mama ist Laborantin. Das versteht er auch.
Die macht wichtige Sachen mit Flüssigkeiten und Zahlen und Abendschule.
Aber die anderen Mamas? Die kommen mittags. Oder bringen Kuchen. Oder sagen, sie hätten „zu tun“, was immer das heißt.
Karl fragt Doris. Doris sagt: „Meine Mama muss nicht arbeiten. Ich hab doch die kleine Schwester.“ Das leuchtet ein.
Ein Baby ist wie Arbeit, nur kleiner.
Dann fragt er Dieter. Dieter sagt: „Mein Papa arbeitet. Das reicht.“ Karl nickt, aber nur außen. Innen stimmt etwas nicht.
Er denkt weiter. Wenn der Papa arbeitet, muss die Mama nicht arbeiten. Wenn es keinen Papa gibt, muss die Mama arbeiten.
Das ist eine Regel. Eine, die niemand aufgeschrieben hat, aber die stimmt.
Gustav hat keinen Papa. Er auch nicht.
Karl findet das ungerecht. Nicht nur, weil er keinen Papa hat. Sondern weil seine Mama manchmal so blass aussieht,
wenn sie abends lernt. Er denkt: Wenn er groß ist, soll das anders sein. Er weiß noch nicht wie. Aber anders.
Evchen ist die Älteste. Sie studiert Pädagogik, später unterrichtet sie Deutsch und Geografie. Sie liebt ihren Beruf.
Literatur ist ihr Zuhause. Sie stellt Fragen, die Menschen öffnen. Vielleicht, weil sie selbst offen ist.
Arthur lernt nicht so leicht wie sie. Das treibt ihn an. In den Naturwissenschaften findet er einen Ort, an dem er nicht
Evchens kleiner Bruder ist.
Evchens Leichtigkeit, Arthurs Anstrengung. Zwischen ihnen liegt etwas, das manchmal laut wird.
Horst, der Jüngste, steht daneben. Er sieht die Reibung, ohne sie zu verstehen. Oder er versteht sie gerade deshalb.
Er entwickelt ein eigenes Lachen, eine gutmütige Art von Humor. Später fährt er Traktor in der LPG. Mehr braucht er nicht.
Marie‑Luise stammt aus einer brandenburgischen Bauernfamilie. Sie ist die älteste von zehn Kindern. Die Nähe zu Berlin
ermöglicht ihr eine Ausbildung im Lette‑Verein. Dort lernt sie, einen Haushalt zu führen – und weit mehr.
Mit Anfang zwanzig legt sie die Grundlagen für eine eigene, unabhängige Existenz.
Aber es kommt anders.
Sie lernt Arthur kennen, den jungen angehenden Apotheker, der sich eine traditionelle Ehe vorstellt. Bald wird sie schwanger sein.
Sie ist beeindruckt von seiner Zielstrebigkeit, von seinem Wissen. Sie spürt, dass sie mit ihm in einen sicheren Hafen einlaufen kann,
der die Mühsal und Enge ihrer Herkunft mildert.
Arthur ist ein Aufstiegsversprechen.
Rosas Vater besorgt ihr eine Lehrstelle im Lebensmittelgeschäft der Kaufmannsfamilie Brüning in der kleinen Stadt.
Da zieht sie nun ohne Schulabschluss ins erste Lehrjahr ein: für Kost, Logis und ein kleines Taschengeld. Der Tag ist lang. Nach Geschäftsschluss wird gemeinsam zu Abend gegessen, und die Lehrlinge müssen danach abwaschen.
Es gibt noch einen anderen Lehrling, Rudolf. Er ist im dritten Lehrjahr und hofft, bald als Geselle im Geschäft seiner Eltern anfangen
zu können. Mit ihm versteht sich Rosa gut.
Alles in allem gefällt es ihr hier. Sie ist flink, freundlich zur Kundschaft und darf sogar schon an die Kasse.
Doch mit Erstaunen sieht sie, wie der Chef die Waage manipuliert, den Finger am Rand. Er knausert mit jedem Gramm,
als ginge es um sein Leben.
Das gab’s bei ihrem Vater nicht.
Ende 1946 erwischt ihn der Typhus. Es steht für Hans auf Messers Schneide.
Otto und Anna bangen. Sie wollen doch jetzt, nachdem alle den Krieg überstanden haben, nicht wieder einen Sohn verlieren.
Otto hat gut für den Winter vorgesorgt. Er hat größere Mengen Kartoffeln eingekellert. Die sollen helfen, wenn der Hunger
am stärksten werden sollte.
Anna sieht, dass der Junge immer mehr an Gewicht verliert. Er wiegt ja kaum noch und muss doch zu Kräften kommen.
So geht sie jeden Tag in den Keller und kocht für ihn Kartoffeln.
Beim nächsten Kellergang ist Otto entsetzt – der Kartoffelberg ist fast aufgebraucht – aber sie haben seinem Sohn das Leben gerettet.
Endlich ist Elisabeth zurück aus dem Norden. Sie beginnt in der kleinen Stadt eine Lehre als Floristin.
Rosa und sie sind wieder zusammen. Sie wohnen bei der alten Schulzen, einer älteren Witwe in der Kirchgasse.
Sie hat für die Beiden ihr Schlafzimmer geräumt, denn sie ist auf die kleine Miete angewiesen. Es sind Zeiten, in denen jeder
sehen muss, wie er irgendwie zurechtkommt.
Sie mag die beiden jungen Mädchen. Sie sind immer höflich. Immer freundlich. Und manchmal lädt sie sie an ihren Küchentisch,
und dann schwatzen sie zusammen über die Zukunft – was jeder sich so erträumt in nächster Zeit.
Elisabeth träumt davon, eine fantasievolle Floristin zu werden, denn ihre Chefin ist schon älter und ziemlich einfallslos.
Mutter Schulze träumt von einem Keller voller Kohlen, dass sie nicht so frieren muss, wie im letzten Winter.
Und Rosa träumt davon im Geschäft ihres Vaters als Verkäuferin zu stehen – Brüning sei für sie nur ein Übergang.
Ende 1947 schließt Hans seine Lehre ab: Er ist jetzt Geselle im Buchdruck und im Schriftsatz.
Hans sitzt in der Druckerei am Puls der Zeit, der auch seiner ist: Die junge Generation - sie hat überlebt und will jetzt leben.
Sie wollen etwas Neues schaffen und endlich jung sein dürfen.
Die Unterhaltungslokale schießen aus dem Boden wie Pilze. Die ersten bunten Plakate prangen an den Trümmern
und laden zu Tanz und Unterhaltung.
Hans bekommt alles mit. Er druckt die Ankündigungen. Meistens im A2 Format und einfarbig in roter Schrift – damit die
Veranstaltung und der Termin weithin sichtbar und lesbar sind.
Er weiß bestens Bescheid über das WAS, WO und WANN.
Im Anker am Kanal findet die diesjährige große Silvester‑Sause statt. Das Lokal hat keinen guten Ruf.
Unter dem Jahr legen hier die Binnen‑ und Flussschiffer an. Sie gelten als trinkfest und nicht zimperlich. Doch jetzt ist alles anders.
Die Schifffahrt ruht. Die Kanäle sind zugefroren.
Für den Abend hat sich eine fünfköpfige Band angesagt. Sie wird dem Saal einheizen. Und über allem liegt die Hoffnung auf
ein besseres neues Jahr — wie immer, wenn die Zeiten düster sind.
Hans hat seinen Gesellenbrief in der Tasche. Er will um Mitternacht mit ein paar Freunden anstoßen — auf die Zukunft.
Da entdeckt er im Gewühl ein kleines dunkelhaariges Mädchen: Rosa. Er ist fast achtzehn und sie fast siebzehn. Die beiden tanzen
manche Runde. Es wird ein folgenreicher Abend sein.
Es beginnt die Zeit der kleinen Aufmerksamkeiten. Hans schenkt ihr eine Brosche.
Rosa schenkt ihm ein Bild von sich. Auf die Rückseite schreibt sie:
„Meine Augen sind für alle, mein Herz schlägt nur für dich, weil ich unter
tausend anderen keinen so lieb hab wie dich.“
Er holt sie öfter zum Kino ab und steht deshalb spätestens um halb acht vor Brünings Tür. Das ist den Geschäftsleuten nicht recht.
Der Abwasch steht noch da. Was bildet sich ihr Lehrling eigentlich ein.
Und überhaupt: Kinokarten kosten Geld, und Rosa bekommt nur ein sehr kleines Taschengeld.
Die Atmosphäre im Laden hat sich verändert. Rudolf, der ältere Lehrling, ist als Ausgelernter gegangen. Brünings haben
eine Verwandte als neuen Lehrling eingestellt.
Hermine steht unbeholfen im Laden, oft im Weg. Sie hat keine Erfahrung und sucht noch ihren Platz. Aber sie ist dem Chef
sehr zugetan, und er bevorzugt sie. Rosa sieht das genau.
Zwei Tage später steht Hans abends um halb acht vor dem Laden. Er wartet schon eine Weile, als Herr Brüning die Tür öffnet
und ihn mustert. Dann fordert er ihn auf, doch bitte woanders zu warten. Dieses Gebaren vor seiner Ladentür wolle er nicht.
Für Hans ist es genug. Er holt tief Luft und sagt ruhig: „Mein Herr, das hier ist Gehweg. Und der Acht‑Stunden‑Tag gilt auch für Sie.“
Das sitzt. Herr Brüning schluckt, wird puterrot und schließt unbeherrscht die Tür.
Kurz darauf kommt Rosa. Endlich Abend.
Am nächsten Morgen lässt der Chef Rosa zu sich kommen. In seinem Büro teilt er ihr mit, sie dürfe ab sofort nicht mehr
an die Kasse.
Rosa errötet. Im ersten Moment versteht sie nicht, was er ihr da unterstellt. Laut sagt sie, sie könne nicht nachvollziehen,
wie er zu dieser Ansicht komme. Die Kasse habe jeden Abend gestimmt. Und ehe er irgendwelche falschen Gedanken…
ihr Freund sei bereits Geselle, er verdiene sein eigenes Geld.
Aber der Chef bleibt dabei.
Eine Schamröte überzieht ihr Gesicht — für etwas, das sie nie im Leben getan hätte. Das bedeutet nichts weniger,
als dass man sie der Unzuverlässigkeit, vielleicht sogar der Untreue bezichtigt, ohne dass sie sich wehren kann.
Rosas Hände sind eiskalt.
Sie spürt die Fingerspitzen nicht,
nur den Druck des Türrahmens.
Der Geruch von Kernseife steigt ihr in die Nase,
scharf wie ein Schnitt.
Der Verkaufstisch ist noch kälter,
als sie ihn berührt.
Als sie den Kopf hebt, sieht sie in Hermines Gesicht ein kleines, maliziöses Lächeln. Da weiß sie, wem sie diesen Angriff
zu verdanken hat.
Der Tag lastet schwer auf Rosa. Alle Fröhlichkeit scheint aus ihr verschwunden. Sie wirkt ernst und verstört.
Abends schickt sie Hans nach Hause. Sie fühlt sich müde. Sie kann nicht sprechen. Sie will in ihr Bett. Sie will auch nichts essen.
Sie will nur weinen — die ganze Enttäuschung und Erbitterung hemmungslos aus sich herausweinen. Sie fühlt sich weidwund.
Da hilft auch Frau Schulzes heißer Tee nichts. Die alte Schulzen sieht, wie das Mädel leidet, und möchte helfen.
Aber wie. Elisabeth ist genauso ratlos. So aufgelöst hat sie ihre Schwester noch nie gesehen. Sie beschließt, den Vorfall
am Wochenende den Eltern zu erzählen. Sie werden eine Lösung wissen.
Spät abends klopft die alte Schulzen noch einmal an die Tür. „Rosa, ich wollte sehen, wie es dir geht. Du wirst vielleicht
nicht so gut schlafen können — dann überleg dir einfach, was du morgen anziehen wirst.
Etwas, in dem du dich wohlfühlst. Etwas, das dich schützt. Denn du stehst morgen wieder im Geschäft.“
Die Schulzen hatte recht. Rosa steht fester auf den Füßen als gestern.
Sie zieht sich am Morgen sehr sorgfältig an: den dunkelblauen Rock, die weiße Bluse, die flachen Schuhe.
Elisabeth hilft mit ein wenig Puder nach, damit die verweinten Augen nicht auffallen.
Sie betritt den Laden mit einem knappen Gruß, ohne die helle Freundlichkeit von sonst. Sie spricht nur das Nötigste.
Ein Kunde merkt es: „Na, Fräulein Rosa, heute in Moll. Nehmen Sie den Liebeskummer nicht so schwer, der vergeht.“
Rosa beißt die Zähne zusammen.
Abends steht Hans vor der Tür. Er braucht keine Worte, um zu zeigen, dass er Bescheid weiß. Rosa hat den Tag geschafft.
Aber sie kann noch immer nicht denken, nicht erklären. Sie sagt ihm nur die Tatsache. Kein Warum. Kein Satz mehr.
Mehr bringt sie nicht heraus.
Hans hat den Chef erlebt. Es passt ins Bild.
Er sieht Rosa lange an, bevor er etwas sagt. Er lädt sie ein zu sich nach Hause. Seine Eltern sollen sie kennenlernen.
Er denkt an mehr, sagt es aber nicht. Mit einundzwanzig erst wären sie unabhängig.
Rosa sieht schon zum dritten Mal nach, ob ihr Kleid richtig sitzt. Sie soll Hans’ Eltern kennenlernen.
Über Elisabeth besorgt sie einen kleinen Veilchenstrauß; so früh im Jahr sind Blumen noch selten. Er wirkt wie eine Kostbarkeit.
Ihre Schwester kann wirklich etwas.
Am Sonntagnachmittag ist es so weit. Rosa sieht in ihrem neuen hellgrauen Kleid wundervoll aus — schlicht, und doch
mit einem gewissen …
Anna nimmt Rosa einfach in den Arm zur Begrüßung. Rosa ist überrascht. Sie fühlt sich wärmer empfangen als bei ihrer eigenen Mutter.
Und Otto läuft zur Hochform auf. Er schmiert der kleinen Person ein Butterbrot mit Marmelade, das besser schmeckt
als jeder Kuchen, den es ohnehin nicht gibt.
Otto redet mit ihr, als kenne er sie schon lange. Und Anna sieht Rosa an, als habe sie auf sie gewartet.
Rosa lächelt zum ersten Mal seit Tagen. Alles hier wirkt schlicht und warm.
Rosa und Hans fahren am Sonntagnachmittag zu Rosas Eltern. Rosa möchte Hans vorstellen. Und sie hat angedeutet,
dass sie mit ihnen reden will. Käthe hat die Kaffeetafel in der Küche gedeckt.
Das Fenster steht weit offen. Die Sommersonne wärmt den Raum. Das Gespräch plätschert ohne Ziel. Hans traut sich nicht,
seine feuchten Hände an den Hosenbeinen abzuwischen. Er legt sie ineinander, damit sie irgendwo sind.
Rosa steht plötzlich auf und sagt diesen einen Satz: „Wenn ihr der Heirat nicht zustimmt, werde ich gehen.“
Ihr Vater sieht sie lange an. Käthe sucht erschrocken seinen Blick.
Rosa steht noch immer. Sie wartet auf eine Antwort. Hans stellt sich neben sie. Damit steht der Satz unausweichlich im Raum.
Vater Hans holt die Zigarren. Er bietet dem jungen Hans eine an. Er kann sie unmöglich ablehnen.
Käthe schenkt Kaffee nach, und alle sitzen wieder.
Der erste Zug brennt. Der Rauch steigt zur Decke, aber Hans’ Atem stockt. Er ist den starken Tabak nicht gewöhnt.
Ein leichter Schwindel. Schweiß auf der Stirn. Vater Hansens Blick.
Eine lange Pause.
Am Ende legt Vater Hans fest, dass Rosa die Lehre bei Brünings ohne Abschluss beendet und bei Frau Burjan noch ein Jahr nähen lernt.
Man muss praktisch sein im Leben.
Endlich ist das Warten vorbei. Am 27. August 1949 heiraten Hans und Rosa mit der Erlaubnis beider Elternpaare
feierlich in der kleinen Kirche in Rosas Dorf. In ihrem langen weißen Kleid und den weißen Rosen im Arm sieht Rosa neben
Hans strahlend aus. Für Rosa fühlt sich der Tag wie ein Sieg an. Und trotzdem zieht sich ihr Herz zusammen, als könnte
jeden Augenblick etwas zerbrechen.
Unter dem Rosenstrauß zittern ihre Hände —
unsichtbar für alle,
nur für sie spürbar.
Die Eltern und Schwiegereltern sind an diesem Tag besonders wohlwollend und freundlich zueinander.
Otto reicht Käthe charmant die Hand zur Begrüßung. Hans umarmt Anna leicht. Ansonsten haben sie nicht viel gemein —
keinen gemeinsamen Horizont, keine gemeinsamen Erinnerungen. Die Milieus sind zu unterschiedlich.
Der Dünkel sitzt zu tief. Sie werden sich danach nie mehr begegnen.
Das junge Paar wohnt nun in einem abgetrennten Zimmer in der Zwei‑Zimmer‑Wohnung von Hans und Käthe.
Tagsüber ist Rosa bei Frau Burjan und schneidert ihr erstes Kostüm. Und der junge Hans fährt jeden Morgen sieben Kilometer
mit dem Rad zur Arbeit — bei Wind und Wetter, bei Eis und Schnee.
Jeden Morgen um halb sechs ist die Nacht vorbei.
Rosas Schwangerschaft verläuft gut. Sie fühlt sich stark, und beide freuen sich auf das Kind. Sie ist überzeugt, dass es ein Junge
wird — mit einer Selbstverständlichkeit, die schmerzt.
Die Zeiten sind instabil. Manchmal riecht es schon wieder nach Krieg, nach Umsturz, nach Unruhe. Deshalb will Rosa,
egal was auch immer passieren mag, etwas behalten, wenn Hans vielleicht wegmuss. Etwas, das ihr bleibt.
Sie wischt abends noch die Küche. Dann geht es los. Gegen zehn holt Hans die Hebamme aus dem Bett.
Sie sieht sofort, dass es schwierig wird, und holt einen Arzt dazu. Um Mitternacht entscheidet er: Sie muss ins Krankenhaus.
Rosa ist nicht mehr bei Bewusstsein.
Am 14. Juli 1950 kommt die kleine Ella zur Welt. Unter Eklampsie.
Die Ärzte sagen Hans: „Das Kind ist gesund. Ob die Frau überleben wird, ist nicht gewiss.“ Ein Schock.
Rosa ist noch immer nicht bei Bewusstsein.
Hans’ Körper reagiert, bevor er denken kann.
Hans’ Rücken brennt.
Dann friert er.
Ein Wechsel, der ihn schüttelt wie Fieber.
Er hält sich am Metallrahmen des
Krankenhausbetts fest, als müsste er sonst umzufallen.
Die Luft riecht nach Desinfektion.
Er hört seinen eigenen Atem zu laut.
Hans bezieht im Krankenhaus ein Bett. Tagsüber Arbeit, nachts bei Rosa. Seine Rosa, die nicht wach wird, als wolle
sie für immer schlafen.
Am Tage teilen sich die Mütter, Käthe und Anna, den Platz an Rosas Bett.
Es ist zum Verzweifeln.
Nach sieben nicht enden wollenden Tagen öffnet Rosa die Augen. Sie sagen ihr, dass sie ein Mädchen geboren hat.
Da lacht Rosa und sagt: „Das macht nichts, dann wird es beim nächsten Mal ein Junge.“
Die Ärzte untersagen dem jungen Paar eine weitere Schwangerschaft. Das Risiko wäre zu hoch.
Sie hatte einfach Glück, die Rosa — und die kleine Ella auch.
Die junge Familie bleibt bei Käthe und Hans wohnen. Es wird Herbst, es wird Winter. Ella brüllt nicht nur aus Hunger.
Rosa ist ratlos, und ihre Mutter Käthe auch. Eine ältere Frau rät Rosa, eine Wärmflasche ins Bettchen zu legen. Ella ist einfach
nur kalt. Und dann kriegt sie Zähne — und brüllt wieder.
Die Großeltern kriegen nachts kein Auge zu. Rosa und Hans im Dauerstress zwischen Dämmern und Ella‑Tragen.
Für Hans ist es am schwersten. Er muss jeden Morgen um sechs raus — mit dem Fahrrad zur Arbeit, mit kaum einer Mütze Schlaf.
So geht das nicht weiter.
Als auf dem Betriebsgelände das ehemalige Bürohäuschen frei wird, bekommen Rosa, Hans und Ella ihre erste eigene Wohnung.
Ein kleiner Steinblock mit zwei Zimmern, Küche und Speisekammer — Klo nebenan für alle Mitarbeiter der Druckerei,
und eins für Privat. Was für ein Luxus.
Rosa und Hans tapezieren die Räume und streichen die Türen. Hans bringt die erste selbst gekaufte neue Lampe in der
Küche an. Sie ziehen ein mit den gebrauchten Möbeln aus der Verwandtschaft, mit Ellas Kinderbett, mit Tisch
und Stuhl und Schrank.
Rosa arbeitet stundenweise von zu Hause aus. Sie hilft in der Druckerei. Immer wenn Ella schläft oder in ihrem Ställchen spielt,
falzt Rosa Papiere und bereitet Blöcke vor. So bessert sie die Haushaltskasse ein wenig auf.
Hans verdient für seine Zunft ein gutes Gehalt, aber es ist ein Unterschied, davon allein zu leben oder drei hungrige
Mäuler zu stopfen. Und Rosa sieht sofort, dass sie ewig brauchen würden für neue Anschaffungen, wenn sie nicht mitarbeitet.
Aber Ella ist noch zu klein.
Im Winter friert es Stein und Bein. Morgens blühen an den einfachen Fenstern ganze Gärten voller Eisblumen. Dann haucht Rosa
ein Guckloch hinein, damit Ella sehen kann.
Ein Hof zwischen grauen Häusern. Der Wind riecht nach Kohle und feuchtem Holz.
Karl steht mit einem alten Fahrrad da, das nicht ihm gehört. Es ist Gustavs Rad, und es fährt nicht mehr. Der Rahmen ist
schief, die Kette hängt wie ein müder Faden. Gustav sagt: „Lass es. Mein Onkel meint, das lohnt nicht.“ Karl: „Alles lohnt sich,
wenn man’s richtig macht.“
Er kniet sich hin, die Finger schon schwarz vom ersten Griff. Er weiß nicht viel, aber er weiß, dass Dinge wieder laufen können,
wenn man sie versteht.
Gustav setzt sich auf die Treppe. „Warum reparierst du eigentlich immer alles?“ Karl zuckt mit den Schultern.
„Weil’s sonst keiner macht.“ Ein Satz, viel zu groß für einen, der gerade mal dreizehn ist.
Er zieht die Kette wieder auf das Ritzel, probiert, scheitert, probiert noch einmal. Dann plötzlich: ein leises Einrasten.
Ein Geräusch wie ein kleiner Sieg. Gustav staunt. „Wie hast du das gemacht?“ Karl: „Weiß nicht. Ich hab’s einfach gesehen.“
Später, als er zur Mutter in die Küche kommt, sieht er ihre müden Augen. Sie lächelt trotzdem. Na, mein Junge. "Wieder was geschafft?“
Karl nickt. Er sagt nicht, was. Aber in ihm wächst ein stiller Stolz.
In den frühen Fünfzigern stehen Arthur und die Familie in der S‑Bahn. Es ist Freitagnachmittag. Er hat seinen kleinen
Jungen auf dem Arm, denn die Leute stehen dicht gedrängt. Feierabendzeit. Marie‑Luise lehnt sich ein wenig an ihn und hält
sich mit einer Hand am Abteilgriff fest.
Da kommt plötzlich Bewegung in den kleinen Mann auf Arthurs Arm. Er reckt sein Füßchen stolz und sagt laut: „Guck mal, Onkel —
die sind von Leiser.“ Und so sehen sie auch aus: ganz neu, ganz blank.
Nicht nur Marie‑Luise hält den Atem an. Auch die Gespräche ringsum verstummen. Die beiden Herren vor Arthur sind Uniformierte
der Schutzpolizei.
Die Bahn hält. Die beiden Vopos steigen aus. Ein kaum hörbares Aufatmen.
Und schon setzt das übliche Gemurmel wieder ein: Pläne fürs Wochenende, der letzte Kinobesuch, schnelle Verabredungen.
Als sie aussteigen, hält Arthur den Jungen etwas fester. Nicht aus Angst, eher aus einem Reflex, der aus der Zeit kommt.
Man hält zusammen, wenn man nicht weiß, wer zuhört.
Draußen auf dem Bahnsteig ist die Luft kalt und riecht nach Metall. Marie‑Luise richtet ihren Mantel, sagt nichts.
Sie weiß, wie knapp es eben war, aber sie macht kein Drama daraus. Sie hat gelernt, dass man Stille manchmal braucht,
um weiterzukommen.
Arthur setzt den Jungen ab. Der Kleine hüpft sofort los, stolz auf seine neuen Schuhe, als hätte es die beiden
Uniformierten nie gegeben.
Marie‑Luise sieht ihm nach. „Er versteht das alles nicht“, sagt sie leise. Arthur nickt. „Soll er auch nicht.“
Sie gehen die Treppe hinunter, Schritt für Schritt, und für einen Moment wirkt die Stadt fast freundlich.
Bauarbeiter, Maschinen, laute Rufe. Mitte der fünfziger Jahre wird die Post gebaut. Sie grenzt unmittelbar an das
Druckereigrundstück. Auf dem Hof ist jetzt immer etwas los. Für neugierige Kinderaugen ein Eldorado.
Rosa arbeitet neuerdings in einem winzigen Spirituosengeschäft im Souterrain, ein paar Stufen unter Straßenniveau.
Wein, Schnaps, Zigaretten — und Rosa ist in ihrem Element.
Sie ist glücklich. Der Laden liegt auf der anderen Straßenseite ihrer Wohnung. Sie hat keinen weiten Weg und sie verdient
ihr eigenes Geld. Vom ersten Gehalt kauft sie Bettwäsche und zwei neue Handtücher.
Der KONSUM hat sie mit Kusshand genommen, denn zu dieser Zeit arbeiten noch nicht viele Frauen.
Und Ella soll lernen, mit anderen Kindern zu spielen.
Arthur hat eine kleine Apotheke in einer brandenburgischen Stadt übernommen. Die Familie ist inzwischen auf
vier Personen angewachsen — er, Marie‑Luise und die beiden Söhne Fred und Christian.
Sie bewohnen das schmale Haus am Markt, zusammen mit dem Collie Fury.
Arthur genießt es, am Sonntag in seinem Arbeitszimmer zu sitzen und ausgiebig die Zeitungen zu studieren.
Der Schreibtisch aus dunklem, fast schwarzem Holz wirkt ehrfurchtgebietend mit seinen riesigen Löwentatzen unter den Türen.
Er steht im hinteren Drittel des Raumes. Wer dahinter sitzt, nimmt eine mächtige Position ein. Wer davor sitzt, wirkt klein.
Aber heute macht Arthur es sich in den dicken weinroten Polstern der Sessel gemütlich.
Marie‑Luise ist leise in die Tür geschlüpft, stellt eine Tasse Kaffee auf den Tisch und ist schon wieder weg.
Er hat noch bis gegen elf Uhr Zeit zum Lesen. Danach ist er mit Fred verabredet, der ihm sein neues Übungsstück am Flügel
vorspielen soll.
Der Kleine geht noch nicht in die Schule. Aber er hat zweimal die Woche Unterricht bei seinem alten Lehrer, den er sehr mag.
Bei ihm ist alles leicht, wenn er ihm hilft, die neue Haydn‑Sonate zu verstehen.
Herr Mengel kann richtig lustig sein. Er erzählt ihm zu den Noten kleine Geschichten - wie die über das kleine F in Dur und F in Moll.
Dann strengt sich Fred gleich noch mal so an. Das kann er verstehen..
Es ist Mittwochnachmittag. Marie‑Luise ist aufgeregt.
Den frischen Apfelkuchen mit Mandelblättchen hat sie gerade zum Abkühlen aus dem Ofen geholt.
Sie prüft ihn genau, denn der Boden darf nicht trocken sein. Deshalb hat sie heute zum ersten Mal den Quarkrührteig ausprobiert.
Die Jungs müssten gleich aus der Schule kommen. Der Suppentopf ist schon warm. Und am Nachmittag erwartet sie ihre
Freundinnen zur großen Klatschrunde. Dafür ist der Kuchen — sie will immer etwas Überraschendes für die Damen.
Den Tisch festlich decken. Die neuen Porzellantassen mit Goldrand. Ach ja, ins Blumengeschäft muss sie noch.
Und sich selbstverständlich umziehen.
Marie‑Luise ist noch damit beschäftigt, sich in ihre neue Rolle als Frau Apotheker einzugewöhnen. Denn Frau Bäckermeister
und Frau Medizinalrat halten auf Etikette.
Auch Fred weiß, dass heute Mittwoch ist. Denn immer muss er mittwochs, wenn die Damen da sind, ins Arbeitszimmer kommen —
einen tiefen Diener machen, sich an den Flügel setzen und etwas vorspielen.
Er entscheidet sich dann immer für Stücke, die er schon flüssig spielen kann — aber er hasst diese Nachmittage mit der
Inbrunst eines Siebenjährigen.
Kuscheln auf dem Sofa ist für Ella am Wochenende mit ihrem Papa das Größte. Er riecht gut, und man kann im Nebeneinanderliegen wunderbare Geschichten von Moffel und Boffel ausspinnen — das sind ihre besockten Füße.
„Hast du schon gehört, was Boffel erzählt.“ „Was denn, Papa.“ „Na, dass es gleich Essen gibt. Er hört schon das Tellerklappern.“
Aber irgendwann ist der Spaß vorbei. Im letzten Jahr vor der Schule muss Ella in den Kindergarten.
Heute Morgen ist alles anders. Die Mama hat es eilig, zu eilig, und reicht Ella durchs Fenster in den Kindergartenraum.
Noch bevor Ella richtig angekommen ist, flicht die junge Erzieherin zum dritten Mal ihren Zopf. Ella sieht das — und gleichzeitig
alles andere: die Kinder mit den kleinen Scheren, die bunten Papiere, die Unruhe im Raum.
Aber sie kann nichts davon einordnen. Ihre drängendste Frage bleibt: Wo ist Frau Meyer, die sonst jeden Morgen hier steht?
Vor Ella liegt rotes Buntpapier und eine kleine Schere. Sie soll eine Tulpe ausschneiden. Die Schere klemmt, kratzt, ratzt
über das Papier. Am Rand entstehen weiße Risse, ein Blütenblatt fehlt. Ella sieht sofort, dass die Blume nicht schön ist.
Sie schämt sich.
Und da die Beschäftigung schon vorbei ist und der Raum laut wird, schiebt sie ihr Blatt unter die Abfälle. Sie hat es nicht geschafft.
Eine zweite Chance gibt es nicht.
Ella zieht sich zurück mit diesem dumpfen Gefühl in der Magengegend — dem Gefühl, nicht bestanden zu haben.
Beim Mittagessen im Speiseraum sieht Ella sehr ernst aus. Die Köchin sieht es. Sie verteilt den Pudding und lächelt Ella an,
mit einem kleinen Zwinkern. Da muss Ella schmunzeln.
Abends ist das Licht zu hell. Ella kneift die Augen zusammen, während die Mama ihr die Haare kämmt. „Halt still“, sagt die Mama —
nicht unfreundlich, aber in diesem Ton, der keine Fragen duldet. Ella hält still. Sie hält immer still.
Im Spiegel sieht sie ihr eigenes Gesicht, blass vom Tag, und dahinter das Gesicht der Mutter: müde, ungeduldig, schon halb im
nächsten Gedanken. Ella weiß, dass sie jetzt nichts sagen darf. Sie weiß, dass die Mama es nicht hören könnte.
„Du bist wieder so verträumt“, sagt die Mama und zieht den Kamm ein wenig zu fest durch Ellas Haar. Ella zuckt nicht.
Sie weiß, dass Zucken Ärger macht.
Sie denkt an die Tulpe, an die weißen Risse, an das fehlende Blütenblatt. Sie denkt an die Köchin, die sie angelächelt hat.
Und plötzlich brennt ihr etwas in der Brust — ein Gefühl, das sagt: Ich bin falsch. Ich bin zu viel. Ich bin zu wenig.
Die Mama knipst das Licht aus. „Geh ins Bett“, sagt sie. Ella geht.
Im Dunkeln wartet Moffel schon, und Boffel liegt quer über dem Kissen. Ella legt sich dazwischen, ganz leise, und flüstert ihnen zu,
was sie niemandem sagen kann:
dass sie heute nicht bestanden hat,
dass sie morgen wieder arbeiten gehen muss,
dass sie nicht weiß, wie man richtig ist.
Moffel sagt nichts. Boffel auch nicht. Aber sie sind da. Und das ist genug, um Ella endlich atmen zu lassen.
Arthur schließt die Vordertür der Apotheke ab, als es im hinteren Teil des Gartens einen Knall gibt. Zerbrochenes Glas.
Marie‑Luise schreckt hoch. Sie hat gerade ein wenig vor sich hingedämmert. Sie muss sich zwischendurch immer ausruhen.
Ihr Herz schlägt sehr schnell. Was ist passiert?
Die Jungen, Fred und Christian, stehen völlig verdattert vor dem Scherbenhaufen auf dem Gehweg. Ihr Ziel war doch,
einen Zaubertrank zu erfinden, der sie unsichtbar macht. Das ist mächtig danebengegangen.
Arthur stürzt um die Hausecke. Für die beiden gibt es kein Entrinnen.
Er ist aufgebracht — doppelt. Diese große Apothekenflasche hatte er aussortiert und vergessen, vorschriftsmäßig zu entsorgen.
Und er sieht sofort, was passiert ist: Reste von Schwefelsäure und Wasser haben Dämpfe und Hitze erzeugt.
Die Jungen sehen aus, als hätten sie den Leibhaftigen gesehen. Gut, dass nichts weiter passiert ist.
„Was ist euch denn eingefallen?“ herrscht er sie an.
Fred muss etwas sagen. Er ist der Ältere. Aber eigentlich hatte Christian die Idee. Also sagt er: „Die Flasche ist mir aus
der Hand gerutscht.“ Und weil er weiß, dass er sie nicht hätte berühren dürfen, setzt er hinzu: „Es tut mir leid.“
Arthur duldet keine unkontrollierten Experimente. Er verhängt sofortigen Stubenarrest — das ganze Wochenende.
Später wird Marie‑Luise ihnen das Abendbrot aufs Zimmer bringen, und heißen Tee. Sie wird versuchen, die beiden ein wenig
zu trösten, denn sie ist unheimlich froh, dass nichts weiter passiert ist.
Noch später wird sie sich von Arthur anranzen lassen, dass die Jungen keine Extrawürste verdient haben.
Sie sieht ihn mit großen Augen an. Arthur ist still.
Marie‑Luise hat die Tafel schon vorbereitet. Das gute Essservice mit Goldrand, das feine Besteck, die geschliffenen
Weingläser, die sie sich erst vorletzte Woche vom Gesundbrunnen mitgebracht hat. Alles perfekt arrangiert.
Dazu die Schüsseln in verschiedenen Größen. Den passenden Weißwein hat sie schon kaltgestellt.
Sie schaut immer wieder zur Uhr.
Ihr Herz schlägt zu schnell, ein kleiner Stoß
unter dem Brustbein.
Der Mund ist trocken.
Sie nimmt einen Schluck Wasser.
Die Herztabletten — in der Aufregung hat sie sie
vergessen.
Für einen Moment hält sie sich am Stuhl fest,
als müsse sie ihren Körper daran erinnern,
sich zu beruhigen.
Mitten auf dem Tisch thront, diesmal zweckentfremdet, Oma Hedwigs seltene Suppenschüssel mit einem riesigen Bouquet
aus Tulpen, Anemonen, Hyazinthen, Osterglocken und ein paar Birkenzweigen. Ihr Frühlingsgruß an die Abendgesellschaft.
Seit Stunden steht sie in der Küche, um ein französisches Ragout servieren zu können — ein Pilz‑Sahne‑Ragout mit Kalbfleisch.
Dazu Croquetten. Und als Nachspeise Vanilleeis auf Melba.
Arthur hat heute Morgen gesagt, dass dieses Essen wichtig ist: der Medizinalrat und Gattin, Freds Klavierlehrer Herr Mengel,
der meist nicht lange bleibt, und der Bankdirektor von gegenüber mit seiner reizenden jungen Frau, neu in der Stadt.
Und er hat noch etwas von einem neuen Kreditrahmen geschnuschelt. Dann war er aus der Tür.
Marie‑Luise richtet es so ein, dass die Jungen ihr Abendessen heute in der Küche einnehmen. Natürlich nicht pompös,
sondern Schnittchen mit verschiedenen Käsesorten, mit Streifen von frischer Gurke und Paprika. Das mögen sie.
Und das Vanilleeis mit Pfirsich gibt es als Entschädigung.
Die Teller sind geleert. Das Dessert verputzt. Marie‑Luise räumt lächelnd das Geschirr ab und bereitet den Kaffee für den
Abschluss des Abends.
Die Herren und Damen wechseln ins Herrenzimmer hinüber. Herr Mengel ist längst zu Hause. Arthur wirft sich in die Brust.
Er öffnet für die Damen die Bonboniere.
Die Gäste loben das Essen und sind entzückt von den Kochkünsten seiner Frau. Sie sind begeistert von der kleinen, schmalen
Marie‑Luise als Gastgeberin. Und Arthur ist stolz — er denkt: „Das ist meine Frau.“ Er nimmt das Lob als Auszeichnung für seine
gute Wahl. „Wir geben uns Mühe“, sagt er bescheiden.
Marie‑Luise kommt lächelnd mit dem Kaffee‑Tablett ins Herrenzimmer. Die letzten Zigaretten werden gereicht. Die Luft
wird langsam dicker. Sie öffnet das Fenster einen Spalt und lässt frische Abendluft hinein.
Später, als alle Gäste gegangen sind und sie für heute die Küchentür einfach geschlossen hat, merkt sie, wie müde sie ist.
Ihr Herz schlägt wieder schnell.
Arthur setzt sich neben sie. Er streichelt ihre Hand. Er ist angetan von diesem Abend, der ihm möglicherweise neue Türen öffnet.
„Du warst wunderbar heute Abend“, sagt er.
Ein goldenes Kettchen legt er ihr in den Schoß — ein Geschenk, das nicht wirklich ein Geschenk ist, sondern eher ein Lohn.
Das Kettchen liegt in ihrer Hand.
Ein dünner Goldfaden,
doch er zieht schwer an ihrem Handgelenk.
Ihre Finger zittern leicht,
nicht vor Rührung,
sondern vor Müdigkeit.
Sie lächelt, wie sie immer lächelt.
Aber in ihrer Brust zieht sich etwas zusammen,
ein kleiner, stummer Druck,
der sagt, dass etwas nicht stimmt —
ohne dass sie den Gedanken zulässt.
Neun Monate später wird der dritte Sohn, Fabien, geboren — ein Nachzügler.
Es ist Wochenende. Rosa und Hans wollen endlich wieder einmal tanzen gehen. Hans hat Eintrittskarten für den
Frühlingsball im „Löwenkopf“ besorgt. Die vergangenen Wochen waren stressig und vollgestopft mit Verpflichtungen.
Jetzt nehmen sie sich Zeit für sich.
Rosa hat ihr neues Brokatkleid rausgelegt und die weißen Schuhe mit Spitze und Absatz. Ella sitzt beim Abendbrot und
beobachtet alles gespannt: die Mama mit Lockenwicklern im Haar, der Papa mit Rasierschaum im Gesicht. Ella lacht — und schwups
hat sie selbst einen Klecks auf der Nase.
Als Ella endlich im Bett ist, gehen die zwei in ihren Abend. Aber es kommt anders.
Der Saal ist proppenvoll. Ein Gedränge auf der Tanzfläche. Ein Mann mit Fliege fordert Rosa zum Tanzen auf. Hans sieht,
wie er sie ansieht. Er spült seinen Ärger mit einem Doppelten runter. Und weil man auf einem Bein nicht stehen kann, folgt ein zweiter.
Als Rosa zurückkommt, ist die Stimmung futsch. Es ist viel zu laut. Sie geht zur Toilette. Als sie wiederkommt, wird sie erneut
aufgefordert. Hans sitzt an der Bar fest.
Auf dem Nachhauseweg streiten sie. Rosa wirft Hans seine kindische Eifersucht vor. Hans greift in ihre Kette. Sie reißt.
Die Kügelchen hüpfen eine nach der anderen über das Straßenpflaster.
Hans schläft auf dem Sofa. Rosa und Ella im Ehebett. Ella schläft friedlich.
Am nächsten Morgen packt Rosa ein paar Sachen. Sie bringt Ella zu Anna und Otto. Sie selbst zieht zu einer Freundin und
überlegt die Scheidung.
Am Abend steht Hans vor der Tür. Er will reden. Rosa will die Trennung — aber sie will Ella mitnehmen.
Hans holt tief Luft. Auf Ella verzichten? Nie im Leben.
Sie streiten wie die Kutscher. Vor allem um Ella.
Zum Schluss sagt Hans: „Wenn du gehen willst, bitte. Aber Ella bleibt.“
Und Rosa sieht ein, dass es so nicht gehen wird — dass sie sich verdammt noch mal zusammenraufen müssen — dass sie beide
Verantwortung tragen.
Rosa hat ihren kleinen Spirituosenladen schließen müssen. Der Konsum musste das Grundstück zurückgeben.
Ihre nächste Aufgabe beim KONSUM wird der Landhandel sein — die Gemischtwarenabteilung auf Rädern übers Land.
Wenn sie morgens zu dritt oder viert mit dem LKW am Landgasthof eines Dorfes ankommen, wird zuerst die Ware ausgepackt:
Töpfe, Pfannen, Kittelschürzen, Unterwäsche, Nachthemden, Nähgarne, Stopfwolle, Strümpfe — was fehlt: Gartenschlauch
und Werkzeug.
Die alte Matthes kocht morgens riesige Thermoskannen Kaffee für alle. Elvis, der Kraftfahrer, muss sich um ein Ersatzteil für
seinen LKW kümmern. Er hofft auf den LPG‑Hof hier, weil er zum Feierabend nicht zwischen hier und der Stadt liegen bleiben will.
Rosa und die Frauen haben alle Hände voll zu tun, auf langen Tischen die Ware übersichtlich auszubreiten. Ab neun beginnt der
Verkauf bis sechzehn Uhr. Der Kraftfahrer kümmert sich in der Zeit um sein Fahrzeug oder hilft beim Ein‑ und Auspacken.
Gegen Mittag ist es schön voll im Landgasthaus — nicht nur wegen des Mittagstisches, sondern wegen dieser einzigen Einkaufsmöglichkeit auf den Dörfern weit und breit.
Rosa ist für dieses Sammelsurium verantwortlich. Sie vergleicht immer wieder den Warenbestand anhand der Listen.
In der warmen Jahreszeit ist diese Arbeit leicht, fast wie ein Kinderspiel — aber im Winter, wenn es kalt ist.
Dann nimmt der Fahrer extra Paletten mit, auf denen die Frauen stehen können, in dicken Wattejacken und Filzstiefeln.
Und die alte Matthes kocht dann Grog, weil die großen Säle trotz Kanonenofen kalt bleiben.
Rosa liebt diesen Wanderzirkus. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus quirliger Freiheit und präziser Ordnung.
Die Söhne des Druckereichefs sind Ellas Spielfreunde im Garten hinter dem Häuschen — wobei eigentlich nur Wolfgang,
der ein Jahr älter ist.
Sie bauen an die Grotte aus Steinen einen Schiffsbug und umsegeln damit die ganze Welt. Sie erleben die buntesten Abenteuer
auf hoher See. Mit Meerungeheuern und fremden Lebewesen. Ella liebt diese wilden Phantasiespiele bei Indianern und Eskimos.
Sie klaut ihrem Vater ein paar Zigaretten, damit die Friedenspfeife echt ist.
Und wenn sie und Wolfgang streiten und er sie bis aufs Blut reizt, dann hat sie ihn schon mal geohrfeigt.
Um dann sehr schnell zu starten, hin zu den großen Druckereifenstern — weil sie genau weiß, dass er sich nicht traut, sie vor
seinem und ihrem Vater zu schlagen.
Aber getobt hat er neben ihr. Am nächsten Tag war alles vergessen.
Der Moment, in dem die Welt sich zeigt